Monat: April 2011

28 Weeks [in the library] later

Wer hat sich nicht schonmal gefragt, ob in seiner Bibliothek neben braven Jurastudenten auch ab und zu ein paar Untote herumhängen? Okay, vermutlich niemand außer mir. Aber es würde eine Menge erklären.

Die permanent verstellten Bücher zum Beispiel. Wenn ich in der Abteilung „Historisches Recht der sozialistischen Staaten“ den Aufsatz über die Abwicklung von Grundstückskäufen wiederfinde, den ich für die vorletzte Hausarbeit dringend gebraucht hätte (wie knapp 300 andere auch), dann hoffe ich inständig, dass derjenige, der meinte, dieses Buch verstecken zu müssen, durch die Hausarbeit gefallen ist. Vielleicht hat er aber auch lange kein Frischfleisch mehr bekommen und konnte sich deswegen weder erinnern, wo er das Buch herhatte, noch die äußerst komplexe Markierung entziffern, die ein korrektes Zurückstellen erlaubt hätte.

Noch schlimmer sind bloß die, die zu faul sind, sich ein kreatives Versteck auszudenken und deswegen die entscheidenen Seiten einfach rausreißen. Bei einem Zombie, dessen Großhirnrinde allmählich zerfällt, mag das angehen, vielleicht hält er das Buch für etwas Essbares und vergreift sich dafür wenigstens nicht an Leuten. Aber die Vorstellung, dass tatsächlich denkende und fühlende Menschen so etwas tun… entsetzlich.

Eine Belästigung der ganz anderen Art: Klackernde Absätze! Manche Personen weiblichen Geschlechts verbrauchen offenbar ihre gesamte intellektuelle Kapazität morgens vor dem Kleiderschrank. Und wenn man die entsprechenden Kandidatinnen dann noch über vier Arbeitsplätze hinweg über den süßen Typen vorne links schnattern hört, dann liegt doch der Schluss nahe, dass sie eigentlich nichts dafür können. Untote sind eben ziemlich gedankenbefreit.

Vertrauen ist gut

Hei, war das ein Schreck: da hatte ich mir auf Arbeit so eine Mühe gegeben, für einen Online-Versand schöne, halbwegs rechtssichere AGB zu erstellen, und dann flatterte ein anwaltliches Schreiben in die Kanzlei, indem besagter Onlineversandhändler gegen ebenjene AGB klagen ließ (sprich, er wollte sie nicht bezahlen). Sie seien höchstgradig abmahnfähig (was auch immer das heißt im Zeitalter klagewütiger Anwälte unter Gelddruck und auf Arbeitsbeschaffungstour durchs Internet), setzten den Mandanten unnötigen Haftungsrisiken aus (Klar, weil man Haftung gegenüber Verbrauchern so schön ausschließen kann) und die Angabe einer Telefonnummer in der Widerrufsbelehrung sei irreführend, dann käme ja ein Verbraucher auf die Idee, fernmündlich zu widerrufen (Völlig egal, dass zwei Absätze weiter oben steht „Der Widerruf erfolgt in Textform.“)

Moment mal: hatte Chefin nicht, im Gegensatz zu mir Inhaberin zweier Staatsexamina und einer Haftpflichtversicherung, das Ganze nochmal kontrolliert?

„Joan, Sie haben doch das Erste Examen schon. Da dachte ich, ich könnte Ihnen vertrauen… aber offenbar kann ich das wohl doch nicht. Bitte verfassen Sie eine ausführliche Fehlerbetrachtung, die ich gegenüber den gegnerischen Anwälten auch argumentativ verwenden kann, aber ohne die Zeit in Rechnung zu stellen.“

Mal davon abgesehen, dass sie das mit dem Examen irgendwie halluziniert haben muss und angesichts meiner Studienbescheinigung, der Tatsache, dass ich noch Vorlesungen besuche und kein Referendarsgehalt bekomme, schon ein gerüttet Maß an Realitätsverlust notwendig ist, um diese Vorstellung aufrecht zu erhalten: Seit wann stellt man Studenten ein, lässt sie die ganze Arbeit alleine machen („Nein, ich kann das jetzt nicht mit Ihnen besprechen. Machen Sie das bitte p-e-r-f-e-k-t fertig und schicken es dann raus.“) und beschwert sich dann, wenn das mal schiefgeht, über missbrauchtes Vertrauen? [Disclaimer: weder habe ich jemals behauptet, irgendein Examen zu haben, noch, dass meine Schriftsätze frei von Anfänger- und sonstigen Fehlern sind. Aber auf mich hört ja keiner.] Auf meine Nachfrage, ob sie denn nicht nochmal kurz nachgeprüft hätte, was ich da zusammengestoppelt habe, Chefins O-Ton: „Sonst kontrolliere ich Ihre Sachen IMMER, Joan, aber diesmal war es eben eilig. […] Übrigens, Ihre Klageschrift in Sachen Beierlein-Buchsbaum gegen Hades-Klinik, die kann ich doch so rausschicken, oder? Ich muss zum Squash.“