Wilhelm Busch, nicht der mit den Bildern, sondern der mit der Bibel

[Warnung: langer, unübersichtlicher Text mit vielen gedanklichen Baustellen, dafür ohne Fazit. Erörterung konnte ich einfach noch nie.]

Drüben bei der überschaubaren Relevanz gibt es eine faszinierende Diskussion zum Thema „Ist die Welt mit oder ohne Gott schrecklicher?“ und darin irgendwo einen Satz Links. Unter anderem das Buch JesusUnserSchicksal eines Pfarrers Wilhelm Busch, und nachdem mir klar war, dass es nicht der Max-und-Moritz-Busch ist, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mir das Ding mal anzugucken, denn immerhin war es ja in einer heißen Debatte empfohlen worden und sollte etliche Antworten bereithalten.

Busch war mir auf den ersten Seiten irgendwie sympathisch, vielleicht, weil er mich an meinen Großvater erinnert – beide haben sich im Krieg bewusst entschieden, Pfarrer zu werden und ihr Leben ganz diesem Beruf zu widmen, also hatte er schonmal einen Bonus. Der wurde dann schon durch die häufigen „ganz dummen“, „ganz einfachen“ Geschichten etwas gemindert, mit denen er die großen theologischen Fragen, die er aufwirft, behandelt, als sei ein Vergleich, auf den Dogmen folgen, schon eine Antwort, obwohl ich mir irgendwie mehr erhofft hatte. Aber es liest sich flüssig, man begreift, was der gute Pastor sagen möchte (er arbeitet konzentriert darauf hin, dass allein Jesus Sünden vergeben und Sinn stiften könnte), und ab Seite 52 setzte es dann doch aus: An der Stelle, an der er sich darüber begeistert, dass ihm ein schwäbischer Psychiater sagte, ein Mädchen könne nur einmal richtig lieben, und wenn sie „sieben Poussagen“ gehabt habe, sei sie versaut für die Ehe. Und hier käme die Psychiatrie zu denselben Ansichten wie Gottes Wort, und auch vorehelicher Sex, Homosexualität, Ehebruch und -scheidung seien Sünden. An diesem Punkt bricht für mich das ganze Gedankengebäude zusammen, denn erstens finde ich das unfassbar altbacken – das Bild von der holden Maid, die in ihrem Turme auf den Prinzen wartet -, zweitens frauenfeindlich (wohlgemerkt, nur Mädchen sind dann „versaut“, die Jungens dürfen offenbar ein bisschen mehr), und drittens fehlt mir einfach ein angemessenes Adjektiv, um meinen Abscheu vor einem derart eindimensionalen Menschenbild auszudrücken, denn Busch ignoriert einfach, dass Menschen nunmal ein chaotisches Gefühlsleben haben, dass sie mehrere, völlig unterschiedliche Menschen auf völlig unterschiedliche Arten zu unterschiedlichen oder auch zur gleichen Zeit lieben können. Redet man den Leuten aber ein, das alles, was vom klassischen Heiratsmodell abweicht, Sünde sei, wie sollen sie dann vor lauter Angst erkennen, wann sie den Richtigen gefunden haben? Wie sollen sie selbstbewusst Beziehungen eingehen können, wenn dahinter der unglaubliche Erwartungsdruck nicht nur religiöserseits, sondern auch persönlicherseits steht, den oder die Richtige(n) zu finden (und endlich loszulegen)?

[Exkurs: Das Gegenstück zu Buschs Ausführungen ist ja nicht die völlige Moralfreiheit mit Gang-Bang, auch wenn er und andere mit und nach ihm das gerne so darstellen. Mir schwillt die Halsschlagader… und wer einwendet, dass Busch 1966 gestorben ist und seitdem vieles besser wurde, auch im Verhältnis der Kirche zu Sex, der hat wohl Glück gehabt, aber es gibt durchaus noch Gemeinden oder Junge Gemeinden, in denen Leute das Sagen haben, die genau so eine Position vertreten. Und damit Schaden anrichten und ein Menschenbild verbreiten, bei dem´s mich schwer gruselt, und das, obwohl ich demselben Verein angehöre wie sie und deswegen theoretisch zumindest wohlwollend sein sollte, aber es fällt mir schwer und ich halte es auch nicht für sinnvoll. Exkurs Ende.]

Am allermeisten stört mich, dass Busch ankündigt, aus der Bibel „richtig“ und „falsch“ im Bereiche des Geschlechtslebens anzuführen, aber genau keine Bibelstelle anführt, die sich dazu eindeutig positioniert. (Die Geschichte von der Ehebrecherin habe ich auch gesehen, aber die bezieht sich ja nur auf einen Aspekt.) Und damit liefert er ein schönes Beispiel dessen, was Christen atheistischerseits so gern vorgeworfen wird: Sie verkürzen ihre Argumentation gnadenlos und belegstellenfrei auf einen moralischen Satz, der kraft der Bibel und ihrer Überzeugung so zu sein habe, und wer sich nicht dran hält, der schmort in der Hölle. Herr Pastor, muss das sein?

Advertisements

8 Kommentare

  1. Trotz des leicht unappetitlichen Blognamens ein sehr angenehmer Beitrag.
    Du hast eigentlich auch das Wesentlich gesagt, obwohl man natürlich zu jeder Seite von Busch fünf eigene schreiben könnte, um zu erklären, warum seine Botschaft giftiger Unfug ist, aber man muss ja nicht immer alles, was mann.

  2. Brauchst deine eigenen Texte nicht schlecht machen, der war doch prima =) Wie übrigens auch alle bisherigen Beiträge. Das hat, auch wenn es den Anspruch vermutlich garnicht hat, viel mehr mit diesem berüchtigten „Qualitätsjournalismus“ gemein, als so mancher Beitrag bei Spiegel Online (oder war der Vergleich eher unpassend?). Es gab auf jeden Fall noch keinen Beitrag, den ich nicht gelesen hätte, weil ich den Inhalt belanglos gefunden hätte =)

  3. Yeah, danke für sämtliche Blumen! Ich wusste irgendwann nicht mehr, ob rüberkommt, WAS mich an ihm so stört. Den hätte ich wirklich nicht als Seelsorger haben wollen…

  4. PS: Jetzt nochmal in Ruhe.

    @Muriel: Herzlich willkommen und danke fürs Kommentieren. Nein, muss man nicht, aber manchmal kann ich mich einfach nicht zurückhalten. Zumal ich es als Mitglied der Kirche regelrecht peinlich finde, dass so was ernsthaft empfohlen wird.

    @Clemens: Qualitäts- … ähm, ja. Vielleicht langfristig. Aber auf keinen Fall bei SPON^^. Gibt´s eigentlich neue Marketing-Erkenntnisse?

  5. Lieber “Fingerkuppenweitspucker”,

    ich habe lange überlegt, ob ich zu dieser Spott-Rezension überhaupt etwas schreiben sollte, aber ich kann es mir leider doch nicht verkneifen. Möchte mich aber nicht zu lange damit aufhalten, obwohl man da viel sagen könnte, nur Eines will ich mal loswerden:

    Erstens: Natürlich schreibt W. B. auch was zu Männern (was ihre Sexualität angeht). Und übrigens, dass von Dir gepriesene “chaotische Gefühlsleben” führt leider dazu, dass es heutzutage fast keine intakte Familie mehr gibt. Frage mal die “Scheidungswaisen” wie sie sich fühlen. Und wieviele Verletzungen bleiben nach zerbrochenen Beziehungen zurück, zumindest bei einem der Betroffenen.

    Zweitens: Zu Lebzeiten von W. B. (durch sein Wirken) und noch lange nach seinem Tode bis zum heutigen Tag wurden durch seine Bücher, insbesondere durch “Jesus unser Schicksal”(Du hast im übrigen nur die gekürzte Version gelesen), dass in viele Sprachen übersetzt wurde, das Leben von unzähligen Menschen (wahrscheinlich Tausenden) zum Positiven hin verändert!

    Und nun möchte ich Dich, lieber “Fingerkuppenweitspucker” mal fragen: Wieviele Menschenleben wurden denn durch Dein Leben und Wirken schon zum Positiven verändert, wieviele Trinker wurden schon trocken? Wieviele Ehebrecher treu? Wieviele Lügner zu ehrlichen Leuten und wieviele Verzweifelte glücklich?

    Du brauchst auf diese Frage jetzt nicht zu antworten. Sie ist rein rhetorischer Art und die Antwort kenne ich eh schon.

  6. Hallo Christina,
    danke für deinen Kommentar, du musst dir nichts verkneifen. Allerdings möchte ich dich darauf aufmerksam machen, dass ich „chaotisches Gefühlsleben“ nicht unbedingt gepriesen habe – ich halte es durchaus für wichtig, verantwortungsvoll mit den eigenen Gefühlen und denen anderer umzugehen, ob aus einem christlichen Verständnis heraus oder irgendeinem anderen, denke aber auch, dass W.B.s „Patentrezept“ da nur bedingt zu helfen kann. Eben weil es ein Patentrezept ist, und es wird immer Menschen geben, auf die dieses nicht passt und die es sogar unglücklich macht, weil sie sich in einem so wichtigen Bereich wie ihrer Sexualität nicht angenommen fühlen dürfen.
    Dass du deine rheotische Frage nicht beantwortet haben magst, finde ich schade, werde dir aber keine Geschichten aufdrängen.

  7. „Und nun möchte ich Dich, lieber “Fingerkuppenweitspucker” mal fragen: Wieviele Menschenleben wurden denn durch Dein Leben und Wirken schon zum Positiven verändert, wieviele Trinker wurden schon trocken? Wieviele Ehebrecher treu? Wieviele Lügner zu ehrlichen Leuten und wieviele Verzweifelte glücklich?

    Du brauchst auf diese Frage jetzt nicht zu antworten. Sie ist rein rhetorischer Art und die Antwort kenne ich eh schon.“

    Ehrlich? Mit solchen platten Sprüchen und scheinheiligen Fragen kann man heute noch kommen? Erschreckend…

    1. Tja, leider ist sie wohl nicht wieder aufgetaucht. Sonst könnte sie noch auf die Idee kommen, ich sei doch kein schlechter Mensch…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s