3 Tage mit Kant, Teil 1

oder: Schöner scheitert sich´s an hohen Ansprüchen

Was macht man als philosophisch in keinster Weise gebildeter Mensch im juristischen Grundlagenseminar? Richtig, sich für den Vortrag „Kants Lehre der praktischen Vernunft als mögliche Grundlage einer Menschenwürdekonzeption“ zu melden. Und zusammen mit meiner chronischen Aufschieberitis führt das dazu, dass ich jetzt in 3 Tagen mich durch die „Kritik der praktischen Vernunft“ arbeiten muss, und eigentlich gleich noch durch die „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“. Zur Unterhaltung und Abschreckung kommender Generationen sei dies dokumentiert.

Tief durchamten, den Text besorgen, aufschlagen, lesen. „Warum diese Kritik nicht eine Kritik der reinen praktischen, sondern schlechthin der praktischen Vernunft überhaupt betitelt wird, obgleich der Parallelismus derselben mit der spekulativen das erstere zu erfordern scheint, darüber gibt diese Abhandlung hinreichend Aufschluss.“ Auch nach mehrmaligem Lesen ist lediglich die Gewissheit hinreichend, dringend ein philosophisches Wörterbuch zu benötigen. Und mehr Zeit. Zwei Jahre oder so. Ich scheitere grandios am Vorwort. Überspringe das und gehe zur Einleitung über: „Der theoretische Gebrauch der Vernunft beschäftige sich mit Gegenständen des bloßen Ekenntnisvermögens […] [Im praktischen Gebrauch] beschäftigt sich die Vernunft mit Bestimmungsgründen des Willens, welcher ein Vermögen ist, den Vorstellungen entsprechende Gegenstände entweder hervorzubringen, oder doch sich selbst zur Bewirkung derselben […] zu bestimmen.“ Im Klartext: eigentlich sollte ich mit der „Kritik der reinen Vernunft“ anfangen, denn wenn diese den Willen bestimmt, wäre es logisch, sich erst mal mit deren Grenzen vertraut zu machen. Dafür würden dann 3 Tage aber definitiv nicht reichen, die Bestimmungsgründe des Willens müssen also genügen. Außerdem genügen sie auch für das Thema, denn ich will ja nicht auf Erkenntnistheorie hinaus, sondern „nur“ auf die Begründung der Menschenwürde.

Die originalgetreue Wiedergabe der langsamen Prozedur des Lesens, Überdenkens und Nochmal-Lesens spare ich mir hier – ich weiß schon, warum ich und auch viele andere Kant höchstens flüchtig angefasst haben und ansonsten nur ehrfürchtig aus der Ferne beschauen. Den Text muss man mühsam übersetzen, wobei unweigerlich das Abstraktsionsniveau sinkt und damit das erste Verständnis, so es denn auftaucht, nur ein ganz grobes sein kann, und der Satzbau macht es nicht besser – Nebensatzherden, Pronomenrudel und atemlose Reihung ohne Punkt, dafür mit irritierender Kommasetzung, als könne es dem Autor manchmal nicht schnell genug gehen, bestimmen das Bild. Andererseits: SO schwierig ist es dann auch wieder nicht, wenigstens ein ganz rudimentäres Verständnis zu bekommen. Vermutlich wird der Professor Schmerzen leiden, wenn er meine Arbeit liest, aber immerhin habe ich den Unterschied zwischen Maximen und Gesetzen verstanden (erstere sind Bedinungen, die nur für den Willen des Subjekts gelten und einander widerstreiten können, letztere sollen für den Willen eines jeden vernünftigen Wesens gelten und finden einen hinreichenden Grund zur Willensbestimmung in der reinen Vernunft selbst). Dann treiben sich noch Imperative herum, die Regeln darstellen, die unausweichlich zu befolgen wären, wenn denn die Vernunft allein Bestimmungsgrund des Willens sei. Allerdings gibt es immer noch die „pathologischen, dem Willen zufällig anklebenden Bedinungen“, von denen sich der Wille erst mal frei machen muss. (WIE das geht, wird nicht verraten, zumindest nicht in diesem Buch.) Alle material motivierten Bestimmungsgründe des Willens beruhen auf einer Vorstellung des begehrten Gegenstandes, die nur rein empirisch („Ich will ein Eis!“), aber nicht a priori erkennbar ist –

– der Teil ist mir noch leicht unklar. Es kommt jedenfalls nicht auf die Art der Motivation an, ob sie dem Es oder dem Über-Ich entspringt, sondern „wie sehr sie vergnügt“ (bzw. missvergnügt). Wer sich also entscheidet, zu lernen, statt auf eine Party zu gehen, handelt deswegen noch längst nicht nach reinen Vernunftgründen, sondern wägt zwei Vorstellungen, die ihn in unterschiedlichem Ausmaß vergnügen, gegeneinander ab. Das Missvergnügen, durch eine Klausur zu fallen, entspringt aber nicht der reinen Vernunft, sondern demselben Begehrungsvermögen wie der Partybesuch, wir suchen aber nach Bestimmungsgründen des Willens, die ohne Voraussetzung irgendeines Gefühls auskommen. Muss man dazu nicht ein extrem leidenschaftsloser Mensch sein? Immerhin sucht ja jeder Mensch ständig, und sei es indirekt, nach Glückseligkeit. Aber „die Zufriedenheit mit seinem ganzen Dasein ist nicht etwa ein ursprünglicher Besitz […] sondern ein durch seine endliche Natur selbst ihm aufgedrungenes Problem.“ (Wunderschön. Zufriedenheit als Problem, das passt auf die Moderne wie die Faust aufs Auge.) Damit hätten wir den „Grundantrieb“ des Begehrungsvermögens, der aber zu unspezifisch ist, um irgendeine sinnvolle Handlungsanleitung abzugeben, zumal er  meistens auf „empirische“ Dinge gerichtet ist.

Offenbar reicht aber zunächst einmal die reine gesetzgebende Form aus, um einen Willen zu bestimmten, sofern dieser frei ist – und jetzt geht es ganz fix, drei Seiten und einen freien Willen, der allein durch die gesetzgebende Form zu bestimmen ist, später haben wir schon den berühmten kategorischen Imperativ: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip der allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Halt, Stopp, nochmal zurückspulen: da war doch noch das Sittengesetz zwischendrin? Was´n das schon wieder? Freiheit und praktisches Gesetz, so Kant, verweisen wechselseitig aufeinander, und aus einem von beiden kommt unsere Erkenntnis des Unbedingt-Praktischen (des was? Egal). Freiheit ist allerdings ein negativer Begriff, und aus Erfahrung sei auch nicht darauf zu schließen, denn erfahren werden kann nur das Gesetz der Natur, also gerade Nicht-Freiheit. Also kommt auf einmal das moralische Gesetz daher, das weder durch irgendeine sinnliche Bedingung zu überwiegen sei, noch davon überhaupt abhängt, und das ist auf einmal VOR allen anderen Bestimmungsgründen liegt, wenn wir erstmal die pathologisch anklebenden Willensbelästigungen losgeworden sind. Ohne Beispiel wäre ich hier aufgeschmissen, dankenswerterweise kommt eines: jemand hat eine „wollüstige Neigung“, die für ihn ganz unwiderstehlich ist; nun steht ein Galgen vor dem Hause, „um ihn sogleich nach genossener Wollust daran zu knüpfen“ (Hihi, was für ein Haus wird das wohl sein. ´tschuldigung.) – er würde seine Neigung höchstwahrscheinlich doch bezwingen (hier haben wir die klassischen materialen Bestimmungsgründe des Willens – das Missvergnügen, aufgeknüpft zu werden, ist dann doch größer als das Vergnügen, etwas Wollust zu genießen, beide entspringen aber aus derselben Quelle und können daher auch gegeneinander abgewogen werden). Würde dieselbe Person nun aber vom Fürsten aufgefordert, gegen einen ehrlichen Mann ein falsches Zeugnis abzulegen, das diesen verderben würde, und das bei Androhung der Todesstrafe auf Zuwiderhandeln, dann wird er wohl einräumen (wenn auch nicht gleich versichern), dass er seine große Liebe zum Leben vielleicht doch überwände. „Er urteilet also, dass er etwas kann, darum weil er sich bewusst ist, dass er es soll, und erkennt in sich die Freiheit, die ihm sonst ohne das moralische Gesetz unbekannt geblieben wäre“.

Eben durch das Bewusstsein, dass es unrecht wäre, wird der Mensch also den materialen Bestimmungsgründen und zwingenden Kausalitäten enthoben – das moralische Gesetz weist ihm eine Alternative, und er kann sich entscheiden. Jetzt frage ich mich nur, ob das die Stelle ist, aus der knapp 200 Jahre später eine „Verdammnis zur Freiheit“ wurde. Das kann ich aber nicht auch noch in drei Tagen lesen, und für heute reicht´s.

Abend saß ich dann über einer langweiligen, umfangreichen Umfrage über meine Einstellung zu Markenprodukten und mitten beim Anklicken von Sympathiewerten zu Körpepflegeprodukten umweht mich ein Hauch von Aufklärung: ich folge gerade meiner Maxime, nach der es sinnvoll ist, 60 Minuten geballte Unlust und Fingerkrämpfe in Kauf zu nehmen, weil am Ende ein Kinogutschein steht. Eine sowas von eindeutig materiale Bestimmung des Willens. Also kein brauchbares praktisches Gesetz, und auch eines, von dem ich nicht unbedingt wollen kann, dass alle es so halten (dann wären ja die Kinogutscheine bald alle). Allerdings schweigt mein inneres moralisches Gesetz zu dem Thema – zu Umfragen und Kinogutscheinen scheint es kein Statement abgeben zu wollen. Vielleicht wird es heute gesprächiger.

4 Kommentare

  1. Immer, wenn ich Kant lese (was auch guten Gründen selten vorkommt), verfalle ich in tiefe Unsicherheit, ob ich es mit einem Troll zu tun habe, oder ob er einfach sehr, sehr dumm war.

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  2. Muriels guter Trollbeitrag brachte mich hierher.

    Danke für die Zusammenfassung! Ist ja wirklich einigermaßen schlüssig. Ich erinnere mich auch, das mit den Maximen und Gesetzen in der Schule gelernt zu hab. Irgenwie ist diese Welt der Erkenntnisphilosophie sehr interessant, wenn sie nur nicht so unzugänglich wäre! Vernünftiges Handeln jedoch ist für den Menschen, denke ich, das Schwierigste überhaupt, da sind wir dann ja auch schon bei der modernen Forschung, die auch fleißig trollt, der Mensch habe keinen freien Willen.

    ich werd jetzt noch freudig die anderen beiden Posts lesen.

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    1. Gern geschehen, herzlich willkommen, und fühl dich wie zu Hause! Leider sind die erkenntnisphilosophischen… ähm, Erkenntnisse, nur schwer praktisch umsetzbar, denn insbesondere bei Fragen, die sich nicht um Leben und Tod drehen, ist einfach der Maßstab viel zu grob. Aber vielleicht mach ich mal noch „3 Tage mit der Metaphysik der Sitten“, oder so, das Interesse ist ja recht groß.

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