3 Tage mit Kant, Teil 2

oder: Im Schweinsgalopp durch die Metaphysik

Die „Grundlegung zur Metyphsik der Sitten“ liest sich entschieden flotter, lässt einen allerdings etwas ratlos zurück ob der Vorstellung vom menschlichen Geist, die sich da eröffnet. Zunächst geht es nur darum, wieso der Mensch überhaupt Vernunft hat – immerhin strebt er ja als endliches Wesen beständig nach „Glückseligkeit“, die könne er aber durch reine Instinktleitung besser erlangen, und werde die Vernunft zur Erlangung von Glückseligkeit eingesetzt, dann werde sie sich ihrer irgendwann selbst überdrüssig. (Auf Kant ist ja nicht zuletzt seiner Junggessellenbiographie wegen viel herumgehackt worden, aber an dieser Stelle frug ich mich auch, ob er nicht vielleicht ein ganz anderes Problem hatte. Wäre wohl zu einfach.)  Da die Vernunft aber ein praktisches Werkzeug sei, um den Willen zu leiten, könne ihr Zweck nur darin bestehen, einen an sich guten Willen hervorzubringen. Dieser ist nicht etwa dann gut, wenn er auf etwas Gutes gerichtet ist („Ich hab´s doch aber gut gemeint!“), sondern wenn er der Pflicht gehorcht. Und das höchste der Gefühle, pardon, der Eben-Nicht-Gefühle, sei eine Pflicht, die nicht aus Neigung, sondern um ihrer selbst bzw. ihres moralischen Wertes willen erfüllt wird.

[Exkurs: Kant bezieht das auch auf das neutestamentliche „Liebe deinen nächsten wie dich selbst“ und erklärt en passant ein christliches Grundprinzip: „Liebe als Neigung kann nicht geboten werden, aber Wohltun aus Pflicht, selbst, wenn dazu gleich gar keine Neigung treibt, ja natürliche und unbezwingliche Abneigung widersteht, ist praktische und nicht pathologische Liebe, die im Willen liegt und nicht im Hange der Empfindung, in Grundsätzen der Handlung und nicht schmelzender Teilnehmung“. Nun ist das irgendwie sinnig, weil ich mich immer gefragt habe, wie man auf Kommando jemanden lieben soll (vor allem jemanden, den man überhaupt gar nicht liebenswert findet), aber wäre eine völlig leidenschaftslose, jeder Neigung entkleidete Pflichterfüllung gemeint, dann, so behaupte ich mal kühn, stünde da nicht „Liebe“, sondern irgendwas anderes. Überhaupt ist „leidenschaftslos“ ein Wort, dass diese Philosophie vielleicht am besten beschreibt. Höchstens eine nüchterne, kalte Leidenschaft der reinen Vernunft scheint da durch, ansonsten – Nichts. Nur Pflicht. Exkus Ende.]

Ist dann der Willen eines jeglichen äußeren, „materialen“ Antriebs beraubt, bleibt nur noch die ganz allgemeine Gesaetzmäßigkeit der Handlungen übrig, ergo müsse man so handeln, dass die Maxime des eigenen Handelns jederzeit als allgemeines Gesetz gelten könne. Hatten wir schon beim letzten Mal. Und auch, wenn nicht sicher bestimmt werden könne, ob eine Handlung nun aus reiner Pflicht oder irgendwelchen verborgenen selbstsüchtigen Motiven geschieht, so liegt doch „die Pflicht als Pflicht vor aller Erfahrung in der Idee einer den Willen durch Gründe a priori bestimmenden Vernunft“. Hm. Da die „Pflicht“ also allem vorgelagert ist, können wir sie durch Erfahrung weder herleiten noch widerlegen. Da ich nicht besonders transzendental veranlagt bin, klingt das für mich danach, als könne sich jeder seine Pflicht ausdenken und dann behaupten, seine reine Vernunft, aller Neigung entkleidet, diktiere ihm dies als Pflicht, und ein anderer Mensch könnte trotzdem in exakt derselben Situation zu einem anderen Schluss kommen, weil er andere Dinge als moralisch richtig wahrnimmt. Ich nehme aber an, so ist´s nicht gemeint, sonst wäre der ganze Begründungsaufwand reichlich sinnlos.

Ganz listig fragt der Philosoph dann, ob es überhaupt ein notwendiges Gesetz für alle vernünftigen Wesen sei, ihre Handlung nach solchen Maximen zu beurteilen. Und hier zaubert er das aus dem Hut, was inzwischen, zur „Objektformel“ geschrumpft, jeder Jurastudent auswendig lernt in der Hoffnung, er möge nie in einer Prüfung damit konfrontiert werden: „Die Wesen, deren Dasein zwar nicht auf unserem Willen, sondern der Natur beruht, haben dennoch, wenn sie vernunftlose Wesen sind, nur einen relativen Wert, als Mittel, und hießen daher Sachen, dagegen vernünftige Wesen Personen genannt werden, weil ihre Natur sie schon als Zwecke an sich selbst, d.i. als etwas, das nicht bloß als Mittel gebraucht werden darf, auszeichnet, mithin so fern alle Willkür einschränkt (und ein Gegenstand der Achtung ist).“ Das Tiere Sachen sind, hätten wir hier auch gleich, § 90a BGB lässt grüßen. Wenn aber dieser Achtungsanspruch existiert, dann schränkt er jeden kategorischen Imperativ dahingehend ein, was in der Tat Sinn ergibt, weil er ja nur im Hinblick auf andere vernunftbegabte Wesen, die auch Pflichten erfüllen Gesetze befolgen, gedacht werden kann (wenn ich allein bin, sind mir allgemeine Gesetze herzlich egal). Wird der Mensch also nur als dem Gesetz als solchem unterworfen gedacht, kommt seine Zweckhafitgkeit nicht zur Geltung, er muss schon seiner eigenen und dennoch allgemeinen Gesetzgebung unterworfen sein, die ihm sein Pflichtgefühl diktiert.

MEIN Pflichtgefühl gebietet es mir jetzt, anstatt einer Fortsetzung der Seminar- und Denkarbeit mich um die Korrektur gewisser Flyer für den FdSSSR zu kümmern, die zwar nicht ich verbockt habe, die aber auszubügeln niemand sonst Zeit hat. Meine Pflicht gebietet es mir also, zähneknirschend neue Flyer zu erstellen, zu drucken und zu verteilen, aber ich kann nicht dafür garantieren, dass ich es mir nicht später zur Maxime mache, demjenigen, der es eigentlich vebockt hat, den Hals umzudrehen. Und ich kann auch nicht dafür garantieren, dass dann sittlich falsch zu finden.

Philosophie verroht.

5 Kommentare

  1. Ist das eigentlich ein Denkfehler meinerseits, oder scheitert Kants Argumentation größtenteils schon daran, dass es logisch nicht möglich sein kann, auf Basis reiner Vernunft irgendwelche Regeln aufzustellen?

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    1. Das frage ich mich auch die ganze Zeit. Allerdings sind da noch das Sittengesetz und das moralische Gefühl, und ersteres soll a priori existieren, mittels der Vernunft erkannt werden und sich über letzteres bemerkbar machen, also hätten wir durchaus einen außerhalb der Vernunft liegenden Grund für eine Regel (die praktische Vernunft ist ja „nur“ sowas wie ne Bauanleitung für Willensbestätigung) und damit auch deren Maßstab… oder so.

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    2. Na gut, vielleicht habe ich sein Gedankengebäude wirklich noch nicht ganz durchschaut, und ich bin auch durchaus gespannt, wie das hier weitergeht.
      Aber ich bleibe dabei. Der Kerl war ein Troll.

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  2. Wow, ich bin beeindruckt, wieviel du innerhalb von drei Tagen aus diesen fetten Wälzern rausgeholt hast – spannende Kiste =)
    Nur wo du die Zeit hernimmst, deine Erkenntnisse hier noch in Worte zu fassen („mal eben“ gehört bei diesen Themen nicht zu den adäquaten Beschreibungen), geschweige denn noch fix Flyer zu designen. Wenn doch alles gut gegangen ist, dann finde ich das natürlich spitze ( / !), gratuliere dir zu deinem Gehirn und versichere dir, dass du zumindest eine Person damit ein bisschen transzendenter gemacht hast =)

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    1. Einer geht noch, aber vermutlich nicht mehr heute, denn weder haben gestern die Flyer geklappt noch will die Metaphysik ihre Geheimnisse preisgeben (hauptsächlich, weil die Flyer sehr zeit- und kraftraubend nicht geklappt haben und ich mich dann in ganz unmetaphysische Ideen hineingesteigert habe, was mit ein paar Leuten anzustellen sei). Aber immerhin fehlt ja noch der Übergang zur Menschenwürde!

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