Juristen im Tiefschlaf

Es ist einerseits eine Binsenweisheit, andererseits wissen es immer noch viel zu wenige: auch Juristen langweilen sich, wenn es um Gesetze geht. Bei manchen braucht man nur das Kürzel zu hören, damit das Hirn sofort die Tiefschlafphase einleitet. Die GWO (=Gewerbeordnung) ist für mich so eines.

Überhaupt ist mir das ganze Wirtschaftsverwaltungsrecht herzlich egal. Es mag ja durchaus seine Daseinsberechtigung haben und wichtig sein und so, aber schon die Vorlesung war eine Qual (die Rechtfertigung von Beiträgen in Zwangskörperschaften wie der IHK – Zuverlässigkeit von Leuten, die eine Gaststätte führen wollen – Eintragung ausländischer Arbeitnehmer in die hiesigen „Handwerksrollen“ – Vergabe von beschränkten Plätzen auf Messen – gähn). Unser junger, sympathischer Prof hat außerdem auch noch einen Termin in der hiesigen Industrie- und Handelskammer angesetzt, damit wir mal „in die Praxis“ schnuppern. Also schnupperten wir gestern klimatisierte Luft und guckten zwoeinhalb Stunden lang PowerPointPräsentation darüber, wie wichtig die IHK als Interessenvertretung der Wirtschaft ist, dass Richter ja manchmal eine komische Sprache pflegen, dass viele Konflikte sich gar nicht um Rechtspositionen drehen, sondern um persönliche Differenzen. Dass es aber doch immer darum gehen müsse, das Unternehmen zu retten. Interessant fand ich nur den Teil, wo es darum ging, was für Leute sich um eine Zulassung als Versicherungsvertreter bemühen. Leute, die wegen neunfachen Betruges vorbestraft waren. Wegen des sexuellen Missbrauches von Schutzbefohlenen. Wegen Körperverletzung, Fahrerflucht, Diebstahl. Noch mehr Betrug. Ich kann mir das lebhaft vorstellen: „Guten Tag, ich habe ein großartiges Angebot für sie: als ich wegen meines elften Betruges im Knast saß, habe ich endlich entdeckt, wie Sie die Versicherung um ein hübsches Sümmchen prellen können. Na, wie wär´s?“

Mein persönlicher Liebling war allerdings die Frage im Nachhinhein, ob denn die Unternehmer gern Mitglied in der IHK wären. „Schätzchen“, hätte doch da die ehrliche Antwort lauten müssen, „die haben gar keine Wahl. Außerdem sind sie bestimmt tierisch genervt, dass wir vor allem die Interessen unserer zahlungskräftigeren Mitglieder vertreten und sie in Fragen rechtsberaten, bei denen sie für das gleiche Geld auch nen Anwalt kriegen können.“ Stattdessen folgte ein Sermon darüber, wie toll IHKs seien, dass sie beinahe die Umweltzone verhindert hätten (beinahe nur, die ganzen Kleinunternehmer müssen jetzt trotzdem für horrende Summen ihre Fuhrparks umrüsten), wie man die Interessen der Wirtschaft manchmal triumphal gegen die bösen Juristen durchgesetzt habe, und den Rest habe ich nicht mehr mitbekommen, weil es um die GWO ging. Da war ich dann schon im Tiefschlaf.

PS: Ja, es war ja gut gemeint. Aber wenn Bilanzen so wichtig sind, warum kriegen wir nicht mal ein paar Umzugskartons Aktenordner zum Einlesen, anstatt eines Vortrages, der juristisch nichts Neues liefert, ansonsten auf Banalitäten hinausläuft und auch noch zweieinhalb Stunden dauert? Das konditioniert nur unnötig den Tiefschlafreflex.

3 Kommentare

    1. Vielleicht möchtest du dich ja auch mal mit dem Mecklenburgischen Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz auseinandersetzen. Da wüsste ich aus dem Kopf wahrscheinlich auch nicht die amtliche Abkürzung.

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