Monat: August 2011

Geschützt: Sonderbare Beschäftigungsverhältnisse

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Betrifft: Bewerbung um Praktikumsplatz

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich würde gern in Ihrer Stadtverwaltung eines von drei völlig überflüssigen Pflichtpraktika nach § 19 SächsJAPO absolvieren, und zwar, wenn´s geht, ab nächster Woche schon. Eigentlich würde ich lieber am Fließband schuften und ordentlich Geld verdienen, damit ich am Monatsende nicht jeden Euro zweimal umdrehen muss, aber die Säcke haben mir abgesagt, und dann kann ich ja versuchen, mit meiner Zeit irgendwas anderes anzufangen, damit ich meine Ferien nicht völlig sinnlos verplempere. Sie müssen mir auch nichts zu tun geben, ich brauche nur eine ruhige Ecke zum Sitzen, am besten mit einem Schreibtisch, an dem ich Akten lesen und beschäftigt gucken kann. Besonders viel Ahnung habe ich auch nicht und kann mich daher leider nicht besonders nützlich machen, aber ich versuche, Ihnen nicht auf die Nerven zu fallen, nicht im Weg zu sein und habe auch nichts dagegen, wenn Sie mich nach zwei Stunden heimschicken. Am besten wäre es natürlich für uns beide, Sie legen beigefügte Praktikumsbestätigung einem Juristen/Steuerberater/Beamten des gehobenen nichttechnischen Verwaltungsdienstes vor, der unterschreibt, und Sie brauchen sich gar nicht weiter mit mir zu befassen. Dann müsste ich nicht so tun, als würde ich mich brennend für Baurecht oder so´n Kram interessieren, und Sie müssten nicht so tun, als würden Sie sich ernsthaft eine Beschäftigung für mich ausdenken, und damit wäre uns beiden sicherlich am meisten geholfen. Aber ich kann auch mal kurz vorbeischauen, und wir bereden das Ganze in Ruhe, auch wenn es wirklich keine große Sache ist, sondern nur´n doofes Pflichtpraktikum, das als einziges zwischen mir und meiner Anmeldung zum Examen steht, also wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie wenigstens den Wisch unterschreiben.

Mit freundlichen Grüßen,

Joan Flowers

Für irgendwas musste der Kasten ja mal gut sein

Das Völkerschlachtdenkmal, eine monumentale willhelminische Scheußlichkeit im Süden Leipzigs, gefällt mir heute plötzlich außerordentlich gut:

Die Vorstellung einer NPD-Demo auf dem Platz fand die „Stiftung Völkerschlachtdenkmal“ wohl überhaupt nicht berauschend und hat ein für allemal klar gestellt, dass das mit ihnen nicht zu machen ist. Meine ausschweifenden Ansichten zum Thema Versammlungsfreiheit und Nazis habe ich anderswo kundgetan, und nach einem eiligen Instanzenzug vom Verwaltungsgericht Leipzig übers Oberverwaltungsgericht in Bautzen bis hin zu einem Eilantrag in Karlsruhe ist wohl klar, dass heute niemand durch Leipzig marschiert, da die Polizei angeblich nicht genügend Kräfte hat, um ein Ausarten von Demo und Gegendemos in Schlägereien zu verhindern und daher der „polizeiliche Notstand“ ausnahmsweise der Versammlungsfreiheit vorgeht. Ob mich das überzeugt, weiß ich auch noch nicht so recht, dafür führt es im entsprechenden LVZ-Artikel zu so herrlichen Kommentaren wie „das OVG Sachsen [hat] den Artikel 12 unseres Grundgesetzes de facto außer Kraft gesetzt“. Ist ja schade, dass die Berufsfreiheit aufgehoben wurde, und auch „die Diktatur von CDU, SPD, Linke, Grüne und FDP“ finde ich mindestens so bedauernswert wie der Leser. Verflixter Fünf-Parteien-Staat. Andererseits sind Kommentarspalten auch eine Erfindung des Teufels, und ich werde mir heute nicht den Tag verderben lassen. Lieber mach ich noch ein Picknick am Fuße des Völkerschlachtdenkmals und sage der Stiftung ein herzliches Dankeschön. You made my day.

Fernweh (III)

Nie wieder verspreche ich, dass ich irgendwas „alsbald“ mache, denn offenbar hat das in wirklich jedem Lebensbereich zur Folge, dass daraus ein „später als erwartet, vielleicht auch gar nicht“ wird. Eine Art unterbewusstes Manana-Syndrom vermutlich, das dringend der Behandlung bedarf. Dringend der Behandlung bedurfte auch meine Lunge, als ich auf der Krim ankam.

Nach einer Nacht in einem stickigen, ungelüfteten, nach Fuß und schlimmeren Sachen riechenden Schlafwagen bietet sich angekommen in Simferopol dem müden Reisenden folgendes Bild:

Simferopol, Bahnhofsvorplatz

Die morgendliche Uhrzeit (4:30 Uhr) hat den Vorteil, dass man nicht allseits von schwatzenden Taxifahrern umringt wird, die einschließlich Moskau, Kiew und Almaty so ziemlich jedes Fahrtziel anbieten. Das wiederum hat den Nachteil, dass man aus Simferopol nicht so schnell wegkommt, denn außer auffallend vielen Freilicht-Sozialismus-Memorabilia gibt es dort nichts.

Lenin, wie er leibt und liest. Ausnahmsweise mal in entspannter Haltung.

Eine halbe Stunde mit der Elektrischka weiter südlich, in Bachtschyssarai, ist der Sozialismus vergessen, stattdessen kann man noch gerade rechtzeitig zum ersten (oder zweiten?) Muezzinruf ankommen und sich, falls man das im Reiseführer überblättert hat, daran erinnern, dass nach der Vertreibung, Deportation und Ermordung der Krimtataren unter Stalin einige wieder aus Usbekistan zurückkehrten. Bachtschyssarai ist das Zentrum der „Neubesiedlung“, da sich hier die Hauptstadt des Krim-Khanats befand, dass allerdings relativ kurzlebig war: einige Mitglieder der Goldenen Horde hatten sich unterwegs abgesetzt, und gerade, als sie sich auf der Krim eingerichtet hatten, gerieten sie auch schon wieder unter osmanische, später russische Vorherrschaft (der aufmerksame Leser erinnert sich an Teil 1). Der Khanspalast blieb trotzdem erhalten, angeblich wegen dieses Brunnens hier:

Der Tränenbrunnen: aller fünf Minuten ein meditatives "Plitsch", und seltener ein "Platsch", wenn eine Schale überfließt.

Den „Tränenbrunnen“ ließ im 18. Jahrhundert Khan Girei errichten, der sich in Trauer um seine Lieblings-Haremsdame verzehrte. Er war allerdings selbst schuld, hatte sie nämlich enthauptet, nachdem sie ihn mit einem gutaussehenden polnischen Kriegsgefangenen betrogen hatte. Nachdem Puschkin „die Fontäne von Bachtschyssarai“ besungen und so zu einem wesentlichen Bestandteil der russischen Romantik gemacht hatte, wird gemunkelt, das selbst Stalin es nicht übers Herz brachte, den Palast abzureißen. Deswegen können ihn  jetzt unablässig russische Touristengruppen besuchen und sich gegenseitig mit Brunnen und Büste fotographieren. Zugegebenermaßen hatte ich während dieses Teils der Krimreise überwiegend schlechte Laune, weil die Bemerkung mit der Lunge oben nicht einfach eine launige Überleitung war, sondern ich mitten im trocken-warmen Klima des „Sanatoriums der Werktätigen“ mit einer fiesen Bronchitis kämpfte. Jedenfalls konnte ich den Tränenbrunnen nicht gebührend würdigen, und die geräuschvolle Auffassung der versammelten Touristen von „Romantik“ auch nicht. Man hörte gar kein sufistisch-meditatives „Plitsch“ bei all den Leuten, die mit Brunnen, Büste oder beidem fotographiert werden wollten und ihren Begleitern diesbezüglich detaillierte Anweisungen gaben.

In Bachtschyssarai gaben sich aber nicht nur Krimtataren, Osmanen und Russen die Klinke in die Hand, auch Karaimer (oder Karäer) und Orthodoxe siedelten im Tal, wobei: die Karaimer siedelten auf der Bergkuppe, und die Orthodoxen gleich im Berg drin.

Blick auf Bachtschyssarai. In den Höhlen wohnten Einsiedler, später die Karaimer oder "Bergjuden", die auf der Bergkuppe über dem Höhlenlabyrinth eine Stadt errichteten.

Von Bachtschyssarai aus kann man, wenn man das möchte, eine Tour nach Sewastopoll machen und sich noch mehr Freilicht-Sozialismus-Memorabilia angucken, außerdem den berühmten russischen Flottenstützpunkt, der aber nicht wirklich spannend ist (Echt nicht. Es sei denn, man steht auf rostige Pötte, die im Hafenbecken herumliegen. Die wirklich spannenden Schiffe sieht man eh nicht.) Man kann aber auch einfach weiter nach Alupka fahren, das ein Stücken westlich von Jalta liegt, und es sich dort einfach mal gut gehen lassen.

Alkohol in seiner vollendetsten Form. Also, finde ich.

Die Krim ist nämlich berühmt für ihre Weine, in erster Linie schwere Dessertweine, die bei uns eher selten bis gar nicht getrunken werden und die, entgegen landläufiger Vorurteile, NICHT süß sind. Also, süß eventuell auch, aber in erster Linie aromatisch, schwer, herb und würzig. Damit man unter den Kombinationen dieser Eigenschaften diejenige rausfinden kann, die am besten mundet, gibt es dort Weinverkostungen, und nach der Verkostung wird man netterweise durch den Shop geschleust, wo dann, der Geldbeutel gelöst durch den Genuss und die reichlich vorhandenen Prozente (und den Kurs des Hryvnia, der zugunsten des Ausländers arbeitet), die eine oder andere Flasche wie von selbst mitkommt.

Und da fangen die Probleme dann an: Alkoholexport aus der Ukraine ist ein schwieriges Ding, die Zollvorschriften ändern sich alle naslang, und übermäßiger Alkoholexport kommt gleich hinter Ikonenklau. So zumindest suggerierte der Reiseführer, was er vergaß, zu erwähnen, war, wie man die geltenden Zollvorschriften herausbekommt. In einem schlechten Jahr sind fünf Flaschen Krimwein pro Nase angeblich schon kritisch, und seinem Heimflug von der Zollstation aus will auch niemand nachblicken. Am Flughafen aber wohnt offensichtlich ein großer Fan Franz Kafkas (insbesondere des Processes), denn um durch den Zoll zu kommen, musste man sein Gepäck bereits aufgegeben haben und dies mit einem Gepäckaufgabebestätigungszettel nachweisen, um sein Gepäck aufzugeben, brauchte man aber die Gepäckdurchsuchungsunbedenklichkeitsbescheinigung vom Zoll. Das Dilemma lies sich am Ende nur durch Ignorieren lösen – Gepäck aufgeben, nicht schuldbewusst gucken, und durch.

Und damit sind wir für heute schon wieder am Ende. Mal sehen, wohin die Reise das nächste Mal geht, aber ich verspreche lieber nichts.

Fernweh (II)

Das "goldene Kind" von Odessa, dessen Fäustchen größer sind als mein Kopf

Dieser Wonneproppen empfängt am „Meeresbahnhof“ in Odessa den staunenden Besucher, der eben noch die berühmte potemkinsche Treppe hinabgestiegen ist und sich nun wundert, wer die grandiose Idee hatte, genau am meeresseitigen Ende der Treppe ein Autohaus zu eröffnen, dahinter die Mole zuzupflastern und genau in den Panoramablick aufs Meer ein 30stöckiges Hotel zu pflanzen. Aber an Bausünden muss sich gewöhnen, wer Zarin Katharinas einstigen Militärhafen besucht, denn in Odessa herrscht Platzmangel, der zum Bau vielstöckiger Hässlichkeiten führt. Die Innenstadt hingegen entschädigt reichlich: eine großzügige Anlage mit breiten, von Platanen und Akazien beschatteten Straßen und hochherrschaftlichen Häusern, von denen überproportional viele renoviert sind.

Ein Traum in Blau-Weiß. Man beachte das liebevoll arrangierte Stromkabel.

Odessa strotzt nur so vor Wohlstand (manifestiert in dicken Autos pro Quadratmeter Parkfläche), Weltoffenheit (manifestiert in Anzahl der gesprochenen Fremdsprachen pro Einwohner) und natürlich Touristen. Die Odessiten gelten gemeinhin als ein ganz eigenes Völkchen, sind sie doch die Nachfahren abenteuerlustiger Siedler, die dem Ruf Zarin Katharinas folgten und lieber mit Sack und Pack ins unbekannte Neurussland zogen, als in ihren Heimatländern bei Armut, Despotismus und Handelsbeschränkungen zu versauern. Ein bisschen despotisch war Katharina zwar auch veranlagt, verfügte aber über eine sehr wichtige Gabe: den richtigen Mann für den richtigen Job auszuwählen. Für ihr Neurussland-Projekt, das als Wiedererstehung des mythischen Tauris´ (das mit Iphigenie, wohlgemerkt) gefeiert wurde, setzte sie Grigorij Potjomkin ein, der innerhalb weniger Jahre die Osmanen vertrieb, befestigte Städte baute und die Besiedlung organisierte. (Für alle, die es noch nicht wissen: das mit den „potemkinschen Dörfern“ ist nichts anderes als die üble Nachrede eines sauertöpfischen deutschen Diplomaten). Für Odessa selbst war jedoch der Herzog von Richelieu zuständig, Urenkel/Großneffe/jedenfallsVerwandter des berühmten Kardinals, der sich derart um den Aufbau der Stadt verdient machte, dass er heute noch am oberen Ende der Treppe die Besucher willkommen heißt:

Tadaa. Leider habe ich kein wirklich schönes Bild der Treppe, da sie entweder von Kärchern, Filmcrews oder ukrainischen Patrioten besetzt war (selbst schuld, wenn man zum nationalen Unabhängigkeitstag dort aufkreuzt), aber sie sieht heute noch genau so aus, nur mit deutlich verwilderterem Park. Aber die beiden Häuser oben sind noch da, und ebenso die Statue Richelieus.

Und nun noch ein bisschen jahrhundertealter Klatsch und Tratsch: Katharina die Große, an der man in dieser Gegend einfach nicht vorbeikommt, was aber deutlich besser ist als die andernorts notorischen Lenin-Statuen, war ja für ihren, sagen wir es nett, sexuellen Appetit bekannt. So schlimm war sie wohl gar nicht, aber sie führte eine dauerhafte „offene Beziehung“ mit Potjomkin, der quasi ihr Mitregent war und den sie womöglich sogar heimlich geheiratet hatte. Heimlich deswegen, weil sie per Staatsstreich ihren eigenen Mann abgesetzt hatte, dann lange Zeit mit ihrem Mitverschwörer Grigorij Orlow liiert war und nicht recht wagte, ihn zu verlassen, weil er die besseren Kontakte zum Militär hatte, und es aus all diesen Gründen für sie politisch unklug gewesen wäre, eine erneute Ehe einzugehen, zumal die alte formal noch galt und sie damit die orthodoxen Gläubigen verärgert hätte. Mehr als so schon, meine ich. Da sie und Potjomkin es aber auf die Dauer auch nicht miteinander aushielten, starke und schwierige Charaktere, die sie wohl waren, blieben sie zwar in enger Verbindung, Katharina erwählte sich aber, ganz im Sinne der seriellen Monogamie, eine Reihe Liebhaber, von denen sie sich abseits der Staatsgeschäfte echte Zuwendung und reine Harmonie erhoffte, die sich aber in unterschiedlichen Graden als treulos oder machtgierig erwiesen, und der eine, der es nicht tat, erlag einer Krankheit. Dennoch legte Potjomkin ihr gewissermaßen Neurussland als Zeichen seiner Ergebenheit zu Füßen, blieb engster Berater der Zarin und erhielt freien Zugang zum Staatsschatz, den er unter anderem in seinen verschwenderischen Lebensstil investierte. Und in den Bau einer heute noch sehenswerten Stadt.

Oben Katharina, vorn Potjomkin. Links, kaum erkennbar, Platon Subow, Generalgouverneur vom Neurussland und Katharinas letzter Lover, rechts Jose de Ribas, der die Osmanen verjagte und ersters Oberbürgermeister wurde, hinten (nicht sichtbar) der Ingenieur und Architekt Franz de Volan.

Und damit keiner denkt, in Odessa gäbe es nur staatstragende Denkmäler:

Dem unbekannten Papierfliegerbastler

Dem unbekannten Papierfliegerbastler

Krim und Alkoholschmuggel müssen heute aus Zeitgründen leider entfallen, werden aber alsbald  nachgeholt.

Herr G.

Herrn G. kenne ich seit einer Hausarbeit im Strafrecht, und auch wenn ich ihm nie begegnet bin, weiß ich einiges über ihn: dass er 2002 ein Kind entführt und getötet hat, die Eltern aber im Glauben ließ, es lebe noch, um 1 Million Euro Lösegeld zu kommen. Dass er von der Polizei nach der Geldübergabe gefasst wurde, sich aber weigerte, den Aufenthaltsort des Kindes preiszugeben. Dass Herr D., der zuständige Kommissar, irgendwann vermutlich die Nerven verlor und drohte, er werde ihm von einem eigens dazu ausgebildeten Experten Schmerzen zufügen lassen, die „unvorstellbar“ seien. Dass Herr G., dem es nicht schwerfiel, ein Kind zu töten, plötzlich Angst um seine Haut bekam und das Versteck verriet, wo die Polizei nur noch eine Leiche fand.

Gestern nun bekam Herr G., der sich aufgrund der Drohung des Herrn D. „psychischen Spätfolgen“ ausgesetzt sah, vom Landgericht Frankfurt eine Entschädigung zugesprochen (Muriel hat dazu in Kurzfassung auch schon das Wesentliche gesagt). Ich fasse mich hingegen etwas länger, weil ich nämlich diese Hausarbeit damals unter Zähneknirschen und langen, heftigen Diskussionen mit anderen und mir selbst verfasst habe und mich jetzt ein klein wenig bestätigt sehe. Witzigerweise kommt das Landgericht Frankfurt zu denselben Ergebnissen wie ich damals, nämlich das die Drohung rechtswidrig und verwerflich war, und beim Lesen der Kommentare zum FAZ-Artikel habe ich gerade fast meine Tischkante durchgebissen:

„Hier hat man eine Passage zwar wohl korrekt angewendet- damit aber das Recht eines Kindes auf Leben weit unter das Recht eines Mörders auf eine psychologisch korrekte Befragung gestellt.“

„Dann wären alle diese Spielchen mit der Justiz durch nichts zu bremsen – es sei denn, die Gerichte würden ihm einen Strich durch die Rechnung machen und seine Anträge rigoros ablehnen. Aber es ist zu befürchten, dass unser gepriesener Rechtsstaat auch da einknicken wird.“

„Das Recht auf Freiheit kann z.B. eingeschränkt werden, ist also kein absoluter Inhalt des GG. Dasselbe muss mit der Folter geschehen! Das Beispiel Gäfgen zeigt (jedenfalls für meine „Weisheit“), dass das absolute Folterverbot in Gegensatz zum Lebensrecht eines anderen stehen kann. Es ist schlicht falsch, denn, das behaupte ich: Es steht im Gegensatz zur moralischen Einsicht JEDES Menschen, der einen Fall wie diesen besonnen betrachtet.“

„Sich dermaßen schützend vor dieses Nichtindividuum zu stellen ist Hohn, Zynismus und Arroganz den Angehörigen des Opfers gegenüber. Habe ich schon seit längerer Zeit das Empfinden, daß die Wahrnehmung unserer Politiker mit meiner Weltanschauung kollidieren, so habe ich ab heute den letzten Millimeter Vertrauen in unsere Rechtssprechung verloren. Ich schäme mich für dieses Rechtsempfinden, was ausschließlich die Täter schützen soll.“

Wir vergessen bitte mal kurz, dass wir eine Verfassung haben. Wir vergessen bitte weiterhin, dass sich darin die Artikel 103 und 104 finden, die die Rechte Beschuldigter im Verfahren regeln, und vor allem ignorieren wir Artikel 104 I S.2. Wir vergessen deren einfachgesetzliche Ausgestaltung in § 136a StPO, der ausdrücklich und für jedermann lesbar die Androhung von Misshandlungen verbietet, und zu guter Letzt vergessen wir Artikel 1 der Verfassung, der „Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung“ an die Menschenwürde bindet. Und wie wir das bei Orwell im „Doppeldenk“ gelernt haben, vergessen wir, was wir da eben vergessen haben, und dann, dann können wir sorglos solche Kommentare verfassen.

Herr G. sitzt im Gefängnis, und da wird er auch lange bleiben. Er ist rechtskräftig verurteilt, einen Menschen ermordet zu haben, das ändert aber nichts daran, dass er mit Methoden befragt wurde, die sich außerhalb dessen bewegen, was die Verfahrensvorschriften und auch die Verfassung für eine Befragung zulassen (dort steht nicht: „Festgehaltene Personen dürfen weder seelisch noch körperlich misshandelt werden, solange sie nichts allzu Schlimmes gemacht haben.“) Herr G. wurde also zumindest durch Nötigung in seiner Entschließungsfreiheit beeinträchtigt, und das ist genauso ein Rechtsgut wie alle anderen auch. Herr G. weiß das, denn er hat Jura studiert, und er weiß auch, im Gegensatz zu dem aufgebrachten Mob den FAZ-Kommentatoren, dass die Justiz nüchtern nach der Rechtslage entscheidet, und nicht nach Emotionen. Er bekommt keinen Ausgleich dafür, dass er ein Mörder ist oder dafür, dass er verurteilt wurde, sondern dafür, dass in seinem Verfahren etwas nicht so gelaufen ist, wie es sollte. Wenn eine Regel, die dem Schutz des Beschuldigten dient (denn auch solche haben Menschenwürde, die spricht ihnen keiner erst zu), gebrochen wird, dann verlangt das nach einer Sanktion, denn offensichtlich passiert dann etwas, was die Rechtsordnung grundsätzlich missbilligt. Und das ganze Ding heißt nicht Rechtsstaat, damit sich alle gut fühlen, sondern damit jeder, vom Vorzeigebürger bis zum miesesten Kriminellen, darauf vertrauen darf, nach allgemein gültigen Regeln behandelt zu werden, die nicht disponibel sind, weder im Positiven noch im Negativen. Dass es bei deren Umsetzung hapert, dass die Justiz auf diversen Augen manchmal blind ist und es bisweilen Urteile gibt, die irgendwie zwischen absurd und empörend changieren, streite ich nicht ab. Dass es aber nicht an der Justiz ist, ein moralisches Urteil zu fällen, sondern nur die Rechtslage zu beurteilen, kann man gar nicht oft genug sagen.

Und dass Herr G. schwer einen Knick weg haben muss, wenn er ein Kind umbringt, sich dann aber beschwert, dass man ihm wehtun wollte, ist eine andere Frage, die nicht das Recht zu klären hat. Genauso wie es Herrn D. unbenommen bleibt, sich über das Folterverbot hinwegzusetzen – er kann die Strafe in Kauf nehmen, und ich persönlich würde es vielleicht genauso machen. Aber ein Rechtsstaat kann doch nicht damit anfangen, Ausnahmen von seinem vornehmsten Verfassungsgrundsatz zu machen, und auch wenn ich kein großer Fan von Dammbruchargumenten bin: Wann fangen wir an zu foltern, und wann hören wir wieder auf? Beim Terroristen, der ein vollbesetzes Stadion sprengen will? Beim Entführer, dessen Opfer möglicherweise irgendwo in einer Waldhütte erfriert? Beim millionenschweren Steuerhinterzieher? Beim Hacker, der nicht verraten will, wie man den Wurm stoppt, den er ins Kanzleramt eingeschleust hat, und der jetzt immer Hitlervergleiche in die Pressemitteilungen einbaut?

Was mich am meisten erschreckt, ist der große Anteil der Zeitgenossen, die viele dieser Fragen mit „Ja“ beantworten würden. Als sei Folter überhaupt ein effektives Instrument – man drückt auf den Knopf, und schon kommt die gewünschte Information. „Intensiver nachfragen“, dass ich nicht lache, Herr Witthaut. Seien Sie wenigstens ehrlich und nennen es „peinliche Befragung“, und wozu lernen Polizisten dann überhaupt Verhörtechniken und werden nicht gleich dazu ausgebildet, mit Kneifzangen kreative Dinge am Verdächtigen anzustellen? Ohne mich in praxi damit auszukennen, würde ich behaupten, dass die meisten „peinlich Befragten“ entweder a) fanatisiert genug sind, sogar Folter zu widerstehen, oder b) auf Zeit spielen und Irreführendes von sich geben, c) gar nichts wissen und verzweifelt irgendwas erfinden, um die Situation zu beenden, oder d) unter klassischen Befragungsmethoden genauso viel verraten würden. In keinem Falle gewinnt die Polizei irgendwas, sondern verliert nur Zeit beim Überprüfen von Angaben, die den Rechtsbruch nicht wert sind, durch den sie gewonnen wurden. Auch wenn die meisten Folterszenarien eine eindeutige Auflösung der Situation suggerieren, sobald man nur „intensiver nachfragen dürfte“ (große Güte, Herr Witthaut, sie haben mir echt den Tag verdorben), halte ich genau das für den Denkfehler, der emotional zwar völlig nachvollziehbar ist, uns aber rechtsstaatlich betrachtet in die Steinzeit zurück katapultieren würde.

Fernweh (I)

Einer der Nebeneffekte, wenn man versucht, sich an sechs Stunden Lernen pro Tag zu gewöhnen, ist, neben Rückenschmerzen vom vielen Sitzen, der deprimierende Gedanke, dass ich in diesem Jahr keinen Urlaub mehr kriege. Anstatt wie in den beiden letzten Jahren in der Ukraine auf Erkundungstour zu gehen, entdecke ich nur Wissenslücken, dafür immerhin solche von der Größe Australiens. Und mit jeder neu entdeckten Wissenslücke wächst der Fluchtreflex. Zum Beispiel wäre ich gern wieder in Krakau, wo es neben dem fabelhaft warmen und trockenen galizischen Sommer eine der besten Chocolaterien überhaupt gibt:

Ein erfolgreicher Besuch bei Wedel auf dem Marktplatz

Nicht zu verachten sind auch die nächtlichen Feuershows:

Von Krakau reist es sich dann gut weiter nach Lemberg, wo es jede Menge barocke und sonstige Kirchen gibt, wo man sich schonmal an die in der Ukraine allgegenwärtige Mischung aus hochherrschaftlicher Bausubstanz, gemäßigtem Verfall und Werbung in schreienden Farben gewöhnen kann. Außerdem an die allgegenwärtigen Statuen des Nationaldichters Taras Schewtschenko, an das Bedürfnis, dringend dieses oder jenes Jugendstilhaus kaufen und renovieren zu wollen, und, zumindest die des Ukrainischen nicht Mächtigen, an diverse Verständigungsprobleme, wobei so nahe der Grenze Polnisch zumindest verstanden wird, jedenfalls bekam ich beim Einkaufen immer das Richtige.

Der Lemberger Marktplatz

Bei der Gelegenheit empfiehlt sich ein Abstecher nach Brody, Germanisten und interessierten Laien bekannt als Geburtsstadt Joseph Roths, die genau so im Nirgendwo liegt, wie ich es mir beim Lesen von „Radetzkymarsch“ immer vorgestellt habe: 18 Stunden Zugfahrt, die „letzte östliche Bahnstation der Monarchie“, auf deren geräumigem Ringplatz sich immer noch die zwei großen Straßen kreuzen, von denen die eine von der Schlossruine zur Dampfmühle führt (auch wenn die Runie noch ruiniger ist als zu Roths Zeiten und die Dampfmühle gar nicht mehr da), und die andere vom Bahnhof zum Friedhof. Einem jüdischen Friedhof, wohlgemerkt, den die damals prosperierende Broder Gemeinde irgendwann am Anfang des 20. Jahrhunderts erworben hat, ein riesiges Areal, dessen größten Teil sie nie gebraucht hat. Dieses Friedhofsgelände ist einer der melancholischsten und deprimierendsten Orte, die ich jemals besucht habe, denn wenn man an all diejenigen denkt, die friedlich dort in der Erde ruhen sollten, wo jetzt Wildwuchs herrscht, bekommt das Celansche „Grab in den Lüften“ eine völlig neue Bedeutung.

Wer sich dann traut, kann von Brody aus mit Überlandbussen, auf deren Dach in der prallen Sonne die Gasflaschen festgezurrt sind, weiterfahren, zum Beispiel Richtung Czernowitz am Rande der Karpaten, wo Paul Antschel, später Celan, herstammt. Czernowitz zu fotographieren ist tendenziell sinnlos, da die Stadt, auf einem Hügel mitten in der Ebene gelegen, vor allem in der langen Dämmerung in einem ganz besonderen Licht schwimmt, dass ich so noch nirgendwo gesehen habe und das vielleicht auch den gern kolportierten Ausspruch erklärt, in Czernowitz seien die Bürgersteige nur mit Rosen gekehrt worden.

Nur ein blasser Abglanz der langen Czernowitzer Dämmerung

Reist man von da aus östlich und knickt dann mit der ukrainisch-moldawischen Grenze nach Süden Richtung Schwarzes Meer, muss man unweigerlich durch die Steppe. Hier endet die West-Ukraine, die wahlweise zu Polen oder Österreich-Ungarn gehörte, und, man möge es mir verzeichen, aber die asiatischen Steppen fangen da schon an. Ein ganzer Landstrich wurde besiedelt, von den Osmanen erobert, zurückerobert, zurück-zurückerobert, bis Kaiserin Katharina die Große das damalige „Neurussland“ gründlich unter russische Herrschaft brachte und die Osmanen aus diesem Gebiet vertrieb.

Die Peter-und-Paul-Kathedrale in Kamjanec-Podilsky: von den Osmanen erobert, mit Minarett versehen, und bei der Zurückeroberung pflanzte man einfach eine Madonna oben aufs Minarett drauf. Das nenn ich mal beiderseitige architektonische Gehässigkeit.

Aber wir wollten ja ans Schwarze Meer. In der nächsten Folge: ein außerordentlich dickes Kind in Klein-New York, warum man den Osten der Halbinsel Krim tunlichst meiden sollte und was Kafka mit Alkoholschmuggel zu tun hat.