Fernweh (I)

Einer der Nebeneffekte, wenn man versucht, sich an sechs Stunden Lernen pro Tag zu gewöhnen, ist, neben Rückenschmerzen vom vielen Sitzen, der deprimierende Gedanke, dass ich in diesem Jahr keinen Urlaub mehr kriege. Anstatt wie in den beiden letzten Jahren in der Ukraine auf Erkundungstour zu gehen, entdecke ich nur Wissenslücken, dafür immerhin solche von der Größe Australiens. Und mit jeder neu entdeckten Wissenslücke wächst der Fluchtreflex. Zum Beispiel wäre ich gern wieder in Krakau, wo es neben dem fabelhaft warmen und trockenen galizischen Sommer eine der besten Chocolaterien überhaupt gibt:

Ein erfolgreicher Besuch bei Wedel auf dem Marktplatz

Nicht zu verachten sind auch die nächtlichen Feuershows:

Von Krakau reist es sich dann gut weiter nach Lemberg, wo es jede Menge barocke und sonstige Kirchen gibt, wo man sich schonmal an die in der Ukraine allgegenwärtige Mischung aus hochherrschaftlicher Bausubstanz, gemäßigtem Verfall und Werbung in schreienden Farben gewöhnen kann. Außerdem an die allgegenwärtigen Statuen des Nationaldichters Taras Schewtschenko, an das Bedürfnis, dringend dieses oder jenes Jugendstilhaus kaufen und renovieren zu wollen, und, zumindest die des Ukrainischen nicht Mächtigen, an diverse Verständigungsprobleme, wobei so nahe der Grenze Polnisch zumindest verstanden wird, jedenfalls bekam ich beim Einkaufen immer das Richtige.

Der Lemberger Marktplatz

Bei der Gelegenheit empfiehlt sich ein Abstecher nach Brody, Germanisten und interessierten Laien bekannt als Geburtsstadt Joseph Roths, die genau so im Nirgendwo liegt, wie ich es mir beim Lesen von „Radetzkymarsch“ immer vorgestellt habe: 18 Stunden Zugfahrt, die „letzte östliche Bahnstation der Monarchie“, auf deren geräumigem Ringplatz sich immer noch die zwei großen Straßen kreuzen, von denen die eine von der Schlossruine zur Dampfmühle führt (auch wenn die Runie noch ruiniger ist als zu Roths Zeiten und die Dampfmühle gar nicht mehr da), und die andere vom Bahnhof zum Friedhof. Einem jüdischen Friedhof, wohlgemerkt, den die damals prosperierende Broder Gemeinde irgendwann am Anfang des 20. Jahrhunderts erworben hat, ein riesiges Areal, dessen größten Teil sie nie gebraucht hat. Dieses Friedhofsgelände ist einer der melancholischsten und deprimierendsten Orte, die ich jemals besucht habe, denn wenn man an all diejenigen denkt, die friedlich dort in der Erde ruhen sollten, wo jetzt Wildwuchs herrscht, bekommt das Celansche „Grab in den Lüften“ eine völlig neue Bedeutung.

Wer sich dann traut, kann von Brody aus mit Überlandbussen, auf deren Dach in der prallen Sonne die Gasflaschen festgezurrt sind, weiterfahren, zum Beispiel Richtung Czernowitz am Rande der Karpaten, wo Paul Antschel, später Celan, herstammt. Czernowitz zu fotographieren ist tendenziell sinnlos, da die Stadt, auf einem Hügel mitten in der Ebene gelegen, vor allem in der langen Dämmerung in einem ganz besonderen Licht schwimmt, dass ich so noch nirgendwo gesehen habe und das vielleicht auch den gern kolportierten Ausspruch erklärt, in Czernowitz seien die Bürgersteige nur mit Rosen gekehrt worden.

Nur ein blasser Abglanz der langen Czernowitzer Dämmerung

Reist man von da aus östlich und knickt dann mit der ukrainisch-moldawischen Grenze nach Süden Richtung Schwarzes Meer, muss man unweigerlich durch die Steppe. Hier endet die West-Ukraine, die wahlweise zu Polen oder Österreich-Ungarn gehörte, und, man möge es mir verzeichen, aber die asiatischen Steppen fangen da schon an. Ein ganzer Landstrich wurde besiedelt, von den Osmanen erobert, zurückerobert, zurück-zurückerobert, bis Kaiserin Katharina die Große das damalige „Neurussland“ gründlich unter russische Herrschaft brachte und die Osmanen aus diesem Gebiet vertrieb.

Die Peter-und-Paul-Kathedrale in Kamjanec-Podilsky: von den Osmanen erobert, mit Minarett versehen, und bei der Zurückeroberung pflanzte man einfach eine Madonna oben aufs Minarett drauf. Das nenn ich mal beiderseitige architektonische Gehässigkeit.

Aber wir wollten ja ans Schwarze Meer. In der nächsten Folge: ein außerordentlich dickes Kind in Klein-New York, warum man den Osten der Halbinsel Krim tunlichst meiden sollte und was Kafka mit Alkoholschmuggel zu tun hat.

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