Die vier Stadien der Langeweile

Es gibt Jobs, für die kann man gar nicht unterqualifiziert genug sein. [Seitenhiebe auf Journalisten, Politiker oder Bahnvorstände bitte selbst einsetzen.] Löcher in Rohre stanzen, beispielsweise. Besonders dieses ist, da nicht einmal der Form nach mit geistigem In- oder Output verbunden und jeglicher Kommunikation völlig abträglich, weil ohrenverstöpselt in lauten Fabrikhallen stattfindend, vermutlich schon eine Vorstufe zur Sensory Deprivation, und nach 8 Stunden an der Hydraulik-Presse ist der Tag gelaufen. Bis dahin passieren allerdings lustige Dinge mit dem menschlichen Verstand.

Anfangs ist das Ganze ja noch spannend – man hat eine monströs große hydraulische Presse vor sich, die auf Knopfdruck mehrere Tonnen herabsenkt, um unschuldigen kleinen Stahlrohren brutale Dinge anzutun, und dann muss man diese kleinen Stahlrohre ja auch noch feststecken, damit sie nicht abhauen, also quasi auf der Folterbank festschnallen, umsetzen, neue einlegen… ungeheuer faszinierend. So für drei Minuten. Dann tut der eintönige Arbeitsablauf seine Wirkung, die Angst, ein Rohr „irgendwie falsch“ einzulegen, verschwindet, und man erlebt das erste Stadium der Langeweile: mäßiges Desinteresse. Unterbrochen wird das gelegentlich durch Capricen der Maschine (es hat wohl seinen Grund, dass es die Maschine heißt und auch die Presse), die wesentliche Kleinteile ihrer selbst zerlegt, der man den Lochstanzabfallausführkanal freiräumen muss oder mühsam ein Metallplättchen mit ca. 3 mm Durchmesser irgendwo herausprokeln, wo es den Pressvorgang stört. Oder irgendwas hängt in der Lichtschranke. Das Rohr geht nach erfolgter Stanzung nicht aus der Form und muss unter Einsatz von Brachialgewalt herausgezerrt werden, wonach es vermutlich nicht mehr für das brauchbar ist, wofür es gestanzt wurde.

Nach dem einunddrölfzigsten festhängenden Metallplättchen machen sich die Nebennieren aber schon nicht mehr die Mühe, ein bisschen Adrenalin beizusteuern, lässig fegt der stolze Pressenbediener die Pressbolzenhalterung frei und stanzt weiter. Und weiter. Immer weiter. Es folgt das zweite Stadium der Langeweile: Zwanghaftes Zählen von Sekunden, Minuten und Rohren. Schon fünf nach Zwei. Sechs nach Zwei. Das dritte Rohr ist fertig. Acht nach Zwei. Vier Minuten vor viertel Zwei, 180 Sekunden seit dem letzten Blick auf die Uhr. Noch ein Rohr. Frust. Viertel Zwei. Zehn Rohre. In der Produktion sieht man wenigstens, was man macht. Hier werden Löcher produziert. Eine Minute nach Viertel Zwei. Acht Stunden Schicht, das macht 480 Minunten, das sind 28.800 Sekunden. Ein Rohr ungefähr aller zwanzig Sekunden, das macht 1.440 Rohre, wenn es denn glatt liefe, sämtliche kleineren Pannen mitgerechnet, sind es wohl eher dreißig Sekunden, die auf ein Rohr kommen, das sind dann 960 Rohre pro Schicht, macht dann an 20 Arbeitstagen insgesamt… undsoweiter. Irgendwann sind die Rohrzahlen bei allen möglichen Pannenkonstellationen berechnet, der Stundenlohn im großen Einmaleins durchexerziert, und kurz bevor man aus Verzweiflung anfängt, Finger, Augen oder Haare seiner Mitmenschen, sofern keine vorhanden, seiner selbst, zu zählen, kommt das dritte Stadium: Gleichmut. Rohr einlegen, Knopf drücken, Rohr umstecken [ad infinitum] geht automatisch, Pannenbeseitigen geht auch automatisch, der Geist wird frei, wehrt sich nicht mehr gegen die Monotonie, der Mensch ist an der Maschine mit seinen Gedanken so allein wie nur selten sonst und kann sich geistig Dingen widmen, die ihm vorher nie eingefallen wären. Nun wissen wir auch, wie die Arbeiterbewegung entstanden ist. Eventuell treten in diesem Stadium, vor allem, wenn man mit manchen Gedanken nicht gern allein ist, auch Halluzinationen auf. Sankt-Elms-Feuer am Presskolben, Gesichter im Schmieröl, Stimmen im Pressgeräusch der Maschine („Krrks. Ssssssst. Bchchchch. Tk.“) Satanische Botschaften. Klassenlose Gesellschaft. Inzwischen ist der eigene Körper ein Teil der Maschine, der Bewegungsablauf funktioniert völlig entkoppelt vom Großhirn, dem die Entkopplung gar nicht gut tut. Mehr Löcher. Sechs Löcher pro Rohr, das macht im Schnitt inklusive kleinerer Pannen 5.760 Löcher pro Schicht. Das ganze Hirn wird ein Loch, und zwar ein Schwarzes.

Falls ihr nichts mehr von mir hört, liegt das daran, dass ich ins vierte Stadium gefallen bin und mich nicht nur wie ein Maschinenteil fühle, sondern auch nur noch so äußern kann. Krrks. Ssssssst. Bchchchch. Tk. Krrks. Ssssssst. Bchchch. Tk. Krrks…

4 Kommentare

  1. Die Gedanken sind frei…
    Diese mikrigen Ohrenstöpsel sind Pflicht? Unter schön großem Kapselhörschutz lässt sich wunderbar der MP3-Player verstecken.

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    1. Sagen wir´s so, es sind die einzigen, die´s da gibt, und meinen MP3-Player habe ich vergessen, als ich zum Arbeiten temporär umgesiedelt bin. Doof, ich weiß. Herzlich willkommen übrigens^^.

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    1. Mit meinem Talent, Sachen runterzuschmeißen, Dinge zu verwechseln und Leute vor den Kopf zu stoßen?^^ Da bin ich in ner Fabrik fast besser aufgehoben… und besser bezahlt *hüstel*

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