Monat: Januar 2012

52 Bücher, Woche 13: Monster

Wer mit Fellmonstern spielt, der muss früher oder später damit rechnen, dass etwas Monströses passiert, und demzufolge lautet das Bücherthema heute Monster.  Meine allererste Assoziation hat besagtes Fellmonster auch gehabt, und deswegen kann ich hier nicht über Christian Mosers „Monster des Alltags“ schreiben, was eigentlich ganz gut gepasst hätte, da ich nach den doch eher schwermütigen Kinderbüchern wieder was Heiteres bringen wollte. Allerdings ist mir heute insgesamt nicht besonders heiter zumute, ich fürchte, da müsst ihr nochmal durch eine düstere Lektüre durch.

Als Zweites fiel mir die typische Assoziation Monster –> Psychopathen, Massenmörder u. dergl. ein. Über Jean-Baptiste Grenouille habe ich hier schon kurz geschrieben, aber da der ziemlich glatt als Monster durchgeht, wäre das zu einfach. Dann sinnierte ich vor dem Bücherregal eine Weile über einer Stalin-Biographie, der ich mich dann doch nicht gewachsen fühlte. Und dann lächelte mich aus einer dunklen Ecke des Bücherregals ein Band mit schwarzem Rücken und einem weißen „M“ wissend an, und ich hatte mein Monster für heute: ein Remake von Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ als Graphic Novel, bearbeitet von Jon J Muth mit einem unglaublichen Aufwand: die Rollen wurden mit Freunden, Anghörigen oder Fremden neu besetzt, die Szenen fotographiert, die Fotos als Skizzengrundlage verwendet und mit Silberstift, Holzkohle, Graphit, Pastell- und Ölfarben nachbearbeitet.

„Während ich zeichnete und malte, passierte etwas Interessantes. Egal welches Gefühl ein Foto hervorrief, jedesmal, wenn ich es als Zeichnung umsetzte, evozierte die Zeichnung eine andere Bandbreite an Emotionen als das Foto. […] Die vorherrschende Stimmung des Bandes ist von Trauer, Verlust und Sehnsucht gekennzeichnet. Das war eine Entdeckung, und nicht meine Absicht.“

schreibt der Autor im Nachwort, wobei Trauer, Verlust und Sehnsucht wohl adäquat sind, wenn es um einen derartig harten Tobak von einer Geschichte geht. In einer großen Stadt, in der die Leute „Icke“ sagen, und „Jören“, verschwindet Elise Beckmann. Den Fremden, der ihr einen Luftballon schenkt, bekommen wir nicht zu Gesicht, dafür ihre Mutter, die mit dem Abendessen vergeblich auf sie wartet. Elsie ist nicht das einzige Kind, das verschwindet, die Bevölkerung gerät in Hysterie, und die täglichen Razzien der Polizei verderben den Unterweltbossen, der „Ringorganisation“, die Geschäfte, sehr zum Ärger ihres Vorsitzenden, des Schränkers. „Wir üben unseren Beruf aus, weil wir existieren müssen. Aber diese Bestie hat kein Recht zu existieren. Die muss weg!“, sagt ein anderer. Mithilfe der Bettler überwachen sie die Stadt, und ein blinder Luftballonverkäufer gibt schließlich den entscheidenden Hinweis (der Mörder, Hans Becker, pfeift immer diesselbe Melodie). Dank eines weißen „M“ auf dem Rücken können ihn die Häscher der Unterwelt schließlich in einem leerstehenden Bürogebäude in die Enge treiben, fangen und ihm einen Prozess mit von vornherein klarem Ausgang machen, während die Polizei mit etwas rechtsstaatlicheren Methoden ihren Ermittlungsrückstand langsam aufholt.

In der an sich nicht allzu komplizierten Geschichte steckt jede Menge, darunter auch eines meiner Lieblingsthemen, über das ich anlässlich Herrn Gs. schon mal geschrieben habe: auch Mörder, auch Kindesmörder, von Boulevard-Medien und in Kommentarspalten gern „Monster“ o.ä. genannt, haben ein Recht auf einen fairen Prozess. Hans Becker gesteht vor der versammelten Unter- und Halbwelt, dass er morden muss, dem Drang gar nicht entkommen kann: „Es ist einer hinter mir her… lautlos. Das bin ich selber! […] Und mit mir rennen die Gespenster. Gespenster von Müttern. Von Kindern. Die geh´n nie mehr weg. […] Wie ich´s tun muss! Will nicht! Muss! Will nicht!“ Das heißt nicht, dass er frei sein darf, oder, wie sein Verteidiger es so schön sagt: „Einen kranken Menschen übergibt man nicht dem Henker, man übergibt ihn dem Arzt.“ (Oder der Sicherungsverwahrung.) Er wird allerdings von einer aufgebrachten Meute niedergeschrien. Kurz bevor es zum Lynchmord kommt, wird Becker von Kommissar Lohmann gerettet. Im Film erhält er dann von der „regulären“ Justiz das Todesurteil, in einer überarbeiteten Fassung und auch in der Graphic Novel endet die Geschichte ohne Urteilsverkündung mit der lapidaren Feststellung „Man muss halt auf die Kleinen besser aufpassen.“

Jon J Muth (und, ich nehme mal an, auch Fritz Lang, den Film muss ich erst noch gucken) zeigen detailreicher, als ich es jetzt hier ausführen kann, alle Facetten: das Leid der Mütter, die fieberhafte Suche der Polizei, die Wut der Gangster. Die Hoffnung des Lesers, Becker möge endlich gefasst werden, schlägt plötzlich um, der Schränker, dem es vor allem um seine Geschäfte geht, schwingt sich zum Herrn über Leben und Tod auf und der Kommissar kommt „gerade noch rechtzeitig“ für jemanden, für den wir eigentlich keinerlei Sympathie empfinden. Wofür das M steht – Mörder, Monster, oder doch Mensch- , muss jeder selbst entscheiden.

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52 Bücher, Woche 12: Tier im Titel

Jemine, das Motto beim Fellmonster für diese Woche lautet: Ein Buch mit einem Tier im Titel. Nach längerem Nachdenken fallen mir da zwei Kinderbücher ein, die ich früher bis zur Zerfledderung gelesen und wieder gelesen habe: „Fridolin, der freche Dachs“ von Hans Fallada und „Weißfleck“ von Wolfgang Zeiske.

Fridolin wächst mit mehreren Dachsgeschwistern in einem behaglichen Bau auf, und da Dachse nicht zählen können, sondern nur eins, zwei und viele unterscheiden, fällt seiner Mutter lange nicht auf, dass ihre Kinder eins nach dem anderen verschwinden – sie hat ja vorher viele (ich glaube, fünf) und nachher auch noch viele (vier, drei). Irgendwann ist Fridolin mit seiner Mutter alleine und jagt sie fort. Der mürrische, einzelgängerische, selbstmitleidige Dachs könnte es so schön ruhig haben, wenn nicht Fuchs Isolein es auf seine Wohnhöhle abgesehen hätte und ihn schließlich mit einer List daraus vertreibt, was Fridolins Laune nicht gerade bessert. Er entdeckt dafür beim Umherirren etwas ganz Wunderbares: die leckere Pflanze Süßwachs. Da die Welt aber ungerecht ist, und besonders ungerecht zu Fridolin, gehört die Pflanze Süßwachs, von den Menschen Mais genannt, dem Bauern Ditzen, der sie nur sehr ungern mit dem Dachs teilen will. Fallada vewendete hier seinen bürgerlichen Namen, da er das Buch ursprünglich für seine Tochter Mücke schrieb, und baute auch einiges andere an Autobiographischem ein. So erklärt die Familie dem Dachs den Krieg, schließlich sogar die Kinder, die ihn eigentlich ganz knuffig finden, und ich habe leider keine Ahnung mehr, wie das Buch genau ausgeht. Fridolin und Vater Ditzen streiten sich unter Aufbietung immer extremerer Mittel um das Feld mit Pflanze Süßwachs, und aus der Perspektive des Dachses erlebt der Leser, wie Ditzen scheitert, sich dem Trunk ergibt und (hier bin ich mir aber nicht sicher) seine Familie zerbricht (es würde insofern passen, als dass im Erscheinungsjahr von „Fridolin“, 1944, Fallada geschieden wurde). Eigentlich ist es ein ziemlich melancholisches Buch, und Fridolin ist weniger frech als vielmehr rücksichtslos.

Weißfleck ist kein Dachs, sondern ein Rehbock mit einer weißen Narbe auf dem Rücken, und die entkitschte Version von Bambi. Dank der Narbe, die er sich als Kitz geholt hat, erkennt ihn der Förster immer wieder, und anstatt ihn zu schießen, werden Mensch und Rehbock gewissermaßen alte Bekannte. Weißfleck durchlebt ein normales Rehleben, was ziemlich unspannend klingt, ich aber damals toll fand, zumal es recht eindrücklich geschrieben ist: wie Weißfleck und sein Geschwisterchen als Kitze auf ihre Mutter warten und sich ins hohe Gras ducken, um von den Raubvögeln übersehen zu werden; wie er sich in einem harten Winter die Fesseln verletzt, als er versucht, an Wasser zu kommen, und schließlich, wie der Förster nach einer Gewitternacht nach Weißfleck suchen geht und zu dem alten, freistehenden Baum kommtt, unter den sich der Rehbock manchmal flüchtete und der jetzt durch einen Blitzschlag geborsten ist. Der Förster meint, etwas Braunweißes zu erkennen und riecht mehr als nur verbranntes Holz. Und damit endet das Buch. Ganz ehrlich: den Tod von Bambis Mutter fand ich harmlos dagegen.

Beides sind also eher untypische Kinderbücher – es wird aus Sicht der Tiere erzählt, Menschen treten wahlweise als Feinde oder zumindest lästige Störenfriede auf, und die Geschichten sind, trotz einiger lustigen Episoden (Fridolin verbeißt sich beispielsweise in die Nase einer Kuh und wird dann von der im Galopp durchs Dorf getragen) ziemlich traurig. Trotzdem gehören beide zu meinen ersten und lebhaftesten Leseerinnerungen, weswegen ich auch keine Lust hatte, mich nur für eines zu entscheiden.

Verwaltungs-Sprech

„Du hast doch mal was mit Sprache studiert, oder?“ fragte mich ein Kommilitione, nachdem ich ihn freundlich darauf hingewiesen hatte, dass der Pressetext, den u.a. er für den FdSSSR verfasst hatte, so voller Fehler war, dass man eigentlich über eine Körperverletzung hätte nachdenken müssen. (Auf diese Pressemitteilung hin meldete sich übrigens tatsächlich ein Lokaljournalist, der dann, weil inzwischen keiner mehr Lust hatte, sich mit dem zugrundeliegenden Thema zu beschäftigen, von unseren Sprechern mit der Begründung abgewiese wurde, diese Mitteilung sei gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen. Aber ich schweife ab.)

In der Tat habe ich mal „was mit Sprache“ studiert, sogar bis hin zum Bachelor, und ich nehme immer noch gern für mich in Anspruch, ein sprachbegabter Mensch zu sein. Das treibt mich beim Jurastudium regelmäßig in die Verzweiflung, denn entgegen eines landläufigen Vorurteils ist Sprachgefühl in der Juristerei nicht nur nicht hilfreich, sondern irritierend bis hinderlich. Je länger ich einen Satz angucke, umso komischer guckt er manchmal zurück, und offenbar guckt er auch alle anderen komisch an. Das führt dann zu epidemischen Ausbrüchen von Definitionitis. Nehmen wir nur mal das allgemeine Verwaltungsrecht, genauer gesagt, die Ausführungen zum Verwaltungsakt, über die ich bis eben gebrütet habe. Der Verwaltungsakt ist in § 35 VwVfG legaldefiniert, die Norm lautet in ihrer ganzen Pacht so:

Verwaltungsakt ist jede Verfügung, Entscheidung oder andere hoheitliche Maßnahme, die eine Behörde zur Regelung eines Einzelfalls auf dem Gebiet des öffentlichen Rechts trifft und die auf unmittelbare Rechtswirkung nach außen gerichtet ist. Allgemeinverfügung ist ein Verwaltungsakt, der sich an einen nach allgemeinen Merkmalen bestimmten oder bestimmbaren Personenkreis richtet oder die öffentlich-rechtliche Eigenschaft einer Sache oder ihre Benutzung durch die Allgemeinheit betrifft.

Über die Worte Verfügung, Entscheidung, hoheitlich, Maßnahme, Behörde, Regelung, Einzelfall, öffentliches Recht und außen herrscht erbitterter Dissens. Maßnahme zum Beispiel wird einmal als „jedes Verhalten mit Erklärungswert“ definiert, somit sei ein Realakt keine Maßnahme. Zieht man in Betracht, dass Verfügung und Entscheidung hier als Unterbegriffe der Maßnahme aufgeführt werden, klingt das nur so lange logisch, wie man davon ausgeht, dass „Maßnahme“ hier synonym zu „Erklärung“ verwendet wird. Ist dann aber ein Realakt (eine tatsächliche Handlung, im Gegensatz zu einem schriftlichen Bescheid) keine Maßnahme, was ja wiederum das Sprachgefühl nahelegt? Grad im Polizeirecht wurde, zumindest, bis es endlich Rechtsschutz auch gegen Realakte gab und nicht nur gegen den Verwaltungsakt, auf Biegen und Brechen eine Willenserklärung auch noch in den willkürlichsten fehlgeleiteten Knüppelschlag eines Polizisten integriert (sog. „Konkludenter Duldungsverwaltungsakt“, weil der Geschlagene implizit dazu aufgefordert worden sei, den Schlag zu dulden). Die Zeiten sind zum Glück schon länger vorbei.

Derselbe allerdings, der der Maßnahme schon Erklärungswert beimisst, nimmt dann beim Begriff der Regelung nochmal eine Abgrenzung vor. Regelung ist demnach die Herbeiführung einer Rechtsfolge. Der Knüppelhieb wäre dann eine Maßnahme mit Erklärungswert, aber ohne Regelungscharakter. Es kann aber auch sein, dass die Regelung die Willenserklärung beinhalten soll, und jetzt kann man sich darüber streiten, ob Regelung außerdem beinhaltet, dass etwas einseitig festgelegt wird, oder ob Regelung auch etwas sein kann, dass zwei Leute auf Augenhöhe vereinbaren (wie zum Beispiel bei öffentlich-rechtlichen Verträgen). Wir wissen immer noch nicht genauer, was nun ein Verwaltungsakt ist, dafür können wir uns überlegen, ob wir hoheitlich als Unterbegriff zu öffentlichrechtlich verstehen wollen oder lieber doch nicht. Um die Ecke lauern schon die notorisch nutzlosen Abgrenzungstheorien zwischen öffentlichem und privatem Recht. (Notorisch nutzlos deswegen, weil eine veraltet ist, eine zu eng gefasst und eine zirkulär.) Außerdem, und das ist kein Witz, streitet man sich in Juristenkreisen gern um den Einzelfall. Wäre die Welt einfach, wäre das eine konkrete Situation, die individuelle Personen betrifft, deswegen heißt der klassische Einzelfall nicht Einzelfall, sondern konkret-individuelle Regelung (eine abstrakt-generelle Regelung ist dann ein Gesetz, weil es eine Vielzahl möglicher Situationen regelt und sich an eine Vielzahl möglicher Adressaten richtet). Da man die Begriffspaare aber so schön durchmischen kann, diskutieren einige, die vermutlich von obiger Vorschrift besonders komisch angeguckt wurden, noch die konkret-generelle Regelung (bestimmbare Situation, unbestimmte Adressaten) und die abstrakt-individuelle Regelung (andersrum), was wiederum andere als „Arabeske theoretischen Durchdeklinierens“ (Hartmut Maurer) für vernachlässigbar erklären. Wir wussten nie weniger, was denn nun ein Verwaltungsakt sein könnte. Willkommen in meiner Welt.

Kafka in Knete

Ursprünglich hatte ich was komplett anderes vor, und vor allem was Ernsthafteres mit einem meiner Kafka-Lieblingstexte. Aber irgendwie endete es damit, dass ich heut Nachmittag meinen ersten Stop-Motion-Film gedreht hab. Das ganze Ding hat natürlich noch seine Kinderkrankheiten, gif ist kein so schönes Format (aber von WordPress hier geduldet, ohne sich ein Upgrade kaufen zu müssen) und das dumme Schnittprogramm hat die Frames teilweise übereinandergeknallt (immer schön, wenn man das Kästchen findet, wo man den Haken wegmachen muss), aber es macht einen Riesenspaß. Also, mir.

52 Bücher, Woche 11: Verfilmungen

Eigentlich wollte ich schon letzte Woche beim dem Bücherprojekt vom Fellmonster mitmachen, weil ich sowieso viel lese und schreibe – ideale Fusion also -, aber das scheiterte an der Aufgabenstellung. Meine Bücher sind zu vertreut für einen Zufallsgriff, und der Würfelteil war mir zu überkomplex. Sei´s drum, heute geht es um: Die beste und die schlechteste Buchverfilmung.

Richtig gut fand ich kürzlich „Game of Thrones“, ich hatte die Bücher von George R. R. Martin schon ein paar Mal im Buchladen in der Hand gehabt, aber irgendwas macht die Übersetzung mit dem Text. Auf Englisch ist das Ganze dreimal spannender, und nachdem ich in kürzester Zeit die erste Staffel verschlungen habe, sind jetzt die Bücher dran. Damit ich aber nicht stundenlang über Sachen schwafele, die ohnehin alle schon kennen, hier mein ganz persönlicher Verfilmungs-Favorit: „The Prestige„, nach dem gleichnamigen Buch von Christopher Priest. Zwei Magier, Robert Angier und Alfred Borden, kämpfen in London Ende des 19. Jahrhunderts um die Gunst des Publikums, die beste Illusion und darum, wer zuerst tot oder wenigstens ordentlich blamiert von der Bühne fällt. Dabei schrecken sie vor Sabotage, Spionage durch reizende Assistentinnen und Mord nicht zurück. Damit enden eigentlich auch schon die Gemeinsamkeiten zwischen Buch und Film – im Buch gibt es eine zusätzliche Rahmenhandlung in der Gegenwart, in der ein junger Mann besessen von dem Gedanken, er habe einen Zwillingsbruder, eben diesen sucht. Diverse Spuren führen ihn zu einem Landsitz, auf dem er nicht nur eine gewisse Kate Angier trifft, sondern auch alte Tagebücher findet, die allmählich auf die Spur beider erwähnter Magier führen. Der Film konzentriert sich auf Angiers vezweifeltes Streben, hinter Bordens besten Trick zu kommen – „The Transported Man“, bei dem er an einem Ende der Bühne verschwindet, um am anderen prompt wieder aufzutauchen. Angier sucht Nikola Tesla auf und lässt sich von diesem einen mysteriösen Apparat bauen, mit dem er offenbar den gleichen Trick vollführen kann, das aber mit einigen finsteren Geheimnissen erkauft. Die Auflösung, die der Film bietet, weicht, zumindest im Falle Angiers, vom Buch stark ab, und kommt mit nur ein bisschen Übersinnlichem aus, während das Buch auf den letzten Seiten für meinen Geschmack entschieden zu stark ins Seltsame abdriftet. Leichen im Keller, sag ich da nur. Viele Leichen. Insofern hat die Verfilmung ihre Vorlage um Längen übertroffen, indem sie, zumindest in meinen Augen, das Wesentliche aus der Geschichte herausdestillierte und ein gleichermaßen begreifbares wie tragisches Ende hinzufügte. So wünscht man sich vielleicht nicht jede Buchverfilmung, aber ich finde diese hier wirklich bemerkenswert.

Bei den schlechten ist die Auswahl riesig, das muss in der Natur der Sache liegen. Vor allem können Buchverfilmungen aus mehreren Gründen schlecht sein: der Film ist handwerklich schlecht gemacht (diverse Harry Potter), die Vorlage ist schon lausig (Verblendung. Ich kann mich nicht an einen lausigeren Plot erinnern – Inzucht, Ritualmorde und Nazis, und das alles 146 Minuten lang.) oder der Film geht voll an dem vorbei, was das Buch eigentlich ausmacht. Da letzteres den schlechtesten Fall einer schlechten Buchverfilmung ausmacht, nehme ich als Nummer 1 der schlechten Buchverfilmungen „Das Parfüm“, geschrieben von Patrick Süskind, verfilmt von Tom Tykwer. Jean-Baptiste Grenouille, was für ein Name. Was für eine Nase. Was für ein Monstrum. Und was für ein schlechter Trick, es am Ende so aussehen zu lassen, als hätte der arme Jean-Baptiste nur ein bisschen geliebt werden müssen, als hätte es nie mit ihm so weit zu kommen brauchen. Ich war mir bei Süskinds Buch nie sicher, wie ich es nun finden sollte, da Grenouille ein durch und durch abstoßender Charakter war, das machte aber gleichzeitig auch seinen Reiz aus. Der Mann (Grenouille, nicht Süskind) musste sich keiner menschlichen Regungen erwehren, er hatte schlicht keine. Und obwohl Tykwers Film an sich vielleicht gar nicht übel ist – wohlgefällig aussehend, schicke Nahaufnahmen, und Alan Rickman spielt mit – nehme ich es ihm schwer übel, dass er Grenouille in seinen letzten Momenten dermaßen weich werden lässt, indem der sich an sein erstes Opfer erinnert und urplötzlich auf die Idee kommt, er hätte ihr ja auch einen Kuss geben können,anstatt sie zu erwürgen. Klar. Da kann man nur sagen: Thema verfehlt, setzen.

Man möchte austreten. Oder zutreten.

Liebe FAS, du hast doch nicht mehr alle Nadeln an der Tanne, und dabei hatte ich ernsthaft darüber nachgedacht, dich zu abonnieren. Dieser Artikel über ein mögliches Umbau-Szenario für den Euro hier  regt mich tatsächlich schon seit letztem Jahr auf, und ich verstehe noch nicht mal was von Ökonomie. Das hält mich natürlich nicht davon ab, meine Meinung in die Welt zu posaunen. Fangen wir doch einfach beim Anfang an.

Eines ist klar: Der Ausstieg muss plötzlich kommen. Würde etwa vorab bekanntwerden, dass die Griechen zur Drachme zurückkehren, würden die Leute ihr Geld von den griechischen Banken abheben und nach Deutschland bringen. Das würde die Banken in beiden Ländern destabilisieren. Deshalb muss alles an einem verlängerten Wochenende passieren, zum Beispiel von Karfreitag bis Ostermontag.

Mit Sachen, über die laut in auflagenstarken Zeitungen spekuliert wird, kann man Leute natürlich wunderbar überraschen. Mal davon abgesehen, dass „die Märkte“, oder besser, „die nervösen Märkte“, solcherart Überraschung sicher lieben werden. Also, ich täte es ganz bestimmt. Wenn ich Markt wäre.

Bislang ist ein Euro-Austritt in den EU-Verträgen nicht vorgesehen. Das lässt sich ändern. Dazu gibt es das sogenannte „vereinfachte Vertragsänderungsverfahren“: Es erlaubt den Regierungschefs, die Regeln im Vertrag zu ändern, ohne dass alle Parlamente in der Eurozone einzeln darüber abstimmen müssen. Zuerst beschließen die Regierungschefs eine Austrittsklausel für die Währungsunion, dann können die betroffenen Länder ihren Austritt tatsächlich erklären.

Das müssten sie natürlich auch heimlich am verlängerten Wochenende machen, damit es keiner mitkriegt. Allerdings ist das „vereinfachte Veränderungsverfahren“, das sich in Artikel 48 des EU-Vertrages findet, gar nicht so einfach. Erst mal muss die angestrebte Änderung dem Europäischen Rat (i.e. den Staats- und Regierungschefs) vorgelegt werden, dann erlassen diese einstimmig einen Beschluss. Da hier Währungsfragen betroffen sein werden, muss vorher noch die EZB angehört werden. Und dann kommt der fiese Teil: der Beschluss tritt erst in Kraft, wenn alle Mitgliedsstaaten im Einklang mit ihren jeweiligen verfassungsrechtlichen Vorschriften zugestimmt haben. Hierzulande (und ich schätze, in den meisten anderen Ländern auch) muss das ein ordentliches Parlamentsgesetz sein (§ 2 des Integrationsverantwortungsgesetzes, wen´s interessiert), eventuell, wenn es um eine Änderung der vertraglichen Grundlagen geht, muss es (nach Art. 23 I, Art. 79 II u. III GG) sogar im Bundestag und -rat mit Zweidrittelmehrheit beschlossen werden. Fällt irgendjemandem ein Widerspruch zu obigem Absatz auf? Man sollte meinen, die Verfasser des Artikels und deren Berater können lesen. Aber welchen EU-Vertrag haben sie dann genommen? Der Unterschied zwischen dem ordentlichen und dem vereinfachten Veränderungsverfahren besteht nicht darin, dass bei letzterem die nationalen Parlamente nicht zustimmen müssen, sondern dass kein Konvent eingesetzt wird, der die Änderungsvorschläge in mühsamer Kleinarbeit ausarbeitet, was dauert, da der Konvent aus Vertretern der Parlamente der Mitgliedsstaaten, deren Staats- und Regierungschefs, des EU-Parlaments und der EU-Kommission zusammengesetzt wird. Es gibt zwar noch eine weitere vereinfachte Vereinfachungsvariante in Art. 48 VII, die ich gerade wegen der ganzen Querverweise ein bisschen undurchsichtig finde (der Fairness halber: eventuell meinen sie ja die, ich schlag das nochmal nach), aber selbst da kann ein einzelnes nationales Parlament mit seinem Veto schon verhindern, dass der Beschluss des Rates, in vereinfachtem Verfahren bzw. mit qualifizierter Mehrheit zu beschließen, zustande kommt. und hat dafür auch noch ein halbes Jahr Zeit. Nichts da mit verlängertem Wochenende. Menno.

Nachdem der Euro-Ausstieg angekündigt ist, müssen die EU-Staaaten für kurze Zeit die Kapitalverkehrsfreiheit einschränken. […] Das größte praktische Problem ist das Bargeld. Die EU-Bürger werden nämlich versuchen, möglichst viele Euro-Scheine aus den Peripheriestaaten in die starken Länder zu bringen, um sich die stärkere Währung zu sichern. Um das zu verhindern, dürfen nur noch kleine Bargeldbeträge über die Grenze gebracht werden. Das ist unpraktisch für Reisende, aber Reisen werden ohnehin zunächst unattraktiv. Schließlich bilden sich an den Grenzen lange Schlangen, weil die Grenzbeamten jeden Koffer und jeden Menschen sorgfältig nach Geldscheinen durchsuchen müssen.

Ein Glück, dass die EU ursprünglich nicht u.a. dafür gedacht war, den Waren- und Personenverkehr ganz erheblich zu erleichtern. Und ein Glück, dass freier Personen- und Warenverkehr nicht in der Grundrechte-Charta als das beschrieben wird, was die Union „sicherstellt“, im Indikativ und ganz ohne wolkige Absichtserklärungen wie bei einigen anderen Sachen. Ich weiß schon, dass der Artikel nur ein Gedankenspiel sein soll, aber er ist so ein dermaßen dämliches Gedankenspiel. Ich meine, die FAS ist nicht irgendein Dorf-Blättchen, wo profilierungssüchtige Redakteure sich austoben können, sondern eigentlich eher, dachte ich jedenfalls, die seriösere Art Blatt, mit jeder Menge Brainpower zur Verfügung. Hätte man nicht wenigstens versuchen können, sich was auszudenken, was nicht dazu führt, dass Grenzen dichtgemacht werden müssen? Als Polen noch nicht im Schengen-Abkommen war, stand ich mal eine halbe Nacht mit dem Bus an der Grenze, denn es wurden Stichproben gemacht. Stichproben. Jetzt stelle man sich mal vor, jeder, egal ob mit Bus, Bahn oder Zug soll an der Grenze zu [beliebiges Nicht-Nord-Euro-Land] auf sowas Niedliches und gut Versteckbares wie Geldscheine durchsucht werden.  Und wenn man keine neue Währung spontan gedruckt kriegt, muss man sich außerdem, damit nicht wertlose Süd-Euros rübergeschmuggelt werden, was einfallen lassen:

Zur Not bleibt die Lösung, die alten Scheine mit möglichst fälschungssicherer Tinte zu stempeln.

An diesem Punkt komme ich zu der Einsicht, dass das Ganze nur eine unglaublich untertriebene Satire ist. Bis die EZB-Praktikanten und die FAS-Redaktion damit fertig sind, 13,5 Milliarden Eurobanknoten zu stempeln, hat sich sogar die griechische Wirtschaft wieder aufgerappelt. Puh, ganz umsonst aufgeregt.

Erkältungsfrust

Der Winter ist und bleibt meine ganz persönliche Hass-Jahreszeit. Vor allem, wenn er nicht mal ordentliche Kälterekorde mitbringt, sondern nur dieses graue Matschwetter, bei dem man entweder depressiv oder krank oder beides wird. Wie soll man denn da lernen? Vom Denken und dem Vermeiden von Anschlussfehlern (s.o.) ganz zu schweigen…

Das drückt von links, das ist die Urgroßmutter

„Die geheimen Ängste der Deutschen“ zu diagnostizieren hat sich Gabriele Baring im so benannten Buch vorgenommen, und dieses Buch tauchte vor nicht allzu langer Zeit in meinem Haushalt auf, zwar ohne mein Zutun, aber dafür habe ich es als erste durchgelesen.

Die Kernthese ist nicht unbedingt neu: die Deutschen seien ein besonders ängstliches Volk, dass sich von Finanzkrise, holperiger Eurorettung, Fukushima & Co. in Pessimismus und Depression treiben lässt, das verunsicherter ist als andere Nationen und sich permanent gegen irgendwas abgrenzen zu müssen meint. All das resultiert letztendlich aus der Zeit des Nationalsozialismus, oder besser gesagt: aus der Tatsache, dass aufgrund der „Täter“-Zuweisung die Deutschen nicht um ihr in dieser Zeit erlittenes Leid trauern konnten/durften und dieses deshalb verdrängt haben. Ebenso verdrängt wurde die eigene „Täterhaftigkeit“, sodass eine differenzierte Auseinandersetzung nie stattfand, eine gewisse „negative Energie“* aber immer noch erhalten blieb. Aus ihrer Arbeit als Familientherapeutin schlussfolgert Frau Baring, dass eben dieses nicht aufgearbeitete Leid auch heute noch etliche Menschen daran hindert, ein glückliches und selbstbestimmtes Leben zu führen, weil ihre Großeltern und Eltern die Traumata „stumm“ an sie weitergegeben haben:

„Unausgelebte Traumen führen zu Angst. Wir Deutschen haben verinnerlicht, dass wir uns nicht als Opfer des Nationalsozialismus sehen und deshalb auch nicht trauern dürfen. Nach wie vor gilt es als nicht opportun, daran zu erinnern, in welch dramatischem Ausmaß deutsche Familien von schrecklichen Schicksalen betroffen waren und sind. Es ist ein großes Hindernis für unsere seelische Entwicklung und die Zukunft dieses Landes, dass wir uns bis zum heutigen Tag nicht auch als Opfer anerkennen dürfen. Dass wir die Tragödien nicht beweinen dürfen, die schuldige wie unschuldige Deutsche erleiden mussten.“ (1)

Das erläutert sie dann an einigen Beispielen, sowohl anonymisiert aus ihrer therapeutischen Praxis als auch anhand bekannter Politiker und führt sowohl markante Persönlichkeitsmerkmale als auch psychische Störungen und sogar Verspannungen, Neurodermitis oder Unfruchtbarkeit auf Probleme innerhalb der Familie zurück.  Allerdings ist Frau Barings Zugang ein ziemlich spezieller: die Familienaufstellung. Hier kommen wir zum ersten großen Kritikpunkt: sie erklärt nicht genau, was das ist, wie das im Einzelnen funktioniert und welche Regeln für die Interpretation bestimmter Phänomene bzw. Ergebnisse gelten. Ich für meinen Teil hatte davon schlicht keine Ahnung, und meistens klingt das, was man im Internet findet, etwa so:

Familienaufstellungen – oder allgemeiner ausgedrückt – Systemaufstellungen arbeiten mit dem wissenschaftlich nicht leicht erklärbaren Phänomen der Stellvertreterwahrnehmung. Ohne vorher Informationen bekommen zu haben erleben die Stellvertreter von Familienmitgliedern in erstaunlich präziser Weise Gefühle, sprechen Worte oder zeigen sogar Symptome der wirklichen Personen. Dabei kommen oft bisher unbewusste konflikthafte Zusammenhänge ans Licht, aus denen unglückliche Beziehungen und Lebensläufe, schwere Schicksale und Krankheiten verständlich werden. Es wird erfahrbar, wie Familienmitglieder insgeheim in Liebe und Treue miteinander verbunden sind und in wie hohem Maße sie bereit sind, Gesundheit, Leben oder Lebensfülle zu opfern.

Für mich klingt das Ganze etwas manipulativ. Das kann im Einzelfall sicher helfen, bestimmte Konflikte ans Tageslicht zu bringen, ich bin allerdings gegenüber der „Theorie der intelligenten Felder“, die mancherorts erwähnt wird, eher misstrauisch. Es gibt in Frau Barings Buch einige ziemlich bewegende Beispiele, wie die Lebensgeschichte Hannelore Kohls, die ihre Depressionen gewissermaßen an ihre Söhne weitergab (2), aber auch einige, die eher befremdlich klingen: Leute, die mit verstorbenen Familienmitgliedern indentifiziert sind und sich deshalb nicht glücklich binden können, wie eine Klientin, die unbewusst versuchte, ihren Vater die früh verstorbene Schwester zu ersetzen. Solche Mechanismen werden meist im Dunkeln gelassen, ebenso die „Aufstellungsgrammatik“. Nach dieser bedeutet zum Beispiel ein auf den Boden gerichteter Blick eines Stellvertreters, dass ein Familienmitglied fehlt – entweder verschwiegen oder verstorben, wie zB uneheliche Kinder. Mir fehlen da Hintergründe, oder wenigstens ein paar Spekulationen, wie das zustande kommen könnte, auch wenn es zumindest in Frau Barings Praxis Erstaunliches an den Tag zu holen vermag. Generell klingen die Kausalitäten manchmal arg verkürzt, vor allem da, wo es um psychosomatische Krankheiten geht, aber damit lassen sich natürlich auch bändeweise eigene Bücher füllen.

Für alle Neugierigen gibt es immerhin ein ausführliches, thematisch sortiertes Literaturverzeichnis. Gabriele Barins größte Stärke liegt aber in den Passagen, in denen sie, auch ohne Zuhilfenahme der Familienaufstellung, nachzeichnet, wie bestimmte Kriegsschicksale – Vertreibung, Vaterlosigkeit, Vergewaltigung, aber auch das Aufwachsen in einer „Täterfamilie“ – sich nicht nur auf die Kriegsgeneration, sondern auch deren Kinder und Enkel auswirken können. Da sich viele Erfahrungen häufen und eigentlich jede Familie in irgendeiner Form betroffen ist, haben sich bestimmte Tendenzen quasi zu „gesamtgesellschaftlichen Störungen“ ausgewachsen. Problematisch ist dabei jedesmal vor allem die Verdrängung, die den Menschen zwar kurzfristig geholfen hat, trotz ihrer Traumen „zu funktionieren“, die aber langfristig dazu führte, dass nicht nur ihr Leben unglücklich war, sondern auch das ihrer Kinder, sei es aufgrund der von den Eltern erfahrenen Gefühlskälte, eines überzogenen Leistungsethos oder auch zu starker Nähebindung an Mutter oder Vater. Nicht zuletzt darauf führt Frau Baring auch zurück, dass Familienbindungen zunehmend an Bedeutung verloren haben und die Generation der „Kriegsenkel“ nicht einmal mehr weiß, woher ihre Rastlosigkeit, Depression oder narzistischen Tendenzen stammen. Ebenfalls lesenswert finde ich ihre Interpretation bestimmter gesellschaftlicher Strömungen, wie etwa die der 68er und der Grünen Bewegung, die vor allem aus einem Abgrenzungsbedürfnis und der Überzeugung heraus entstanden seien, alles besser zu machen als die „Nazi-Eltern“. (Ich gebe gerne und sofort zu, dass das Wasser auf meiner Mühle ist, da mir die unbedingte Überzeugung einiger Leute *chrm*Verggietag*ähem*, auf der richtigen Seite zu sein und deren damit verbundene Resistenz gegenüber Einwänden jeglicher Art schwer auf den Keks geht.)

Was mich hinwiederum gestört hat, ist die normative Herangehensweise, die sich aus der Prämisse eines „Familiensystems“ ergibt und die Frau Baring dazu führt, sich am Ende des Buches entschieden gegen Abtreibung, In-vitro-Fertilisation und PID zu positionieren. Damit wir uns nicht falsch verstehen: das darf sie natürlich, und sie tut das in einem meistens sehr persönlichen, bescheidenen Ton, mit Argumenten, die auch nachvollziehbar sind. Was ich ermüdend finde, ist der selbstverständlich vorgenommene Brückenschlag zu den Nazis (Lebensborn, Selektion, etc.). Ebenfalls erklärt Frau Baring die Abtreibung als pauschal schädlich und falsch. Das klingt hier zum Beispiel schon wieder ganz anders, und ich wage mal die Behauptung, dass zu einer Therapeutin eher die Frauen gehen, die eine Abtreibung nicht verkraftet haben und für die das tatsächlich die falsche Entscheidung gewesen ist.

Gesamtbetrachtung: Eine flüssige Lektüre, die viele Phänomene anspricht, zu deuten versucht und vor allem von starken Beispielen und der Einfühlsamkeit der Autorin lebt. Leider wird die Familienaufstellung als zentrales Erkenntis-Verfahren nur unzureichend erklärt, spannend ist wiederum, was Frau Baring aus den Biographien berühmter Politiker so alles herausholt. Am Ende fühlt sie sich für meinen Geschmack etwas zu stark ein, wenn sie erklärt, wie Familiengründung und Kindererziehung auszusehen haben.

*Im allerweitesten Sinne. Seid so nett und erspart mir das Esoterik-Bashing.

(1) Gabriele Baring, „Die geheimen Ängste der Deutschen“, Berlin/München 2011, S. 27.

(2) Nachtrag: Bei Mäusen, die anscheinend auch depressiv werden können, hat man schon nachgewiesen, dass bei einer normalen Verpaarung die Nachkommen depressiver Mäusemännchen sich ebenfalls depressiv verhalten. Der Effekt verschwindet allerdings, wenn die Jungen durch künstliche Befruchtung entstehen, sodass man vermutet, das Verhalten des Vaters werde über eine noch unbekannte Reaktion der Mutter an die Nachkommen weitergegeben.

(3) Noch bein Nachtrag: Wow. Scheint so, als sei ich bei Frau Baring im Pressespiegel gelandet. Wenn das nix ist! Jetzt bin ich doppelt froh, hier nicht allzusehr herumpolemisiert zu haben… wer mehr über sie wissen will, guckt am besten einfach auf ihre Homepage.