52 Bücher, Woche 13: Monster

Wer mit Fellmonstern spielt, der muss früher oder später damit rechnen, dass etwas Monströses passiert, und demzufolge lautet das Bücherthema heute Monster.  Meine allererste Assoziation hat besagtes Fellmonster auch gehabt, und deswegen kann ich hier nicht über Christian Mosers „Monster des Alltags“ schreiben, was eigentlich ganz gut gepasst hätte, da ich nach den doch eher schwermütigen Kinderbüchern wieder was Heiteres bringen wollte. Allerdings ist mir heute insgesamt nicht besonders heiter zumute, ich fürchte, da müsst ihr nochmal durch eine düstere Lektüre durch.

Als Zweites fiel mir die typische Assoziation Monster –> Psychopathen, Massenmörder u. dergl. ein. Über Jean-Baptiste Grenouille habe ich hier schon kurz geschrieben, aber da der ziemlich glatt als Monster durchgeht, wäre das zu einfach. Dann sinnierte ich vor dem Bücherregal eine Weile über einer Stalin-Biographie, der ich mich dann doch nicht gewachsen fühlte. Und dann lächelte mich aus einer dunklen Ecke des Bücherregals ein Band mit schwarzem Rücken und einem weißen „M“ wissend an, und ich hatte mein Monster für heute: ein Remake von Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ als Graphic Novel, bearbeitet von Jon J Muth mit einem unglaublichen Aufwand: die Rollen wurden mit Freunden, Anghörigen oder Fremden neu besetzt, die Szenen fotographiert, die Fotos als Skizzengrundlage verwendet und mit Silberstift, Holzkohle, Graphit, Pastell- und Ölfarben nachbearbeitet.

„Während ich zeichnete und malte, passierte etwas Interessantes. Egal welches Gefühl ein Foto hervorrief, jedesmal, wenn ich es als Zeichnung umsetzte, evozierte die Zeichnung eine andere Bandbreite an Emotionen als das Foto. […] Die vorherrschende Stimmung des Bandes ist von Trauer, Verlust und Sehnsucht gekennzeichnet. Das war eine Entdeckung, und nicht meine Absicht.“

schreibt der Autor im Nachwort, wobei Trauer, Verlust und Sehnsucht wohl adäquat sind, wenn es um einen derartig harten Tobak von einer Geschichte geht. In einer großen Stadt, in der die Leute „Icke“ sagen, und „Jören“, verschwindet Elise Beckmann. Den Fremden, der ihr einen Luftballon schenkt, bekommen wir nicht zu Gesicht, dafür ihre Mutter, die mit dem Abendessen vergeblich auf sie wartet. Elsie ist nicht das einzige Kind, das verschwindet, die Bevölkerung gerät in Hysterie, und die täglichen Razzien der Polizei verderben den Unterweltbossen, der „Ringorganisation“, die Geschäfte, sehr zum Ärger ihres Vorsitzenden, des Schränkers. „Wir üben unseren Beruf aus, weil wir existieren müssen. Aber diese Bestie hat kein Recht zu existieren. Die muss weg!“, sagt ein anderer. Mithilfe der Bettler überwachen sie die Stadt, und ein blinder Luftballonverkäufer gibt schließlich den entscheidenden Hinweis (der Mörder, Hans Becker, pfeift immer diesselbe Melodie). Dank eines weißen „M“ auf dem Rücken können ihn die Häscher der Unterwelt schließlich in einem leerstehenden Bürogebäude in die Enge treiben, fangen und ihm einen Prozess mit von vornherein klarem Ausgang machen, während die Polizei mit etwas rechtsstaatlicheren Methoden ihren Ermittlungsrückstand langsam aufholt.

In der an sich nicht allzu komplizierten Geschichte steckt jede Menge, darunter auch eines meiner Lieblingsthemen, über das ich anlässlich Herrn Gs. schon mal geschrieben habe: auch Mörder, auch Kindesmörder, von Boulevard-Medien und in Kommentarspalten gern „Monster“ o.ä. genannt, haben ein Recht auf einen fairen Prozess. Hans Becker gesteht vor der versammelten Unter- und Halbwelt, dass er morden muss, dem Drang gar nicht entkommen kann: „Es ist einer hinter mir her… lautlos. Das bin ich selber! […] Und mit mir rennen die Gespenster. Gespenster von Müttern. Von Kindern. Die geh´n nie mehr weg. […] Wie ich´s tun muss! Will nicht! Muss! Will nicht!“ Das heißt nicht, dass er frei sein darf, oder, wie sein Verteidiger es so schön sagt: „Einen kranken Menschen übergibt man nicht dem Henker, man übergibt ihn dem Arzt.“ (Oder der Sicherungsverwahrung.) Er wird allerdings von einer aufgebrachten Meute niedergeschrien. Kurz bevor es zum Lynchmord kommt, wird Becker von Kommissar Lohmann gerettet. Im Film erhält er dann von der „regulären“ Justiz das Todesurteil, in einer überarbeiteten Fassung und auch in der Graphic Novel endet die Geschichte ohne Urteilsverkündung mit der lapidaren Feststellung „Man muss halt auf die Kleinen besser aufpassen.“

Jon J Muth (und, ich nehme mal an, auch Fritz Lang, den Film muss ich erst noch gucken) zeigen detailreicher, als ich es jetzt hier ausführen kann, alle Facetten: das Leid der Mütter, die fieberhafte Suche der Polizei, die Wut der Gangster. Die Hoffnung des Lesers, Becker möge endlich gefasst werden, schlägt plötzlich um, der Schränker, dem es vor allem um seine Geschäfte geht, schwingt sich zum Herrn über Leben und Tod auf und der Kommissar kommt „gerade noch rechtzeitig“ für jemanden, für den wir eigentlich keinerlei Sympathie empfinden. Wofür das M steht – Mörder, Monster, oder doch Mensch- , muss jeder selbst entscheiden.

6 Kommentare

  1. @ Dark Johann: Vielleicht mache ich es mir zu einfach, aber ich finde, dass genau für solche Fälle rechtsstaatliche Regeln da sind. Allerdings pennt der Rechtsstaat (oder vielmehr die, die ihn gestalten sollten) manchmal sowas von…zu dem Thema kann ich nur Fellmonsters oben verlinkten Artikel empfehlen.

    @Frenni: Ja, und klar, jederzeit gerne!

    Liken

Mitreden

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.