52 Bücher, Woche 15: In Griffweite

Habt ihr ein Glück, dass ich mich gerade vom Arbeits- ins Wohnzimmer begeben habe. Anderenfalls würde ich euch heute die Nomos-Textsammlung zum Zivilrecht vorstellen, das Bücherthema diese Woche ist nämlich weniger ein Thema als vielmehr eine Handlungsanweisung: „Greif Dir das Buch, das jetzt in diesem Moment in Griffweite liegt bzw. welches sich am nächsten bei Dir befindet.“

Direkt neben mir liegt „The Whisperers – Private Life in Stalins Russia“ von Orlando Figes, das ich zur Zeit lese (unter anderem). Figes beschreibt, anhand von Zeitzeugen-Aussagen, Briefen und Fotos das Leben der russischen Bevölkerung und so ziemlich die komplette gesellschaftliche Entwicklung ab der Oktoberrevolution. Anhand der Generation, die so um die Revolution herum zur Welt kam („Children of 1917“) erzählt er zunächst von Kindererziehung und Familiengründung in Zeiten des Bolschewismus. Besonders Kinder aus einstmals reichen oder oppositionellen Familien wuchsen häufig in zwei Weltern auf: um zu überleben, versuchten ihre Eltern, ein bolschewistisches Vorzeigeleben zu führen, gleichzeitig gaben sie, manchmal auch die Großeltern, insgeheim alte Bräuche, Wertvorstellungen und vor allem die nun verpönte orthodoxe Religion an sie weiter. Der Große Terror lag noch in der Zukunft, allerdings zeichnete sich der Wahnsinn des Weltbildes, das damals dominierte, bereits ab:

„The defining qualification of this self-proclaimed elite was `Communist morality`. The Bolshevik Party identified itself as a moral as well as political vanguard, whose messianic sense of leadership demanded that its members prove their worthiness to belong to that elite. As one of the elect, every member was obliged to demonstrate that his private conduct and convictions conformed to the Party´s interests. […] This was not a moral system in the conventional sense. […] Rather it was a system in which all moral questions were subordinated to the Revolution´s needs.“ (Figes, The Whisperers, London 2008, S. 33.)

Als „moralisch“ galt alles, was dem Proletariat in seinem Kampf hiflreich war – Ehrlichkeit, Disziplin, und über allem Hingabe an die Sache. Bei derartigen Ansprüchen war es bis zum „Gedankendelikt“ nur noch ein kurzer Schritt. Die Kinder lernten schnell, zu schweigen, selbst in der elterlichen Wohnng, wo die Wände Ohren haben konnten. Andererseits hatten es ihre Altersgenossen aus den sowjetischen Vorzeigefamilien nicht leichter: deren Eltern arbeiteten Tag und Nacht für die Revolution und behandelten ihre Kinder wie „kleine Genossen“. Eine Frau namens Elena Bonner erinnert sich beispielsweise, dass ihre Eltern, als sie etwa zehn Jahre alt war, Abende und Nächte mit dem Verfassen von Parteibroschüren verbrachten, in denen es um „questions of Party construction“ ging. „For a long while I thought the Party built houses.“ (a.a.O., S. 14)

„The Whisperers“ ist durch die dargestellten Familiengeschichten packend und beschreibt zugleich präzise, wie eine ganze Gesellschaft dem Wahnsinn verfällt, denn nichts anderes ist diese Verbindung aus politischem und moralischen Führungsanspruch letztendlich. Das Faszinierende daran ist aber, wie die Menschen damit umgingen, und daher bliebt der Ton immer sachlich, nüchtern und gibt den Erinnerungen und Bildern der Zeitzeugen viel Raum. Auf diese Weise kommen sowohl diejenigen zu Wort, die sich dem gesellschaftlichen Klima nach der Oktoberrevolution anpassen mussten, als auch diejenige, die es schufen, bewusst oder unbewusst, im Glauben, das „Richtige“ zu tun. Wer immer noch dem platten Spruch nachhängt, Kommunismus sei eine gute Idee, nur nicht umsetzbar bzw. bislang schlecht umgesetzt worden, der wird hier auf unaufdringliche, aber nachhaltige Weise eines Besseren belehrt.

4 Kommentare

  1. Da sind wir ja beide fast in der gleichen Zeit unterwegs. Das Buch hört sich sehr interessant an, das kommt gleich auf die Wuli.
    „Ismen“ sehe ich generell ziemlich kritisch. Immer die besten Absichten und auf dem Papier ist vieles richtig, aber ich glaube, dass die Menschen für so etwas nicht „gebacken“ sind.
    Um so wichtiger, dass unsere Demokratie nicht den Bach runtergeht, so viel fehlt ja leider nicht mehr. Ah, zu starke Kopfschmerzen für einen längeren Polit-Kommentar.
    Schönes Wochenende!

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  2. Auf englisch würde ich dieses Buch vermutlich nicht lesen – aber es gibt ja auch eine Übersetzung. Ein Mammutwerk. Und nicht das einzige dieses Autors, das sich mit Russland beschäftigt. ich habe mir den Autor auf meiner Projekt-52-Bücher Liste eingetragen. Danke für das Vorstellen!

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  3. @Natira: Hallo und willkommen! Gern geschehen, ich schätze mal, aus der Ecke kommen bei mir noch ein paar Bücher… vielleicht kannst du auch mit Sebag Montefiore was anfangen, über den bin ich überhaupt auf Figes gekommen.
    @Fellmonster: Wünsche ein schönes Wochenende gehabt zu haben, die Kopfschmerzen sind hoffentlich besser. (Also, nicht besser, sondern weg. Du verstehst schon.)

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