52 Bücher, Woche 17: Vorurteile

Das Motto diese Woche lautet in seiner ganzen Pracht:

Wie wär’s also mit Büchern, die man am Anfang so überhaupt gaaaaar nicht lesen wollte, weil beim Lesen des Titels und Klappentextes alle nur erdenklichen Klischees der Welt das Gefühl von Och-nich-noch-so’n-Buch herbeiriefen… sich dann aber – auf Drängen und Nötigungen anderer doch das Lesen aufgezwängt – das Buch als kleiner Schatz entpuppt hat, bei dem es schade gewesen wäre, das man es nicht gelesen hätte.

Das ist schon aus Gründen der selektiven Erinnerung ziemlich schwierig. Denn entweder wird mir ein Buch aufgedrängt, und ich finde es toll, dann neige ich hinterher zu der Annahme, ich hätte es aus eigenem Antrieb gelesen, oder ich finde es doof, dann bleibt es ungelesen irgendwo liegen und fällt dem Vergessen anheim. Ein Buch allerdings, bei dem ich mich noch gut an die Vorurteile erinnern konnte, die ich vor dem Lesen hatte, ist „Schilf“ von Juli Zeh. Weniger wegen des Buches an sich, als vielmehr, weil mein erster indirekter Kontakt mit Juli Zeh in einem Schülerzeitungsartikel über „Spieltrieb“ bestand, der sowohl von den zitierten Passagen als auch der übrigen Einschätzung des Buches her bestens dazu geeignet war, mich wissen zu lassen, das dies keine Literatur für mich sei. Der Artikel war zwar lobend bis überschwänglich, aber auf eine ziemlich pseudointellektuelle Art, wie sie Jugendlichen manchmal zu eigenen ist, die gerade den Existentialismus entdeckt haben und denken, außer ihnen habe noch keiner Sartre verstanden. Außerdem fand ich den Stil von „Spieltrieb“ aufgesetzt und reichlich anstrengend, da zwar ständig irgendjemand über Werte, Nihilismus und Gott sinnierte, sich die Handlung aber  – meiner flüchtigen Einschätzung nach – auf ein Beziehungsdrama reduzieren ließ, das völlig im Gegensatz zur ach so großen Intelligenz der Protagonisten stand.

Und dann schenkte mir eine Freundin von einigen Jahren, trotz meiner ausdauernd kundgetanen Abneigung gegen Juli Zeh, „Schilf“. Geschenkte Bücher sind zu lesen, da hilft alles nichts, und zu meinem großen Erstaunen war ich schon nach ein paar Seiten bekehrt oder zumindest eines Besseren belehrt. Der Plot ist simpel-krimihaft. Kommissar Schilf, der Vögel hasst, dessen Kopf aber ein „Vogelei“ ausbrütet, muss seinen wahrscheinlich letzten Fall lösen: Ralph Dabbeling und dessen Kopf haben eine abschüssige Fahrradstrecke getrennt voneinander beendet. Der Sohn des Physikers Sebastian wurde entführt, doch nicht entführt und kommt unversehrt aus dem Ferienlager wieder. Sebastian ist mit der betont schönen Maike verheiratet, liebt aber seinen genialen Kollegen Oskar, der am CERN forscht und von Sebastians Theorien fast ebenso wenig hält wie von dessen Unfähigkeit, sich zwischen ihm und einem Leben mit Frau und Kind zu entscheiden.

Neben der Krimihandlung sinnieren die Protagonisten ausdauernd über das Wesen der Zeit, der Wirklichkeit und was ihnen sonst noch vor die philosophische Flinte kommt. Wäre der Roman eine Jura-Klausur, Juli Zeh bekäme sicher eine hohe zweistellige Punktzahl für das Erkennen und Abhandeln der wichtigsten Probleme aus den Schnittmengen Quantenphysik, Philosophie und Wahnsinn. Das führt allerdings dazu, dass der Stil nicht nur rasant, sondern auch auf überkomplexe Art und Weise geschwätzig wirkt, damit auch wirklich alle großen Fragen auf 383 Seiten passen. Und dann sind da noch die Metaphern, die in jeder Satzecke lauern und von denen ich immer noch nicht so richtig weiß, ob ich sie genial, aufdringlich oder selbstverliebt finde, meistens ist es ein bisschen von allem in wechselnden Mischverhältnissen. Aber schlussendlich ist da noch der Satz, für den allein ich dieses Buch schon mögen würde, auch wenn der Rest einfach nur doof wäre: „Der Mensch ist ein Loch im Nichts.“

In diesem Sinne: vielen Dank nochmal.

8 Kommentare

  1. Hmm… Nee, ich glaube, so eine Erfahrung habe ich noch nie gemacht.
    Umgekehrt fallen mir aber zwei Beispiele ein.
    Das extremste ist Dean Koontz‘ „Geschöpfe der Nacht“. Das fand ich total toll, als ich es las, also wirklich richtig groß, und so habe ich es auch meiner Lektorin empfohlen, als sie mich fragte, was für Bücher ich gerne lese, zusammen mit einem von Joe Abercrombie. Der war ihr zu ordinär, aber Geschöpfe der Nacht fand sie auch toll, und so haben wir Koontz‘ Werk also mal besprochen, um zu sehen, was für einen Geschmack wir so haben, und – Verdammt noch mal, bei jeder Szene, die ich las, rollten sich mir die Nägel hoch. Das ist so… Koontzhaft geschrieben, so uninteressant und so pathetisch und so… Was war bloß los mit mir, als ich das gut fand?
    Das eher triviale war „Neuropath“ von R. Scott Bakker. Prince of Nothing ist mit das Beste, was ich je gelesen habe, und so habe ich dann natürlich auch Neuropath gleich bestellt, als es rauskam. Und dann habe ich es nach zwanzig Seiten in den Schrank gelegt. Ich hätte es aus dem Fenster geworfen, aber das hätte meine Mutter wahrscheinlich doof gefunden.
    Nicht, dass ich mir einbilde, dass jemand das so genau hätte wissen wollen.

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  2. Macht nichts, jeder Beitrag ist wichtig. Oder so.
    Koontz – das ist so ein Autor, den ich nach drei Zeilen des Reinlesens abgehakt habe. Ich erinnere mich nicht mehr genau, welche drei Zeilen aus welchem Buch das waren, aber uninteressant und pathetisch trifft´s ganz gut. Meine zentrale Wann-hab-ich-das-nur-gut-gefunden-Erfahrung ist immer noch Tolkien. Ich hab Herr der Ringe verschlungen, den Hobbit und das Silmarillion gleich hinterher, und im Buch der Verschollenen Geschichten, in dem er quasi nochmal wiederholt, was im Silmarillion passiert, nur verquaster, ist mir aufgefallen, wie dermaßen langweilig das Ganze eigentlich ist.

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  3. Bis vor Kurzem hätte ich jetzt noch gesagt, dass Koontz auch ein paar gute Sachen geschrieben hat. Kann ich jetzt aber nicht mehr guten Gewissens behaupten.
    Bei Tolkien hatte ich das Glück, ihn von vornherein nicht mögen zu wollen.
    Gelegentlich muss ich mal ausprobieren, ob ich Hitchhiker’s Guide to the Galaxy jetzt auch nicht mehr gut finde, nachdem ich gelernt habe, Douglas Adams zu hassen.

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  4. Koontz und Bakker sagen mir aber mal rein gar nix.

    Ich mag Adams, aber diese beiden Bücher der „Elektrische Mönch“ und „der lange 5 Uhr Tee der Seele“ sind für mich das mieseste war er geschrieben hat, die Kurzgeschichten/Brief Sammlung „Im Zweifelsfall Lachs“ ist auch nicht mein Ding, aber die ganze Anhalter Reihe, „Die letzten ihrer Art“ und „Raumschiff Titanic“ sind wahrhaft grandios, ich weiß nicht wie es anderen geht, aber ich finde es seltsam, das ich bei einem Schriftsteller so extreme Positionen einnehme.

    Leider kommt von Adams nix mehr.
    http://tiny.cc/ypoik

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  5. Hallo Aga80, herzlich willkommen! Den 5-Uhr-Tee hatte ich bis eben erfolgreich verdrängt, aber das war mit der Grund, warum ich von Adams nichts weiter gelesen hab. Zu angestrengte Absurditäten. Vermutlich ist der Grad da einfach schmal…

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