Geplauder zum Donnerstag

Kaum zu glauben, wie lange ich mich hier schon nicht mehr über den Veggie-Tag bwz. meine Ablehnung desselben verbreitet habe. Liegt vielleicht daran, dass ich der Mensa ganz den Rücken gekehrt habe und daher von „Mensa-Policy“ (sic) nichts mehr mitbekomme, was vermutlich für alle Beteiligten und auch ein paar Nichtbeteiligte besser so ist. Wäre dieser Artikel aus der FAZ nicht, hätte ich auch von der VeggieWorld nichts mitbekommen, aber einer „Messe für nachhaltiges Genießen“ konnte ich nicht widerstehen (hier gibt´s die Flyer).

Eigentlich wolle ich ja nur zur Entspannung nach der heutigen Probeklausur ein bisschen lästern, zum Beispiel über die Idee, Fleisch aus dem Reagenzglas zu züchten (aber gegen Gentechnik sein, hm?), oder über das angekündigte Institut für Zoologische Theologie, das sich selbst Institut für Theologische Zoologie nennt, aber dann fiel mein Blick auf den Namen Ruediger Dahlke. Dahlke? War das nicht dieser komische Eso-Arzt? Er würde sich selbst sicher anders bezeichnen (zum Beispiel so), er ist jedenfalls einer aus der Krankheit-ist-ein-Signal-der-Seele-Ecke. Über die könnte ich mich tagelang aufregen, denn es ist nicht witzig, bei akuter Neurodermitis gesagt zu bekommen, man habe wohl ein „Kontakt-“ oder ein „Abgrenzungsproblem“. Diese Leute machen es außerdem echt schwierig, noch irgendwo Ernstzunehmendes über psychosomatische Krankheiten zu finden, oder über diesbezüglich noch nicht (ausreichend) erforschte Krankheitsursachen, denn für „Hautkrankheiten deuten auf Kontaktprobleme hin“ muss man nicht erst lange und mühsam Medizin studieren. Mag sein, dass da irgendein Zusammenhang besteht – die Verbindung ist dann aber sicher nicht so einfach. Ich wäre für die Fraktion vermutlich ein gefundenes Fressen, denn ich kann es nicht ausstehen, fremden oder unsympathischen Menschen die Hand zu geben, und wenn ich jetzt noch erwähne, dass meine Neurodermitis hauptsächlich an den Händen auftritt… allerdings an der  linken, und die gibt man ja für gewöhnlich niemandem.

Ich finde das aber auch aus einem anderen Grund irgendwie symptomatisch: Vegetarier gelten ja gemeinhin als empathiebegabter – so empathiebegabt, dass sie auch Tieren komplexe Emotionen zuschreiben. („Ich esse nichts, was Melancholie empfindet!“ wäre übrigens mal ein schöner Slogan.) Allerdings scheint in dieser Empathiebegabung auch eine gewisse Gefahr zu liegen: man „fühlt“ Zusammenhänge eher, als sie rational zu erklären. Nun würde ich das auf gar keinen Fall von allen Vegetarieren behaupten – schon die in meinem Freundeskreis sind, im Gegenteil, alle eher rationale Menschen, aber ich frage mich trotzdem immer noch, warum gerade die Paracelsus-Messe die „Schwestermesse“ der Veggie-World ist, die vielleicht interessante Ansätze bietet, aber auch Feng Shui, Ganzheitliche-Heil-Sachen-von-unbekannten-Firmen (ein Schelm, wer denkt, die würden nur ihr Zeug verkaufen wollen) und viel Platz für raum&zeit, die, sagen wir mal vorsichtig, unkonventionelle Sachen vertreten. Chakrenbalance und Quantensprünge im Bewusstsein sind da noch die harmloseren Dinge, aber Basenbäder und Kaffee-Einläufe gegen Krebs zu empfehlen oder Allergien „energetisch löschen“ zu wollen… lange Rede, kurzer Sinn: die „wissenschaftlichen “ Veggie-Tag-Verkünder, die zu allem und jedem eine Zahl parat haben (nicht betäubte Schweine pro Schlachtgang, Ackerfläche für Futtersoja vs. Ackerfläche für Tofusoja, Methanausstoß pro Kuh, etc.), finde ich zwar anstrengend, aber man kann mit ihnen auf einer sinnvollen Basis diskutieren. Das Unbehagen aber, das mir Leute vermitteln, die irgendwann frustriert aufstampfen und ausrufen „Ihr seht das einfach nicht richtig!“, das bekommt erst wirklilch Futter, wenn Vegetarismus, Feng Shui und das ganze andere, Entschuldigung, bekloppte Zeug in einen Topf geworfen werden, denn dann ist ein rationaler Zugang fast nicht mehr möglich. Und ich grusel mich doch so gerne vor Leuten, die ihre Vernunft zugunsten von Komplexitätsreduzierung an irgendeiner Garderobe abgegeben und dort vergessen haben.

4 Kommentare

  1. Ich bin mit Vegetarismus ja sehr vorsichtig, weil ich das für eine rational sehr gut vertretbare Position halte, wenn man zum Beispiel nicht so ein egoistischer Armleuchter ist wie ich.
    Aber Esoterik bleibt natürlich Blödsinn.
    (Übrigens Yay Retortenfleisch!)

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  2. Nee. Mein Essen soll bitteschön mal im herkömmlichen Sinne gelebt haben, da bin ich konservativ. Oder einfach nur engstirnig, das weiß man ja selbst immer nicht so genau. Mir will nicht in den Kopf, wieso manche(!) Vegetarier so extrem auf Ersatzfleisch aus sind. Ich würde natürlich niemanden davon abhalten, das zu essen, aber wenn ich die Wahl habe zwischen Retortenfleisch und gar keinem, dann gewinnt „gar keines“ haushoch.

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  3. Warum will dir das nicht in den Kopf?
    Ist doch offensichtlich: Wenn ich gerne Fleisch esse, aber darauf verzichte, weil ich es für ethisch inakzeptabel halte, dann wünsche ich mir ethisch unbedenkliches Fleisch.
    Sogar mir wäre das lieber als echte Tiere.

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