52 Bücher, 25. Woche: Das nächste Buch ist immer das nächste

Von wegen einfaches Thema. Ich kann mich gar nicht entscheiden, welches Buch ich als nächstes lesen möchte„. „Schuldrecht I“ von Dirk Looschelders ist ein heißer Kandidat, aber darauf sollte „Schuldrecht II“ von ebendiesem folgen. Vielleicht lese ich doch erst mal „Öffentliches Baurecht“ von Stefan Muckel, und in der Ferne dräuen dann schon „Strafrecht AT“ und „BT“ von Claus Roxin, wobei ich die immer aufschiebe, denn in der Zeit könnte ich auch „Gesellschaftsrecht“ von Justus Meyer lesen, und vielleicht mal das ungeliebte Erbrecht in Angriff nehmen… ganz schlechter Einstieg, merke ich gerade. Wenn ich hier so weitermache, bricht der Beitrag ab, und während ihr verwundert auf einen halbfertigen Satz starrt, laufe ich zu Hause schreiend im Kreis. Ich muss ohnehin schon der Versuchung widerstehen, das Countdown-Widget einzubauen, dass dann die Tage bis zum Examen im August runterzählt, und vermutlich zum selben Erfolg führen würde.

Aber zum Glück hab ich ja vor dem Jurastudium meinen Horizont noch ein bisschen in die nutzlose geisteswissenschaftliche Richtung erweitert, und seinerzeit eine Hausarbeit über „Die Zimtläden“ von Bruno Schulz geschrieben. 2012 ist sogar das polnische Bruno-Schulz-Jahr. Allerdings stehen „Die Zimtläden“, vor einigen Wochen bestellt, seitdem im Regal, als das „ewige nächste Buch“, und ich kann mich nicht dazu durchringen, es zu lesen. Vermutlich, weil ich dann schreckliches Fernweh bekomme nach einer Gegend, die es nicht mehr gibt – Bruno Schulz lebte von 1892 bis 1942 in einem Teil Galiziens, der heute zur Ukraine gehört, und für die Gegend habe ich ja eine Schwäche, seit ich dort war. Ursprünglich aus Briefen entstanden, erzählen die „Zimtläden“ in etwas kurioser zeitlicher Abfolge von dem Jungen Józef, dessen Vater an einer mysteriösen Krankheit dahinwelkt, und von Józefs Kindheitserlebnissen, der drohenden Verarmung, dem Dienstmädchen Adela, und jeder Menge Vögel, die der Vater auf dem Dachboden züchtet. Schulz´ Stil ist von einem überbordenden Metapherngebrauch und ausgiebigen mythologischen Verflechtungen gekennzeichnet. Manche Stimmungen fängt er großartig ein, wie in dieser Beschreibung eines Herbsttages:

„Kaum hatte sich der Tag aus den bräunlichen Rauch- und Nebelschwaden des Morgens herausgewickelt, kippte er auch schon wieder in einen tiefen, bernsteindunklen Nachmittag, wurde für kurze Zeit transparent und golden wie dunkles Bier, um gleich darauf in den vielfältig zergliederten, phantastischen Gewölben farbenfroher und ausgedehnter Nächte unterzugehen.“ („Die Zimtläden“, München 2009, S. 22)

Manchmal geht es einfach nur mit ihm durch:

„Auf diesen Gartenschultern war die liederliche weibische Üppigkeit des August bis in die stillen Klüfte der mächtigen Kletten ausgeufert und hatte sich mit haarigen Blattblechen und wuchernden Zungen fleischigen Grüns breitgemacht. Dort sperrten die wulstigen Klettenungetüme ihre Glotzaugen auf, wie breit hingehockte, von den eigenen, wahnsinnig gewordenen Röcken halb aufgefressene Weibsbilder.“ (S. 13)

Und bisweilen glaubt man sich in einem bizarren Traum, vor allem, wenn er über die Krankheit seines Vaters schreibt:

„Manchmal kletterte er auf die Gardinenstange. […] Und in dieser Starre, zusammengekauert, mit vernebeltem Blick und listig grinsend, verharrte er stundenlang, um plötzlich, wenn irgendwer hereinkam, mit den Armen wie mit Flügeln zu schlagen und wie ein Hahn zu krähen.“ (S. 31)

(An dieser Stelle sei die Übersetzerin aus dem Polnischen, Doreen Daume, ausdrücklich gewürdigt. Ich wäre irgendwann durchgedreht, und sie hat es noch geschafft, bestimmte lautmalerische Spielereien zu übertragen.) Zum fortgesetzten Unglück für die Literaturwissenschaften verwandelt sich sein Vater in einer Geschichte allmählich in eine Kakerlake, was (unter anderem) zu einem nicht abreißenden Strom von Kafka-Vergleichen geführt hat, die allerdings völlig in die Irre gehen: zum einen schreibt Bruno Schulz viel farbiger (sinnigerweise war sein Brotberuf Zeichenlehrer), und während Kafka seine Szenarien gewissermaßen in Schwarz-Weiß und mit juristischer Präzision durchexerziert, erschafft sich Schulz eine assoziativ funktionierende Welt, in der sein früh verstorbener Vater immer noch präsent und die von Magie und alttestamentarischen Anspielungen durchtränkt ist. Für ihn  war das Schreiben Flucht aus einem Leben, in dem er für seine Kunst zu wenig Zeit hatte, einen ungeliebten Beruf ausübte (obwohl seine Schüler ihn verehrten), seine Geliebte nicht heiraten konnte (sie war Katholikin und er Jude, was zu letztlich unlösbaren administrativen Schwierigkeiten führte) und zahlreiche Angehörige früh verlor. Sein Tod ist von alledem die tragischste Geschichte: im Auftrag seines „Gönners“, SS-Hauptscharführer Landau, malte Bruno Schulz Märchenbilder für dessen Kinder an die Zimmerwände, wurde jedoch erschossen, da Landau den Schützling eines anderen SS-Scharführers umgebracht hatte. Die Wandbilder, verloren geglaubt und von einem Bewunderer Schulz´, Jerzy Ficowski, und einem Dokumentarfilmer namens Benjamin Geissler wiederentdeckt, verschwanden in einer Nacht- und Nebel-Aktion – nach Yad Vashem.

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