Monat: Mai 2012

52 Bücher, 30. Woche: Dunkel und Stürmisch

Es war eine dunkle, stürmische Nacht. Und der Käpt´n sagte zum Maat: ´Maat, erzähl mir eine Geschichte!´ Und dies war seine Geschichte: Es war eine dunkle, stürmische Nacht. Und der Käpt´n sagte zum Maat: ´Maat, erzähl mir eine Geschichte!´ Und dies war seine Geschichte…“

Seit knapp einer Woche versuche ich jetzt schon, hier etwas über die „Sandmann“-Comics zu schreiben, und stelle fest: es geht nicht. Vielleicht liegt es daran, dass die Geschichten über Dream, den Herrn der Träume, mit meinen eigenen Träumen relativ viel Ähnlichkeit aufweisen, sodass ich mir immer vorkomme, als würde ich etwas hier im Blog verraten, was nicht so richtig rein gehört, oder daran, dass ich mich auch beim fünften Lesen nicht entscheiden kann, ob ich den Zeichenstil nun grässlich lieblos oder schockierend innovativ finden soll. Die FAZ spricht diesbezüglich lieber von „traumartiger Unschärfe„, was ein vorzügliches Synonym ist für: „Der Tuscher schien manchmal einfach keine Lust zu haben“. Bei all den Dämonen, Monstern und Alpträumen, die sich im Reich der Träume und manchmal auch außerhalb dessen tummeln, könnte man ihm (oder vielmehr: ihnen. Die Reihe hat einen enormen Verschleiß an Zeichnern.) das nicht direkt verübeln, allerdings sind die Monster häufig am sorgfältigsten gezeichnet.

Insgesamt umfasst „Sandmann“ neun Bände und erzählt von Dream, einem der sieben Ewigen (eine Art Meta-Götter), der sich nach 70 Jahren in Gefangenschaft eines Okkultisten mit allerlei Veränderungen herumschlagen muss. Dream ist „der Herr dessen, was nie war, nicht ist und nie sein wird“. Für jemanden, der Träume und Geschichten managt, erweist er sich allerdings als erstaunlich unflexibel, zudem hat er das Pech, mit Desire und Despair zwei überaus intrigante Geschwister zu haben (die genau das verkörpern, wonach sie sich anhören). Dafür steht ihm seine große Schwester Death zur Seite (ihren ersten Auftritt hat sie mit einem Mary-Poppins-Zitat, und auch sonst ist sie eine der lebenslustigsten Figuren im Sandmann-Universum. Isn´t it ironic?) Gaiman spielt mit Sagen, Mythen, Urban Legends, historischen Fakten und fast historischen Fakten, außerdem mit Figuren aus anderen Comic-Universen (John Constantin beispielsweise) und macht aus dem, was leicht in einem seltsamen Potpourri enden könnte, eine großangelegte und detailreich verzweigte Geschichte über Macht, Wahn, Einsamkeit und übermäßiges Pflichtbewusstsein. In einer meiner Lieblingsgeschichten nutzt Luzifer, der keine Lust mehr darauf hat, den Höllenherrscher zu geben (so viel zu Milton, ihr wisst schon: „Lieber in der Hölle herrschen, als im Himmel dienen“), genau dieses Pflichtbewusstsein, um Dream fast zu vernichten – er übergibt ihm den Schlüssel zur Hölle, und anstatt das Ding schnell wieder loszuwerden, stürzt Dream sich in Schwierigkeiten, weil er den Schlüssel gern „dem Richtigen“ geben möchte. Luzifer spannt unterdessen am australischen Strand aus.

Eingangs erwähntes Zitat ist übrigens einem Traum entnommen, der im zweiten Band auftaucht. Wer nichts gegen gelegentliche Alpträume hat (oder schon immer mal wissen wollte, womit die ihre Freizeit verbringen) und sich in einen bisweilen etwas sperrigen Zeichenstil hineinversetzen will – auf zum Buchladen. Wenigstens der nächste Comic-Shop müsste immer eine vollständige Sandmann-Ausgabe parat haben.

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Nachbarn

Unsere Wohnung hat einen Balkon. Eigentlich. Denn seit das Wetter schön geworden ist, ist er nicht mehr nutzbar. Unsere Nachbarn, schräg gegenüber (wir wohnen im Eckhaus) haben nämlich auch einen Balkon. Und seit sie große Teile dessen, was man bei weiter Auslegung des Begriffes gerade noch als „Sozialleben“ beschreiben könnte, nach draußen verlegt haben, trocknet auf unserem meistens nur noch die Wäsche.

Uns wurde schon geraten, einfach mal höflich und bestimmt unsere Nachbarn zu bitten, doch leiser zu sein. Das löst nur das Problem nicht. Denn die vollständige Bitte müsste etwa wie folgt lauten: „Bitte hören Sie auf, auf dem Balkon aller paar Minuten zu rülpsen. Natürlich können Sie da fernsehen, aber es wäre riesig nett, wenn sie nicht aller Sekunden das, was auch immer Sie da sehen, lautstark kommentieren müssten, oder bei Fußballspielen lauthals herumgrölen, und wir wollen auch nicht unbedingt mitbekommen, wie sehr sie sich alle gegenseitig nicht ausstehen können, vielleicht können Sie Ihre Streitereien ja in der Wohnung austragen. Außerdem ist es nicht besonders toll, wenn sie die ganze Zeit ihre Hunde anschreien, die trinken auch dann nicht schneller, wenn man ihnen zum dritten Mal sagt, sie sollen sich beeilen. Zudem wären wir und vor allem unvorbereitete Gäste, die eigentlich nur kurz eine rauchen wollten, deutlich weniger verstört, würden Sie sich endlich eine blickdichte Jalousie im Badezimmer zulegen (Anm. d. Red.: das geht auch zum Balkon raus, und die Toilettenschüssel ist direkt hinter dem Fenster…), und sich gelegentlich duschen oder wenigstens kurz waschen, damit wir nicht, wenn der Wind ungünstig steht, Ihren Körpergeruch riechen. Bei der Gelegenheit könnten Sie auch Ihre Hunde waschen, die riecht man nämlich, ebenso wie Sie, noch fünf Minuten, nachdem sie von Ihnen unter lautstarkem Geschimpfe durchs Treppenhaus gezerrt wurden, nur damit sie eine Lache direkt vor der Haustür ablassen und wieder nach oben geschleift werden.“

Unsere Nachbarn sind so klischeehafte Assis, dass ich es anfangs nicht glauben konnte. Sie sind die klassischen „nicht Vermittelbaren“, die vermutlich nicht mal in der DDR den Hof gekehrt hätte (als alle noch Arbeit hatten, jaja) und mit denen die FDP eine komplette Wahlkampagne schmeißen könnte, während die Industrie die Politik vermutlich anfleht, diese Leute unter allen Umständen vom Arbeitsmarkt fernzuhalten. Einerseits tun sie mir leid, denn auch sie hatten sicher einstmals anderes vor, als in einer Sozialwohnung zu hocken, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen und ihren volljährigen Sohn sowie eine weitere Gruppe undefinierbarer Besucher wahlweise anzumotzen oder mit Bier zu versorgen. Und andererseits finde ich sie einfach grässlich. Mir wird übel bei dem Gedanken, das sie tatsächlich von Steuergeldern leben, dass sie sich kistenweise Bier und immerhin zwei Hunde leisten können, dass sie nicht merken, wie sehr sie nerven mit ihrem Assi-Sächsisch, dem Gerülpse, dem gegenseitigen Runterputzen, und wenn sie später gemeinsam ihre Fernsehsendungen kommentieren. Wenn wir abends auf dem Balkon sitzen wollen, etwas trinken und der Dämmerung zuschauen, endet das meistens damit, dass wir uns resigniert nach innen verkrümeln. Was sollen wir denen auch sagen? „Hören Sie auf, sich wie Assis zu benehmen“? Ich bezweifle bisweilen, dass unsere Nachbarn mit dem Ausdruck „normaler Umgangston“ überhaupt etwas anfangen können, und bei der Aufgabe, Ihnen möglichst höflich zu erklären, was genau mich stört, fühle ich mich überfordert, weil ich gar nicht wüsste, wo anfangen. Zudem ist es ja grundsätzlich ihr gutes Recht, auf ihrem Balkon zu sitzen und auch mal ein bisschen lauter zu sein, bei den meisten anderen im Hinterhof ist das ja auch okay. Allerdings gibt es noch einen weiteren Grund, aus dem ich diese Leute ziemlich belastend finde: es ist ausgesprochen unentspannend, nebendan den lebenden Beweis dafür zu haben, dass die eigene Solidarität Grenzen hat. Vielleicht zu enge Grenzen. Vielleicht ist es gemein von mir, mir zu wünschen, sie mögen irgendwo anders, wo ich es nicht mitbekommen muss, ihre kaputten Leben zu Ende leben, dass es mich nicht interessiert, warum sie so geworden sind, was sie für Träume hatten, warum aus denen nichts wurde. Dass ich es manchmal schlichtweg für Geldverschwendung halte, diese Leute staatlich zu unterstützen, und dass mir tatsächlich egal ist, was anderenfalls aus ihnen würde.

52 Bücher, 29. Woche: Biographien

Da erzähle ich noch, dass ich Biographien en masse lese, und dann wird das gleich das nächste Bücher-Thema. Braves Monster, so gefällt mir das. Und weil ich mich nicht entscheiden kann, und heute Sonntag ist, stelle ich euch mal ein paar Exemplare meine Biographien-Sammlung vor (in willkürlicher Reihenfolge):

Simon Sebag Montefiore: „Der junge Stalin“ und „Stalin“. Episches Werk über Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, später besser bekannt unter seinem nom de guerre. Stalin ist ja so eine Figur, von der man meint, man wüsste einiges drüber, aber vor allem seine Jugendzeit und seine revolutionären Anfänge lesen sich sehr fesselnd (Und seine Gedichte. Es ist schwer vorstellbar, dass dieser Mann mal eine Ode an den Mond verfasst hat, und noch erstaunlicher, dass diese gar nicht mal so schlecht ist). Der zweite Band befasst sich mit „dem roten Zaren“, so der Untertitel, und erschlägt den nur mäßig vorgebildeten Leser durch seine Detailfülle. Andererseits versteht es Montefiore, gleichermaßen wissenschaftlich und ansprechend zu schreiben, nachzuzeichnen, wie die konspirativen Anfänge der Bolschewiki in Verfolgunswahn umschlugen, aber auch, wie Familie und Freizeit aussahen. Keine ganz leichte Kost, aber lohnend.

Reiner Stach: „Kafka – die Jahre der Entscheidungen“. Dank dieser Lektüre konnte ich den Dozenten in einem Literaturseminar alt aussehen lassen, und wer sich auch nur ein bisschen für Kafka interessiert, dem sei dies ans Herz gelegt. Allen anderen eigentlich auch, denn Stach gelingt es, ein bei allem Tiefgang auch unterhaltsames Bild jenseits der typischen Junggesellen-und-unglücklicher-Schriftsteller-Klischees zu zeichen. In den Jahren 1910 bis 1915 bastelte Kafka ständig an seiner Identität, seinem Selbstverständnis, seinem Schreiben und der Beziehung zu Felice Bauer, und auch wenn dieser Selbstfindungsprozess an sich manchmal einfach nur ermüdend ist, ist es doch ein Kunststück, dass Stach die Darstellung so lebhaft und klar gelingt, dass man manchmal ins Buch greifen und den jungen Kafka ein bisschen schütteln möchte.

Jerzy Ficowski: „Bruno Schulz“. Ist Stach noch das Kunststück gelungen, zu seinem „Gegenstand“ bei aller Empathie die (literatur)wissenschaftliche Distanz zu wahren, vermisst man diese bei Ficowski völlig. Selbst Schriftsteller, schreibt er über Bruno Schulz mit einem derartigen Ausdruck der Verehrung, des Pathos und der Gewissheit, ihn richtig verstanden zu haben, dass man ihn gern ein bisschen schütteln möchte. Nicht zu unteschätzen sind aber seine Recherchen, in denen er viel verloren geglaubtes Material von und über Bruno Schulz zusammengetragen hat und dank dessen man sich immerhin selbst einen Einblick erarbeiten kann. Allerdings sind die Abdriftungen ins Mysthische, die mit biographischer oder literarischer Analyse nicht mehr viel zu tun haben, sondern mehr mit der ständigen Selbstvergewisserung, dem Gegenstand der Verehrung geistig ganz nahe zu sein, auf die Dauer nur ermüdend.

Tom Reiss: „Der Orientalist“. Großes Kino. Der amerikanische Journalist Tom Reiss nimmt sich der Spuren von Essad Bey, alias Lev Nussimbaum, alias Kurban Said an, der 1905 in Baku als Sohn eines reichen Ölindustriellen und einer radikalen Revolutionärin geboren wurde. Vielleicht aber auch ganz woanders, so genau weiß man das nicht. Die Oktoberrevolution brachte ihn über Umwege nach Berlin, wo er zum Islam übertrat, sich für Türkisch, Arabisch und Islamische Geschichte immatrikulierte und ein Künstler- und Literatendasein begann. Außer einer Mohammend-Biographie verfasste er auch eine über Stalin (allein wegen der Metaebene würde ich die ja gerne vorstellen, aber sie ist noch auf der „Bücher, die ich irgendwann mal lesen werde“-Liste) und verschiedene Romane sowie Bücher über den Kaukasus. Tom Reiss protzt manchmal arg mit seinen Recherchen herum, allerdings sei es ihm gegönnt, da er nicht nur mit der spärlichen Quellenlage und den Verwirrungen und Verwüstungen zweier Weltkriege, sondern auch mit Essad Bey selbst zu kämpfen hatte, der von den Nazis mit einem Publikationsverbot belegt worden war und daher seine Urheberschaft ab 1936 verwischte. Biograhpie und Recherchekrimi fallen hier in eins, und ich kann es nur empfehlen.

Vielleicht wird´s ein Apfelbäumchen

Fatalistin, die ich bisweilen bin, wünsche ich mir manchmal, der vielbeschworene Klima-Kollaps-Weltuntergang möge endlich eintreten, danach wäre wenigstens Ruhe. Ob ich selbst bei sicherem Wissen um dieses Ereignis noch ein Apfelbäumchen pflanzen würde, wie es angeblich Martin Luther vorschlug, kann ich nicht sagen, denn vermutlich wäre ich um den atmosphären-vergiftungsinduzierten Weltuntergang herum zu sehr mit meinen diversen Allergien beschäftigt, um noch eine Grube fürs Wurzelwerk auszuheben. Freundlicherweise machen das aber andere Leute, auch ganz ohne konkret drohenden Weltuntergang, nämlich die Menschen von „Mach´s grün„. Zwar ist mein Blog nicht groß genug, um schon dringend einer Neutralisierung zu bedürfen, das fängt angeblich ab 15.000 Besuchern im Monat an, aber dafür ist mein Überschuss an eingespartem CO2 sensationell groß. (Der Button rechts in der Seitenleiste könnte dann heißen „Ich spare für ein paar andere Blogs gleich mit!“, aber erstens gab´s den nicht und zweitens muss ich es ja nicht gleich übertreiben). Bäume sind übrigens nicht nur unter CO2-Gesichtspunkten sinnvoll – bisweilen zweifele ich an dieser Fixierung aufs Kohlendioxid, aber um fundierter zu zweifeln, fehlt mir die Expertise. Ein Limnologe, zu deutsch Süßwasserforscher, der irgendwann mal im DLF interviewt wurde, schrieb viele Klimaveränderungen eher gestörten Wasserkreisläufen und damit abnehmender Verdunstungskälte durch den Mangel an großen Gehölzen zu. Mit Baum geht man also auf Nummer Sicher.

(Drüber gestolpert via Chirurgenwelpe.)

52 Bücher: Dreierpack

Uiuiui, ich hänge ganz schön zurück. Also Ärmel hochgekrempelt und aufgeholt beim monsterhaften Bücherprojekt.

Woche 26: Ambivalenz

Eigentlich lautet das Thema ja: „Liebe ich es, oder ist es doch Hass?“, aber da ich nicht dazu neige, so starke Emotionen mit Büchern zu verbinden, bleibe ich mal bei Ambivalenz. Und der Gewinner des „Most Ambivalent Book Of The Year“-Award ist „A Song of Ice and Fire“ von George R.R. Martin. [OBACHT! Wer Wert darauf legt, vor Spoilern gewarnt zu werden, betrachte sich hiermit bitte als gewarnt.] Der erste Band hat mich umgehauen. Der zweite auch. Nach dem dritten brauchte ich eine Pause, durch den Vierten habe ich mich geschleppt, und den fünften hätte ich am liebsten gegen die Wand geworfen. Inhaltsangaben und überschwängliches Lob für Mr. Martins Schreibkunst findet ihr woanders, ich fasse mich kurz: es sterben zu viele Leute.

Zumindest für meinen Geschmack zu viele. Ich bin ein Identifikationsleser (oder wie immer man Leute nennt, für die die Handlung kurz (ganz kurz!) nach den Charakteren kommt). Deswegen fiel es mir nicht besonders leicht, das Parfüm zu lesen, an Karl May bin ich gescheitert, weil mich seine Figuren so gar nicht interessierten, dafür kann ich in jeder halbwegs ansprechend und empatisch verfassten Biographie versinken, auch wenn sich im Leben des Betreffenden gar nichts Großartiges tut. Martin aber lässt ab dem dritten Band sein Personal sterben oder grausige Dinge erleiden – Catelyn und Robb bei der „Roten Hochzeit“, Theon verschwindet und taucht gebrochen wieder auf, in gewisser Weise verschwinden auch Arya und Sansa, weil sie ihre Identitäten aufgeben, Jon kriegt am Ende ein Messer in den Rücken, Jaime verschwindet, mit dem ich mich zu diesem Zeitpunkt schon richtig „angefreundet“ hatte, Quentyn Martell, der zu spät hinzukommt, um spannend zu sein (und ohnehin keine Chance hat), wird von Daenerys´ Drachen gegrillt, Victarion Greyjoy wird, ebenfalls unterwegs zu Daenerys, in aller Ruhe wahnsinnig, kurzum – von den ursprünglichen „Point of view“-Charakteren sind am Ende nicht mehr so viele übrig, zwischendrin geben einige ein Gastspiel, nur um alsbald meistens plötzlich zu versterben oder uns vorzuführen, was für Unsympathen in dieser Welt herumlaufen, und insbesondere im Norden von Westeros ist Ramsay Bolton unterwegs, der für meinen Magen dann zuviel war (zartfühlende Gemüter sollten nicht auf den Link klicken).

Mir war schon anfangs sattsam klar, dass „A Song of Ice and Fire“ keine gewöhnliche Fantasy mit Queste und gutem Ausgang ist (deswegen fand ich es unter anderem so gut), auch keine fluffige pseudomittelalterliche Welt, in der Durchhaltewille oder moralische Stärke immer belohnt wird, sondern chaotisch, grausam und willkürlich. Und irgendwann reicht´s mir damit einfach. Den sechsten Band werde ich trotzdem schonmal vorbestellen – Ambivalenz eben.

Woche 27: Nationalsozialismus.

Kürzer als bei diesem Thema musste ich beim Buchprojekt noch nie überlegen: „Ist das ein Mensch?“ von Primo Levi. Er beschreibt das Jahr, dass er in Auschwitz verbrachte, von Januar 1944 bis Februar 1945, beginnend mit seiner kurzen Zeit bei der Resistenza, dem gescheiterten Versuch, sich einer Partisanengruppe anzuschließen, und der Deportation nach Auschwitz. Als Chemiker war er in den Buna-Werken zur Zwangsarbeit eingesetzt, und ist dadurch und dank der „Protektion“ eines Vorgesetzten den schlimmsten Bedingungen entgangen – im Zusammenhang mit einem Vernichtungslager mag das zwar wenig heißen, machte aber den Unterschied zwischen Leben und Tod aus. Levi beschreibt vor allem die sozialen Strukturen des Lagerlebens, wie die Entmenschlichung der Insassen durch andere und auch sie selbst zustande kommt, wie sie sich um Viertelstückchen Brot, Zigaretten oder Kleidung reißen, wie sein „Protektor“ sich beschwert, er stelle unangemessene Forderungen (Levi hatte es nach einigen Zuwendungen gewagt, um etwas für einen Freund zu bitten), und das alles in fast naturwissenschaftlicher Sprache, präzise und nüchtern. Und obwohl er überlebt, überlebt er irgendwie doch nicht – er sieht keinen Sinn in seinem Überleben, keinen höheren Plan oder göttliche Fügung. Auch deswegen vermutet man, dass sein Sturz ins Treppenhaus1987 Selbstmord gewesen ist.

Woche 28: Bescheuerte Buchtitel.

Dazu könnte ich ein paar bescheuerte Titel von Blogbeiträgen aus dem Weirdpress-Universum beisteuern, aber die sind unter keiner möglichen Definition Bücher, und ich will auch nicht, dass sie zu solchen werden. Und um mich über diese ganzen „Warum der Kapitalismus am Ende ist, alle anderen außer mir von den Medien manipuliert werden und wie wir es richtig zu machen haben“-Titel aufzuregen, fehlt mir heute der Elan.

Stattdessen etwas, was mich schon die ganze Zeit wundert: die Übersetzungen der „Hunger Games“-Titel. Der erste Band, „The Hunger Games“, wurde hier als „Gefährliche Spiele“ herausgegeben, was ich angesichts des Charakters der Hungerspiele (übrigens ein griffiger Titel, irgendwas mit „gefährlich“ und „Spiel“ heißt doch jeder zweite achtklassige Krimi) für eine gewaltige Untertreibung halte. Für diejenigen, die es nicht kennen: Suzanne Collins schreibt über ein Amerika irgendwann in undefinierbarer Zukunft, in dem dreizehn Distrike vom „Kapitol“ unterdrückt werden und als Buße für einen lange zurück liegenden Aufstand jedes Jahr zwei Kinder, die „Tribute“, zu den Hungerspielen schicken müssen – Gladiatorenspiele, die nur einer überleben kann. Katniss aus dem ärmsten Distrikt, der Nummer 12, meldet sich freiwillig, um ihre Schwester vor diesem Schicksal zu bewahren, und findet sich mit Peeta in den Spielen wieder, der sie seit Kindertagen still verehrt. Indem sie sich als Paar inszenieren, schaffen sie es, gemeinsam zu überleben, allerdings sind Peetas Gefühle für Katniss weitaus stärker als umgekehrt. Der zweite Band heißt dann „Tödliche Liebe“, wobei das Tödliche eigentlich gerade darin besteht, dass Katniss Peeta nicht liebt, und der Originaltitel „Catching Fire“ gibt auch viel besser das Aufflackern einer Rebellion der Distrikte wieder, die erstickt werden soll, und am Ende, wie das bei Schwelbränden so ist, plötzlich doch ausbricht. Der dritte Band heißt schlicht „Mockingjay“ – Spotttölpel klingt im Deutschen nun nicht so beeindruckend, dafür ist es quasi Katniss´ Wappentier, seit sie mit einer Spotttölpelbrosche in die ersten Spiele ging. „Flammender Zorn“ ist vielleicht nicht bescheuert, sondern noch der am passendsten übersetzte Titel, aber insgesamt hätte man das durchaus besser machen können. Die Bücher sind allerdings uneingeschränkt empfehlenswert.

Ein Hauch von Passierschein A38

Damit auf keinen Fall irgendwelche dahergelaufenen Dummköpfe Juristen werden, besteht die erste Hürde des Staatsexamens bereits in der Anmeldung zu selbigem. Diese erfolgt nämlich, damit es nicht langweilig wird, bei 2 Prüfungsämtern parallel, dem der Uni und dem Landesjustizprüfungsamt des Freistaates Sachsen.

Einfacher, weil mit weniger Formularausfüllaufwand verbunden, ist die Anmeldung zur universitären Schwerpunktbereichsprüfung. Für die kann man sich bis Mitte Juli anmelden, muss ein paar Scheine im Original einreichen, und das wars. Für das LJPA muss man diesselben Scheine einreichen, auch im Original, allerdings bis Mitte Mai, oder die Anmeldebestätigung vom Universitätsprüfungsamt. Geht schlecht, wenn man, wie ich, erst kurz vor knapp anfängt, sich darum Gedanken zu machen. Das Ganze funtkioniert auch umgekehrt – man legt beim Uniprüfungsamt die Zulassung des LJPA vor. Ob die bis Mitte Juli fertig sein könnte? Schwierig, könne man nicht sagen. Kurz dachte ich daran, bei beiden Stellen „Originale“ einzureichen und abzuwarten, ob das jemandem auffällt, aber erstens bin ich ein Feigling und zweitens stellte sich heraus, dass man die Scheine beim Uniprüfungsamt nur zeigen muss, während man sie beim LJPA abgibt. Also erst mal den Unikram.

Dabei handelt es sich um exakt dieses Blatt, in dem man nur angeben musste, in welchem Semester und in welchem Schwerpunktbereich man die Prüfung zu machen gedächte. Ein paar Tage später konnten wir uns dann die Zulassung abholen, der ein Formular angeheftet war, auf dem man eintragen musste, in welchem Schwerpunktbereich man sich in welchem Semester zur Klausur anmeldet, und noch eines, in dem man angeben musste, in welchem Schwerpunktbereich und welchem Semester man die wissenschaftliche Studienarbeit zu schreiben gedenkt.

So richtig darüber amüsieren konnte ich mich nicht, weil ich zu beschäftigt damit war, die Belegbögen für das LJPA auszufüllen, in denen man für jedes Studiensemester die besuchten Vorlesungen samt Wochenstundenzahl eintragen sollte. Nun liegt mein erstes Studiensemester schon sehr lange zurück, nämlich 2006, und fand auch noch an einer anderen Universität statt, deren Archiv 2007 beginnt, sodass ich in der glücklichen Lage war, mir einfach was auszudenken.  Das gestaltete sich beim Rest schwieriger – zwar reicht das Leipziger Vorlesungsarchiv ausreichend lange zurück, aber ich  war dem Axtmord nahe, auch nachdem wir mit vereinten Kräften versuchten, aus der eher bruchstückhaften Erinnerung an, *hüstel*, natürlich absolut regelmäßig besuchte Vorlesungen die Veranstaltungen, deren Namen und Wochenstundenanzahl zu eruieren, was dadurch noch erschwert wurde, dass die Vorlesungsverzeichnisse nicht stimmen konnten und man aus irgendeinem Grund in Vorlesungsstunden und Übung trennen musste, die in den Verzeichnissen, falls überhaupt angegeben, zusammengefasst waren.

Da mein Studium nicht ganz geradlinig verlaufen ist, wollte ich lieber auf Nummer Sicher gehen und die Anmeldung samt sämtlicher Immatrikulations-, Anrechnungs-, Exmatrikulations-, erneuter Immatrikulations- und weiterer Anrechnungsbescheinigungen direkt beim LJPA  abgeben, dass freundlicherweise eine Mitarbeiterin für ein paar Stunden nach Leipzig schickte, um die Unterlagen von geschätzt 200 Leuten durchzusehen. Gerüchteweise hieß es außerdem, dass LJPA werde im Fall fehlerhaft eingeschickter Unterlagen keine Nachreichungsfrist einträumen, sondern die Anmeldung als nicht erfolgt betrachten, und nur die Fucht, nicht rechtzeitig eine Rechtsschutzversicherung zu bekommen, um mir die Zulassung in so einem Falle notfalls zu erklagen, ließ mich die anderthalb Stunden im Flur der Fakultät durchstehen (im Wortsinne), nur, um dann entgeisterten Blickes gefragt zu werden, ob ich denn wirklich zwei Jahre unterbrochen hätte, das sei ja ungewöhnlich. Die §$%&(! Vorlesungslisten wollte sie gar nicht sehen. Seitdem grübele ich darüber nach, was sie damit im LJPA machen. Wände tapezieren? Praktikanten damit beschäftigen, diese Listen mit den Online-Vorlesungsverzeichnissen abzugleichen? Sie in einem geheimen Kellerraum sammeln und ab und zu darin herumtauchen, wie Dagobert in seinem Geldspeicher?