52 Bücher: Dreierpack

Uiuiui, ich hänge ganz schön zurück. Also Ärmel hochgekrempelt und aufgeholt beim monsterhaften Bücherprojekt.

Woche 26: Ambivalenz

Eigentlich lautet das Thema ja: „Liebe ich es, oder ist es doch Hass?“, aber da ich nicht dazu neige, so starke Emotionen mit Büchern zu verbinden, bleibe ich mal bei Ambivalenz. Und der Gewinner des „Most Ambivalent Book Of The Year“-Award ist „A Song of Ice and Fire“ von George R.R. Martin. [OBACHT! Wer Wert darauf legt, vor Spoilern gewarnt zu werden, betrachte sich hiermit bitte als gewarnt.] Der erste Band hat mich umgehauen. Der zweite auch. Nach dem dritten brauchte ich eine Pause, durch den Vierten habe ich mich geschleppt, und den fünften hätte ich am liebsten gegen die Wand geworfen. Inhaltsangaben und überschwängliches Lob für Mr. Martins Schreibkunst findet ihr woanders, ich fasse mich kurz: es sterben zu viele Leute.

Zumindest für meinen Geschmack zu viele. Ich bin ein Identifikationsleser (oder wie immer man Leute nennt, für die die Handlung kurz (ganz kurz!) nach den Charakteren kommt). Deswegen fiel es mir nicht besonders leicht, das Parfüm zu lesen, an Karl May bin ich gescheitert, weil mich seine Figuren so gar nicht interessierten, dafür kann ich in jeder halbwegs ansprechend und empatisch verfassten Biographie versinken, auch wenn sich im Leben des Betreffenden gar nichts Großartiges tut. Martin aber lässt ab dem dritten Band sein Personal sterben oder grausige Dinge erleiden – Catelyn und Robb bei der „Roten Hochzeit“, Theon verschwindet und taucht gebrochen wieder auf, in gewisser Weise verschwinden auch Arya und Sansa, weil sie ihre Identitäten aufgeben, Jon kriegt am Ende ein Messer in den Rücken, Jaime verschwindet, mit dem ich mich zu diesem Zeitpunkt schon richtig „angefreundet“ hatte, Quentyn Martell, der zu spät hinzukommt, um spannend zu sein (und ohnehin keine Chance hat), wird von Daenerys´ Drachen gegrillt, Victarion Greyjoy wird, ebenfalls unterwegs zu Daenerys, in aller Ruhe wahnsinnig, kurzum – von den ursprünglichen „Point of view“-Charakteren sind am Ende nicht mehr so viele übrig, zwischendrin geben einige ein Gastspiel, nur um alsbald meistens plötzlich zu versterben oder uns vorzuführen, was für Unsympathen in dieser Welt herumlaufen, und insbesondere im Norden von Westeros ist Ramsay Bolton unterwegs, der für meinen Magen dann zuviel war (zartfühlende Gemüter sollten nicht auf den Link klicken).

Mir war schon anfangs sattsam klar, dass „A Song of Ice and Fire“ keine gewöhnliche Fantasy mit Queste und gutem Ausgang ist (deswegen fand ich es unter anderem so gut), auch keine fluffige pseudomittelalterliche Welt, in der Durchhaltewille oder moralische Stärke immer belohnt wird, sondern chaotisch, grausam und willkürlich. Und irgendwann reicht´s mir damit einfach. Den sechsten Band werde ich trotzdem schonmal vorbestellen – Ambivalenz eben.

Woche 27: Nationalsozialismus.

Kürzer als bei diesem Thema musste ich beim Buchprojekt noch nie überlegen: „Ist das ein Mensch?“ von Primo Levi. Er beschreibt das Jahr, dass er in Auschwitz verbrachte, von Januar 1944 bis Februar 1945, beginnend mit seiner kurzen Zeit bei der Resistenza, dem gescheiterten Versuch, sich einer Partisanengruppe anzuschließen, und der Deportation nach Auschwitz. Als Chemiker war er in den Buna-Werken zur Zwangsarbeit eingesetzt, und ist dadurch und dank der „Protektion“ eines Vorgesetzten den schlimmsten Bedingungen entgangen – im Zusammenhang mit einem Vernichtungslager mag das zwar wenig heißen, machte aber den Unterschied zwischen Leben und Tod aus. Levi beschreibt vor allem die sozialen Strukturen des Lagerlebens, wie die Entmenschlichung der Insassen durch andere und auch sie selbst zustande kommt, wie sie sich um Viertelstückchen Brot, Zigaretten oder Kleidung reißen, wie sein „Protektor“ sich beschwert, er stelle unangemessene Forderungen (Levi hatte es nach einigen Zuwendungen gewagt, um etwas für einen Freund zu bitten), und das alles in fast naturwissenschaftlicher Sprache, präzise und nüchtern. Und obwohl er überlebt, überlebt er irgendwie doch nicht – er sieht keinen Sinn in seinem Überleben, keinen höheren Plan oder göttliche Fügung. Auch deswegen vermutet man, dass sein Sturz ins Treppenhaus1987 Selbstmord gewesen ist.

Woche 28: Bescheuerte Buchtitel.

Dazu könnte ich ein paar bescheuerte Titel von Blogbeiträgen aus dem Weirdpress-Universum beisteuern, aber die sind unter keiner möglichen Definition Bücher, und ich will auch nicht, dass sie zu solchen werden. Und um mich über diese ganzen „Warum der Kapitalismus am Ende ist, alle anderen außer mir von den Medien manipuliert werden und wie wir es richtig zu machen haben“-Titel aufzuregen, fehlt mir heute der Elan.

Stattdessen etwas, was mich schon die ganze Zeit wundert: die Übersetzungen der „Hunger Games“-Titel. Der erste Band, „The Hunger Games“, wurde hier als „Gefährliche Spiele“ herausgegeben, was ich angesichts des Charakters der Hungerspiele (übrigens ein griffiger Titel, irgendwas mit „gefährlich“ und „Spiel“ heißt doch jeder zweite achtklassige Krimi) für eine gewaltige Untertreibung halte. Für diejenigen, die es nicht kennen: Suzanne Collins schreibt über ein Amerika irgendwann in undefinierbarer Zukunft, in dem dreizehn Distrike vom „Kapitol“ unterdrückt werden und als Buße für einen lange zurück liegenden Aufstand jedes Jahr zwei Kinder, die „Tribute“, zu den Hungerspielen schicken müssen – Gladiatorenspiele, die nur einer überleben kann. Katniss aus dem ärmsten Distrikt, der Nummer 12, meldet sich freiwillig, um ihre Schwester vor diesem Schicksal zu bewahren, und findet sich mit Peeta in den Spielen wieder, der sie seit Kindertagen still verehrt. Indem sie sich als Paar inszenieren, schaffen sie es, gemeinsam zu überleben, allerdings sind Peetas Gefühle für Katniss weitaus stärker als umgekehrt. Der zweite Band heißt dann „Tödliche Liebe“, wobei das Tödliche eigentlich gerade darin besteht, dass Katniss Peeta nicht liebt, und der Originaltitel „Catching Fire“ gibt auch viel besser das Aufflackern einer Rebellion der Distrikte wieder, die erstickt werden soll, und am Ende, wie das bei Schwelbränden so ist, plötzlich doch ausbricht. Der dritte Band heißt schlicht „Mockingjay“ – Spotttölpel klingt im Deutschen nun nicht so beeindruckend, dafür ist es quasi Katniss´ Wappentier, seit sie mit einer Spotttölpelbrosche in die ersten Spiele ging. „Flammender Zorn“ ist vielleicht nicht bescheuert, sondern noch der am passendsten übersetzte Titel, aber insgesamt hätte man das durchaus besser machen können. Die Bücher sind allerdings uneingeschränkt empfehlenswert.

10 Kommentare

  1. Joa. Also, du hast wohl Recht, es sterben sogar für meinen Geschmack die Figuren bei Martin ein bisschen zu leicht, auch wenn die einzigen, um die ich es wirklich schade fand, wohl Eddard und in noch weitaus größerem Maße The Hound waren.
    Am meisten regt mich ja der Strang um Daenerys auf. Das hätte echt nicht sein müssen.
    Hunger Games finde ich als Titel einigermaßen dämlich, aber dafür mochte ich Karl May immer so gerne. Also, sein populäres Zeug. Der Mahdi und die vielen Jäger-im-Schwarzwald-Schinken, die kein Mensch kennt, kann man echt auslassen.

    Liken

    1. Stimmt, Eddard hab ich vergessen. Wobei das noch so ein Problem ist: die Guten sind weg, und die Interessanten kriegen kein PoV. Wobei ich Daenerys zumindest im ersten Band noch ganz spannend fand – aber ich hatte den Eindruck, Martin wusste dann nicht mehr, was er mit ihr anfangen sollte.

      Liken

  2. @Joan: Ich bin gerade – auf Muriels Empfehlung hin – intensiv in Panem versunken, inzwischen mitten im 3. Band. Die Beschreibung hatte mich erst abgeschreckt, das klang nach reichlich pubertärem Gehabe. Ich hatte zwar immer mal wieder vor, damit anzufangen, hab dann aber doch lieber andere Bücher vorgezogen. Und ich bin ehrlich begeistert.
    @Muriel: Daenerys ist einzig mit Blick auf die Filmrechte eingebaut. Machst du doch auch nicht anders. Fand ich im Buch jetzt nicht so schlimm. Schade nur, dass dafür eine Schauspielerin mit genau einem Gesichtsausdruck im Repertoire ausgesucht wurde. Naja, kann sein, dass dir das nicht so aufgefallen ist.

    Liken

    1. @Guinan: Das ging mir genauso. Die Bücher hatte ich im Laden in der Hand, hab sie wieder weggelegt (der Klappentext ist auch, wenn ich mich recht entsinne, abschreckend) und eine Freundin hat mir dann den ersten Band energisch empfohlen. Den zweiten hab ich ihr quasi aus der Hand gerissen.

      Liken

    2. So, durch. Band 2 war ok, wirklich nicht schlecht, ausreichend spannend, hat mich aber bei weiten nicht so eingezogen wie der erste. Band 3 war für mich der Beste, den konnte ich gar nicht aus der Hand legen. Sehr intensive Stimmung. Schade, Muriel, dass du es nicht damit versuchen willst, ich würde ja gern deine Einschätzung dazu lesen.

      Liken

Mitreden

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.