52 Bücher, 29. Woche: Biographien

Da erzähle ich noch, dass ich Biographien en masse lese, und dann wird das gleich das nächste Bücher-Thema. Braves Monster, so gefällt mir das. Und weil ich mich nicht entscheiden kann, und heute Sonntag ist, stelle ich euch mal ein paar Exemplare meine Biographien-Sammlung vor (in willkürlicher Reihenfolge):

Simon Sebag Montefiore: „Der junge Stalin“ und „Stalin“. Episches Werk über Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, später besser bekannt unter seinem nom de guerre. Stalin ist ja so eine Figur, von der man meint, man wüsste einiges drüber, aber vor allem seine Jugendzeit und seine revolutionären Anfänge lesen sich sehr fesselnd (Und seine Gedichte. Es ist schwer vorstellbar, dass dieser Mann mal eine Ode an den Mond verfasst hat, und noch erstaunlicher, dass diese gar nicht mal so schlecht ist). Der zweite Band befasst sich mit „dem roten Zaren“, so der Untertitel, und erschlägt den nur mäßig vorgebildeten Leser durch seine Detailfülle. Andererseits versteht es Montefiore, gleichermaßen wissenschaftlich und ansprechend zu schreiben, nachzuzeichnen, wie die konspirativen Anfänge der Bolschewiki in Verfolgunswahn umschlugen, aber auch, wie Familie und Freizeit aussahen. Keine ganz leichte Kost, aber lohnend.

Reiner Stach: „Kafka – die Jahre der Entscheidungen“. Dank dieser Lektüre konnte ich den Dozenten in einem Literaturseminar alt aussehen lassen, und wer sich auch nur ein bisschen für Kafka interessiert, dem sei dies ans Herz gelegt. Allen anderen eigentlich auch, denn Stach gelingt es, ein bei allem Tiefgang auch unterhaltsames Bild jenseits der typischen Junggesellen-und-unglücklicher-Schriftsteller-Klischees zu zeichen. In den Jahren 1910 bis 1915 bastelte Kafka ständig an seiner Identität, seinem Selbstverständnis, seinem Schreiben und der Beziehung zu Felice Bauer, und auch wenn dieser Selbstfindungsprozess an sich manchmal einfach nur ermüdend ist, ist es doch ein Kunststück, dass Stach die Darstellung so lebhaft und klar gelingt, dass man manchmal ins Buch greifen und den jungen Kafka ein bisschen schütteln möchte.

Jerzy Ficowski: „Bruno Schulz“. Ist Stach noch das Kunststück gelungen, zu seinem „Gegenstand“ bei aller Empathie die (literatur)wissenschaftliche Distanz zu wahren, vermisst man diese bei Ficowski völlig. Selbst Schriftsteller, schreibt er über Bruno Schulz mit einem derartigen Ausdruck der Verehrung, des Pathos und der Gewissheit, ihn richtig verstanden zu haben, dass man ihn gern ein bisschen schütteln möchte. Nicht zu unteschätzen sind aber seine Recherchen, in denen er viel verloren geglaubtes Material von und über Bruno Schulz zusammengetragen hat und dank dessen man sich immerhin selbst einen Einblick erarbeiten kann. Allerdings sind die Abdriftungen ins Mysthische, die mit biographischer oder literarischer Analyse nicht mehr viel zu tun haben, sondern mehr mit der ständigen Selbstvergewisserung, dem Gegenstand der Verehrung geistig ganz nahe zu sein, auf die Dauer nur ermüdend.

Tom Reiss: „Der Orientalist“. Großes Kino. Der amerikanische Journalist Tom Reiss nimmt sich der Spuren von Essad Bey, alias Lev Nussimbaum, alias Kurban Said an, der 1905 in Baku als Sohn eines reichen Ölindustriellen und einer radikalen Revolutionärin geboren wurde. Vielleicht aber auch ganz woanders, so genau weiß man das nicht. Die Oktoberrevolution brachte ihn über Umwege nach Berlin, wo er zum Islam übertrat, sich für Türkisch, Arabisch und Islamische Geschichte immatrikulierte und ein Künstler- und Literatendasein begann. Außer einer Mohammend-Biographie verfasste er auch eine über Stalin (allein wegen der Metaebene würde ich die ja gerne vorstellen, aber sie ist noch auf der „Bücher, die ich irgendwann mal lesen werde“-Liste) und verschiedene Romane sowie Bücher über den Kaukasus. Tom Reiss protzt manchmal arg mit seinen Recherchen herum, allerdings sei es ihm gegönnt, da er nicht nur mit der spärlichen Quellenlage und den Verwirrungen und Verwüstungen zweier Weltkriege, sondern auch mit Essad Bey selbst zu kämpfen hatte, der von den Nazis mit einem Publikationsverbot belegt worden war und daher seine Urheberschaft ab 1936 verwischte. Biograhpie und Recherchekrimi fallen hier in eins, und ich kann es nur empfehlen.

4 Kommentare

  1. In meiner mündlichen Abiturprüfung in Geschichte sollen die Prüfer ja enorm beeindruckt gewesen sein von dem, was ich zu Stalin zu sagen hatte.
    Ich begreife das bis heute nicht, weil ich im Grunde nur gesagt habe, dass ich Hitler abkaufe, dass er wirklich an seine Sache geglaubt hat, wohingegen ich Stalin eher als Opportunisten einschätze, der gerne Chef sein wollte.
    Ich bin nicht mal sicher, ob ich das heute immer noch so sehe, weil die Recherche für Yours to Keep 3 einiges darüber zu Tage gefördert hat, was für ein gestörter Mensch das war.
    Wie schätzt du das denn als Fachfrau ein?

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    1. Machtmensch, würde ich sagen. Vielleicht am Anfang Überzeugungstäter, aber bezeichnend finde ich, dass Stalin am Anfang viel Praktisches gemacht hat und es geschafft hat, bei all den Spaltungen der Bewegung sich auf der „Gewinnerseite“ zu halten. Der theoretische Unterbau kam erst später, und ich schätze mal, bei seiner Intelligenz hätte er auch irgendein beliebiges anderes Gedankengebäude weiterbauen können… aber für jemandem, der gern Chef spielen wollte, bot sich der Bolschewismus wohl ziemlich gut an. Was ja alles nicht heißen muss, dass er nicht gestört war.
      (Geschichte gehört aber zu den Sachen, die ich nicht studiert habe – meine mündliche Abi-Prüfung lief möglicherweise etwas ähnlich wie deine, weil ich mit meinen Ansichten zum Ostblock davon ablenken konnte, vom Rest keine Ahnung zu haben. Allerdings scheinen manche Geschichtslehrer auch nicht viel zu erwarten.)

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  2. Das brave Monster setzt das erste und das letzte erwähnte Werk auf die Wunschliste und findet, dass diese Bescheidenheit (= nicht alle vier auf die Wuli zu packen) ebenfalls sehr brav ist. 😉

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