Monat: Juni 2012

52 Bücher, 35. Woche: Maßlos überschätzt

Es gibt ja so Bücher, bei denen driften die allgemeine Rezeption und die ganz persönliche Wahrnehmung stark auseinander. Da ich einige Bücher für maßlos überschätzt halte, wird das eine längere Liste:

  • Der ganze Goethe. Nichts gegen Goethe, aber so toll ist er einfach nicht.
  • überhaupt das meiste vom Oberstufenlesestoff. Ich bin nicht böse darüber, „Tod in Venedig“ gelesen zu haben, und „Effie Briest“ mochte ich schon Jahre vorher, aber an den Rest kann ich mich nicht mal erinnern. (Ja, okay, Kafka. Aber Kafka ist ein Spezialfall, der meiner Ansicht nach vor allem unter sonderbaren Gesichtspunkten [„die Schrecken der Moderne vorweggenommen“] vermittelt wird.)
  • Malevil“ von Robert Merle. Merle mag andere gute Bücher geschrieben haben, aber Malevil war in erster Linie ziemlich… ekelhaft. Im südwestlichen Frankreich überleben Emmanuel Comte und einige Freunde einen Atombombenabwurf, weil sie sich gerade im Keller der Burg Malevil befanden. In einer größtenteils verwüsteten Umgebung müssen sie sich mühsam zurechtfinden und ernähren, dann stellen sie fest, dass noch einige andere die Katastrophe überstanden haben. Es kommt zu Konflikten mit Plünderern und einem despotischen Priester im Nachbardorf, in denen es hauptsächlich darum geht, wer die Frauen „haben darf“. Ich glaube, das war das einzige Mal, dass mich bei einem Roman eine explizit männliche Perspektive so gestört hat, und auch wenn ich nicht ausschließen kann, dass 13 auch kein gutes Alter ist, um so ein Buch zu lesen, und ich es heute möglicherweise ganz anders aufnehmen würde, erinnere ich mich immer noch mit Grausen an die Lektüre.
  • Die letzten Kinder von Schewenborn“ von Gudrun Pausewang. Rolands Familie will eigentlich nur nach Fulda, um die Großeltern zu besuchen, doch kurz vor ihrer Ankunft wird Fulda – und der ganze Rest mindestens Mitteleuropas – von einer Atombombe getroffen. Im Gegensatz zu Malevil, wo Strahlung aus irgendeinem Grund keine Rolle spielt, sterben hier die Leute reihenweise an der Strahlenkrankheit, auch Rolands Schwestern. Der Teil, in dem Roland und seine Eltern – auf Wunsch der schwangeren Mutter  – in ihre Heimatstadt Frankfurt zurückkehren, nur um festzustellen, dass dort ebenfalls alles dem Erdboden gleich gemacht wurde, gehört zum Herzerreißendsten, was die Jugendliteratur zu bieten hat. Obwohl ich nächtelang Alpträume davon hatte, hat das Buch bezüglich meiner grundsätzlichen Einstellung zur Atomenergie wohl sein Ziel verfehlt (wohlgemerkt, dort ist ein Szenario beschrieben, in dem der Kalte Krieg eskaliert, kein explodierender Reaktor) und die Detailliertheit, mit der die Autorin den Zusammenbruch der Zivilisation und die auftretenden Krankheiten und Todesfälle beschreibt, grenzt an Blutrünstigkeit. Was ironischerweise dazu führt, dass man  – oder jedenfalls ich – sich der Lektüre emotional komplett verschließt und sie somit ihre angestrebte Wirkung verfehlt.
  • Der Dunkle Turm„, Stephen King. Dass auch hier der Protagonist Roland heißt, kann kein Zufall sein, und auch wenn seine Welt sich „weiterbewegt“ hat, ähneln die Auswirkungen teilweise denen einer starken radioaktiven Verstrahlung, zumal auch gelegentlich etwas in der Art angedeutet wird. Davon abgesehen ist die Geschichte mit sieben Bänden einfach zu lang – es hätte eine brillante Trilogie sein können, hätte Mr. King sich kurz gefasst und darauf verzichtet, sich selbst einzubauen und obendrauf noch eine der Figuren ihr Leben für ihn opfern zu lassen. Der willing suspense of disbelief verließ mich an dieser Stelle schlagartig und kam auch nicht wieder.
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Grottenolm

Genau so komme ich mir gerade vor.

(Den Buchling habt ihr bestimmt schon gesehen. Aber wer findet die Maus?)

Der Blick ins Gesetz

… erleichtert nicht nur Juristen die Rechtsfindung, auch Journalisten sollten ihn gelegentlich wagen.

Vielleicht hat Herr Nonnenmacher das in Vorbereitung dieses Kommentars sogar gemacht, dann wäre ich aber auf seine Ausgabe des Grundgesetzes gespannt: es müsste eine sein, deren Präambel die Formulierung „Vereintes Europa“ enthält, „Vereint“ mit großem „V“, wie in „Vereinigte Staaten von Europa“. Dass sich die Väter und die Mutter des Grundgesetzes ein möglichst eng verbundenes, stabiles und friedliches Europa wünschten, ist ein Gemeinplatz. Für Herrn Nonnemacher ist es dagegen ein Argument:

Die heute bis zum Fanatismus gesteigerten Bedenken gegen weitere Integrationsschritte widersprechen diametral dem historisch-politischen Entwurf, der den Vätern und Müttern des Grundgesetzes einst vor Augen stand.

Ob er mit den „bis zum Fanatismus gesteigerten Bedenken“ auch die Richter in Karlsruhe meint? Sicher kursiert zu dem Thema viel Unsinn, und der einzige Vorteil an meinem derzeitigen Schreibtischdasein ist, dass immer eine Tischkante in der Nähe ist, in die ich beißen kann, wenn ich mal wieder lese, Deutschland werde „verraten und verkauft“, man müsse die Grenzen dicht machen und die D-Mark wieder einführen und „den kriminellen Eliten“ zeigen, wo der Hammer hängt. Allerdings ist hinsichtlich all dieser Fragen irrelevant, was die Verfasser des Grundgesetzes gern gehabt hätten – abgesehen davon, dass der „Europa-Artikel“ (Artikel 23), der die Integrationsoffenheit Richtung EU hauptsächlich begründet, von 1992 stammt, nicht von 1949. Ganz generell halte ich den „gesetzgeberischen Willen“ für eine weitestegehend nutzlose Auslegungs- und Argumentationsmethode. Wenn „der Gesetzgeber“ irgendetwas gern möchte, dann hat er jede Möglichkeit, das direkt ins Gesetz zu schreiben (was besonders in jüngerer Zeit zu poetischen „Zweck des Gesetzes“-Paragraphen führt, die kaum bis keine praktische Funktion haben, also kann man es gleich lassen und die Energie besser darin investieren, eine sinnvolle Regelungstechnik zu entwerfen), ansonsten entscheiden in erster Linie immer noch Wortlaut und Systematik. Das kann dem, was der Gesetzgeber eigentlich intendierte, schon mal zuwiderlaufen, wenn er es nicht sorgfältig genug formuliert hat. Das ist dann Pech. Nicht nutzlos, sondern direkt gefährlich ist es, öffentliche Debatten mit etwas abzuwürgen, was vor 60 Jahren einmal Leute wollten, und seien sie noch so verdienstvoll gewesen. Aber es geht noch weiter:

Wer kann glauben, dass diese Debatte sich dadurch befrieden ließe, dass in das Grundgesetz nur ein zusätzlicher Europa-Artikel eingefügt und zur Abstimmung gestellt würde? Wo wäre die Grenze zu ziehen […]? Diese Büchse der Pandora sollte besser geschlossen bleiben.

Das ist wahrhaft konservatives Denken: wir können die Veränderungen nicht absehen, also nehmen wir sie gar nicht erst in Angriff. Möglicherweise wäre eine Volksabstimmung zum gegenwärtigen Zeitpunkt tatsächlich kontraproduktiv, die Debatte darüber zur Büchse der Pandora zu erklären, ist allerdings genau der falsche Weg, um dem fatalen Eindruck entgegenzuwirken, alles, was mit Europa zu tun habe, werde im Eil- und Geheimverfahren von „den Mächtigen“ „durchgepeitscht“. Selbst wenn bei dieser Gelegenheit alle anfingen, Grundrechte für Erdbeeren, Freibier für alle und ein bedingungsloses Grundeinkommen zu fordern, sollte das ein halbwegs stabiles Gemeinwesen verkraften. Sich friedlich über eine neue, vielleicht bessere Verfassung verständigen zu wollen, ist eigentlich nie falsch, egal, ob es gerade konkret ansteht oder nicht. Aber wer keine Lust hat, dafür ins Grundgesetz zu gucken, dem muss das in der Tat völlig unabsehbar vorkommen.

52 Bücher, 34. Woche: Lustig

„Ein Buch, bei dem du nur lachen kannst“, soll es diesmal sein. (Ich nehme an, das manische Gelächter, in das ich angesichts mancher Jura-Lehrbücher inzwischen ausbreche, ist nicht gemeint.)

Das lustigste Buch, dass ich jemals gelesen habe, ist ein Kinderbuch namens „Vier verrückte Schwestern“ von Hilary McKay. Ruth, Naomi, Rachel und Phoebe müssen über die Sommerferien zu ihrer Großmutter, genannt „Oma die Große“, weil die Eltern das Haus renovieren wollen. Dumm nur, dass Oma die Große in ihrem Haus keine Bücher erlaubt, die vier aber rettungslos lesesüchtig sind. Rettungslos? Mit nichts als Kochbüchern und Shakespeare (gegen den ich aufgrund dieser Lektüre jahrelange Vorurteile hegte) auf Entzug gesetzt, müssen sie wohl oder übel lernen, sich die Zeit anderweitig zu vertreiben, und können an ihrer Oma und Graham, dem entgeisterten Nachbarsjungen, mühsam wieder elementare soziale Fähigkeiten lernen. Dabei hat jede der vier ihre ganz eigene Macke, und auch Oma die Große ist nicht ganz so immun gegen die Wirkung von Büchern, wie sie erscheint…

Meine eigene Lesesucht war zwar nicht so schlimm, aber schlimm genug, um mich in den Vieren ganz gut wiederentdecken zu können. Leider kann ich mich an keine einzige Passage mehr erinnern und habe das Buch auch nicht zur Hand – es war ein Bibliotheksbuch (das ich gefühlte 20mal ausgeliehen habe), aber ich glaube, ich guck gleich mal bei Amazon…

Um Leben, Tod und den Rechtsstaat (Nein, eine Nummer kleiner haben wir´s heute nicht. Und kürzer auch nicht.)

„Wie weit darf man gehen, um das Leben eines Kindes zu retten?“ fragt Ortwin Ennigkeit im Untertitel seines Buches „Um Leben und Tod“, dass er über die Entführung Jakob von Metzlers geschrieben hat, und vor allem über seine Rolle bei den Ermittlungen. Da ich mich hier schon mal mit der ganzen Vehemenz des behüteten Akademikerdaseins zu genau dieser Frage geäußert habe, war ich neugierig auf Herrn Ennigkeits Sicht der Dinge, zumal er es war, und nicht Wolfgang Daschner, wie ich irrtümlich geschrieben hatte, der androhte, dem Entführer Schmerzen zuzufügen, würde er nicht den Aufenthaltsort des Kindes verraten.

Zu diesem Zeitpunkt war Jakob seit über drei Tagen verschwunden – es war Herbst, und die Ermittler befüchteten das Schlimmste: Jakob versteckt in einem Erdloch, Jakob unterkühlt und eingesperrt in einer Hütte, Jakob verletzt und hilflos irgendwo im Wald. Unterdessen hatte man zwar seinen Entführer bereits verhaftet und verhört, aber, wie es einer der Ermittler zusammenfasste: „Wir unterhielten uns, und er log.“ Irgendwann gingen den Polizisten die Ideen aus, und aus ähnlichen Fällen wussten sie, das Entführungsopfer nicht selten qualvoll in ihrem Versteck eingesperrt sterben, weil selbst gefasste Verbrecher noch verstockt schweigen. Die Anspannung und Hilflosigkeit der Beamten sind während der Lektüre beinahe mit den Händen zu greifen, und zu jedem Zeitpunkt ist nachvollziehbar, wie sie zu der Entscheidung gelangten, es mit der Androhung körperlicher Schmerzen zu versuchen.

Das Buch erschöpft sich allerdings nicht in der Protokollierung der Ereignisse, sondern Herr Ennigkeit stellt auch ausführlich dar, warum seiner Ansicht nach die Drohung nicht nur meilenweit von allem, was man gemeinhin als Folter bezeichnet, entfernt ist, sondern sogar notwendig und geboten war. Und auch wenn ich verstehe, warum er das so sieht, und ihn dafür auch nicht verurteilen will (dafür halte ich es für viel zu wahrscheinlich, dass ich schon ein paar Stunden früher zum Eispickel gegriffen hätte), bin ich in ein paar Punkten anderer Ansicht.

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Das zweite Siegel

„Dann brach das Lamm das zweite Siegel auf. Ich hörte, wie die zweite der mächtigen Gestalten sagte: „Komm!“ Da kam wieder ein Pferd hervor, ein rotes. Sein Reiter wurde ermächtigt, den Frieden von der Erde zu nehmen, damit sich die Menschen gegenseitig töteten. Dazu wurde ihm ein großes Schwert gegeben.“ (Offenbarung 6, 3-4)

Im Abibuch wurde mir von einer Freundin ein „apokalyptisches Gemüt“ attestiert. Manchmal denke ich, sie hat Recht…

52 Bücher, 33. Woche: Wenn ich groß bin, werde ich wie…

Diesmal geht es um Hauptfiguren, die wir auch gerne wären. Die exakte Formulierung des Themas ist etwas pathetischer, und es passiert sehr selten, dass ich gern wie irgendjemand wäre, weil ich im Zweifel lieber ich bin. Aber ich erzähl euch heute mal, wo mein WordPress-Pseudonym herkommt: von Joan Fine, ehemalige Joan Gant, aus Matt Ruffs „G.A.S. – Die Trilogie der Stadtwerke“.

G.A.S. ist seit Jahren mein unangefochtenes Lieblingsbuch – es ist gleichzeitig witzig, komplex, bekloppt, philosophisch, satirisch und ein bisschen anarchistisch. Es ist eins von diesen Büchern, bei denen man auf die Frage „Worum geht´s da?“ keine exakte Antwort geben kann, oder viel zu viele auf einmal. Es spielt im New York des Jahres 2023, wo meine Namenswahlverwandte versucht, einen merkwürdigen Mordfall zu lösen, bei dem Elektro-Neger eine tragende Rolle spielen – ja, ihr habt richtig gelesen, Elektro-Neger. Genauer gesamt, Automatische Diener, inzwischen ist nämlich der humanoide Roboter erfunden und marktreif gemacht worden. Die echten Schwarzen wurden von einer mysteriösen Seuche dahingerafft, bis auf die verschwindend geringe Menge derjenigen, die grüne Augen haben. Einer von diesen grünäugigen Afroamerikanern ist Philo Dufresne, seines Zeiches wohltätiger Öko-Pirat, der mit einem Unterseebot namens „Yabba-Dabba-Doo“ unterwegs ist. Sein Lieblingsgegner ist Harry Gant, der vermutlich sympathischste Kapitalist der Literaturgeschichte mit einem Faible für sinnlos hohe Hochhäuser (sein neuestes Projekt heißt dementsprechend auch „New Babel“).

Wie gesagt, das Buch strotzt nur so vor Ideen, die auf dem schmalen Grad zwischen genial und bekloppt balancieren, und jeder Menge Anleihen und Zitaten aus insgesamt 4 Jahrtausenden. Besonders schön sind auch die Diskussionen, die Joan mit Ayn Rand führt. Bei ihren Ermittlungen erhält sie von einem gewissen John Hoover eine Art elektronischen Lampengeist, der wie Ayn Rand aussieht und auch auf höchstgradig besserwisserische Art deren Ansichten vertritt (ob sie wirklich so anstrengend war, kann ich nicht beurteilen, aber ihr Hauptwerk „Atlas wirft die Welt ab“ ist es anscheinend schon). Joans grundsätzliche Sicht der Dinge hat viele Ähnlichkeiten mit meiner – abgesehen davon, dass sie Idealismus und Pragmatismus mehr oder minder gekonnt kombiniert, schreckt sie nicht vor drastischen Maßnahmen zurück, wenn es sich als unumgänglich erweist (ich rede hier von Faustfeuerwaffen. Und nein, liebe mitlesende Staatsanwälte, ich besitze sowas nicht, sondern halte es grundsätzlich mit einem anderen Zitat aus dem Buch: „Wer eine Waffe abfeuern muss, hat sie einfach nicht richtig benutzt“). Und Joan muss es am Ende nicht nur mit einem wahnsinnig gewordenen Supercomputer aufnehmen, der in Disneyland wohnt, sondern auch mit Meisterbrau, einem ausgiebig genetisch mutierten Weißen Hai. Erwähnte ich schon, dass das Buch bekloppt ist?

Das Recht auf Glückseligkeit

Eine Sau, die immer wieder gern durchs mediale und politische Dorf getrieben wird, ist das bedingungslose Grundeinkommen. Es ist auf den ersten Blick ein hübsches Tier und trägt den Kopf hoch: Menschenwürde, Freiheit, (bescheidener) Wohlstand für alle. Leider habe ich weder die Zeit noch die ökonomische Bildung, um mich vertieft mit allen diskutierten Modellen zu befassen, aber für einen gedanklichen Steinbruch, zu welchem ihr gern eure Steine und Steinchen beitragen könnt und sollt, reicht es ja immer.

Die Finanzierung ist mir unklar. Das Grundeinkommen aus dem Bundeshaushalt zu bestreiten wäre unmöglich. Nehmen wir mal ein Grundeinkommen von 1.000 € als Rechengrundlage an – bei rund 82 Millionen Einwohnern wären das 82 Milliarden € im Monat und 984 Milliarden € im Jahr. 2011 betrugen allein die Gesamtausgaben des Bundes 305,8 Milliarden €. Davon entfielen 131,19 Milliarden auf „Arbeit und Soziales“ – wenn man diesen Posten einfach umverteilt, springen pro Monat und Nase 133,23 € heraus, und das ist so wenig, dass man es auch gleich sein lassen kann. Irgendwie müsste der Bund also knapp 800 Milliarden € locker machen – und das pro Jahr.

Etwas anders sieht es aus, wenn man die Sozialausgaben der gesamten öffentlichen Hand anschaut, die 2010 insgesamt 760 Milliarden € betrugen. Widmet man dieses Budget zum Grundeinkommen um, springen 772,36 € pro Monat und Nase heraus. Das klingt gleich ganz anders. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das BGE alle in der verlinkten Tabelle genannten Kosten subsituieren würde. Kranken- und Pflegeversicherung blieben zum Beispiel ja immer noch übrig, nehme ich mal an (ihr dürft mich gern eines Besseren belehren), was zu knapp 333 Milliarden € führen würde, die man noch ausschütten könnte (entspricht dann 338,40 €, was wiederum ein Witz ist.) (Mal ganz davon abgesehen, dass das die Summe ist, die wenige Bedürftige bereits jetzt brauchen – bei einer Umverteilung fallen dann auch die „Spitzen“ für diejenigen weg,  die aus irgendwelchen Gründen eben eine höhere Bedürftigkeit haben und mehr brauchen, als sie mit einem Grundeinkommen bestreiten könnten.)

So richtig geht das ganze Finanzierungsmodell also nicht auf, und an je mehr Stellschrauben man drehen müsste, um die entsprechenden Fehlbeträge hereinzubekommen, etwa durch Steuern, umso unübersichtlicher und unvorhersehbarer wird dann die Rechnung. Dazu kommt, dass das Grundeinkommen ja gerade den Effekt haben soll, die Menschen vom Markt unabhängiger zu machen – das könnte aber auch bedeuten, dass die Wirtschaftsleistung insgesamt sinkt und nicht mehr viel übrig bleibt, was sich umverteilen lässt. Oder, wie es Ingmar Kumpmann diesem überhaupt sehr lesenswerten Beitrag ausdrückt:

Das Grundeinkommen kann maximal so hoch sein wie die Bereitschaft der Menschen, zur Wertschöpfung beizutragen, hoch genug bleibt, damit die Finanzierung gesichert ist.

Ich gebe gern den Berufspessimisten und sage, dass das möglicherweise nicht so viel sein wird, dass sich das ganze Ding lohnt und auf die Dauer selbst trägt. Eine weitergehende „Systemveränderung“ und komplette Neubewertung von Arbeit, Leistung, Produktivität u.ä. steht dabei immer noch im Raum, aber die Wahrscheinlichkeit der Umsetzbarkeit verhält sich da meiner bescheidenen Ansicht nach indirekt proportional zur Intensität der dafür notwendigen Eingriffe – eine völlig neue Gesellschaft lässt sich nicht verordnen, und gegenüber Dingen, die unter der Prämisse funktionieren sollen, dass „man ja nur wollen müsse“, bin ich höchstgradig misstrauisch.

Das Grundeinkommen ist ungerecht. Von der selben Summe, von der man in, sagen wir, Leipzig, halbwegs ordentlich wohnen, essen und einmal im Monat in die Oper gehen kann, kann man in München gerade mal eine halbe Wohnung mieten. In diesem Fall bekommen zwar alle das gleiche, fühlen sich aber trotzdem ungerecht behandelt. Ähnliches lässt sich natürlich auch über Hartz IV sagen, nur dass da zumindest das Problem der Mieten abgefangen wird. Ein kompliziertes Sozialsystem mit Bedürftigkeitskriterien hat zudem den Vorteil, dass mehr Einzelfallgerechtigkeit möglich ist (es kann natürlich auch einfach nur kompliziert sein), während beim Grundeinkommen kaum Möglichkeiten bestehen, Härtefälle abzufangen. Es müsste also eine Höhe haben, von der man ortsunabhängig und auch sonst in jedem Fall existenzgesichert ist, was wiederum das Finanzierungsproblem verschärft.

Was ist an Arbeit eigentlich so schlimm? Nein, ich bin nicht erst gestern vom Laster gefallen (ich habe insgesamt 3 längerfristige Nebenjobs bzw. mit „richtiger Arbeit“ vergleichbare Praktika gemacht, sowie einen Monat Industriearbeit, ich sitze also nicht völlig auf der Wolke) und weiß, dass es sowohl prekäre Arbeitsverhältnisse als auch Ausbeutung als auch sonstige unschöne Erscheinungen in der Arbeitswelt gibt, aber mich wundert immer wieder die Verve, mit der betont wird, dass ja dann endlich niemand mehr gezwungen sei, seinen Lebensunterhalt mit etwas zu verdienen, was er nicht gern tut. Wenn tatsächlich ein Großteil der Bevölkerung seine Arbeit so sehr hasst, dann bräche die Wirtschaft bei der Einführung des BGE vermutlich erst mal zusammen. Das Grundeinkommen als Allheilmittel zu betrachten weckt hauptsächlich völlig überzogene Erwartungen, und solange Eigeninitiative durch haufenweise Gewerbe-, Handwerks- und sonstige Beschränkungen und einen Wust an Verordnungen abgewürgt wird, weil auf keinen Fall irgendjemand Arbeiten ausführen soll, für die er nicht qualifiziert sein könnte, oder zumindest vorher fünfzehn verschiedene Formulare mit dreifachem Durchschlag eingereicht hat, so lange kann mir keiner erzählen, dass diesbezüglich schon alle Mittel ausgeschöpft sind, um Leute zu mehr Eigeninitiative zu ermutigen.

Der Gedanke hinter dem Grundeinkommen leuchtet mir nicht ein. Nicht dass wir uns falsch verstehen: ich fände es sehr entspannend, zu wissen, dass mein Existenzminimum auch dann gesichert ist, wenn ich mein Examen in den Sand setze. Ein Teil der Argumentation pro Grundeinkommen läuft darauf hinaus, dass es „menschenwürdiger“ sei, keine Arbeiten mehr anzunehmen, die man nur macht, weil man sie machen muss. Aus den Grundrechten und vor allem der Menschenwürde wird, grob gesagt, in Grundeinkommensbefürworterkreisen nicht nur ein Anspruch darauf hergeleitet, dass der Staat einen weitestmöglich in Ruhe lässt, sondern auch darauf, dass er unsere grundlegenden Bedürfnisse erfüllt und ein von materiellen Sorgen freies Leben ermöglicht. Eigentlich kann man gar nichts mehr über Eigeninitiative, Selbstverantwortung und Freiheit sagen, ohne dass irgendwer „neoliberal!“ und „sozialkalt!“ schreit – aber ich verstehe nicht so recht, was Menschen dazu bringt, von ihrer Umwelt die Erfüllung ihrer Bedürfnisse zu verlangen, solange und soweit (!) sie es eigentlich auch selbst könnten.

Was meint ihr?

52 Bücher, 32. Woche: Schnüff.

Ich bin von Büchern umgeben aufgewachsen, und zwar im Wortsinne. Mein Kinderzimmer war voll gestellt mit zwei großen Bücherregalen (in denen die Bücher zweireihig standen), außerdem gab es unter der Dachschräge noch den Wandschrank, in dem sich vor allem Taschenbuchausgaben und Mehrbändiges stapelten, und ich bilde mir immer noch ein, dass wir eine Zeitlang sogar Bücher in der Garage stehen hatten. Mit den Buchrücken habe ich lesen gelernt, der erste Titel, den ich ohne Hilfe vollständig entzifferte, war „Menschen der Urzeit“.  Aber danach haben mich die Bücher lange Zeit nicht sonderlich interessiert, da es fürchterlich langweilige Erwachsenenliteratur war. Von Sjöwall/Wahlöö-Krimis über Freud, Christa Wolf und Günter Kunert bis hin zu Jane Austen und George Grosz-Bildbänden war so ziemlich alles vertreten, aber eines der ersten „Erwachsenen-Bücher“, das ich aus diesem riesigen Fundus mit Begeisterung gelesen habe, waren „Die Mars-Chroniken“ und „Der illustrierte Mann“ von Ray Bradbury.

Speziell die Mars-Chroniken hinterließen einen seltsamen Nachgeschmack: ein bisschen wie diese flirrend heißen Sommernachmittage, an denen man zu lange in der Sonne gesessen hat und dann nicht mehr weiß, was real ist und was nicht, wie der Raketensommer in Ohio oder die Erlebnisse der Menschen auf dem Mars, die, da die Marsbevölkerung eine telepathisch begabte Zivilisation ist, alle äußerst seltsame (und häufig tödliche) Wendungen nehmen. In großen Zeitsprüngen erzählen die Kurzgeschichten von den ersten drei gescheiterten Marsmissionen, dann von der vierten, die nur einen leeren Planeten vorfindet (die Marsianer sind inzwischen an den Pocken gestorben) und schließlich von einer Familie, die, nachdem die Erde unbewohnbar geworden ist, im wahrsten Sinne des Wortes allmählich zu Marsianern wird. Bradbury wollte zwar, dass „Author of Fahrenheit 451“ auf seinem Grabstein stehen soll, aber die Mars-Chroniken finde ich trotzdem viel besser. Vor drei Tagen ist er gestorben. Rest in Peace, Mr. Bradbury.

Tamino und die drei Damen

Diese Woche ist Zauberflöten-Woche, wie´s ausschaut. Heute: Tamino und die drei Damen, Dienerinnen der Königin der Nacht (s.u.). Sie sollen ihm eigentlich nur den Auftrag ausrichten, er möge bitte Pamina aus Sarastros Fängen befreien, verlieben sich aber alle drei in ihn und machen sich an ihn ran (zumindest so lange, bis die Königin persönlich dazwischengeht).

Übrigens: Wer zu lange Arme und andere anatomische Abnormitäten  findet, darf sie behalten. Von übertriebenen Klischees ganz zu schweigen. Das ist Kunst, das muss so. *hust* (Und deswegen ist es ja auch nur ´ne Kritzelei).