Monat: Juli 2012

Alles Faschisten, außer Mutti

Gelegentlich lese ich die taz, um zu wissen, was der Feind denkt eine zweite (dritte, vierte, fünfte) Meinung jenseits der FAZ einzuholen. Allerdings werde ich wohl bald wieder darauf verzichten, denn ich kann ihn nicht mehr sehen: den Faschismus-Vorwurf. Dauernd. Themenunabhängig. Nicht mal über Frauenzeitschriften kann die taz schreiben, ohne das F-Wort zu bedienen. Es reicht annscheinend noch nicht, dass der Inhalt besagter Zeitschriften irgendwo zwischen „irrelevant“ und „widerlich“ oszilliert,

(Klammer auf: eine der erwähnten Jolie-Ausgaben hatte ich kürzlich sogar selbst in der Hand, und ich finde es höchstgradig bedenklich, dass völlig normalgewichtige Frauen sich öffentlich freuen dürfen, dass sie zu „ihren Pfunden“ stehen [also, natürlich sollten sich auch 200-Kilo-Frauen öffentlich über ihre Pfunde freuen dürfen. Gerade die. Eigentlich alle. Und Männer sowieso]. Abgesehen von den zahllosen „Ratgebern“, die eigentlich nur aus ironischer Distanz erträglich sind. Andererseits wird der Kram, aus welchen Gründen auch immer, gerne gekauft, daher würde meine Schlussfolgerung für die Zielgruppe höchstens lauten: selbst schuld. Klammer zu.)

und manchmal beschleicht mich der Verdacht, bei der taz wird weniger nach Druckzeilen als vielmehr nach Faschismus-Vorwurf pro Artikel bezahlt. Mir fällt da immer die schrecklich zeigefingrige Geschichte von dem Jungen ein, der dauernd „Wolf!“ gerufen hat, bis ihm keiner mehr glaubte, auch dann nicht, als er vom Wolf gefressen wurde. Nun wünsche ich niemandem, von Faschisten gefressen zu werden, aber ich fände es schön, wenn der Begriff auf betont antidemokratische, antipluralistische, stark hierarchisch organisierte Bewegungen mit eindeutig identifizierbarer, sinnlos glorifizierter Führerfigur beschränkt bliebe. Das in den Blättchen „Dies-Führer“, „Jenes-Ratgeber“ und „Dinge, die Sie über Welches wissen müssen“ auftauchen, halte ich für eher dem geschuldet, was die Macher unter einer „ansprechenden Schreibe“ verstehen, und die komische „Wir Frauen, die Männer“-Logik muss sich ja niemand zu eigen machen, insofern sind diese Magazine schrecklich pluralistisch: man kann sie lesen, oder es lassen. Die Kaufentscheidung ist sogar freigestellt, also kann eigentlich nicht die Marktwirtschaft, pardon, die „kapitalistische Verkaufslogik“, schuld sein. Faschistisch wäre, wenn Heidi Klum zum umfassenden Vorbild für alle Ausdrucksformen der Weiblichkeit erklärt würde, und wer sich nicht anzieht, schminkt, redet (ich weiß nicht, wie man das nennt, deswegen bleibe ich bei „reden“) und läuft wie sie, wird mit nicht unter 2 Jahren Zuchthaus bestraft. Aber sich über Faschismus zu beschweren, ist inzwischen genauso geläufig, wie den Untergang der Deomkratie herbeizureden, „die politische Klasse“ für alles Übel verantwortlich zu erklären und überhaupt, wir leben ja fast schon in einer Diktatur. Liebe taz-Redakteure und alle anderen, die es mit dem Differenzieren nicht so haben: Mit Kraftausdrücken um mich werfen kann ich auch. Ihr Totalitaristen. So.

52 Bücher: Wieder ein Dreierpack

… nur diesmal in umgekehrt chronologischer Reihenfolge.

39. Woche: An welches Buch denkst Du spontan als allererstes beim Stichwort Hitze?

„Dune. Der Wüstenplanet“ von Frank Herbert. Kam mir heute schonmal in den Sinn, als wir überlegt haben, ob der Boden ausgetrocknet genug ist, um Sandwürmer anzulocken. Hat nicht funktioniert, aber wer weiß, was die Klimaerwärmung uns noch bringt. Der Wüstenplanet Arrakis im Buch hingegen hat seine Klimaerwärmung schon hinter sich, aber da er in einem mehr oder weniger feudal organisierten Universum der einzige Ort ist, an dem es die Droge Spice gibt, ist er dennoch bewohnt. Beherrscht wird er von der Fürstenfamilie Atreides, die jedoch einer Intrige des Baron Harkonnen zum Opfer fällt – nur die Konkubine des Herzogs, Jessica Atreides, und ihr Sohn Paul können in die Wüste fliehen. Dort schließen sie sich dem Volk der Fremen an, Paul lernt, die großen Sandwürmer zu rufen und zu reiten, und am Ende gibt es Enthüllungen diverser Verwandtschaftsverhältnisse und einen Showdown. Liest sich flüssig, und lässt einen auch bei 30° im Schatten mit dem Gefühl zurück, dass es uns doch eigentlich ganz gut geht. Nur die Tatsache, dass Paul für die Fremen der Messias ist, hat auf die Dauer ein bisschen genervt, und am Anfang hat es ein paar Längen, wenn Arrakis und die ganzen Figuren vorgestellt werden. (Soweit ich mich entsinne, war die Verfilmung aber ganz gut – und der einzige Film von David Lynch, den ich mir je angucken konnte.)

38. Woche: Mein Lieblingsplatz um ein gutes Buch zu lesen, wohin Bücher mich schon begleitet haben und wohin ich kein Buch mitnehmen würde!

Lieblingsplatz: Sofa, Sessel, Hängematte, eigentlich egal, solange ich meine Beine ausstrecken kann und ggf. noch Platz für irgendwas zu Trinken oder zu Knabbern ist. Früher habe ich sogar auf dem Klettergerüst gelesen, aber am liebsten war mir mein Baumhaus: von dort hatte ich guten Überblick, war aber selbst ein bisschen versteckt, es war lauschig und schattig. Hach.

Mitgenommen: Öhm. Uni zählt nicht, oder? Aber oft waren es auch fachfremde Bücher, um anwesenheitspflichtige Vorlesungen totzuschlagen. Ansonsten hab ich eigentlich überall Bücher mit hingenommen, sofern sie noch irgendwo rein passten.

Ausgeschlossen: im September planen wir eine längere Wanderung, da werde ich wohl aus Gewichtsgründen kein Buch mitnehmen, außer dem Reiseführer. Wobei ich nicht ausschließen kann, dass ich in einem Anfall von Unvernunft eines der zig Bücher einpacke, zu deren Lektüre ich derzeit nicht komme, und es nach zwei Tagen mit einem Fluch irgendwo liegen lasse, weil ich dringend Packgewicht reduzieren muss. Ich werde berichten.

37. Woche: Jenseits des Weißwurstäquators

Von hier aus gesehen liegt jenseits des Weißwurstäquators Österreich, und im Österreicher Burgenland lebt und schreibt Erwin Moser, unter anderem das Kinderbuch „Der Mond hinter den Scheunen. Eine Fabel von Katzen, Mäusen und Ratzen.“ Eine epische Geschichte um Moral (der Kater Rafi will plötzlich keine Mäuse mehr fressen, sondern mit ihnen plaudern), Demokratie (die Mühlratzen haben einen neuen Anführer, der sie zu stundenlanger Schufterei zwingt) und Liebe (eine Stadtkatze verdreht den Hofkatern die Köpfe). Auch für Erwachsene schön zu lesen, zumal die Handlungslinien sich liebevoll entfalten, haarscharf aneinander vorbeidriften und immer wieder unerwartete Wendungen nehmen. Besonders viel Raum nimmt der Erzählstrang um die Ratzen ein. Gelbzahn, der alte Anführer, wird von Schwarzfell abgelöst und ist seitdem auf der Flucht. Dabei beginnt er, über die Frage nachzudenken, ob die Ratzen überhaupt einen Anführer brauchen, und wenn ja, welche Eigenschaften ein solcher mitbringen sollte. Schließlich übernimmt er Verwantwortung für „sein“ Völkchen, damit es nicht in einen Krieg gegen die Kanalratzen gescheucht wird. Lustiger geht es bei den Katern zu, die die Angoradame mit (wirklich schlechter) Dichtung umschwärmen, während sich Rafi seiner Sympathie für die Mäuse schämt.

Ignorieren Sie diesen Beitrag

An Leuten, die meinen, anderen Leuten erklären zu müssen, wie das Leben funktioniert, kann ich mich kaum sattlesen, und ist das Thema noch so sinnlos. „Coffee to go“ zum Beispiel: es gibt tatsächlich Leute, die vehement dagegen sind, weil es angeblich nur die allgemeine Hektik befördert, seinen Kaffee mitzunehmen, statt ihn frischgebrüht im gemütlichen Kaffeehaus vor Ort zu genießen. (Leider finde ich den Artikel nicht mehr, aber er las sich ungefähr so.) Mal davon abgesehen, dass ich leicht allergisch auf das Thema „Kaffeehaus“ reagiere, weil es eine Zeit lang das Steckenpferd der gesamten slawistischen Fakultät war (und „Kaffeehausliteratur“ ist wirklich ein selten unergiebiges Thema, zumindest für alle, die keine k.u.k.-Nostalgiker sind), sind meine Erfahrungen genau entgegengesetzt: mit Coffee to go setze ich mich gern in den Park (Entschleunigung! Naturgenuss!), oder nehme ihn mit zu Veranstaltungen, in denen ich ohne Koffeinzufuhr vor Müdigkeit einschlafen oder ausrasten würde (Lebensqualität! Umgangsformen!). Keine Spur von Hektik also. Dieses permantene Nichtnachvollziehen macht für mich auch den großen Reiz eingangs erwähnter Textgattungen aus.

Außerdem ist es das Ertappt-Fühlen: Diese ganzen „Wir [Verb, das mit dem Untergang des Abendslandes verbunden ist]en zu viel“-, „Wie wir [Verb/Substantiv, das mit Kindheit assoziiert wird] verlernt haben“- und „Warum wir wieder mehr [Verb/Substantiv, dass entweder betont kontrovers oder überraschend simpel daherkommt] brauchen“-Artikel erinnern mich ein bisschen an meine eigenen Phasen von Besserwisserei. Andere nicht. Den Vogel diesbezüglich schießt dieser Welt-Artikel ab: „Wie wir verlernt haben, das Leben zu genießen„. Schon diese Betonung auf „Wir“, und „man“! Mag ja sein, dass die Welt-Autoren sich da gleich wiederfanden, aber ich kann es nicht haben, auf diese Weise für eine Gruppe vereinnahmt zu werden, mit der ich gar nichts anfangen kann, mein Problem ist jedenfalls nicht zuviel Mäßigung. Zweitens, wo holen sich die Zeitungen immer ihre Philosophen her? Und was sagt es mir, wenn tatsächlich ein solcher meint,

„ein denkwürdiger Verbund aus Neoliberalismus, Idealismus, Postmoderne, Political Correctness und Gesundheitsterrorismus habe die wichtigste philosophische Frage überhaupt, nämlich die nach dem guten Leben, praktisch unstellbar gemacht“?

In erster Linie sagt das etwas über die Feindbilder des konkreten Philosophen, und in zweiter Linie darüber, wie sehr Menschen bereit sind, sich dem zu beugen, was als „soziale Norm“ angesehen wird, oder vielmehr: bereit sind, ein solches Verhalten ihren Mitmenschen zu unterstellen. Drittens, und das stört mich am allermeisten: diese stereotype Vorstellung von „Genuss“. Ein „unvernünftiger Spontankauf in der Boutique“ wird dann schonmal zu einem „sinnlich-provokanten Erlebnis jenseits des sozial Akzeptierten“, dabei ist es in erster Linie Konsum (Kapitalismus ist oben übrigens nicht aufgeführt, sieh an), und auch vollkommen innerhalb des sozial Akzeptierten, wenn auch vielleicht in der Schublade der „akzeptierten Übertretungen“, aber nichtsdestominder akzeptiert. Und Genuss, der einen hinterher übel reut, weil das Bankkonto leer ist und vielleicht das Teil, bei Tageslichte betrachtet, nicht mal gut aussieht, verkehrt sich eher in sein Gegenteil, anstatt als „sinnlich-provokantes Erlebnis“ in Erinnerung zu bleiben. Und auch wenn ich verstehe, was der Artikel mit den Beispielen „Kneipen ohne Rauch, Sahne ohne Fett, Bier ohne Alkohol, virtuellem Sex ohne Körperkontakt“ sagen will: irgendwie beschleicht mich der Verdacht, dass das Problem „der Gesellschaft“ nicht zu viel Mäßigung ist, und auch nicht zu wenig, sondern (wenn überhaupt) das Schielen nach Optimierung, das auf der Metaebene („Oh weh, wir genießen zu wenig! Was kann man da bloß tun?“) fröhlich weiter geht.

In Anlehnung an Montaigne würde ich sagen: unsere vornehmste Aufgabe ist es, uns nichts von irgendwelchen Feuilleton-Philosophen einreden zu lassen. In diesem Sinne: Ignorieren Sie diesen Beitrag.

Powersätze für Examens-Kandidaten

„In der einen Norm steht müssen, in der anderen sollen. Macht das eigentlich ´n Unterschied?“

„Dazu gibt´s auch ein Urteil vom OVG Dresden.“

„Ich war schonmal beim Zivilgericht, die entscheiden viel bürgerfreundlicher!“

Zum Thema „Hundeverbot in Badeseen: „Also, wenn mein Hund kackt, dann setzt er sich erst mal so hin, und das dauert dann auch, und deswegen denke ich nicht, dass so ein Verbot sinnvoll ist, weil der kann das ja sowieso nicht im See machen.“

Merke: Geschichten über Haustiere, Frisuren und Hinweise, man könne VIP-Karten für dieses oder jenes Fußballspiel beschaffen, machen sich spitzenmäßig in der mündlichen Prüfung, man sollte unbedingt das nur lose themenbezogene Anbringen selbiger bei jeder Gelegenheit üben, dafür ist so ein Repetitorium da.

Gestern hätte ich jemandem weh tun können: es war das letzte Rep, und aufgrund diverser Terminprobleme wurden alle Gruppen zusammen acht Stunden lang in einen Raum gepackt, um Polizei- und Kommunalrecht zu lernen, wobei der Lerneffekt mäßig war, da es zu voll war (jedenfalls für meine Verhältnisse, ich fühle mich schon unwohl, wenn mehr als 5 Leute im Raum sind), und zweitens einfach nichts vorwärts ging, weil immer irgendjemand eine Anekdote erzählen musste, oder sich die fünfundfünfzigste Mögflichkeit ausdenken, wie man Verkehrsschilder unkenntlich machen kann, oder Gangbang-Witze reißen. Eigentlich neige ich ja der Ansicht zu, schlecht vorbereitet und auch sonst nicht examenstauglich zu sein, aber wenn es Leute gibt, die eine Ermessensnorm nicht erkennen, wenn sie mit einem Teewärmer auf dem Kopf vor ihnen herumhüpft, und anfangen, haltlos zu kichern und zu tuscheln, wenn das Wort „Genitaluntersuchung“ fällt, dann kann ich nicht der hoffnungsloseste Fall sein.

[Ja, ich weiß und es tut mir leid, die Powersätze sind für Nichtjuristen nicht witzig. Für alle, die es trotzdem interessiert, hier die Auflösung: 1. „Sollen“ bedeutet, dass im Regelfall die Rechtsfolge der Norm eingreift, bei atypischen Fällen oder sonst wichtigen Gründen aber davon abgewichen werden kann. „Müssen“ statuiert eine zwingende Rechtsfolge. Den Unterschied nicht zu kennen ist in etwa so, als könnte ein Arzt nicht zwischen Viren und Bakterien unterscheiden. 2. Das einzige Oberverwaltungsgericht in Sachsen steht in Bautzen. Idealerweise hat man sogar die eine oder andere Entscheidung desselben gelesen. 3. Verwaltungsgerichten wird häufig und imho zu Recht nachgesagt, sie entschieden viel zu behördenfreundlich. Da aber vor den Zivilgerichten Bürger gegen Bürger klagen, ist jede zivilgerichtliche Entscheidung „bürgerfreundlich“. 4. Argh.]

Gerichtszeichnung

Über allen Gipfeln ist Ruh… hier auch, meine examensbedingte geistige Zerrüttung schreitet voran. Deswegen habe ich mal was Älteres ausgegraben: im Strafrechtspraktikum habe ich mich aus lauter Langeweile als Gerichtszeichnerin versucht, allerdings ähneln die Abbildungen den Originalen nicht besonders. Das ist einerseits wenig schön, umgekehrt können die sich, sollten sie hier vorbeistolpern, nicht darüber beschweren, ihr Recht am eigenen Bild sei verletzt (und die Verhandlung war natürlich öffentlich).

Dem Angeklagten wurde zur Last gelegt, die Kinder seiner Verlobten geschlagen und jemanden beleidigt zu haben. Das mit der Beleidigung war etwas undurchsichtig, da sie angeblich auf Arabisch erfolgte, der Beleidigte kein Arabisch konnte und eins der Kinder dann übersetzt hatte – wobei ich mich im Nachhinein frage, woher das Kind dann den Wortschatz hatte. Die Verlobte war, man möge mir verzeihen, das typische dicke deutsche Mädel mit wenig Selbstbewusstsein, dass dem Manne zuliebe zum Islam konvertiert war (aber seine Sprache nicht sprach, und er konnte kaum Deutsch, deswegen auch der Dolmetscher). Die beiden waren sich nicht so recht einig, ob sie verheiratet seien oder nicht (sie hatten sich nach islamischem Ritus trauen lassen, aber nicht standesamtlich, woraus begrifflich ein paar Verwirrungen entstanden), und auch nicht darüber, wie die Kinder zu erziehen seien, die verstanden sich mit dem Angeklagten nicht besonders gut, und er rechtfertigte seine harschen Maßnahmen damit, dass sie geklaut hätten. Am coolsten war der Verteidiger: weit abseits vom üblichen Juristen-Dresscode erschien er mit wilder Lockenmähne und fransiger Rocker/Cowboy-Lederweste, die leider unter der Robe nicht so zur Geltung kam.

Seufz.

Vermutlich ärgere ich mich viel zu oft und viel zu ausgiebig über Journalisten, die es mit Gesetzen und überhaupt dem ganzen Rechtskram nicht so haben. Ich will dann immer lange, unsachliche, vorwurfsvolle Artikel voller polemischer Seitenhiebe abfassen, aber wenn ich es schaffe, mich bis zum nächsten Tag zu beherrschen, ist es mir dann in der Regel die Mühe nicht wert. In der vergangenen Woche musste ich mich gleich zweimal heftig zusammenreißen, aber mir ist es auch jetzt noch die Mühe wert (oder ich bin leicht zwangsgestört), deswegen:

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52 Bücher, 36. Woche: Das unbekannte Sakrileg

Beim letzten Mal fand ich es schon schwierig, zu beurteilen, welche Bücher einer gefühlten öffentlichen Meinung nach überschätzt werden (zugegeben: angestrengt hab ich mich auch nicht sonderlich), aber diesmal ist es auch nicht leichter: Welches war bloß „das unbekannteste Buch, das ich jemals gelesen habe„?

Ha, ich hab´s, das kennt keiner: Sakrileg. Wer jetzt an Dan Brown denkt, liegt falsch. 1983 erschien im Berliner Union Verlag schon mal ein Buch dieses Namens, allerdings von einem gewissen Oskar Jan Tauschinski. Ein galizischer Schriftsteller, übrigens, für die ich ja eine besondere Schwäche habe, und eine erste Google-Befragung ergibt, dass es das Buch nicht mal bei Amazon, sondern höchstens noch antiquarisch gibt, und Rezensionen, Artikel oder Aufsätze finden sich auf den 7 Seiten Trefferliste auch nicht, ganz zu schweigen von einem eigenen Wikipedia-Artikel. Das sollte für Unbekanntheit genügen.

Dabei ist das Buch keineswegs schlecht, allerdings harte Kost. Anfangs beginnt es recht zahm: ein Bildhauer möchte eine Skulptur des Leidens Christi am Kreuz schnitzen, sie soll sein bestes, eindrücklichstes Werk werden, und er findet in seiner Stadt einen armen jungen Mann, dessen Aussehen ihn so beeindruckt, dass er ihn bittet, für seinen Christus Modell zu sitzen. Jedoch wird die Skulptur nicht so ausdrucksstark, wie er sich das wünscht, und egal, wie sehr er sich bemüht, er schafft es nicht, den ersehnten Effekt hervorzurufen. Er bittet sein Modell, sich auf eine eilig gezimmerte Kreuzesattrappe zu legen – vielleicht liegt´s ja daran, dass er die Haltung nicht richtig hinbekommen hat. Um es kurz zu machen: es bleibt nicht dabei, es bleibt auch nicht dabei, dass beide, völlig versunken in dem Wahn des Bildhauers, noch perfekter zu schnitzen, noch eine Winzigkeit mehr Ausdruck zu erzeugen, sich im Atelier verbarrikadieren und weder essen noch trinken… am Ende ist der Bildhauer ein hilfloser, verstümmelter Bettler, der vor der Kirche der Stadt sitzt und um Almosen fleht. In der Kirche hängt ein Kruzifix, dass selbst die Hartgesottensten zum Weinen bringt.

Das Buch entwickelt einen Sog, der einen beim Lesen völlig gefangennimmt, vor allem, weil man die ganze Zeit denkt:  „Das macht er nicht wirklich. Nein, das kann er unmöglich machen. Das würde ja darauf hinauslaufen, dass…“ Auch nicht besser wird es dadurch, dass das Modell (ich meine, er hieß Jakub, bin mir aber nicht sicher) eine Geliebte hat, die sehnsüchtig auf ihn wartet. Nichtsdestotrotz entsteht zwischen Jakub und dem Holzschnitzer eine ganz eigene Dynamik, weder ist ersterer ein naives Opfer noch letzterer ein gewissenloser Mörder, und mit religiösem Wahn lässt sich sein Verhalten auch nicht erklären – letztlich geht es um die Suche des Künstlers nach dem perfekten Ausdruck, der umfassenden Übereinstimmung zwischen dem Bild in seinem Kopf und seinem Werk, die oftmals selbstzerstörerische, aber manchmal eben auch fremdzerstörerische Tendezen annimmt. Beklemmend, und zu Unrecht unbekannt.

(Und allemal besser als dieses doofe Dan-Brown-Buch.)

Random Thoughts

  1. Es ist sicher möglich, das gesamte examensrelevante Strafrecht in zwei Wochen durchzuackern. Vor 4 Tagen habe ich damit angefangen, und kann jetzt schon feststellen: a) es geht bestimmt, b) man wird hinterher nicht mehr diesselbe Person sein. Jedenfalls nicht mehr dasselbe Hirn haben.
  2. Laut LTO bin ich voll in der Risikogruppe für Ritalin-Konsum:Examenskandidaten, [die] zwar eigentlich noch genug Zeit hätten, nachts aber trotzdem wachliegen, weil die Klausurvorbereitung zwischen privaten Sorgen, Prüfungsängsten und einem knappen Kontostand zerrieben wird„. [Grammatik etwas angepasst, d.Red.] Gut, der Kontostand ist noch auszuhalten, aber dafür habe ich keineswegs „eigentlich noch genug Zeit“. In der Examensvorbereitung Sachen auszuprobieren, mit denen ich noch nie zu tun hatte und entsprechend deren Wirkung nicht vollständig abschätzen kann, kommt allerdings nicht in die Tüte. Ich denke trotzdem gelegentlich darüber nach.
  3. In der FAZ ist ein ganz, ganz seltsamer Artikel zur Bürokratie erschienen. Genauer gesagt, zu deren unschätzbaren Vorzügen. Ich wollte eigentlich darüber schreiben, aber außer „DAFUQ?!“ fiel mir nichts ein. Besonders die Behauptungen, die Bürokratie sei „schneller als der Markt“ und könne Verbesserungen der Lebensqualität „mit geradezu wissenschaftlicher Exaktheit“ im Alltag durchsetzen, würde ich in jeder anderen Zeitung und von jeden anderem Autor für einen lauen Ironieversuch halten, aber ich fürchte, in dem Fall ist es tatsächlich ernstgemeint.
  4. Der rote Reiter hat es als Illustration zu „Psychiatrie to go“ geschafft. Yay!
  5. Ein Psycho-Test, der mir erst sagt, ich hätte keine nennenswerten Stärken, wäre nicht belastbar und überdurchschnittlich introvertiert, und mich dann mit demselben Datensatz unter „Dominant: Setzen Absichten und Ziele aktiv und bisweilen auch aggressiv durch; geeignete Berufe: Management, Politiker“ einsortiert, ist irgendwie… unausgereift?
  6. Ich hatte mich eigentlich nie für Sexismus-verdächtig gehalten, aber dann kam eine oberflächlich formulierte Strafrechtsklausur, in der es unter anderem um Betrug, Diebstahl und Urkundendelikte in einem Kaufhaus ging. Außer dem Delinquenten war keine Person exakt benannt (er ging nur mit gefälschten Preisschildern „zur Kasse und zahlte den niedrigeren Preis“), aber ich erwischte mich dabei, wie ich konsequent von einem Betrug „gegenüber der Kassiererin zulasten des Kaufhausinhabers“ schrieb. Die damit implizit geäußerten Rollenvorstellungen sollte ich nochmal überdenken, aber in fünf knappen Stunden auch noch zu gendern, wäre wiederum eindeutig zu viel des Gutgemeinten gewesen.
  7. Wo wir gerade bei Gender & Co sind: Eine sehr intensive, berührende Coming-Out-Geschichte, angereichert mit der Herkunft aus einem extrem evangelikalen Umfeld, gibt es bei Melissa: „Unwrapping the Onion. Es ist ein bisschen lang mit insgesamt zehn Beiträgen, lohnt sich aber ganz gewaltig. (via madove).