Alles Faschisten, außer Mutti

Gelegentlich lese ich die taz, um zu wissen, was der Feind denkt eine zweite (dritte, vierte, fünfte) Meinung jenseits der FAZ einzuholen. Allerdings werde ich wohl bald wieder darauf verzichten, denn ich kann ihn nicht mehr sehen: den Faschismus-Vorwurf. Dauernd. Themenunabhängig. Nicht mal über Frauenzeitschriften kann die taz schreiben, ohne das F-Wort zu bedienen. Es reicht annscheinend noch nicht, dass der Inhalt besagter Zeitschriften irgendwo zwischen „irrelevant“ und „widerlich“ oszilliert,

(Klammer auf: eine der erwähnten Jolie-Ausgaben hatte ich kürzlich sogar selbst in der Hand, und ich finde es höchstgradig bedenklich, dass völlig normalgewichtige Frauen sich öffentlich freuen dürfen, dass sie zu „ihren Pfunden“ stehen [also, natürlich sollten sich auch 200-Kilo-Frauen öffentlich über ihre Pfunde freuen dürfen. Gerade die. Eigentlich alle. Und Männer sowieso]. Abgesehen von den zahllosen „Ratgebern“, die eigentlich nur aus ironischer Distanz erträglich sind. Andererseits wird der Kram, aus welchen Gründen auch immer, gerne gekauft, daher würde meine Schlussfolgerung für die Zielgruppe höchstens lauten: selbst schuld. Klammer zu.)

und manchmal beschleicht mich der Verdacht, bei der taz wird weniger nach Druckzeilen als vielmehr nach Faschismus-Vorwurf pro Artikel bezahlt. Mir fällt da immer die schrecklich zeigefingrige Geschichte von dem Jungen ein, der dauernd „Wolf!“ gerufen hat, bis ihm keiner mehr glaubte, auch dann nicht, als er vom Wolf gefressen wurde. Nun wünsche ich niemandem, von Faschisten gefressen zu werden, aber ich fände es schön, wenn der Begriff auf betont antidemokratische, antipluralistische, stark hierarchisch organisierte Bewegungen mit eindeutig identifizierbarer, sinnlos glorifizierter Führerfigur beschränkt bliebe. Das in den Blättchen „Dies-Führer“, „Jenes-Ratgeber“ und „Dinge, die Sie über Welches wissen müssen“ auftauchen, halte ich für eher dem geschuldet, was die Macher unter einer „ansprechenden Schreibe“ verstehen, und die komische „Wir Frauen, die Männer“-Logik muss sich ja niemand zu eigen machen, insofern sind diese Magazine schrecklich pluralistisch: man kann sie lesen, oder es lassen. Die Kaufentscheidung ist sogar freigestellt, also kann eigentlich nicht die Marktwirtschaft, pardon, die „kapitalistische Verkaufslogik“, schuld sein. Faschistisch wäre, wenn Heidi Klum zum umfassenden Vorbild für alle Ausdrucksformen der Weiblichkeit erklärt würde, und wer sich nicht anzieht, schminkt, redet (ich weiß nicht, wie man das nennt, deswegen bleibe ich bei „reden“) und läuft wie sie, wird mit nicht unter 2 Jahren Zuchthaus bestraft. Aber sich über Faschismus zu beschweren, ist inzwischen genauso geläufig, wie den Untergang der Deomkratie herbeizureden, „die politische Klasse“ für alles Übel verantwortlich zu erklären und überhaupt, wir leben ja fast schon in einer Diktatur. Liebe taz-Redakteure und alle anderen, die es mit dem Differenzieren nicht so haben: Mit Kraftausdrücken um mich werfen kann ich auch. Ihr Totalitaristen. So.

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13 Kommentare

  1. „betont antidemokratische, antipluralistische, stark hierarchisch organisierte Bewegungen mit eindeutig identifizierbarer, sinnlos glorifizierter Führerfigur“ Über die katholische Kirche hattest du hier bisher ja auch noch nie gelästert …

    1. Stimmt. Wobei, die passen schon wieder so gut in die Definition, dass mir da nicht viel zu sagen übrig bleibt… und es gibt ja Leute, die sich dem gerne und mit mehr Verve widmen.

    1. Lügner sollten eben nicht nur ein gutes Gedächtnis haben, sondern auch kreativ sein. Aber wer ist Garak? Da steh ich auf dem Schlauch, muss ich zugeben.

    2. Guinan sagt: Unglaubliche Bildungslücke!

      Und genau die Folge habe ich vorgestern erst geguckt. Wir ziehen uns gerade die ganzen alten Staffeln nochmal rein – Projekt kulturelle Bildung.

  2. Ich find’s mutig, dass du den besagten Artikel gelesen hast. Aus deinen genannten Gründen habe ich nämlich schon bei der Überschrift abgedreht. Und ich lese sonst jeden Mist, den die Leute in’s Internet schreiben.

  3. Aus meiner langäonischer Erfahrung und natürlich meiner Omnipotenz, kann ich nur sagen, dass das Gejaule der Menschen und deren hüftschussartige, reaktionäre Haltung so schnell und billig wie möglich einen Schuldigen zu finden widerlich ist. Natürlich kann der geneigte Zuleser jetzt Parallelen zu früheren Ereignissen in der Geschichte ziehen, die natürlich sofort „das dritte Reich“ im Hypotalamus durch konditionierte Einprökelung von Medien reaktivieren – jedoch ist diese Eigenart der Menschen eine nicht auf einzelne Geschichtsabschnitte oder Sozialschichten beschränkte. Viel mehr ist diese Eigenart – und nebenbei gesagt noch viele weitere – eine kulturelle.

    Der Wille, mit dem geringsten Aufwand den größten nutzen zu bekommen – oder für die Menschen unter uns bildlich gesprochen: Den Weg des geringsten Widerstandes zu nehmen – ist schon fast ein Teil unserer Natur. Natürlich haben die Menschen in ihren kläglichen, wenigen tausend Jahren gelernt diese Mechanismen zu reflektieren und zu beobachten, um dann mit Hilfe von Dingen wie der ‚Aufklärung‘, der ‚Bildung‘ und weiteren Gegenmaßnahmen diese unschönen Stilblüten menschlichen Verhaltens zu unterdrücken, jedoch ändert es nichts daran, dass es noch Teil der Natur des Menschen ist.

    Ähnlich wie der Egoismus. Und auch hier können wir feststellen, dass diese Eigenarten nicht unbedingt schlecht sein müssen, denn die suche nach dem Weg mit dem geringsten widerstand macht Sinn. Die Steigerung der Effizienz ist heute genauso überlebenswichtig wie damals, als die Menschen noch mit Stock und Stein ihre IPhones im Apple Store bezahlt haben.

    Also kniet nieder und küsst meine Füße, denn ich – Q – allmächtiger und allwissendes Wesen aus dem Q-Kontinuum habe euch eine Lösung vorzuschlagen: Denkt selbst nach und strebt nach dem höchsten Wissen, anstatt nach dem kürzesten Wege – denn in eurer Zukunft werdet ihr dieses wissen nötiger haben, als die kurzfristige Erhöhung von Effizienz, denn wenn ihr weiter so handelt, schadet ihr der Langristigen.

    *verneigt sich*
    Q

    1. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich alles verstehe, was du sagen willst, aber ich denke, es ist etwas, dem ich jedenfalls grundsätzlich zustimme^^.

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