52 Bücher, 40. Woche: Hasscharakter

Auch bei angestrengtestem Nachdenken fällt mir eigentlich kein Buchcharakter ein, den ich aufgrund seiner unnnachvollziehbaren Handlungen gehasst hätte. Im Grunde genommen tendiere ich ja ohnehin nicht dazu, mich emotional so derartig zu involvieren, andererseits werde ich zum Beispiel im Kino trotzdem immer ein bisschen zappelig, wenn Leute in Zombie- oder sonstigen Horrorfilmen sich offensichtlich gegen jede Vernunft dazu entscheiden, den dunklen, unübersichtlichen Keller/das alte Haus/die U-Bahn-Tunnel getrennt zu durchsuchen. Meistens verliere ich bei derartig liebloser Anwendung des „Zehn kleine Negerlein“-Prinzips den letzten Rest Empathie mit dem Charakteren, und wer gefressen wird, weil er unbeding allein die dunkle Abzweigung erkunden wollte… selbst schuld, und meistens unspannend. Aber hier geht es ja um Bücher.

Wen ich außerdem nie verstanden habe, war Effi Briest, die Protagonistin des gleichnamigen Romans von Theodor Fontane. Kurz zum Inhalt: Effi, ein fröhliches Naturkind, wird mit dem viel älteren Baron von Instetten verheiratet, die Ehe ist unglücklich, Effi betrügt ihn mit Baron Major Crampas, was Jahre später auffliegt, Instetten fordert Crampas zum Duell, erschießt ihn und Effi stirbt, unglücklich und von allen außer ihren Eltern verstoßen, auf deren Landgut. Eigentlich, nehme ich jedenfalls an, sollte Effi die Sympathieträgerin des Romans sein, aber ich muss zugeben, ich mochte Instetten immer ganz gerne, er schien mir der Typ Mann zu sein, mit dem sie sich jedenfalls hätte anfreunden können, wenn es schon mit der Liebe nichts wird. Weder war mir also ganz klar, warum Effie ihn so lange mit Crampas betrügt, vor allem, weil sie den auch nicht besonders mochte, und noch weniger, warum sie die Briefe, die sie sich geschrieben haben, über Jahre hinweg aufhebt, sogar in ihrem Nähkästchen aufbewahrt. Ich hätte die Dinger noch vor dem Umzug nach Berlin, der für Effi die Gelegenheit war, sich aus der Affäre mit Crampas zu lösen, verbrannt, und damit wären zumindest alle Urkundsbeweise aus der Welt gewesen. Im Grunde genommen ist natürlich klar, dass vor allem der strenge kaiserzeitliche Sittenkodex in der Kritik steht, dem Instetten folgt, obwohl er ihn weder für sinnvoll hält noch wirklich Rachegelüste empfindet. Aber ihm ist, im Gegensatz zu Effi, klar, dass er nur eine schreckliche Komödie spielt, und während Instetten mir bei dem Ganzen hauptsächlich leid tat, obwohl ich es erst recht verwerflich finde, jemanden zu erschießen, nur weil man denkt, dass muss so, war Effi zwar ebenfalls bedauernswert, aber hätte sie die Briefe vernichtet….

Advertisements

Ein Kommentar

  1. Von so Drei- und Mehrecksgeschichten krieg ich sowieso immer Krämpfe. Oder fast immer.
    Hab ja selbst mal eine geschrieben.
    Die find ich ganz okay.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s