Monat: Oktober 2012

52 Bücher: Es reicht!

Gut, dass das Projekt rum ist. Meine „Muss ich demnächst mal genauer in Augenschein nehmen/kaufen/lesen„-Liste würde sonst ins Unermessliche wachsen, dabei werde ich sie schon auf ihrem jetzigen Stand definitiv nicht bis zum Beginn des nächsten Bücher-Projektes schaffen. Zum Abschluss gibt es noch drei Bücher, die ich im Projekt nicht unterbringen konnte, die aber auch nicht fehlen dürfen, denn bislang blieben sie sträflich unterrepräsentiert: Comics! Oder Graphic Novels. Graphische Romane. Wie ihr mögt.

Craig Thompson: „Blankets“. Die Einstiegsdroge – seitdem ich der Micky Maus entwachsen war, hatte ich nichts mit Sprechblasen mehr gelesen, bis mir Blankets in die Hände fiel. Es ist eine sehr melancholische Coming-of-Age-Geschichte, in der Craig erzählt, wie er in einem christlichen Ferienlager Raina kennenlernt, seine erste und gleich ganz große Liebe. Herzstück der Erzählung sind die beiden Wochen, die sie in den Weihnachtsferien zusammen verbringen. In Rückblenden springt sie auch in Craigs Kindheit, geprägt von Mobbing und einem streng evangelikalen Elternhaus, und seinen daraus resultierenden Schwierigkeiten, seinen eigenen Weg zu finden. Die Zeichnungen muten an wie Holzschnitte, zumindest insofern, dass sie sehr klar und schwarz-weiß gehalten sind, und präzisere Eindrücke vermitteln, als es Worte könnten. Sentimental, auf eine schöne Art.

Alan Moore/Dave Gibbons: „Watchmen“. USA, Ende der 80er: Eine Gruppe Superhelden der zweiten Generation steht im Mittelpunkt, die seit einem Regierungserlass nicht mehr als solche tätig sein dürfen. Edward Blake hat sich gerade im unmäßigen  Alkoholkonsum eingerichtet, da wird er in der Eingangssequenz ermordet. Der paranoide Rorschach wittert eine Verschwörung, während sich die anderen zunächst nicht darum kümmern: Dr. Manhatten arbeitet an streng geheimen Reigerungsprojekten, Adrian Veidt alias Ozymandias betreibt seinen eigenen Merchandising-Konzern, die einstmals attraktive Silk Spectre träumt sich in ihrem Altersheim die Vergangenheit zurecht, und ihre Tochter Laurie, Silk Spectre 2, lebt zunehmend isoliert und unglücklich mit Dr. Manhattan zusammen, während Daniel Dreiberg alias Nite Owl 2 (wie Bruce Wayne, nur mit Eulen und Bäuchlein) nur noch das Haus verlässt, um mit seinem Vorgänger Hollis Mason ein Bierchen zu trinken. Im Hintergrund droht der Kalte Krieg zu eskalieren. Seltsamerweise hat Alan Moore ein Händchen für Beziehungsgeflechte, Sticheleien, und eine famose Gabe für Dialoge, die Auflösung des Mordes allerdings und damit der Handlungskern sind schon sehr… eigen.

Joe Hill/Gabriel Rodriguez: „Locke & Key“. Diese Reihe würde ich fast bedenkenlos jedem ans Knie labern – fast, weil es gerade im ersten Band einiges an Gewalttätigkeiten gibt: nach der Ermordung ihres Vaters durch zwei seiner Schüler ziehen Tyler, Kinsey und Bode mit ihrer Mutter nach Lovecraft, Massachusetts ins Keyhouse, wo schon seit Generationen die Familie des Vaters lebt. Im Haus findet vor allem Bode, der jüngste, mysteriöse Schlüssel, die meist eine bestimmte Fähigkeit haben: sie können in Verbindung mit dem richtigen Schloss jemanden in ein Tier verwandeln, oder in einen Riesen, oder buchstäblich Erinnerungen aufschließen und einiges mehr. Doch auch der Mörder ihres Vaters ist hinter den Schlüsseln her, die treibende Kraft ist allerdings jemand anderes, der den Geschwistern im weiteren Verlauf sehr nahe kommt. Die Geschichte entfaltet ihren Reiz weniger aus den Möglichkeiten der Schlüssel, sondern eher aus den Konsequenzen ihrer Nutzung – Kinsey beispielsweise erträgt die Trauer um ihren Vater und die ständige Angst nicht mehr und entfernt diese daher kurzerhand aus ihrem Kopf, mit bleibenden Folgen. Außerdem sind Rodriguez´ Zeichungen schlichtweg hinreißend, und nicht zuletzt hat der unter Pseudonym schreibende Joe Hill offenbar das erzählerische Talent seines Vaters geerbt, aber erweitert um die Gabe, sich kurz zu fassen: mit bürgerlichem Namen heißt er Joseph Hillstrom King. Um mal wieder den Boden zu meiner eingangs erwähnten Bücherliste zu schlagen: der aktuelle Band steht an allererster Stelle.

Bleibt an dieser Stelle noch, Dankeschön an alle zu sagen, an die anderen Teilnehmer des Bücherprojekts fürs Vorstellen, und auch fürs Herkommen und Kommentieren, und besonders an Fellmonsterchen für puschlig-pünktliche Organisation!

52 Bücher, 51 – 43: Zurückgespult

Bevor morgen das letzte Thema kommt, in aller Eile noch die Aufholjagd:

51: Ein Buch, das Du auch mit 10 XXL-Caipis intus oder für 100 Euro nicht lesen würdest – Stieg Larssons „Verblendung – Verdammnis – Versöhnung“. Weil: Inzucht, Ritualmorde und Okkultisten-Nazis, wie mir die Verfilmung vor Augen führte, sind mit meinen Ansprüchen an Unterhaltung nicht kompatibel. Der Plot dürfte im Buch kaum besser sein.

50: Bastelbücher – „Origami. Kunstwerke aus Papier“ von Jon Tremaine – Im Allgemeinen stehe ich Bastelbüchern skeptisch bis ablehnend gegenüber, weil die meisten nur starre Vorlagen liefern, beim Papierfalten braucht es allerdings genau das. Das Buch deckt von simpel und bekannt bis hin zu abgefahren und kompliziert alles ab, mit Schwerpunkt auf der leichteren Hälfte.

49: Essen und Trinken (aber kein Kochbuch) – Erwin Seitz, „Die Verfeinerung der Deutschen“. Ein Metzgergeselle, der später Geschichte studiert hat, erklärt, warum seiner Asicht nach das ewige Genörgle über mangelnde deutsche Lebensart, -kunst und -freude völlig verfehlt ist. Regionaltypische Küche spielt eine tragende Rolle.

48: Politthriller – An dieser Stelle muss ich passen, wenn ich das Genre schon höre, fange ich an zu gähnen. Meinen Bedarf an Intrigen, Korruption und dergleichen wird außerdem durch die Nachrichten ganz gut abgedeckt, aber er ist nicht besonders hoch.

47: Stapel angefangener Bücher – Steht zur Zeit jeden Morgen vor mit, wenn ich in der Bibliothek zusammentrage, was ich so über den Tag lesen will. Meistens Gerichtsurteile und Aufsätze über ein Thema, mit dem man nicht nur normale Menschen, sondern auch Juristen zuverlässig sedieren kann: Entscheidungsvorgaben im Verwaltungsrecht.

46: Es grünt so grün – Das grünste Buch in meinem Bücherschrank ist „Tiere Essen“ von Jonathan Safran Foer, sowohl bezüglich der Umschlagfarbe als auch meiner Gesichtsfarbe beim Lesen (und das Etikett „Bibel der grünen Bewegung“ hängt auch noch dran). Mal Reportage über die Abgründe der Massentierhaltung, mal sehr persönliche Familiengeschichte, muss man schon ein Stein sein, um nach der Lektüre nicht wenigstens hin und wieder zu überlegen, ob es beim Einkaufen so viel Fleisch sein muss, oder gerade das allerbilligste.

45: Zeitreise – Simon Sebag Montefiores „Katharina die Große und Fürst Potemkin“. Um die Liebesgeschichte von Zarin Katharina und Fürst Potemkin herum ersteht das 18. Jahrhundert wieder auf: Prunk am Hof und Armut drumherum, aufklärerische Ideen und miserable medizinische Versorgung, aber auch an Größenwahn grenzende Eroberungen der beiden, die trotz zahlreicher anderweitiger Affären ein Leben lang aneinander hingen.

44: Reiseführer – Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir ein Ukraine-Reiseführer, der einer Stadt am Rande der Steppe, in der es außer hässlicher sowjetischer Architektur nichts zu sehen gab, ein „sehr angenehmes Flair“ attestierte und behauptete, das Zentrum lüde „zum Bummeln und Verweilen“ ein. Ich fand es trotz einiger Abhärtung, was osteuropäische Bausünden angeht, eher zum Davonlaufen. Das war aber auch der einzige Makel, ansonsten ist der Trescher-Reiseführer sehr zu empfehlen.

43: Geistige Getränke – Die Asterix-Comics. Zaubertrank, Rotwein, lauwarme Cervisia – was das Herz begehrt, in jedem Heft kommt mindestens eines davon vor.

Uff. Ich geh jetzt an die Hausbar.

Wenigstens muss ich keine Lotterielose verkaufen.

Wenn bei euch mal wieder das Telefon klingelt, und eine freundliche Stimme fragt, ob ihr nicht bei einer Marktforschungs-Umfrage mitmachen wollt, und ihr habt gerade Zeit, dann tut mir bitte einen Gefallen: macht da mit. Denn ihr könntet gerade mit mir telefonieren.

Natürlich nerven solche Anrufe, ohne Frage  – und zwar alle Beteiligten.  Für manche Teile der Fragebögen schäme ich mich sogar ein bisschen fremd. „Wie finden Sie [Bau-Unternehmen]? Antworten Sie bei den folgenden Eigenschaften bitte mit „Ja“ oder „Nein“: Super – ganz toll – voll spitze – richtig gut – sympathisch – (usw.)“ Bemerkenswerterweise reagieren manche angefasst, wenn ich sie nach ihrer Meinung frage, und weigern sich rundheraus, da überhaupt irgendwas zu sagen, „da sind Sie bei mir falsch, aber fragen Sie doch mal die Leute, die bei [Unternehmen] wohnen, da bekämen Sie Sachen zu hören, wie die verwalten, eine Unverschämtheit!, und neuerdings nehmen die auch jeden rein, alles voller Ausländer!!, früher mal, da war das noch angesehen, was ganz Seriöses, aber heutzutage, da ist das nur noch ein Sauhaufen!!!, Sie würden sich wundern, was da alles schiefgeht, und wer dort alles wohnt, aber ich kann Ihnen doch nicht einfach irgendwelche Eigenschaften einschätzen, das ist ja ein Tratsch und Klatsch, sowas mache ich nicht!“

(Die aus Professionalitätsgründen so nicht gegebene Antwort: Marktforschung IST Tratsch und Klatsch, nur eben statistisch ausgewertet. Aber wenn Sie in allen Lebensbereichen so vornehme Zurückhaltung walten lassen und sich nur zu Themen und Personen äußern, über die Sie fundiert Bescheid wissen, dann Hut ab, weiter so.)

Bei dem Teil, wo es um Interessen und Freizeitverhalten geht, was ich für die weitaus sensiblere Information halte, plaudern allerdings die meisten fröhlich aus dem Nähkästchen, so sehr, dass ich dann immer bremsen muss: Wie oft sie was lesen, im Fernsehen anschauen, welche Haustiere sie haben, wo sie einkaufen gehen… manchmal sorgt diese Rubrik auch für traurige Momente, wenn der – meistens ältere – Gesprächspartner seine vielfältigen Gebrechen aufzählt, aber auch für lustige, wenn die wohl situierte, kulturell bewanderte Dame plötzlich kichernd gesteht, keine Folge von „Sturm der Liebe“ zu verpassen.

Ganz heikel ist die Frage nach dem Einkommen. Das wird ohnehin nur in groben Stufen abgefragt, aber entweder denken die Angerufenen, das Finanzamt hört mit, oder wir würden dann doch herausfinden, wer genau sie sind und wo sie wohnen, jedenfalls werden da selbst Leute, die vorher nicht zu bremsen waren, schweigsam. Anstatt dann aber ein entschiedenes „keine Angabe!“ zu äußern (wobei ich es dann auch belasse), kommen abenteuerliche Begründungen, warum mich das nichts angeht:

„Mein Einkommen sage ich Ihnen nicht, dann wollen Sie mich bloß heiraten!“ Fast hätte ich ihn gefragt, ob er es dann einem männlichen Kollegen verraten würde, aber wir konnten uns gütlich einigen (und sooo viel war´s gar nicht). (Mal abgesehen davon, dass dieses Frauenbild von wegen „Hauptsache reich heiraten“ sicher kritikwürdig ist, aber wir sind ja kein Feministenblog hier.)

„Unsere Politiker machen das ja auch nicht, die $&{ß%§!“ Leute, die man nicht ausstehen kann (wie mir die betreffende Person lang und breit kund tun wollte), plötzlich als Referenzgruppe zu nehmen, ist schon ganz schön kindisch. Mal davon abgesehen, dass es bei denen um Nebeneinkünfte geht und die auch zumindest schrittweise angegeben werden, aber er war bereits so schön am Hassen, dass das auch nichts mehr half.

Ach, Arbeiten. Irgendwie hat es mir gefehlt.