Trennungsschmerz

Ungefähr ein dreiviertel Jahr lang war er mein ständiger Begleiter: dank ihm wusste ich morgens schon beim Aufstehen, was ich den Tag über machen würde, und abends beim Einschlafen, was ich den nächsten Tag machen würde, und hing ich mal einfach nur irgendwo herum, brüllte er mir sofort ins Ohr, was das solle, ich verschwendete Zeit, in der ich noch etwas lernen könnte. Jetzt ist er weg, hat mich gestern abend nach der mündlichen Prüfung einfach stehen lassen. Und obwohl er, wie aus obigen Zeilen hervorgeht, ein ziemliches Arschloch war, fühle ich mich gerade sehr leer – ohne den Prüfungsstress.

Möglicherweise, schwant mir inzwischen, habe ich mich in dieses blöde Examen viel zu sehr reingesteigert. War mir mein Abitur noch herzlich egal, weswegen ich das ganz entspannt angehen konnte, hatten sich in den Jahren danach die Möglichkeiten beachtlich reduziert – sowohl was die Dinge anging, die ich in meinem Leben machen könnte, als auch die, die ich machen wollte. Handwerkerin werde ich nun also mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr, und diese Einengung auf eine bestimmte Sache, nämlich die Juristerei, bei der es mir obendrein wichtig war, mich nicht über Gebühr zu blamieren (vor meinen Eltern, meinen Freunden, dem Rest der Welt), hat meinen Nerven nicht besonders gut getan. Mit dem Ergebnis bin ich hingegen ganz zufrieden. Ohne das Reinsteigern und die freundliche Unterstützung des Prüfungsstresses hätte ich vermutlich nie so viel gelernt, wie ich es getan habe, allerdings fällt es mir schwer, jetzt wieder umzuschalten. Was, zur Hecke, habe ich eigentlich den ganzen Tag gemacht, bevor der Prüfungsstress kam? Zum Glück stehen noch ein paar kleinere universitäre Sachen an, und die Arbeit ruft auch schon wieder, sodass ich – hoffe ich zumindest – in kein allzu tiefes Loch falle. Außerdem ist nach dem Examen ja bekanntlich vor dem Examen.

7 Kommentare

  1. Wie schön! Wenn dir eine sinnvolle Beschäftigung fehlt, dann kannst du ja jetzt so langsam mal mit deiner Doktorarbeit anfangen. Oder deine Memoiren schreiben, das ist ja gerade in.

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    1. Dafür fehlt mir wohl noch das politische Amt, dass ich in kometenhaftem Aufsteig errungen und durch einen Skandal wieder verloren habe. Wobei, ich könnte meine Memoiren schon mal vorformulieren, während ich die Doktorarbeit zusammenplagiiere…

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      1. Ach was, du hattest doch schon mal ein Amt, das lässt sich schon passend aufhübschen. Einen Akt der Rebellion kannst du auch vorweisen. Und an Stress bis du ja jetzt gewöhnt, nicht, dass dir noch die Quellenangaben durcheinanderkommen.

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