Krumme Hölzer

Bei der FAZ war vor einiger Zeit ein interessanter Artikel zum Gegensatz zwischen direkter und repräsentativer Demokratie, der mir ganz vorzüglich als gedanklicher Steinbruch zu einigen Aspekten von Herrschaft, Demokratie und Verwaltung taugte. Um es gleich vorwegzunehmen: der Verfasser Prof. Dr. Rudolf Steinberg ist kein Fan der direkten Demokratie, und mit  Namedropping Verweisen auf seine Belesenheit steigt er ideengeschichtlich ein:

Johann Gottfried Herder etwa meinte, der Mensch bleibe immer Mensch, so wie die Menschheit immer nur Menschheit bleibe, und dass das menschliche Gefäß zu keiner Vollkommenheit fähig sei. Denselben Gedanken brachte Immanuel Kant in dem Bild zum Ausdruck: „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.“ […] Bei ökonomischen Entscheidungen des Einzelnen […] ist von der Unvollkommenheit des Menschen auszugehen. Diese Unvollkommenheit und weniger das Böse im Menschen, das allerdings nicht geleugnet wird, ist für das Verständnis realer Entscheidungssituationen in Rechnung zu stellen.

Mit der Formulierung vom „Bösen im Menschen“ habe ich ja so meine Schwierigkeiten, die kann er gerne behalten. Viel interessanter finde ich die Frage, in welcher Hinsicht sich diese Unvollkommenheit auswirkt und wie man dem gegensteuern kann – ist die Unvollkommenheit bereits um ihrer selbst willen zu vermeiden, oder wenn man damit sich selbst schadet, oder anderen schadet? Gibt es Lebensbereiche, in denen jeder unvollkommen sein kann, wie er möchte, und andere, in denen Fehlerabweichungen nicht toleriert werden können?

Der Mensch ist – was seine Entscheidungen angeht – unvollkommen. Das ist der erste wichtige Grund, warum demokratische Herrschaft auf Repräsentation unbedingt angewiesen ist. Es überrascht deshalb letztlich wenig, dass selbst so unterschiedliche Denker wie der konservative Anthropologe Arnold Gehlen oder der marxistische Psychoanalytiker Erich Fromm mit ganz ähnlichen Überlegungen begründen, dass Institutionen in Staat und Gesellschaft unabdingbar sind. […] Sie seien in der Lage, die grundlegenden menschlichen Bestrebungen zu beeinflussen und die Art und Weise zu prägen, wie Personen als Individuen wie als Mitglieder einer Gesellschaft sein wollen.

Meiner Ansicht nach werden hier zwei Dinge vermischt, die zwar eng zusammenhängen, aber nicht identisch sind: politische Repräsentation (Wer herrscht über wen, und zu welchen Bedingungen?) und gesellschaftliche Selbstorganisation (Wie bekommen wir eine Straße/die Kinderbetreuung/unsere Kleingärten am besten hin?). Und vor allem: wann kann man die Leute sich selbst organisieren lassen, und wann braucht es verbindliche Normsetzung? Weiterhin fehlt eine Arbeitsdefinition für „Institution“ (oder ich hab sie überlesen), und deren offenbar enges Verhältnis zur Repräsentation, Außerdem kommt ein ganz, ganz zentraler Punkt viel zu kurz: in den Institutionen sitzen auch nur Menschen, deren Unvollkommenheit oben so eindrucksvoll beschworen wurde. Wie aber soll ein krummes Holz, um mal beim Kant´schen Bild zu bleiben, einem anderen krummen Holz beibringen, was „gerade“ ist? Steinberg scheint Institutionen als eine Art externalisiertes gesamtgesellschaftliches Über-Ich zu begreifen:

Durch „reflection“ und „review“ in der Institution werde auch die Fähigkeit zur Verantwortlichkeit gestärkt, durch die das menschliche Verhalten beeinflusst wird. So vergrößere die Verantwortlichkeit das Ausmaß der betrachteten Informationen und die Intensität ihrer Nutzung. Außerdem verstärke sie die Neigung zur Deliberation, das heißt zur sorgfältigen Abwägung einer Entscheidung einschließlich ihrer Folgen.

„Sorgfältige Abwägung“ ist für sich genommen kein Wert, und um das gleich mal mit dem Vorschlaghammer zu illustrieren: eine Lagerkommandantur ist auch eine Institution, in der vielleicht sogar sorgfältig abgewogen wurde, und das stalinistische Russland strotzte nur so vor Institutionen, in denen die Leute vor Verantwortungsbewusstsein geradezu platzten, aber das änderte nichts daran, dass in beiden Fällen auf eine Art und Weise über Menschenleben entschieden wurde, an der rein gar nichts Erstrebenswertes sein kann. Das heißt nicht, dass ich Institutionen grundsätzlich für schlecht halte und wahlweise „Hitler“ oder „Stalin“ schreie, wenn es um das Thema geht, aber sie können nur so fähig oder unfähig sein wie die Menschen, aus denen sie bestehen, und so moralisch oder unmoralisch wie deren Ziele. Und deswegen halte ich ein gewisses Misstrauen durchaus für angebracht, und zu viel Macht für Institutionen für problematisch. Außerdem sehe ich an Institutionen zwei weitere Nachteile, die ich zwar nicht so schön mit Name-Dropping, aber dafür mit eigener Erfahrung unterfüttern kann: zum einen neigen sie ab einer gewissen Größe dazu, sich nur noch selbst zu verwalten und ausschließlich um ihre eigenen, internen Regeln zu kreisen. Und zum anderen befördern hierarchische Strukturen keineswegs automatisch das Verantwortungsbewusstsein der darin Eingebetteten, sondern im Gegenteil die Tendenz, alles, was nicht eindeutig dem eigenen Verantwortungsbereich unterfällt (der vielleicht nicht einmal klar abgegrenzt ist, siehe Punkt 1), weiterzuschieben. Passierschein A 38, ihr kennt das vielleicht.

Repräsentation ist aber auch aus einem anderen Grund unabdingbar. Denn „das Volk“ als identitäres, homogenes Phänomen existiert nicht, geschweige denn, dass es als solches handlungsfähig wäre. Das „Volk“ der Demokratie erweist sich angesichts seiner vielfältigen Differenziertheit als eine politische Chimäre.

Das Problem mit dem Volk sehe ich genauso. Aber wenn wir gar nicht genau wissen, mit wem wir es beim „Volk“ zu tun haben, weil es schlicht zu heterogen ist, um eine Gruppe zu bilden (geschweige denn eine verhandlungsfähige Gruppe), wen repräsentieren die Repräsentanten dann eigentlich, und warum?

Zur Repräsentativverfassung des Gemeinwesens unter den Bedingungen eines modernen Flächenstaates gibt es keine Alternative.

Das kann nur normativ gemeint sein, denn faktisch gibt es durchaus ein paar. Umgekehrt könnte man sich aber auch fragen, ob der moderne Flächenstaat so alternativlos ist (je länger ich darüber nachdenke, desto weniger Gründe fallen mir ein, warum ein Staat zwingend an eine bestimmte Fläche gebunden sein muss. Es ist unbestreitbar praktisch, und gegenwärtig wahrscheinlich nicht anders zu haben, aber so ganz grundsätzlich…)

Repräsentation organisiert die Herrschaft der wenigen über die vielen. In diesem Sinne stellt repräsentative Herrschaft keine Form der Selbstregierung dar, sie schafft nicht Identität zwischen Regierung und Volk. Sie kann aber deshalb eine demokratische Regierung genannt werden, weil das Volk die Repräsentanten autorisiert, im Namen des Volkes zu sprechen und für das Volk zu handeln.

Ich hab´s eben schon gesagt: wir wissen doch gar nicht, wer „das Volk“ ist, woher wissen wir dann, ob es sich repräsentieren lassen will? (Da augenscheinlich ein Großteil der Bevölkerung mehr oder minder einverstanden ist mit dem jetzigen Repräsentativsystem, kann man jedenfalls für hiesige Verhältnisse die Frage als gegessen betrachten. Das hilft aber bei der theoretischen Erwägung nicht weiter.)

Vor den naiven Verfechtern einer „Verflüssigung der Demokratie“ ist nachdrücklich zu warnen. Denn dadurch würde der Manipulation durch kleine und kleinste Gruppierungen aus „dem Volk“ ebenso die Tür geöffnet wie der Manipulation durch populistische Führer.

Lobbyisten gehören anscheinend nicht zum „Volk“, und zum Glück sind diejenigen Interessengruppen, die sonst noch so auf unsere Repräsentanten Einfluss nehmen, offenbar keine manipulierenden Gruppen, sondern… äh… was anderes. Ich hänge mich jetzt hier weit aus dem Fenster, immerhin bin ich im Gegensatz zu Herrn Steinberg weder promoviert noch Professor, und sage, dass man an so vielen Stellen seiner Argumentation anders abbiegen könnte, dass Repräsentation nicht so alternativlos dasteht, wie er das suggeriert, und dass mehr Beteiligung der Einzelnen jedenfalls dann keine schlechte Sache ist, wenn sie repräsentative Verfahren da ersetzt, wo diese schwerfällig, langwierig oder schlicht nicht notwendig sind – eine Abgrenzung, die mir ebenfalls fehlt.  Wie man´s dreht und wendet: krummes Holz.

8 Kommentare

  1. Was viele Leute anscheinend nicht wissen oder nicht akzeptieren wollen: Mit einem “darum“oder “aus diesem Grund“ macht man aus zusammenhanglosem Mist noch keine Argumentation.

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  2. „Institutionen können nur so fähig oder unfähig sein wie die Menschen, aus denen sie bestehen, und so moralisch oder unmoralisch wie deren Ziele. Und deswegen halte ich ein gewisses Misstrauen durchaus für angebracht, und zu viel Macht für Institutionen für problematisch.“

    Diese Aussage trifft so…unglaublich perfekt den Kern unzähliger Diskussionen, die mit Politologen, Soziologen und Philosophen geführt habe. Ich weiß nicht, woher diese Annahme kommt, dass eine Institution qua Emergenz plötzlich zu so viel als der Summe ihrer Einzelteile wird und auf einmal jeder menschliche Makel verschwunden ist. Diese blinde Autoritäts/Institutionshörigkeit, der ich so häufig begegne, übersteigt die Fähigkeiten meines logischen Verständnisses scheinbar um ein Vielfaches.

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    1. Ui, danke.
      Ich weiß nicht, ob das unbedingt eine logische Sache ist. Immerhin fühlt es sich ja auch ganz gut an, zu wissen, da gibt es eine Institution, die für Problem XY zuständig ist… muss man sich selbst nicht kümmern, bzw. kann es vielleicht auch gar nicht und ist froh, dass es wer anders tut. Jedenfalls ging es mir so früher, aber das Jurastudium hat mich diesbezüglich gründlich desillusioniert.

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      1. Ja, das kann das Jurastudium, das Desillusionieren 😀
        Einer der vielen Gründe, warum ich schließlich gewechselt habe.

        Jedenfalls…dein Punkt ist durchaus recht nachvollziehbar. Stichwort: Verantwortungsübertragung. Je nach Komplexitität des Problems, steigt m. E. auch die Bereitschaft, eben jene Probleme zu institutionalisieren und sich damit weitestgehend von der eigenen Verantwortung dafür zu befreien. Ob das so sinnvoll ist, sei mal dahingestellt.

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        1. Wohin hast du denn gewechselt, wenn ich fragen darf?
          Im ganz Allgemeinen denke ich, das ergibt zumindest da Sinn, wo man ein klar definiertes Ziel bzw. klare Kompetenzen hat (aber wo hat man die schon -.-) und wo einige wenige schlicht nichts ausrichten können. Man müsste dann nur so vorausschauend sein, die Instutition so einzurichten, dass möglichst wenig von dem unangenehmen Rattenschwanz folgt, den sie manchmal so an sich haben. Die von dir genannte Verantwortungsübertragung, oder stetige Kompetenzausweitung, zum Beispiel. Aber in der Theorie is tja immer alles schön…

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          1. Zu Psychologie – war definitiv die richtige Entscheidung.

            Der Gedanke, der mir vor ein paar Tagen in Bezug auf ein anderes Ereignis kam, erscheint mir da immer noch recht schlüssig:
            Wenn man diesen Rattenschwanz gzw. diese Kompetenzausweitung verhindern oder zumindest verringern will, darf man die entsprechende Institution nicht mit so viel Macht ausstatten, dass es attraktiv wird, sich ihrer über ihre ursprünglichen Kompetenzen hinaus zu bedienen. Aber du sagtest es ja selbst bereits…in der Theorie ist immer alles so schön :/

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