Monat: Oktober 2014

Dingliche Gutenachtgeschichte

Es war einmal ein kleines Anwartschaftsrecht. Seine Mutter war eine aufschiebend bedingte Übereignung, seine andere Mutter eine Ratenzahlungsvereinbarung. Am Anfang war das Anwartschaftsrecht sehr klein und schwach, und die dinglichen Rechte machten sich über es lustig. „Was bist du eigentlich, hm?“, wollte das Pfandrecht wissen. „Was kann man denn mit dir machen? Ich, ich mache es Leuten möglich, eine Sache zu verwerten und an Geld zu kommen. Also, ich könnte dich zwar auch nehmen, aber an dir ist ja gar nichts dran.“ „Und ich“, sagte die Hypothek, die große Schwester des Pfandrechts mit ihrer tiefen Stimme, „bin beliebt. Und einflussreich. Wegen mir sind schon ganze Krisen entstanden!“ Auch der Besitz war gemein zum kleinen Anwartschaftsrecht. „Du berechtigst nicht mal zu mir! Wozu willst du überhaupt gut sein?“, fragte er. „Geh doch zum gesetzlichen Schuldverhältnis, das nimmt fast jeden!“ Am gemeinsten war das Eigentum. „Du wirst nie so sein wie ich, egal, was der BGH sagt!“, hielt das Eigentum dem kleinen Anwartschaftsrecht vor. „Du bist nicht nur kein richtiges dingliches Recht, du stehst ja nicht mal im BGB!“ Das kleine Anwartschaftsrecht wurde trotzig. „Eines Tages werde ich ein Eigentum sein!“, erwiderte es. „Wartet nur ab!“ Aber die dinglichen Rechte glaubten ihm nicht, und es wurde sehr traurig. Nur der Erbvertrag versuchte, das Anwartschaftsrecht zu trösten. „Weißt du, manchmal geht es ganz schnell. Eben bist du noch eine Anwartschaft, und puff!, jemand ist tot, und dann wirst du ein Vollrecht! Hab ich schon oft gesehen, sowas.“ Aber das kleine Anwartschaftsrecht war damit nicht aufzumuntern, denn es war nunmal nicht aus einem Erbvertrag entstanden, sondern aus einer aufschiebend bedingten Übereignung. Eines Tages wurde es an jemand anderen übertragen (denn mit Anwartschaftsrechten kann man durchaus einiges machen). Es hatte große Angst, weil es von seinem ursprünglichen Inhaber getrennt war und befürchtete, nie mehr zum Eigentum werden zu können. Aber als die letzte Rate bezahlt war, fühlte sich das kleine Anwartschaftsrecht plötzlich groß und stark und konnte ganze Herausgabeansprüche allein tragen. Es war zum Eigentum geworden, und wenn die Sache, auf die es sich bezieht, nicht untergegangen oder herrenlos geworden ist, dann lebt es glücklich und zufrieden noch heute.

(Was genau ein Anwartschaftsrecht ist, ist zB. dort erklärt.)

Zwei Portraits

Irene Adler („Sherlock“, BBC)

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Vanessa Ives („Penny Dreadful“, Showtime/BSkyB)

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Ich hasse Aquarellfarben. Mal wieder. Aber es ist ein produktiver Hass.

„Mach doch mal ein Portrait mit Aquarellfarben“, sagte mein Zeichenlehrer neulich. „Da muss man locker und präzise gleichzeitig sein!“, sagte er. „Kriegst du hin“, meinte er.

Nach den zwei Übungsportraits muss ich feststellen, dass er ausnahmsweise mal Unrecht hat: präzise kann ich, locker nicht. Vor allem nicht bei den Hintergründen – ich bin unglücklich, wenn ich nicht exakt kontrollieren kann, wo die Farbe hinläuft, aber genau das macht den eigentlich Reiz der Aquarelltechnik aus (meistens verwende ich sie eher als „gewöhnliche“ Wasserfarben auf trockenem Papier, nicht auf nassem, wie es gedacht ist). Aber Portraitzeichnen macht unerwartet viel Spaß, auch wenn hinsichtlich der Ähnlichkeit sicher noch Luft nach oben ist.

Kaiserpfalzdetail

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Goslar ist eine meiner Lieblingsstädte – dort gibt es Fachwerkhäuser en masse, Gose, ein Flüsschen mit dem lustigen Namen „Abzucht“, ein Bergwerk und eine Kaiserpfalz. Deren Rettung vor dem Zerfall ist dem Nationalismus der 1860er und70er Jahre zu verdanken, auch wenn diese Rettung um den Preis einiger wilhelminischer Bausünden und eines sehr nationalistisch-kitschigen, aber technisch ziemlich beeindruckenden Wandgemäldes im Kaisersaaal erfolgte. Ich hab mich hier auf die Pfalzkapelle St. Ulrich beschränkt – eigentlich sind es sogar zwei Kapellen übereinander. Die obere war exklusiv der Kaiserfamilie vorbehalten und in der unteren liegt das Herz Heinrichs des III., der von 1046 bis 1056 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation war. (Der Rest von ihm liegt in Speyer, aber Goslar war seine Lieblingspfalz, weshalb man das mit dem begrabenen Herz ruhig metaphorisch verstehen kann.)