Monat: November 2014

Advent, Advent…

… das Gesetzbuch brennt.

Lange hab ich hin- und herüberlegt, ob ich dieses Jahr wieder einen Adventskalender anbiete oder nicht, denn einerseits haben die letzten beiden sehr viel Spaß gemacht, andererseits ist mir jetzt noch ein bisschen peinlich, dass der letzte Adventskalender so holperig lief – und für dieses Jahr ist keineswegs weniger Stress zu erwarten als im letzten. Im Gegenteil, mein zweites Examen rückt bedrohlich näher (etwa wie die Welle in „Interstellar“), und darunter leidet erfahrungsgemäß die Kreativität. Wie man´s dreht und wendet: ich habe weder Zeit noch Energie, 24 Bilder hinzubekommen. (Das ist die Stelle, wo ihr enttäuscht „Oaaaarr“ sagen sollt.)

Es wird trotzdem einen Adventskalender geben. (Das ist die Stelle, wo ihr hoffentlich jubelt.) Weil ich sowieso extrem fokussiert auf rechtliche Themen bin, wird es ein Adventskalender mit juristischem Inhalt – ob kuriose Urteile, grundlegende Rechtsprinzipien, historische Anekdoten oder die lustigsten EuGH-Entscheidungen – ich bin zuversichtlich, dass mir genug Material über den Weg läuft und ich es auch verarbeiten kann und vielleicht auch die eine oder andere Illustration hinkriege. Außerdem nehme ich wie gehabt sehr gern eure Vorschläge entgegen: was immer euch einfällt, egal ob Thema, Stichwort oder Wollt-ich-schon-immer-mal-wissen und irgendwie lose mit Gesetzen zu tun hat – immer her damit. Jeder kann so viel einreichen, wie sie oder er lustig ist, entweder gleich hier in den Kommentaren, oder im Kontaktformular, oder an joanflowers@live.de, oder wo ihr mich sonst erreicht. (Los geht´s ab sofort, Annahmestopp ist der 16.12. um 24:00 Uhr.)

Fünf Stunden

Wenn ich erwähne, dass meine Hauptbeschäftigung zur Zeit darin besteht, fünfstündige Klausuren zu schreiben, ernte ich meistens Entgeisterung, gefolgt von Varianten der Frage „Und was macht man da so lange?!“ Denn die Fragesteller wissen ja nicht, dass man in dieser Zeit 10 bis 15 Seiten „Aktenauszug“, häufig  in Form eines Urteils, juristisch korrekt zu bewältigen hat. Da steht wenig Überflüssiges drin, aber gerade scheinbar harm- und sinnlose Nebensätze haben es in sich. Ich hab mal versucht, einen typischen Klausurverlauf zu visualisieren (Klick macht groß und hoffentlich lesbar):

18000sekunden

Interstellar

Wer vorhat, sich den Film noch anzuschauen, und das unbeschwert genießen möchte bzw. auf sowas Wert legt, der betrachte sich bitte als nachdrücklich vor massiven Spoilern gewarnt.

Worum geht´s? Der ehemalige NASA-Testpilot Cooper hat mit Anpassungsschwierigkeiten zu kämpfen. Er lebt mit Kindern und Schwiegervater auf einer Farm und baut Mais an, was ihn ersichtlich nicht auslastet – trotz der Herausforderungen, die die immer ungünstiger werdenden Bedingungen auf der Erde an den Ackerbau stellen. Staubstürme, Klimaveränderungen und Krankheiten haben zu einer radikalen Beschränkung allen menschlichen Strebens auf das zum Überleben notwendige geführt. Scheinbar übernatürliche Aktivitäten im Zimmer seiner Tochter Murph führen Cooper zu den Überresten der NASA, die an einem gigantischen Projekt arbeitet: der Umsiedlung der Menschheit auf einen noch unverbrauchten Planeten. Entgegen Murphys erbittertem Protest stellt sich Cooper als Pilot für die anstehende Mission zur Verfügung, die ihn durch ein Wurmloch in weit entfernte Regionen des Universums führt. Auf einem Wasserplaneten, der innerhalb der Gravitationszone eines Schwarzen Loches liegt, verliert die Mission nicht nur einen Mann, sondern aufgrund der extrem verlangsamten „Ortszeit“ über zwanzig Jahre. Der nächste Planet beherbergt eine Eiswüste und einen unerfreulichen Subplot, und schließlich sieht Cooper keine andere Wahl, als ins Schwarze Loch zu fliegen: die NASA braucht dringend Daten aus dessen Inneren, um die Große Vereinheitlichte Theorie zu finden, die Graviation beherrschen und die Menschheit halbwegs geordnet evakuieren zu können. Im Schwarzen Loch muss Cooper feststellen, dass dort für ihn etwas vorbereitet ist und er einen beschränkten Zugang zur Rückseite von Murphys Bücherregal hat – zu jeder beliebigen Zeit. Cooper kommt zu dem Schluss, dass die künftige Menschheit die Große Vereinheitlichte Theorie gemeistert hat und daher in der Lage ist, Gravitation und Zeit zu manipulieren – und ihn. Er selbst ist respektive war respektive ist der Verursacher der nur scheinbar übernatürlichen Aktivitäten im Zimmer seiner Tochter, aber er findet außerdem eine Möglichkeit, der inzwischen erwachsenen Murphy, die sich der NASA angeschlossen hat, die notwendigen Daten zukommen zu lassen.

Worum geht´s wirklich? Dass der Mensch zwar allein im Universum ist, sich aber dank Entdeckergeist, Beharrlichkeit und Intelligenz wacker schlägt. Dass die Liebe der Klebstoff des Kosmos ist (oder so). Außerdem darum, dass Umweltverschmutzung zwar doof ist, wir aber nicht damit aufzuhören brauchen, solange nur die NASA weiter finanziert wird. Und darum, was passiert, wenn ein Regisseur zu lange an einem Drehbuch schreibt und sich zwar wissenschaftlich beraten lässt, aber viele Möglichkeiten der Science-Fiction zugunsten von Fantasy-Elementen ignoriert. Spätestens im letzten Drittel kann sich der Film nicht mehr zwischen anspruchsvoller Wissenschaft, Weltraum-Fantasy und Surrealismus entscheiden, Christopher Nolan versucht sich sozusagen am Großen Vereinheitlichten Plot – und scheitert. Jedenfalls hatte ich wesentlich mehr erwartet und war am Ende reichlich enttäuscht.

Es bleiben etliche Fragen offen, vor allem, was die Aktionen der künftigen Menschheit betrifft: Wieso haben sie das Wurmloch beim Saturn platziert und nicht erdnäher, um die Reise dorthin zu erleichtern? Wieso sind sie darauf angewiesen, dass Cooper eine Mission annimmt, in deren Verlauf er erst selbst die Ursache dafür setzt, dass er an ihr teilnimmt, damit er dann über ein Bücherregal mit seiner Tochter kommunizieren kann, die das Rätsel schließlich knackt? Das erscheint kompliziert, fehleranfällig und reichlich umständlich. Warum schicken sie nicht einfach ein Signal mit den notwendigen Daten an die NASA? Auch der Rest ist nicht ganz rund: Müsste nicht auf dem Wasserplaneten eine solche Graviation herrschen, dass die Crew dort nicht aufrecht stehen kann, geschweige denn mit ihren begrenzten Treibstoffreserven wieder starten? Ist ein Planet so nahe an einem Schwarzen Loch überhaupt ein sinnvoller Kandidat, für den sich das Risiko der Erkundung lohnt? Immerhin ist er ziemlich harter Strahlung ausgesetzt und könnte zudem eines Tages verschluckt werden. Wieso kommt Cooper am Stück ins Innere des Schwarzen Loches – und sogar wieder heraus, und das auch noch (nach kosmischen Maßstäben) fast daheim?

Kann man sich das angucken? Rhetorische Frage, jetzt habe ich eh schon alles verspoilert. Aber wer Sitzfleisch hat und keine zu hohen Erwartungen an den Science-Fiction-Anteil: nichts wie hin. „Angucken“ ist hier das Stichwort, die Bilder sind großartig, sehen kaum animiert aus, und allein der Saturnvorbeiflug und die Reise durchs Wurmloch sind es wert. Außerdem gibt es lustige Roboter.

Ja bitte, ich höre.

Veronika von „Walk your Talk“ hat eine Blogparade übers Zuhören gestartet, und das ist so wunderbar kongruent mit etwas, was mir schon länger durch den Kopf geht, dass ich mich kurzentschlossen habe, da noch teilzunehmen (und weil ich gern mal wieder einen „normalen“ Text schreiben möchte, anstatt eines Gutachtens, oder Urteils, oder Beschlusses).

Vor einem Jahr verbrachte ich ziemlich viel Zeit damit, auf unbequemen Bürostühlen zu hocken, hektisch durch Abfahrtstafeln zu klicken und auf der Lautstärketaste des Telefons herumzuhämmern, während ich versuchte, die Idealposition für ein unergonomisches Headset zu finden. Hauptsächlich aber damit, Leuten zuzuhören. Ein wenig vermisse ich meinen alten Nebenjob im Callcenter – ach was, ein wenig. Überraschend heftig. Vermutlich, weil ich kaum je wieder Gelegenheit bekomme, so viel von fremden Leben mitzukriegen, jedenfalls nicht in dieser Bandbreite. Dabei war ein Großteil der Tätigkeit eher ärgerlich (Marktforschungsumfragen aus der Hölle) oder überfordernd (Tarifsysteme aus der Hölle). Trotzdem war ich jeden Tag aufs Neue davon fasziniert, wie viel man von einer Person erfahren kann, von der man lediglich die Stimme hört. Zunächst die simplen Sachen: alt oder jung, weiblich oder männlich. Wobei es auch „androgyne“ und alterslose Stimmen gibt – ein paar Kinder habe ich gesiezt, ein paar Erwachsene um ein Haar nach ihrer Mama gefragt, und ein paar mal habe ich in den allgemein statistischen Fragebogen-Abschnitten das Geschlecht geraten, weil mir Nachfragen zu peinlich gewesen wäre. Manche Leute hatten einen Akzent, wie der niederländische Professor, der seine 300m²-Wohnung zu bescheiden fand, oder der vermutlich arabischstämmige Jugendliche, der mich mit Hitler verglichen hat. Manche Leute hörten sich voluminös an, manche zart und zerbrechlich, und manche durchtrainiert. Es gibt Stimmen, bei denen man sofort jemanden vor sich sieht, der viel und gern lächelt, und solche, denen man schwere Krankheiten anhört, oder die schleppend und monoton sind. Bei manchen kommt ein bisschen Verzweiflung durch, wenn sie über ihren Familienstand reden („ledig“), bei manchen Selbstironie. Vieles war lustig – der Typ, der die Verkehrsbetriebe mit einem Escort-Service verwechselte, der, der mir sein Gehalt nicht sagen wollte mit der Begründung, ich würde ihn sonst bloß heiraten wollen, und die ältere Dame, die sich über ihr eigenes Unverständnis „über diesen modernen Kram“ am meisten amüsierte. Und manches traurig – die alte Frau, die schon lange allein lebt und deren Kinder und Enkel sie nie besuchen, oder die Anruferin, die versuchte, die Aboangelegenheiten einer todkranken Verwandten zu regeln. Und gelegentlich habe ich zu viel gehört, wie bei dem freundlichen Mann, der für eine völlig normale Frage („Schatz, wann genau wollten wir noch gleich fahren?“) von seiner Frau so ausdauernd und lautstark geruntergeputzt wurde, dass ich jedes Wort verstand und ihn am liebsten sofort nach Dienstschluss evakuiert hätte. Erstaunlich ist außerdem, wie viel Wut eine einzelne Stimme transportieren kann, ohne laut zu werden, und wie schwierig es ist, Leute ernst zu nehmen, die in Klischees sprechen. Wenn mir noch einmal jemand was „ganz unter uns Pastorentöchtern“ verrät… wenigstens konnte ich am Telefon hemmungslos Grimassen schneiden.

Manchmal hatte ich feierabends das Gefühl, eine Überdosis conditio humana abbekommen zu haben. Dann halfen im Wesentlichen zwei Dinge. Zum einen das Bewusstsein, dass meine Vorstellungen von den Anrufern nicht zwangsläufig der Realität entsprechen müssen, auf jeden Fall unvollständig sind und auf einer Menge Unterstellungen meinerseits beruhen. Vielleicht hatte die alte Frau wenigstens einen großartigen Freundeskreis. Vielleicht hat der unterdrückte Mann seine Frau inzwischen erschlagen verlassen. Vielleicht hat die junge Mutter, mit der ich so nett geplaudert habe, kurz vorher ihr kleines Kind so richtig übel angeschrieen. Vielleicht – wahrscheinlich – hatte derjenge, der so wütend über die Busverspätung war, eine Konfrontation mit einem unsympathischen Kollegen verloren. Und zum zweiten schlicht Abstand. Niemand hat irgendwas davon, wenn eine wildfremde Person sie bemitleidet, und am besten konnte ich den „armen Schluckern“ helfen, indem ich freundlich war und versuchte, meinen Job besonders gut zu machen.

Zudem war das, was ich zu hören bekam, extrem abhängig von meiner eigenen Tagesform. War ich müde und gereizt, oder deprimiert, lief so ziemlich gar nichts, und die Anrufer oder Angerufenen wurden ihrerseits schnell ungeduldig und pampig (selbst wenn ich denselben Text verwendete wie immer). War ich aber zu aufgekratzt oder wollte unbedingt die beste Bewertung des Monats haben, lief es auch nicht besser, weil ich dann dazu neigte, die Menschen am anderen Ende der Leitung zu überfahren. Wie man einen wachen, konzentrierten, aber entspannten Zustand erreicht, indem es am besten klappt mit dem Zuhören, dem Einhaken im richtigen Moment und der Gesprächskoordination, dafür habe ich auch kein Patentrezept, oder jedenfalls keines, das nicht auch einem chinesischen Glückskeks zu entnehmen wäre. Tendenziell funktionierte es besser, wenn ich mir zunächst selbst zuhörte, mir klar machte, dass manche Probleme einfach meine Probleme sind und nicht die von anderen Leuten – auch der ätzendste Anrufer kann nichts dafür, dass man selbst unausgeschlafen ist – und das ein „Danke, Sie haben mir sehr geholfen!“ der beste Grund ist, auch dem nächsten Anrufer wieder so freundlich wie möglich zu versichern: „Natürlich höre ich Ihnen zu, wie kann ich denn weiterhelfen?“