5. Türchen: Schatten

„Als Verbrechen oder Vergehen beurteilt man immer noch Rechtsgegenstände, die vom Gesetzbuch definiert sind, aber gleichzeitig urteilt man über Leidenschaften, Instinkte, Anomalien, Schwächen, Unangepasstheiten, Milieu- oder Erbschäden […] es sind diese Schatten hinter den Tatsachen des Verfahrens, die in Wirklichkeit beurteilt und bestraft werden.“

Michel Focault, Überwachen und Strafen, S. 27.

 Nicht, dass ich mit dem Focault sonderlich weit gekommen wäre, aber er hat hier die meiner Anischt nach beste Zusammenfassung dessen geliefert, worum es im Strafprozess unter der juristischen Oberfläche geht.Und je länger ich über meine Verhandlungserfahrungen nachdenke, und das, was die Richter manchmal in den Pausen von sich gaben, umso eher denke ich, dass er verdammt recht hat.

Advertisements

3 Kommentare

  1. Der Satz von Focauld hinterläßt bei mir irgendwie einen bitteren Nachgeschmack. Um es mal auf deine Verhandlungserfahrungen zu beziehen: Ist das Entwenden einer Geldbörse jetzt nur noch ein „Instinkt“ zum Stehlen? Hört sich so harmlos an. Was kann ich denn für meine Instinkte? Jeder weiß doch, dass Tiere einfach nach ihren Instinkten handeln müssen. Oder ist es vielleicht eine „Leidenschaft“ von mir? Nun, manch einer hat halt Leidenschaft für die Musik, ich zum Stehlen. Das darf man doch dann nicht so verbissen sehen, oder? Ist der sexuelle Mißbrauch eines Kindes jetzt nur eine „Schwäche“ oder „Anomalie“? Dürfen schwache Menschen bestraft werden? Oder Menschen, die unter „Anomalien“ leiden? Eigentlich nicht, oder? Denn dann müßten auch alle behinderten Menschen für ihre Behinderungen bestraft werden.

    Du merkst sicher, dass ich diesen Satz von Focault irgendwie als sehr verharmlosend für Staftaten empfinde.

    1. So ist er gar nicht gedacht, ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor und du hast gedanklich ein paar Stufen übersprungen. Was der Satz aussagen will (und ich auch), ist, dass es keine wirklich objektive Justiz gibt, egal, wie schön abstrakt wir unsere Gesetzesbücher formulieren. Letztendlich urteilen immer Menschen, und die neigen zum Schubladendenken, ich bin da selbst keine Ausnahme. Und diese „Schatten“ sind es eben, die man in den Schubladen findet: „Das sind ja alles Suffköppe“ oder „Die aus Stadtviertel X machen immer Randale“, oder „Der sieht ganz gepflegt aus, hat ein hohes Einkommen, einen angesehenen Job, der ist doch kein Straftäter“. Oder auch „Der guckt schon so komisch“, „Die sieht ja schon nuttig aus“. Vorurteile, die gar nicht mal bewusst sein müssen.

      Außerdem hat niemand gesagt, dass Leidenschaft/Anomalie/etc. gleich ein Grund für Straflosigkeit sein soll. Höchstens für die Sicherungsverwahrung statt der Gefängnisstrafe, wenn jemand seine „Leidenschaft“ absolut nicht zügeln kann. Denn der Mensch ist nunmal kein Tier, oder jedenfalls nicht nur ein Tier, und sollte das können. Was du beschrieben hast, sind ein Haufen ziemlich extremer Positionen, die meines Wissens nach kaum jemand ernst zu nehmendes vertritt.

      1. Ja, dann habe ich den Satz wohl in den falschen Hals bekommen. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich nicht weiß, was in der [……] rechteckigen Klammer noch so steht.

        Dass es keine wirklich absolut objektive Justiz gibt – da stimme ich dir z. B. vollkommen zu.

        Außerdem hat niemand gesagt, dass Leidenschaft/Anomalie/etc. gleich ein Grund für Straflosigkeit sein soll.

        So meinte ich das auch nicht. Es erschien mir nur so, dass wenn man z. B. Diebstahl oder eine andere Straftat als eine Art „Instinkt“, „Milieuschaden“ oder „Anomalie“ etc. betrachtet, der Weg dahin nicht mehr sehr weit wäre, jegliche Verfehlung eines Menschen irgendwie als „Krankheit“ zu betrachten, für die er ja im Grunde nun nichts kann.

        Aber gut, vielleicht habe ich in den Satz etwas viel hineininterpretiert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s