10. Türchen: Katzenkönig

Leidenschaft, Aberglaube, Mord: im „Katzenkönig-Fall“, der sich Ende der 80er Jahre zugetragen hat, ist wirklich alles dabei. Die Entscheidung ist Dauergast in der juristischen Ausbildung, allerdings weniger wegen der abstrusen Geschichte, die ihr zugrunde liegt, als der Fragen zu Täterschaft und Teilnahme, die sich stellen. Angeklagt wurden zwei Männer und eine Frau, die in einem von „Mystizismus, Scheinerkenntnis und Irrglauben“ geprägten „neurotischen Beziehungsgeflecht“ zusammenlebten. H., die Angeklagte, spiegelte dem leichtgläubigen R. vor, sie werde bedroht und er müsse sie beschützen. Dabei half ihr P., der weniger leichtgläubige der beiden Männer.

„Später brachten beide ihn durch schauspielerische Tricks, Vorspiegeln hypnotischer und hellseherischer Fähigkeiten und die Vornahme mystischer Kulthandlungen dazu, an die Existenz des „Katzenkönigs“, der seit Jahrtausenden das Böse verkörpere und die Welt bedrohe, zu glauben […]. Als die Angeklagte H. Mitte des Jahres 1986 von der Heirat ihres früheren Freundes Udo N. erfuhr, entschloß sie sich aus Haß und Eifersucht, dessen Frau (Annemarie N.) von R. – unter Ausnutzung seines Aberglaubens – töten zu lassen. In stillschweigendem Einverständnis mit P., der – wie sie wußte – seinen Nebenbuhler loswerden wollte, spiegelte die Angeklagte H. dem R. vor, wegen der vielen von ihm begangenen Fehler verlange der „Katzenkönig“ ein Menschenopfer in der Gestalt der Frau N.; falls er die Tat nicht binnen einer kurzen Frist vollende, müsse er sie verlassen, und die Menschheit oder Millionen von Menschen würden vom „Katzenkönig“ vernichtet.“ R., der erkannte, daß das Mord sei, suchte auch unter Berufung auf das fünfte Gebot vergeblich nach einem Ausweg. H. und P. wiesen stets darauf hin, daß das Tötungsverbot für sie nicht gelte, „da es ein göttlicher Auftrag sei und sie die Menschheit zu retten hätten“. Nachdem er Barbara H. „unter Berufung auf Jesus“ hatte schwören müssen, einen Menschen zu töten, und sie ihn darauf hingewiesen hatte, daß bei Bruch des Schwurs seine „unsterbliche Seele auf Ewigkeit verflucht“ sei, war er schließlich zur Tat entschlossen.

(BGHSt 35, 347, vom 15.09.1988)

R. versuchte, N. zu erstechen, wurde aber gestört und sie überlebte. Die Frage, die sich dem BGH stellte, war (unter anderem), ob der Einfluss von H. und P. auf R. so stark war, dass er als deren „Werkzeug“ gehandelt haben könnte, da er aufgrund des engen, mystizistisch aufgeladenen Beziehungsgeflechts „in seiner Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt“ gewesen sei. Die beiden waren entweder Täter oder Anstifter des versuchten Mordes an N. Im Strafmaß ergibt das keinen Unterschied, die Frage ist jedoch, wo die Anstiftung eines anderen aufhört und der Einfluss auf diesen so stark wird, dass der Hintermann die Tat „durch diesen“ begeht. Zudem rügte der BGH, das Schwurgericht habe die „abnormen Persönlichkeiten“ der Angeklagten nicht ausreichend berücksichtigt. Bei der Neuverhandlung führte das dazu, dass die ursprünglichen lebenslänglichen Freiheitsstrafen in mehrjährige Haftstrafen umgewandelt wurden.

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