Monat: Februar 2019

Eine Arbeit für jemanden, die Elter 1 und Elter 2 erschlagen hat.

Eine meiner weniger angenehmen Eigenschaften – für mich selbst und für andere – ist die Tatsache, dass ich mich bisweilen auf eine Sache fixiere wie ein Jagdhund auf seine Beute und keine Ruhe habe, bis sie gejagt, gestellt, erlegt und ihre Knochen aufgebrochen sind. Ein moderierter Kommentar (vom 25. Januar 2019) bei meinem geschätzten Co-FAZ-Basher Muriel brachte mich auf die skandalösen Umtriebe nicht näher bezeichneter öffentlicher Stellen, die die Begriffe „Mutter“ und „Vater“ durch „Elter 1“ und „Elter 2“ ersetzen wollen. Angeblich. Überall. Schon bald. Für jeden. Was ich mich seitdem fragte: Wo kommt das denn her? Wieso glauben anschienend Leute diesen Unfug und fühlen sich ernsthaft davon bedroht? Immerhin haben neben obskuren Youtube-Kanälen auch leidlich seriöse Medien das Thema aufgegriffen. Ist da vielleicht doch was dran?

Die kurze Antwort: Nein.

Die lange Antwort: Menschen lieben ihre eigenen Vorurteile anscheinend so sehr, dass sie selbst dann unkritisch übernehmen, was diese bestätigt, wenn es sie ärgert, ihnen Angst macht oder sonst den Tag verdirbt.

Die Quellenlage zu Elter 1 und Elter 2 ist ziemlich dünn. Das in diesem Zusammenhang mehrfach erwähnte Dokument 12267 des Europarates enthält überhaupt nichts zu den „Elters“. Es befasst sich mit sexistischen Stereotypen in den Medien und empfiehlt einie Reihe von Maßnahmen, um die einseitige Darstellung von Frauen direkt zu bekämpfen oder indirekt auszubalancieren. Der Sprachleitfaden der Stadt Bern, der angeblich die Verwendung von „Elter“ vorschreibt, tut dies zumindest in der aktuellen Auflage nicht mehr. Gleiches gilt für den „Leitfaden zum geschlechtergerechten Formulieren“ der schweizerischen Bundeskanzlei: „Elter“ wird als Variante erwähnt, aber als „sehr selten“ gekennzeichnet. Zudem bemerkt der Leitfaden ganz vernünftig, dass diese sog. „geschlechtsabstrakten“ Formen zwar helfen, Paarformen („Bürgerinnen und Bürger“) zu vermeiden, aber unpersönlich und distanzierend wirken und daher nur zurückhaltend einzusetzen seien.

Wo, fragt sich die aufgeweckte Leserin, ist denn jetzt eigentlich der Zusammenhang zwischen den eidgenössischen Leitfäden und dem Europarat? Das Dokument 12267 nennt als Verfasserin Doris Stump, eine Abgeordnete aus – Tadaa – der Schweiz. Doris Stump war bis 2011 Mitglied des Nationalrates und der schweizerischen Delegation beim Europarat. Allerdings hat sie bei beiden Sprachleitfäden nicht mitgearbeitet, wie sogar der Schweizer Presserat feststellte. Der einzige Grund, aus dem das Europaratsdokument und die Schweiger Sprachleitfäden zusammen genannt werden: Alle Medien, die das Thema aufgreifen, schreiben lieber vom Blick ab als zehn Minuten zu googlen.

Halten wir fest: Der Skandal besteht darin, dass der Europarat sexistische Stereotype in den Medien bekämpfen will und die Schweizer ihren Verwaltungsmitarbeitern geschlechtergerechtes Formulieren vorschreiben.

Dazu der Deutschlandfunk: „Abschaffung! Alles nur noch geschlechtsabstrakt!“ (Geh weg, DLF, du enttäuschst mich.) „Entmannung! Abschaffung des Mannes! Ernsthaft beängstigend!“ ereifert sich die SZ. (Geh weg, SZ, reine Panikmache. Außerdem: Hat dir keiner gesagt, dass ein Mann, der über seine sprachliche Abschaffung nörgelt, sich einfach mitgemeint fühlen kann?) „Sprachirrsinn!“, titel Blick. (Geh weg, Blick, deine höchst mäßige Lesekompetenz hat schon der Schweizer Presserat beanstandet.) Und das sind nur die zitierfähigen Reaktionen, ich erspare uns allen die von blindem, geifernden Hass erfüllten Blog- und Forenartikel zum Thema, über die ich gestolpert bin. Anscheinend genügt der bloße Gedanke an etwas mehr sprachliche Gleichberechtigung, und bei manchen setzt das kritische Denken schlicht aus. Zudem ist der Dunning-Kruger-Effekt stark mit denen, die glauben, die hätten die Absurdität geschlechtergerechter Formulierungen durchschaut: Haha, die Salzstreuerin! Das Europarat! Elter 3 und 4! Ich nehme ja echt nicht oft und schon gar nicht aus Prinzip die Verwaltung in Schutz, aber es soll vorkommen, dass die Leute dort auch ab und zu mal einen Gedanken haben. Viele Leitfäden, so auch die schweizerischen, thematisieren die Fallstricke und Unschönheiten geschlechtergerechter Sprache ganz offen und schlagen häufig mehrere Alternativen vor oder beschränken sich im Ergebnis dann doch auf Anregungen. Eine Person, die da mal reingeschaut hat, wüsste das. Aber anscheinend ist die Angst vor weniger sexistischer Sprache und die Versuchung, mal wieder auf den ach so weltfremden EU-Institutionen herumzuhacken, übermächtig.

Wer also ernsthaft behauptet, demnächst dürfe niemand mehr Vater und Mutter sagen, hat in der Tat ein Problem. Nur eben nicht die „Sprachpolizei“.

Passengers

Worum geht´s? Mechaniker Jim Preston (Chris Pratt) ist einer von 5.000 Menschen im Hyperschlaf, die das Raumschiff „Avalon“ zu ihrer neuen Heimat auf dem Planeten Homestead II bringt. Im Gegensatz zu den anderen 4.999 wacht er allerdings 90 Jahre vor dem Ende der Reise auf. Völlig allein in dem weitläufigen, luxuriös ausgestatteten Raumschiff verzweifelt er allmählich. Weil es in dieser Varinate der Zukunft Hyperschlafkammern gibt, aber keine Privatsphäre, kann er die schlafende Mitreisende Aurora Lane (Jennifer Lawrence), eine erfolgreiche Autorin, stalken. Ihre Texte und Videos gefallen ihm so gut, dass er sie schließlich aufweckt. Aurora lebt zunächst in dem Glauben, sie hätten beide das gleiche Pech gehabt. Unterdessen häufen sich auf dem Schiff merkwürdige techniche Ausfälle, doch Jim und Aurora haben nur Augen füreinander und verlieben sich. Als Jim ihr einen Heiratsantrag machen will, erfährt Aurora von Roboterbarkeeper Arthur (Michael Sheen), warum sie wirklich wach ist. Die technischen Probleme nehmen unterdessen überhand. Kurz vor dem Finale wacht auch Crewmitglied Gus Mancuso (Laurence Fishburne) auf, gibt Jim und Aurora die nötigen Infos, um das Schiff retten zu können, und stirbt. Unter Lebensgefahr verhindert Jim mit Auroras Hilfe einen Reaktorbrand. Aurora verzeiht ihm und die beiden leben auf der Avalon glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

Worum geht´s wirklich? Weiße heterosexuelle cis-Männer können den gröbsten Mist bauen, am Ende kriegen sie die tolle (weiße heterosexuelle cis-)Frau.

An diesem Film ist so viel kaputt, dass ich das Listenformat wählen musste, weil ich so viel Unfug nicht in einen Fließtext bekomme.

  1. Am Anfang des Films wird das Schiff von einem Felsbrocken getroffen, weil es in ein Asteroidenfeld hineinfliegt. Im Weltall hört dich niemand schreien herrscht häufig freie Sicht über wirklich, wirklich weite Strecken. Hat die Avalon kein Radar?
  2. Jim wacht auf und das Schiff tut so, als liefe alles nach Plan. Müsste der KI, die es steuert, nicht auffallen, dass nur ein Passagier wach ist? Gibt es kein Protokoll, um jemanden von der Crew zu wecken? Sollte nicht ohnehin so aller 20 Jahre mal jemand nach dem Rechten sehen?
  3. Wieso ist ein Raumschiff, dessen Passagiere dort nur vier wache Monate verbringen, derart weitläufig und luxuriös mit Suiten, Kinos, Pools, Bars, Restaurants usw. ausgestattet? Angeblich ja eine Methode der Homestead Company, die Preise zu treiben, aber ernsthaft: Das ist alles unnötig materialverschwendend, wartungsintensiv und fehleranfällig. So nett der Pool an der Außen(!)wand des Schiffes aussieht, aus sicherheitstechnischer Perspektive ein Albtraum.
  4. Sollten die Schlafkammern nicht der Teil des Schiffes sein, der wirklich zu absolut allerletzt von einer Fehlerkaskade betroffen ist? Oder noch besser: Unabhängig vom Rest des Schiffes funktionieren?
  5. Wie kann es sein, dass jeder beliebige Passagier nicht nur die Schlafkammern einsehen kann, sondern auch noch Zugang zu sehr persönlichen Aufzeichnungen seiner Mitreisenden hat? Gibt es im 24. Jahrhundert keine DSGVO mehr?
  6. Mir fehlen wirklich die Worte dafür, a) wie unfassbar abgefuckt ich es finde, dass Jim Aurora aufweckt, und b) wie noch viel abgefuckter das Drehbuch damit umgeht. So viel moralischer Ballast ist einfach keine Prämisse für eine Romanze, und schon gar nicht so, wie im Film dargestellt. Interessanter wäre „Passengers“ als Kammerspiel gewesen, das zeigt, wie die beiden sich trotzdem zu arrangieren versuchen (oder eben auch nicht). Alternativ hätten einfach beide durch defekte Schlafkammern aufwachen können. Wenn es unbedingt einen Beziehungskonflikt geben muss, bietet das Setting „Zwei wildfremde Leute völlig allein im Weltraum“ wirklich genügend Material.
  7. Weder Jim noch das Drehbuch noch (vermutlich) große Teile des Publikums kommen auf die Idee, dass Aurora gar nicht imstande sein könnte, sich in ihn verlieben. Sie könnte lesbisch sein. Sie könnte ein trans Mann sein. Oder aromantisch und asexuell. Oder, oder, oder.
  8. Selbst Gus als die kompetenteste wache Person auf dem Schiff kommt nicht einmal auf die Idee, jemanden von der Mannschaft zu wecken. Wieso gibt es keine technische Crew, die vielleicht sogar automatisch aus dem Hyperschlaf geholt wird, wenn ein gewisses kritisches Level erreicht ist? Ich würde echt nie mit Homestead reisen, so viel ist sicher.
  9. Offensichtlich genügt es, sein Leben in einem höchst konstruierten Finale zu riskieren, um als romantischer Partner wieder interessant zu werden. Dass Jim sein Leben aufs Spiel setzt, ist durchaus ein mögliches Motiv für Aurora, ihm zu verzeihen, aber ich sehe beim besten Willen nicht, wieso sie wieder seine Partnerin wird.
  10. Auf dem Schiff gibt es einen „Autodoc“, ein medizinisches Gerät, das sogar Tote wiedererwecken kann. Also, wenn der Tote Jim ist. Bei Gus kommt niemand auf die Idee. Ist niemandem aufgefallen, dass es ein klein wenig rassistisch sein könnte, wenn der einzige Character of Colour stirbt und nicht wiederbelebt werden kann, der weiße Protagonist aber schon?
  11. Es gibt nur einen Autodoc. Wieso gibt es für 5.000 Leute nur einen Autodoc? Die durchschnittliche Hausarztdichte von 3 Ärzten auf 1.000 Leute zugrundegelegt, müssten es mindestens 15 Autodocs sein. Was ist, wenn der einzige Autodoc mal kaputt geht?
  12. Recht früh im Film wird klargestellt, dass es nicht möglich ist, an Bord der Avalon in den Hyperschlaf versetzt zu werden. Am Ende stellt sich heraus, dass selbst der Autodoc zur Hyperschlafkammer umfunktioniert werden könnte. Ja, was denn nun?
  13. Glück ist, diesem Film zufolge, die „wahre Liebe“ und ein Leben in Luxus. Alles andere ist unnötiges Beiwerk.
  14. Wieso hat der Drehbuchautor sich nicht wenigstens die Hälfte all der Fragen gestellt, die ich hier stelle?

Fazit: Zeitverschwendung. Ein wenig wirkt „Passengers“, als habe jemand eine ganz solide Science-Fiction-Story (einsamer Typ auf Raumschiff) geschrieben und dann beschlossen, sie mit Elementen aus „Titanic“ (die Asteroiden als Eisberg, Romanze mit Klassenunterschied, (Beinahe-)Tod des Mannes) und „Fifty Shades of Grey“ (Stalking, Hauptsache Reichtum und kein Entkommen aus der Beziehung für die Frau) anzureichern. Außerdem lagen noch Namen aus der Artussage herum (Avalon, Arthur). Als solle aus dem Ganzen eine schmutzige Atom-Bombe aus verdrehten Vorstellungen über Romantik und Frauenfeindlichkeit werden.

 

Dass Frauen diskriminiert werden, heißt noch lange nicht, dass sie diskriminiert werden!

Herzrasen, Magengrimmen, Paragraphen rauf und runter: Die mündliche Prüfung im 2. Jura-Examen ist wahrlich kein Spaß. Meine war einer der bis dato stressigsten Tage meines ganzen Lebens. Stand ich doch nach den schriftlichen Prüfungen knapp unter der magischen Schwelle von 9 Punkten, die – zumindest nachMeiniger einiger in der Branche – die Brauchbaren von den Guten trennt. Dass ich es über die Notenschwelle schaffte, verdankte ich anscheinend auch der Zusammensetzung der Prüfungskomission: Es war eine Frau dabei.

Damit hatte ich, dieser Studie zufolge, statistisch gesehen eine bessere Chance auf den Notensprung. Frauen schaffen diesen vor rein männlichen Prüfungskommissionen signifikant seltener (S. 18 ff., Zus. auf S. 20). Oder anders formuliert: Zwischen Männern und Frauen gibt es nur dann keine Unterschiede beim Notensprung, wenn die Prüfungskommission mit mindestens einer Frau besetzt ist. Das ist ein interessanter Befund, die FAZ nutzt ihn gnadenlos aus, um anzudeuten, dass Männer vielleicht einfach besser sind:

So vermag sie [die Studie, d. Red.] nicht zu sagen, ob das schwächere Abschneiden der Frauen auf zwischen den Geschlechtern ungleich verteilte Resilienz in Stresssituationen, selbstbewusstes Auftreten oder auf eine – bewusste oder unbewusste – Diskriminierung durch die Prüfer zurückgeht.

Männer schneiden insgesamt besser ab, weil sie stressresistenter sind – aber nur vor rein männlichen Kommissionen. Sobald eine Frau dabei ist, sinkt die Stressresilienz männlicher Kandidaten auf das Niveau ihrer weiblichen Kolleginnen. Oder wie? Der FAZ-Autor bleibt hier aber lediglich dem treu, was er vor einigen Jahren bei der LTO zu einer Vorgängeruntersuchung geschrieben hat:

Eine zumindest aus dem Bauch heraus plausible Deutung dieser Ergebnisse ist das unterschiedliche Auftreten in der mündlichen Prüfung: Männer geben sich hier gern selbstbewusster und forscher, was positive Auswirkungen auf ihre Bewertung haben könnte.

Eine zumindest aus dem Bauch heraus plausible Deutung dieser beiden Zitate: Der Autor gibt sich gern forsch, hat aber leider nicht verstanden, worum es bei Diskriminierung eigentlich geht.