Anekdoten

Arbeitsplatz Anklägerbank

Seit einiger Zeit habe ich das Vergnügen – und das meine ich ganz unironisch – als „Sitzungsvertreterin der Staatsanwaltschaft“ etwa einmal die Woche Amtsrichtern auf die Nerven zu fallen vor Gericht tatsächlich mal etwas tun zu dürfen. Wer mit der Funktion der Staatsanwaltschaft im Strafprozess hinlänglich vertraut ist, springt am besten zum nächsten Abschnitt, für alle anderen ein kleiner Exkurs. Die Staatsanwaltschaft, liebevoll „objektivste Behörde der Welt“ genannt, ist dazu da, als neutrale Instanz sowohl zugunsten als auch zulasten des Angeklagten zu ermitteln und der „materiellen Wahrheit“ möglichst nahe zu kommen. Staatsanwälte haben meist einen Tag (oder mehrere) Sitzungsdienst, wobei sie nicht zwangsläufig ihre eigenen Fälle behandeln, sondern einen Stapel „Handakten“ vorher bekommen (in denen nur das allernötigste drin ist) und sich dann in der Verhandlung ihre Meinung bilden müssen. Am Ende darf der Staatsanwalt zuerst vortragen, wie sich seiner Ansicht nach der Sachverhalt darstellt und welche Strafe ihm angemessen erscheint. Danach ist, soweit vorhanden, der Verteidiger dran, und während dieser Plädoyers hört der Richter bisweilen schon gar nicht mehr richtig hin, sondern kritzelt seinen Urteilsspruch, den er daraufhin verkündet.

Und nun zum anekdotischen Teil. Bei meiner ersten Verhandlung war ich sagenhaft aufgeregt, und es ging gleich gut los mit einer etwas verworrenen Diebstahlsgeschichte.

Angeklagte: „Nee, ich war das nicht, ich hatte an dem Abend gut was getrunken, aber ich mach sowas nicht, nee. Das Portmonee muss irgendwie in meine Tasche gefallen sein. Ich hab da so Tücher eingepackt, vielleicht war das da mit drin.“

Geschädigte: „Ich war an dem Abend total besoffen. Mein Freund hat mich rausgeschmissen, das war´n Scheißtag, ich weiß da nicht mehr viel. Aber irgendwie muss mein Portmonee ja in der ihre Tasche gekommen sein!? Ich hab in der Küche ne Weile geschlafen, bis es wieder ging mit dem Alkohol, und danach wars weg.“

Ich schwitzte ordentlich Blut und Wasser und fühlte mich wieder wie im Callcenter: Leute erzählen mir irgendwas und ich muss eine Entscheidung auf dünner Faktenlage treffen. Zum Glück gab es einen Zeugen, der gesehen hatte, wie die Angeklagte das Portemonnaie etwas später wegschaffen wollte, was ihrem Gedächtnis schlagartig auf die Sprünge half: sie gestand dann doch.

Bei einer anderen Verhandlung ging es um eine Unfallflucht mit einem bemerkenswert unsympathisch auftretenden Angeklagten. („An dem Auto war gar nichts kaputt, nur der Spiegel bisschen angedotzt, warum soll ich denn da noch rumhängen?!“) In der Handakte ist immer auch das Vorstrafenregister, bei ihm enthielt es zuletzt eine Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern. Das hatte mit der Fahrerflucht zwar nichts zu tun, aber es lässt die Motivation, einigermaßen freundlich und fair zum Angeklagten zu sein, doch arg sinken. Ich versuchte, das auszublenden und beantragte zum Schluss irgendeine Geldstrafe, die der Richter fast verdoppelte. Bei der Urteilsbegründung fasste er den Angeklagten ins Auge und brummte: „So wie sie sich hier aufführen, haben Sie sich wahrscheinlich auch bei der letzten Verhandlung benommen, was? Das Kind war damals wohl auch bloß ein bisschen angedotzt? Groß rumreden und nicht mal einsehen, dass es Unrecht war, was sie da gemacht haben, das hab ich gerne.“ Ich bezweifle, dass er das so in die Urteilsbegründung geschrieben hat.

Als Sitzungsvertreterin darf ich nicht ohne vorherige Rücksprache Verfahren einstellen. Das kommt, grob gesagt, in Betracht, wenn den Angeklagten nur ein geringer Schuldvorwurf trifft, oder jedenfalls nur ein geringer sicher zu beweisen ist, oder man möchte ihm zwar eine Auflage (zum Beispiel Sozialstunden, oder Spenden an gemeinnützige Einrichtungen) mitgeben, meint aber, dass es damit auch sein Bewenden haben kann. Weil das Verfahren dann aber unwiderruflich vorbei ist, dürfen Referendare jedenfalls nicht so ohne weiteres einstellen, und die meisten Verteidiger (die eigentlich immer eine Einstellung anregen, egal ob´s passt oder nicht) wissen das auch. Bis auf einen, mit dem ich kürzlich zu tun hatte.

Verteidiger: Können wir das nicht einstellen? (Es ging um einen Unfall mit nicht zu knappem Sachschaden und anschließende Fahrerflucht, und um das Maß voll zu machen, war der Angeklagte möglicherweise auch noch betrunken.)

Richter: Joah… (ich glaube, er wollte einfach nur fertig werden.)

Ich: Sehe ich nicht so. Ich würde ja nochmal anrufen, aber der Kollege, der heute den Telefondienst macht, ist ausgesprochen einstelllungsunwillig, das bringt uns leider auch nicht viel. (Besagter Kollege hatte mich kurz vorher am Telefon gründlich zusammengefaltet, weil ich eine Unfallflucht, die wahrscheinlich auf einem Missverständnis beruhte, einstellen wollte, und dort waren weder größere Sachschäden noch Alkohol im Spiel. Da gab es also wirklich nichts zu holen.)

Der Verteidiger wollte unter allen Umständen, dass sein Mandant maximal wegen der Fahrerflucht verurteilt wird, damit er den Führerschein später leichter wiederbekommt. Er barmte so lange wegen des Führerscheins herum, dass es fast schon ein bisschen nervig war, und appelierte an meine Nettigkeit. Der Angeklagte saß daneben und sah drein, als sei das alles ein bisschen unter seiner Würde.

Verteidiger: Vielleicht können wir ja einen Teil einstellen?

Ich muss in dem Moment etwas kariert geguckt haben.

Verteidiger: Wenigstens die Straßenverkehrsdelikte. Die Fahrerflucht würde mein Mandant dann zugeben.

Ich: … Nein, ich kann hier leider gar nichts einstellen. Auch keine Teile.

Verteidiger: Ja, dann kann mein Mandant aber seinen Führerschein nicht so schnell wiederbekommen! Ich hätte jetzt wirklich gern eine Einstellung.

Der Richter beendete das Drama, indem er sie Hauptverhandlung aussetzte. Jetzt darf sich der nächste Sitzungsvertreter damit rumschlagen.

 

Auf Wunsch einer einzelnen Dame (2)

„Guten Tag, die Höllische Verkehrs-AG, was kann ich für sie tun?“ Ich nuschle die Begrüßung ein bisschen, man sollte neben dem Telefonieren auch einfach nicht essen, aber was soll ich machen, wenn nette Kollegen ständig Kuchen anbringen? – Am anderen Ende eine sonore Männerstimme: „Oh, das ist ja schön, dass ich dich gleich erreiche.“ Der Kuchen bleibt mir spontan im Halse stecken. „Entschuldigen Sie bitte!?“ – „Wirklich schön, dass ich dich gleich erreiche. Wir waren beim letzten Mal so schön zusammen in der Bildergalerie.“ Der Tonfall wechselt von sonor zu leicht anbiedernd. „Ich denke mal, sie irren sich, ich bin mir ziemlich sicher, in letzter Zeit nicht dort gewesen zu sein…?“ – „Aber ich bin doch hier beim Begleitservice!“ Verdutzt. Was jetzt kommt, kann ich eigentlich nur damit entschuldigen, dass Samstagmorgen ist, ich zwar Kuchen hatte, aber keinen Kaffee, und vorher auf einer anderen Hotline eine Stunde lang der Teufel los war: ich raffe es einfach nicht. Und zu allem Überfluss hat die Höllische Verkehrs-AG einen Begleitservice – für Rollstuhlfahrer. „Jedenfalls waren Sie dort nicht mit mir, vielleicht kann ich sie verbinden, mit wem wollten Sie denn sprechen?“ – „Oooh, ja, ich würde auch sehr gern deine Freundinnen kennenlernen. Aber vielleicht können doch gleich wir beide…?“ –  „Neinnein, ich selbst mache das nicht. Das ist eine andere Abteilung.“ – „Aber ich hab doch die Nummer vom Begleitservice gewählt!“ – „Ich fürchte ja, Sie haben sich verwählt. Sie sind jetzt bei den Höllischen Verkehrsbetrieben.“ – „Jaja, da wollte ich ja auch hin.“ Eifrig. „Jetzt bin ich doch hier beim Begleitservice.“ – Meine rechte Gehirnhälfte wacht endlich auf. „Aber bei dem Falschen!“ Und dann kann ich nichts mehr sagen, weil ich mir in die Faust beißen muss, um nicht laut loszuprusten. Er meinte natürlich die andere Art von Verkehrsbetrieben.

Auf Wunsch einer einzelnen Dame (1)

Neulich wurde von Seiten einer Freundin beklagt, dass die Callcenterzeit – und damit ein schier unerschöpflicher Anekdotenschatz – jetzt vorbei sei. Zwar kommen keine neuen mehr nach, aber ich habe noch ein paar in petto, die im Entwurfsordner überdauert haben. Bittesehr!

Gestern hatte ich eine Horror-Schicht, der ich eine Zombieapokalypse möglicherweise vorziehen würde, weil man dann ungestraft mit Kettensägen hantieren… aber nein, ich versuche, einigermaßen gewaltfrei zu bleiben, und davon abgesehen könnte ich mit der Kettensäge ja höchstens (wenn auch sehr aufsehenerregend) die Telefonleitung kappen.

Verbindungsauskünfte gebe ich grundsätzlich gerne. Die Maske ist recht einfach zu bedienen, die Leute wissen üblicherweise, wo sie wohnen und wo sie hinwollen, und da die meisten insgeheim ein schlechtes Gewissen haben (jedenfalls vermute ich das), weil sie auch für unterkomplexe Strecken anrufen, anstatt einfach auf den Fahrplan zu gucken, sind sie in der Regel recht geduldig. Auf die ältere Dame, die mal so ganz allgemein wissen wollte, wie denn jetzt die Busse im Südraum Leipzig fahren, traf das alles nicht zu. Also, sie wusste schon, wo sie wohnte, aber sie konnte sich nicht entscheiden, wo sie hinwollte, wusste die Buslinien nicht, hatte die Fahrpläne von vor der Wende im Kopf und wurde stinkig, weil ich in dem Gewirr von vagen Ortsangaben („In der Siedlung“), vagen Zielangaben („Zum See. Aber nicht ans Nordufer, das andere!“) irgendwann völlig die Orientierung verlor, und dass, obwohl ich die Gegend aus eigener Anschauung kenne. Meine zunehmende Verwirrung und der immer vergeblichere Versuch, mir meine Gereiztheit nicht anmerken zu lassen, machten das Gespräch nicht gerade konstruktiver: „Wie fährt denn jetzt der Bus vom Connewitzer Kreuz?“ – „Moment, da gibt´s mehrere Linien, A, B und C, welche möchten Sie denn nehmen?“ – „Den BUS halt!“ – Ich gestehe, ich hab ihr auf gut Glück eine Linienführung angesagt, die bei besagtem Connewitzer Kreuz losging, denn „in den Süden“ fahren da so ziemlich alle Busse. „Aber der nach Zwenkau, der hält doch auch am Cospudener See!?“ – „Nein, tut der nicht, der lässt den See links liegen und hält erst wieder direkt in Zwenkau.“ – „Aber der hielt doch früher am Ostufer!“ – etc.pp. Und das für Jede. Verfluchte. Buslinie. Deren Nummern sie nicht wusste, auch keinen Start- oder wenigstens Endpunkt, dafür unfassbar viele Orte immer dann einwarf, wenn ich gerade dachte, mir zusammengereimt zu haben, was sie meinte.  Und bei mindestens der Hälfte dieser Orte könnte ich schwören, dass dort vielleicht vor meiner Geburt eine Haltestelle war, aber heute definitiv nicht mehr. Kettensägen, ich sach euch. Zur Krönung des ganzen beendete sie das Gespräch mit „Na, ich merke schon, Sie haben keine Ahnung, und jetzt hören Sie mit der Eierei auf.“ Klick. Es war insgesamt eine Viertelstunde vergangen, ich war nassgeschwitzt und den Tränen nahe, und frug mich, nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, folgendes: Ist das jetzt gut oder schlecht, dass ich dieser Frau gegenüber nicht ausfällig oder wenigstens deutlich geworden bin? Den normal-ätzenden Kunden habe ich inzwischen halbwegs im Griff, aber dieser geballten Wucht aus nebulösen Fragen und sinnlosen Details war ich einfach nicht gewachsen. Jetzt sitzt irgendwo eine ältere Dame (die von Glück sagen kann, dass wir keine Videotelefonie machen, sonst würde ich, sollte ich ihr zufällig auf der Straße begegnen und keine Kettensäge bei mir führen, mich versucht fühlen, sie vor einen Bus zu schubsen, der zum See…), jedenfalls, jetzt sitzt da eine ältere Dame, die beim Kaffeekränzchen ihren Freundinnen erzählt, wie furchtbar unfähig die bei den örtlichen Busbetrieben sind, nicht mal die einfachsten Sachen habe dieses Telefonfräulein gewusst. Und dann nicken diese alten Damen, vielleicht sind auch ein paar ältere Herren dabei, und bestätigen sich, dass es früher sowas nicht gegeben hätte, überhaupt dieser ganze neumodische Kram, zu ihrer Zeit hat man seine Arbeit noch ordentlich und gründlich gemacht. Hätte ich ihr aber gesagt, was ich in dem Moment tatsächlich dachte („Pick mich doch am Bürzel, du alte Schabracke!“) hätten die Verkehrsbetriebe einen Abo-Kunden weniger. Nicht mein Problem, wer seine Kundenkontakte auslagert, ist selbst schuld.

Vielleicht wäre sie aber auch zu genau demselben Schluss gekommen, nämlich dass früher alles besser war. Und dann würde es überhaupt keinen Unterschied machen, ob ich mich endlich mal traue, wirklich deutlich zu werden oder nicht, außer für mich. Und wenn die Zombieapokalypse kommt, dann kann ich meine Kettensäge bestimmt produktiver einsetzen.

Paradox-Blogging: Wie ich blogge…

wenn ich blogge. *räusper* Zum Warmwerden nach langer Pause eine Premiere: meine erste Blogparadenteilnahme. Gesehen bei Robin, die hat´s von Isabella.

Bloggerinnen-Typ:
Der Gemischtwarenladen. Allerdings einer mit Schwerpunkten, siehe Blog-Titel.

Gerätschaften digital:
Mein Laptop (eine große, inzwischen schon etwas ältere, und schwere Kiste. Er hat zwei Fahrradstürze mit nichts weiter als einer Beule überstanden. Wenn ihr was Stabiles wollt, Dell ist super.), eine Digitalkamera, und so ein kombiniertes Scanner-Fax-Drucker-Gerät, von dem aktuell nur der Scanner funktioniert. Und bis zum letzten Festplattencrash (das hatte nichts mit den Fahrradstürzen zu tun…) ein paar Bildbearbeitungsprogramme von Adobe, auch wenn ich da nicht wirklich fit bin.

Gerätschaften analog:

Der Star des Ensembles ist mein Fallbleistift. Gefolgt vom dringend notwendigen Radiergummi. (Ich hatte jahrelang tatsächlich ein leicht schlechtes Gewissen dabei, das Ding zu benutzten, weil Generationen von Kunstpädagogen der Meinung waren, man dürfte nichts korrigieren, sondern müsse seine Fehler einbauen und zu etwas Schönem machen, oder so ähnlich. Dazu kann ich nur sagen: am Fuß!)  Danach kommen in der Hackordnung wasserfeste Tuschestifte in verschiedenen Stärken, und dann alles, was Farbe gibt.

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Arbeitsweise:
Hochkonzentriert beim Zeichnen, fluchend bei der Bilddigitalisierung (in echt sehen die Farben besser aus. Wirklich!), inspiriert beim Schreiben. Jedenfalls muss immer alles in einem Rutsch passieren, was länger als einen Tag im Skizzen- bzw. Entwurfsstadium bleibt, gefällt mir nicht mehr.

Welche Tools nutzt du zum Bloggen, Recherchieren und Bookmark-Verwaltung?
Ahem. WordPress? Firefox? Ich komme mir gerade vor, als hätte mich einer mit Brot aus dem Busch gelockt, wenn ich so lese, was andere da haben. Wenn ich Jurakram schreibe, habe ich bis vor Kurzem noch juris bzw. beck-online zum Nachschlagen benutzt, aber da ich den Zugang über die Uni hatte und nun keine Studentin mehr bin, fällt das weg.

Wo sammelst du deine Blogideen?
Im Kopf. Die dreiunddrölfzig Entwürfe, die bei mir immer herumfliegen, werden in aller Regel nie fertig, siehe oben.

Was ist dein bester Zeitspar-Trick/Shortcut fürs Bloggen/im Internet?
Ausschalten. Wenn ich meine Zeit mit Bloggen/im Internet verbringe, dann kommt es meistens auf ein paar Minuten Stunden Tage mehr oder weniger nicht an.

Benutzt du eine To-Do List-App? Welche?
Im Alltag schreibe ich haufenweise analoge Listen, mangels Smartphone. Aber „Bloggen“ stand da nur drauf, als ich den Adventskalender gemacht hab.

Gibt es neben Telefon und Computer ein Gerät ohne das du nicht leben kannst?
Kühlschrank, Herd, Waschmaschine. Wobei, wenn mir jemand die Pistole auf die Brust setzte und mich zwänge, mich für eines zu entscheiden, würde ich mein Schweizer Taschenmesser nehmen.

Gibt es etwas, das du besser kannst als andere?
Ich kann prima böse gucken (meistens sogar, wenn ich es gar nicht vorhabe). Außerdem halbwegs zeichen, jeden Tag eine andere Tomatensauce improvisieren und… äh. Im Grunde genommen kann ich gern viele Sachen ein bisschen, aber vertiefe fast nichts so richtig.

Was begleitet dich musikalisch beim Bloggen?
Da ich mich bei laufender Musik nicht konzentrieren kann (weder beim Schreiben noch beim Zeichnen), herrscht außerhalb meines Kopfes Stille. Innerhalb laufen meistens ein, zwei Ohrwürmer, aktuell

oder

Wie ist dein Schlafrhythmus – Eule oder Lerche?
Wie man sich nach dem letzten Video denken kann: Eule. Eigentlich. Andererseits bin ich gern kurz vor Sonnenaufgang wach, weil ich gerne zuschaue, wie es langsam hell wird, und schaffe morgens trotz allgemeiner Grummeligkeit mehr. So eine Art Euche vielleicht.

Eher introvertiert oder extrovertiert?
Introvertiert.

Wer sollte diese Fragen auch beantworten?
Wer immer das möchte.

Der beste Rat den du je bekommen hast?

Es gibt ihn bestimmt, er fällt mir gerade nur absolut nicht ein. Die besten Ratschläge sind mMn sowieso die, die man irgendwann so verinnerlicht, dass man sie gar nicht mehr als Ratschläge wahrnimmt.

Noch irgendwas wichtiges?

Lächeln!

Das is´ ja wie Hitler hier.

Alle reden über Sexismus, aber weil ich ja gern etwas antizyklisch unterwegs bin, geht es heute um Integration. Und Rassismus. Männer-Frauen-Gedöns gibt es eventuell später, wenn ich die damit zusammenhängenden Tischkantenreste aus meinen Zähnen gepult habe.

Rassismus also. Kürzlich hatte ich – am Telefon, wo sonst – das Vergnügen, mich fragen zu müssen, ob die Menschen mit türkischem Namen und leichtem türkischen Akzent, die ich zu Fragen des Wohnkomforts interviewen durfte, nicht ein bisschen zu gut integriert sind, wenn sie sich über „die Zigeuner“ aufregen und betonen, dass sie mit solchen „Assis und Ausländern“ nicht zusammen wohnen wollen. Sie passen perfekt zu den ganzen Deutschen, die beim geringsten Anlass betonen, sie hätten ja nichts… also… das könne man jetzt nicht so sagen… aber bei ihnen im Block wohnen nur Russen/Türken/Zigeuner, und sie hätten es schon lieber, wenn da wenigstens noch ein paar Deutsche wohnen würden, dann könne man sich vielleicht besser unterhalten. Außer, sie haben Arbeit, die Ausländer, dann sind sie in Ordnung.

Kein Wunder, dass dann „die Ausländer“, mutmaßlich auch die inordnungen, bisweilen überreagieren: als ich heute einem arabisch(?)stämmigen jungen Mann mitteilen musste, dass wir die Tasche, die er im Bus vergessen hatte, leider nicht finden konnten, fing er an, mich und die Verkehrsbetriebe mit Hitler zu vergleichen und eskalierte schließlich so weit, dass er wissen wollte, wo ich denn säße, er käme da jetzt hin und dann würden wir schon sehen, ob seine Tasche wieder auftaucht. Ich hätte ihm echt gern gesagt, dass wir in Leipzig und nicht in [Ort in Norddeutschland] sitzen, und dann zugesehen, wie er und sein überschäumendes Temperament ohne Geld und Papiere – die waren in der Tasche – die halbe Bundesrepublik durchqueren. Da wir das nicht dürfen, und ich mir damit nur den nächsten Hitlervergleich eingehandelt hätte, legte ich erst mal auf, woraufhin mir eine etwas verstörte Kollegin 15 Minuten später den gleichen Anrufer wieder durchstellte, und das Spiel ging von vorne los. Ich habe keine Ahnung, ob es ein deutsches oder wohlstandsgesellschaftsbasiertes oder einfach nur menschliches Phänomen ist, dass Leute unbedingt alles, jetzt und sofort haben wollen, und wehe, die Realität fügt sich nicht ihren Wünschen. Unumstößliche physikalische Gesetzmäßigkeiten wie Zeit oder Raum spielen noch weniger eine Rolle als Tarifbestimmungen. Insofern stand der junge Mann hiesigen Rentern in nichts nach. Und jetzt sage noch einer, „die“ seien in irgendeiner wesentlichen Hinsicht anders als „wir“.

Höllische Verkehrs-AG, was kann ich für Sie tun?

Anrufer 1: „Heute bin ich mit dem 60-Minuten-Ticket in die Stadt gefahren, und als ich zurückfahren wollte, sagte mir der Busfahrer, das reicht nicht, ich muss ein neues kaufen, das ist ja schon unverschämt!“ – „Wieso, wie lange war ihr Ticket denn noch gültig, als Sie einstiegen?“ – „Ja, es war halt noch gültig, und ich kann doch nicht wissen, wie lange der Bus fährt, das ist doch nicht mein Problem!“ Okay, anders. „Wie lange dauert denn die Busfahrt?“ – „Bis 11:33. Und 11:13 bin ich eingestiegen.“ – „Und das Ticket war noch so lange gültig?“ – „Nein, das war bis 11:15 Uhr, aber ich bin doch dann schon losgefahren, was weiß denn ich, wie lange der Bus braucht!?“ Atmen, Joan, immer schön atmen. „Aber wenn sie in der 58. Minute Ihres Tickets eine 20-Minuten-Fahrt antreten, dann wissen Sie doch schon, dass Sie länger fahren, als Ihr Ticket gültig ist.“ – „Aber wenn der Bus eine Verspätung hat?“ Einatmen. „Hatte er denn Verspätung?“ Ausatmen. „Nein, aber hätte ja.“ Einatmen. „Das 60-Minuten-Ticket heißt so, weil es in der Gültigkeit zeitlich begrenzt ist, nämlich auf 60 Minuten, und wenn die rum sind, brauchen Sie ein neues. Wenn die Zeit abgelaufen ist, wird es also ungültig, egal, wo sie gerade sind, nicht erst am Fahrtende.“ – „Also, das ist ja verwirrend, da würde ich mir aber eine klarere Kennzeichnung wünschen, woher soll man das denn wissen?“ Jetzt bloß nicht sarkastisch klingen. „Ich werd´s weiterleiten, ja? Wiederhören!“

Anrufer 2: „Ich möchte mich beschweren! Der Bus ist mir gerade vor der Nase weggefahren, und auf den nächsten muss ich jetzt fünfzehn Minuten warten! Fünfzehn! FÜNFZEHN! Das ist ein Unding, FÜNF-ZEHN MI-NU-TEN! Wofür zahl ich eigentlich das ganze Geld?“

Anrufer 3: „Wie komm ich´n von hier nach Bchmhsn?“ – „Wo sind Sie denn?“ – „Na, am Bahnhof.“ – „Und in welcher Stadt?“ – „AM BAHN-HOF!“ – „Ja, und in welchem Ort liegt dieser Bahnhof?“ – „Na, in Kleinrode!“ – „Und wo möchten Sie hin?“ – „Nach Bchmhsn, hab ich doch gesagt!“ – „Könnten Sie das wiederholen, die Verbindung ist nicht so gut?“ (Das ist komplett gelogen, aber Leuten sagen, das sie undeutlich reden und doch bitte die Zähne auseinander kriegen mögen, bringt in aller Regel überhaupt nichts.) – „B-CH-M-HSN!“ – „Benndorfhausen?!“ – „HAB ICH DOCH GESAGT, und wie komm ich jetze dahin?“ – „Einen Moment, die Verbindung wird gerade…“ – „Ach, das dauert mir jetzt eh zu lange. Kann ich auch laufen. Tschüss.“

Anrufer 4: „Ich kann hier in [Ortsteil] nirgendwo ein Bahnticket kaufen?! Ich brauch morgen ein Gruppenticket für 5 Personen.“ – „Ja, die Bahnhöfe X, Y und Z sind gesperrt zur Zeit, da fahren nur Busse als Schienenersatzverkehr… kommen Sie denn am Hauptbahnhof vorbei?“ – „Nein, das ist mir zu weit. “ – „In ihrer Nähe ist ein Reisezentrum der DB, da bekommen Sie auch das Ticket.“ – „Das kostet aber mehr?!“ – „2 Euro mehr, aber vielleicht können Sie sich die mit Ihren Mitfahrern teilen, dann sind es für jeden nur 40 Cent?“ – „Nein, ich will auf keinen Fall mehr bezahlen! Gibt´s das nicht auch im Bus?“ – „Nur Einzelfahrscheine, aber nicht die Gruppentickets.“ – „Aber die am Telefon von der Deutschen Bahn AG hat gesagt, die Fahrscheine werden auch im Bus anerkannt!“ – „Anerkannt, aber nicht verkauft.“ – „Und wie kriege ich jetzt meinen Fahrschein?!“ – „Entweder im Reisezentrum, oder sie versuchen´s mit dem Online-Ticket?“ – „Nein, das will ich nicht. Zu teuer. Wieso sind die Bahnhöfe gesperrt, früher konnte man da doch Tickets kaufen!? Ich brauche morgen ein Gruppenticket…[ad.inf., jedenfalls so lange, dass er mit den 2 € Aufpreis im Reisezentrum wesentlich billiger gekommen wäre.]