Gedankensalat

Midday (Nr. 5)

Bildbearbeitungsapps finde ich merkwürdig entspannend, weshalb ich manchmal in der Mittagspause ziellos an alten Fotos rumbastele. (Das  hier zeigt den auch nicht meinen aktuellen Arbeitsplatz.)

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Kingsman – The Secret Service

Worum geht´s? Arbeiterkind Eggsy legt sich mit der Stadttteilgang seines Stiefvaters an, kommt in Polizeigewahrsam und wird von Harry Hart dem Zugriff des Rechtsstaates entzogen. Hart (Colin Firth als er selbst) ist ein Freund seines verstorbenen Vaters, der ihm vor Jahren eine Halskette gab und das Versprechen, in Not zu helfen. Er ist – genau wie Eggsys Vater – Mitglied der Kingsmen, einer streng geheimen Organisation von Gentleman-Spionen, die sich im Habitus an der englischen Oberschicht und in ihrer Nomenklatur an der Tafelrunde orientiert. Zufälligerweise haben die Kingsmen gerade Nachwuchsprobleme, und so kommt Eggsy nicht nur aus der U-Haft frei, sondern gleich ins Auswahlverfahren. Weil er auf den ältesten Trick der Welt hereinfällt und sich weigert, den ihm eigens dafür überlassenen Hund zu erschießen, besteht statt seiner die taffe Roxy. Als die Welt aber dringend vor dem Superschurken Valentine gerettet werden muss (dessen Wahnsinns-Plan darin besteht, die Menschheit mittels SIM-Karten zu vernichten), kann das aus mir nicht mehr erinnerlichen Gründen nur Eggsy tun.

Worum geht´s wirklich? Egal, wie viele Agentenklischees ironisiert, durchbrochen und persifliert werden, einige bleiben heilig und unantastbar.

  1.  Der gentleman spy ist weiß, männlich, heterosexuell und Angehöriger der sozialen Oberschicht.

Eggsy beginnt zwar als angeblicher Angehöriger der sozialen Unterschicht, aber streng genommen kehrt er im Verlauf der Handlung nur dahin zurück, wo er eigentlich hingehört, schließlich war sein Vater auch ein Kingsman. Die Idee, Eggsy tatsächlich von „ganz unten“ kommen zu lassen, war anscheinend zu gewagt. Fun Fact: James Bond entstammt hingegen der Mittelklasse. Er ist in Wattenscheid (sic!) geboren, verwaist und wuchs bei einer Tante auf. Sein Vater war Ingenieur, seine Mutter Bergsteigerin.

2. Arbeiterkinder haben´s drauf, im Gegensatz zur verzogenen Geldelite.

Eggsy schlägt während des Auswahlverfahrens einen ganzen Haufen Leute, die man mit „generische reiche weiße Schnösel“ zusammenfassen kann. Das unter diesen Leuten jemand sein könnte, der die Ressourcen seines Status gut genutzt hat, ist anscheinend unvorstellbar.

3. Die Bösewichter sind Angehörige von ethnischen Minderheiten, während alle anderen Charaktere weiß sind.

Valentine  ist Afro-Amerikaner, seine Assistentin Gazelle Algerierin.

4. Heterosexuell sind sie aber alle.

Streng genommen nicht so wichtig für die Story. Ganz strenggenommen aber ein Punkt, an dem das Drehbuch prima die Bondgirl-Nummer hätte parodieren können.

5. Frauen sind Assistentin oder Deko.

Eggsys härteste Konkurrenz ist Roxy, der das Drehbuch aber schwache Nerven verpasst hat. Es sei denn, sie erschießt gerade ihren Hund, fliegt mit unzuverlässiger Technik in die Stratosphäre oder gewinnt innerhalb von Sekunden am Telefon das Vertrauen wildfremder Menschen. Aber sie darf nicht besser sein als Eggsy. Gazelle könnte ihre eigene Superschurkin sein, aber aus irgendeinem Grund assistiert sie lieber Valentine bei seinen Plänen. Und schweigen wir über die schwedische Pinzessin Tilde, die Eggsy mit der Aussicht auf Analverkehr zur Rettung der Welt animiert.

6. Liberale und Umweltschützer sind militante Spinner.

Valentine handelt aus Sorge um die Umwelt. Und deren größte Bedrohung ist nunmal die Menschheit als ganzes.

7. Und dieses neumodische Handy- und Internetzeug erst!

Sein Plan würde nicht funktionieren, wäre nicht buchstäbdlich alle Welt verrückt nach kostenlosen SIM-Karten und freiem Internetzugang.

Kann man sich das anschauen? Bis mir aufgefallen ist, wie unfassbar sexistisch der Film ist – von dem latenten Rassismus ganz zu schweigen -, fand ich ihn sehr lustig, danach bereute ich, Zeit und Geld investiert zu haben. Selbst auf die Gefahr, als verklemmte und humorlose Feministin rüberzukommen: weder Colin Firth, noch die Kampfszenen, noch die… äh… finale Explosionssequenz konnten den Film in meinen Augen retten, weil er zu sehr in Klischees verhaftet blieb, die inzwischen nicht mal bei James Bond noch in dieser Konsequenz durchexerziert werden. Es gibt Tatorte, die selbstironischer und hintersinniger sind. Dass „Kingsman“ es also schafft, reaktionärer als die ARD zu sein, ist in gewisser Hinsicht auch eine Leistung.

Elf

Noch ein Award! Diesmal gebührt der Dank Muriel, der mich dem „Liebster Award“ und einer größtenteils sehr schmeichelhaften Beschreibung bedacht hat. Danke! Das ich gefühlt ewig gebraucht habe, um zu reagieren, liegt ganz allein an [hier bitte beliebige Ausrede einfügen] mir.

Wie üblich gibt es Award-Regeln:

1. Danke der Person, die dich für den Liebster Award nominiert hat und verlinke ihren Blog in deinem Artikel. [x]

2. Beantworte die 11 Fragen, die dir der Blogger, der dich nominiert hat, stellt.

1. Wie bist du zum Bloggen gekommen?

Pure Geltungssucht. Ich hatte ein aufregendes Fernsehpraktikum, war neu in einer großen Stadt und hatte sowohl schräge Erlebnisse als auch das dringende Bedürfnis, darüber zu schreiben. Und wollte meine Anekdoten auch den weiter entfernten Freunden mitteilen. Teile des Frühwerkes finden sich hier.

2. Welcher deiner Blogposts ist dein persönlicher Liebling?

Kafka in Knete.

3. Hast du durch dein Blog schon besondere Dinge erlebt, die ohne es vermutlich nie passiert wären?

Bloggen an sich finde ich schon sehr besonders- man lernt Leute kennen, die man sonst vielleicht nie getroffen hätte, und bekommt Einblicke in Leben, von denen man sonst nichts wüsste. Was in der überwältigenden Mehrzahl wirklich toll ist.

4. Für wen bloggst du?

Letztlich für mich selbst. Ich freue mich, wenn ich andere Leute unterhalten kann, aber im Ergebnis ist das ja auch ein eher egoistisches Motiv. Und das in unregelmäßigen Abständen auftretende Bedürfnis, einfach mal was runterzuschreiben, hat mich auch nie verlassen.

5. Welches der Blogs, denen du folgst, hasst du am meisten? (Die Softies unter euch dürfen auch gerne schreiben, welches sie am wenigsten mögen.)

Warum sollte ich Blogs folgen, die ich hasse? Okay, vergesst es, ich lese ja auch den Meinungsteil in der FAZ – mit erwartbaren Ergebnissen. Bei meinem Reader hier in WordPress achte ich allerdings darauf, dass keine Blogs dabei sind, die mich nerven, ärgern oder die ich nur in homöopathischen Dosen vertrage. Neben den üblichen Kandidaten, über die sich aufzuregen weitgehend konsensfähig ist – Reichsbürger, sonstige Vollhonks, ausgiebige und langweilige Produktrezensionen – kann ich mich prima über Leute aufreden, die denken, sie wüssten ganz genau darüber Bescheid, wie das Leben funktioniert, wie „die Menschen sind“ und was „wir“ anders machen müssten.

6. Findest du Inselfragen auch so doof wie ich?

Mindestens. Außerdem verraten sie selten etwas wirklich Interessantes, was man nicht auch einfacher erfahren könnte.

7. Wenn du entscheiden dürftest, welches Buch, Spiel oder anderes Medium verfilmt werden soll, welches würdest du wählen und wer sollte das Drehbuch schreiben?

G.A.S.“ sollte dringend mal verfilmt werden, finde ich. Meinetwegen auch als (Mini-)Serie. Allerdings kenne ich zu wenige Drehbuchautoren, um zu beurteilen, wer dafür am besten geeignet wäre. Vielleicht Wes Anderson, der u.a. für „Der phantastische Mr. Fox“ und „Grand Budapest Hotel“ das Drehbuch geschrieben hat, und irgendwie scheinen mir seine Art von Humor und sein Gefühl für Rhythmus gut zu passen.

8. Welches Videospiel hat dich am meisten beeindruckt?

Mangels Videospielens: keins. Von Videospiel-Graphik wird mir meistens übel. Nicht, weil ich sie hässlich fände (auch wenn das häufig dazukommt), sondern weil mein Gleichgewichtssinn nicht mit den widersprüchlichen Informationen klarkommt.

9. Wenn du mit einer fiktiven oder realen, lebenden oder toten Person ein Bier/Kaffee/Tee/sonstwas trinken und gemütlich quatschen könntest, wen würdest du wählen?

Jetzt gerade mit Varujan Vosganian. Ich habe „Das Buch des Flüsterns“ geschenkt bekommen, und auch wenn es wunderschön geschrieben ist, ich verliere ab und zu den Überblick über die weit verästelte Geschichte seiner armenischen Familie, und würde mir das Ganze lieber erzählen lassen. Schon, um zwischenfragen und Kaffee haben zu können.

10. Was hältst du eigentlich von Terry Pratchett?

Ich nichtse ihn. Es gibt eine Menge Leute, darunter viele, deren literarischem Geschmack ich durchaus vertraue, die mir in unregelmäßigen Abständen Terry Pratchett empfehlen, aber ich schaffe es einfach nicht, mich für seine Bücher länger als zwei Seiten zu interessieren.

11. Welchen deiner eigenen Blogposts magst du am wenigsten?

Ich glaube, den hier. Er ist einfach völlig sinnlos.

3. Nominiere 5 bis 11 weitere Blogger für den Liebster Award, die bisher weniger als 1.000 Follower haben. [x]

Spielverderberin, die ich schon beim letzten Mal war, lasse ich das mit der Nominierung. Aber ich klopfe mit dem Holz mal vorsichtig bei Guinan an, die auf Tumblr immer schöne Sachen ausgräbt. Außerdem bei Susepedia. Egoteaist ist bestimmt viel zu cool für Stöckchen, freut sich vielleicht aber trotzdem, und bei Hemator wollte ich mich für das Buchstöckchen revanchieren, und sein Blog ist eh immer einen Besuch wert. Und weil Frau Fellmonster in meiner Nachbarschaft quasi die Stöckchenbeauftragte ist, kriegt sie auch eins.

4. Stelle eine neue Liste mit 11 Fragen für deine nominierten Blogger zusammen. und 5. Schreibe diese Regeln in deinen Liebster Award-Blog-Artikel. Da ich das Stöckchen nicht so wirklich weiter werfe, lasse ich den Teil weg, hilfsweise gelten die Fragen von Muriel.

6. Informiere deine nominierten Blogger über den Blog-Artikel. [x] Die sind schlau, die kriegen das bestimmt mit.

 

Sieben

Wir unterbrechen den Adventskalender erneut für…

(Hihi. Lovely.)

Also, erst mal, Danke! dasmanuel hat mich mit meinem ersten Blogaward und der freundlichen Wortschöpfung „jurisprudencelovely“ bedacht (und außerdem, auch wenn´s schon länger her ist, aber das tut dessen Genialität keinen Abbruch, mit diesem phantastischen Logo).

Und anscheinend gibt es keinen Blog-Award ohne Regeln:

Verlinke die Person, die dich nominiert hat. Eben getan.

Blogge die Spielregeln und präsentiere den Award (hier der Link zum Banner). Auch erledigt. Jedenfalls zur Hälfte, ich finde den Link zum Banner nicht und meine, dass es auch ohne geht.

Veröffentliche 7 Fakten über dich. Denn mal los:

1. Meine Augen haben nicht exakt die gleiche Farbe. Das linke ist graublau, das rechte eher graugrünblau.

2. In meinem Portemonnaie befindet sich ein Organspendeausweis.

3. Ich fahre bei so ziemlich jedem Wetter mit dem Fahrrad.

4. Ich habe einen Besserwisser- und einen Helferkomplex. Das prädestiniert mich entweder für den Anwaltsberuf, oder ich sollte von genau sowas die Finger lassen.

5. Manchmal wünsche ich mir inständig, ich hätte einfach ein Handwerk gelernt.

6. Stanislaw Wyspianski ist mein Lieblingsmaler. Wenn ich irgendwann mal so malen kann, dann bin ich zufrieden.

 

Nominiere 7 andere Blogger. Aus der Lektüre anderer Blogs meine ich zu wissen, dass viele der Award-/Stöckchen-Sitte etwas zwiespältig gegenüberstehen. Aber ich hab ja nicht umsonst Jura studiert und kann deswegen mit Regeln Dinge machen, sie zum Beispiel teleologisch reduzieren. (Nicht theologisch. Te-leo-logisch, von telos, Ziel: eine Regel auf ihren Sinn zurückführen und entsprechend anwenden [*räusper*4.*hüstel*]). Ziel des Ganzen scheint mir zu sein, dass möglichst viele Leute viele Blogs verlinken und also Leserinnen und Bloggerinnen zueinanderfinden, die sich noch nicht kannten, oder die Leser etwas über den Geschmack des jeweiligen Bloggers erfahren. Das geht aber auch ohne Stöckenpflicht, deshalb habe ich beschlossen, hier einfach sieben im engeren oder weiteren Sinne „lovely„…ige Blogs vorzustellen.

1. WTF, Evolution?! Nach menschlichen Maßstäben hat die Evolution einen Haufen seltsamer, absurder und grässlicher Dinge hervorgebracht. „Intelligent Design“ versagt als Argument spätestens bei den Babirusas, deren Eckzähne in den eigenen Schädel wachsen können.

2. Kleine grüne Monster. Das bislang einzige Naturkosmetikblog, dass selbst ich Kosmetikverächterin gern lese. Vermutlich, weil es dort nicht nur um Kosmetik geht, sondern um alles mögliche, was das Leben bunter und nachhaltiger macht.

3. Eschergirls. Eine Sammelstelle für Frauendarstellungen in Filmen, Comics und sonstigen Medien, bei denen die Abwägung „sexy“ vs. „halbwegs korrekte Proportionen“ zuungunsten der Porportionen ausging. Lustig und ärgerlich.

4. Jenny Trout. Auf nicht mehr rekonstruierbaren Wegen bin ich auf ihre „50 Shades of Grey“-Rezensionen gestoßen. Mal abgesehen davon, dass ich diese Bücher jetzt ätzend finden kann, ohne sie lesen zu müssen, schreibt sie einen Haufen anderer interessanter Sachen zum Thema Feminismus, Körperbilder, Self-Publishing und Verlagswesen.

5. Alina. Auf ihrem Blog ist es schon lange ruhig, aber ihre Posts sind nach wie vor lesenswert, vor allem die zur Sterbebegleitung.

6. euredurchlaucht. Fotographieren auf die gekonnt-ästhetische Art ist etwas, was mir völlig abgeht. Zum Glück gibt es Leute, die sowas können, bei denen gehe ich dann immer gucken und bin beeindruckt.

7. The Gaiety Girl. Vor einiger Zeit hatte ich mir in den Kopf gesetzt, zeichnerisch etwas in Richtung Steampunk auszuprobieren, und bin dabei auf ihre Artikel über die Viktorianer gestoßen (empfehlenswert ist vor allem dieser hier über die angebliche Prüderie der Epoche).

 

7. Für diesen Post habe ich aus unerfindlichen Gründen absurd lang gebraucht.

Burka essen Kunst auf

Burkaverbote – allmählich wird es ein eigenes Genre in den Kommentarspalten der großen Tageszeitungen, sich möglichst kreative Gründe dafür auszudenken. Besonders kreativ ist, wie es ihr als konservatives Leitmedium gebührt, die FAZ. Das allein wäre keiner gesonderten Erwähnung wert (konservative Zeitung ist konservativ, duh), aber der jüngste Beitrag bringt einen neuen Aspekt in die Debatte:

Wer mit einer Burka bekleidet durch eine Gemäldegalerie promeniert, erniedrigt die Kunst, unseren größten Schatz.

In diesen Gemäldegalerien hängen vorwiegend „Darstellungen nackter Körper“, und es ist nicht etwa voyeristisch, zu lange auf Cranachs „Venus“ zu gaffen, nein:

Die Burkaträgerin macht aus dem Museumsbesuch eine Peepshow, aus einer Begegnung mit Kunst wird feiger Voyeurismus.

Vielleicht will sie einfach nur diese abendländische Kultur kennenlernen, von der so viel die Rede ist.

burka1

Nun bin ich ja selbst nicht nur eine gelegentliche Besucherin von Kunstausstellungen, sondern produziere auch Kunst, und deswegen hat es mich gleich doppelt interessiert, warum:

Die Malerei erforscht den Sinn unserer physischen, sterblichen, fragwürdigen Existenz, sie tut es ungeschützt, und das gebietet als Minimum der Respekterweisung, dass der Betrachter sich und seine mögliche Erschütterung nicht versteckt.

Malerei hat meiner bescheidenen Meinung nach genau einen Sinn: den, den der oder die Malende darin sieht. Ob das Gewinnstreben, Selbsttherapie, politisches Statement, philosophische Suche, oder die schlichte Freude am Hantieren mit Farben ist, entscheidet die Künstlerin. Dementsprechend gibt es auch kein festgelegtes „Minimum an Respekterweisung“, oder jedenfalls nicht in meiner Welt. Ich war dieses Jahr mit ein paar Bildern an der Jahresausstellung „meines“ Ateliers beteiligt, und natürlich habe ich mich gefragt, wie die Besucher wohl meine Bilder finden, aber mir wäre nicht in den Sinn gekommen, zu verlangen, dass sie ihre eventuelle Erschütterung zeigen. Abgesehen davon, dass „Erschütterung“ auch durch ein Pokerface versteckt werden kann, ganz ohne Burka. Und was heißt „ungeschützt“ in diesem Kontext? Dass das Bild keine Burka trägt? Das wäre mal eine schicke Installation.

burka2(Der Beitrag enthält insgesamt viele, nunja, Wortaneinanderreihungen, die als Argument zu bezeichnen eine Beleidung für richtige Argumente wäre, aber ich übe mich in Selbstbeherrschung und sage nichts dazu. Das meiste hat ohnehin Muriel schonmal behandelt.)

Nur wer sich dauerhaft bei uns niederlässt, muss lernen, dass Frauen ihre Würde hierzulande anders wahren können, als indem sie sich einen Sack über den Kopf ziehen.

burka3Eine von beiden ist eine emanzipierte Frau. Die andere zieht an, was ihr Mann für gut befindet. Und jetzt denken wir alle nochmal über Klischees nach.

 

3. Türchen: Opferbereitschaft

Heute gibt´s einen Klassiker, die Mutter aller bekloppten Gerichtsentscheidungen: der BGH hat sich 1966 im Kontext eines Scheidungsverfahrens zum Wesen des „ehelichen Verkehrs“ geäußert.

Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, daß sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen läßt. Wenn es ihr infolge ihrer Veranlagung oder aus anderen Gründen, zu denen die Unwissenheit der Eheleute gehören kann, versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch eine Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen.

(BGH vom 2.11.1966, Rn. 16)

„Zuneigung und Opferbereitschaft“ sind ja erst mal lustig, als historisches Dokument ist dieses Urteil eher verstörend. Im Ausgangsfall hatte der Mann die Scheidung verlangt, die Frau dem jedoch widersprochen (sic. Man sollte meinen, es wäre umgekehrt). Da eine Ehescheidung damals noch als absolute Ausnahme galt, musste die „Zerrüttung“ der Partnerschaft nachgewiesen werden. Wenn jedoch ein Partner allein die Zerrüttung verursacht hat, etwa durch einen Seitensprung, konnte der andere der Scheidung widersprechen. Weder die Eheleute wider Willen noch die Gerichte wurden sich einig, wer zuerst zerrüttet hatte:

Im weiteren Berufungsverfahren hat der Kläger vorgetragen, die Zerrüttung der Ehe sei aus der Einstellung der Beklagten zum ehelichen Verkehr entstanden. Sie habe ihm erklärt, sie empfinde nichts beim Geschlechtsverkehr und sei imstande, dabei Zeitung zu lesen; er möge sich selber befriedigen. Der eheliche Verkehr sei eine reine Schweinerei. Sie gebe ihm lieber Geld fürs Bordell. Sie wolle auch nicht mit einem dicken Bauch herumlaufen; mit Kindern wüßte sie garnichts anzufangen. – In diesem Sinne habe die Beklagte sich auch Dritten gegenüber geäußert.

Die Beklagte habe sich beim ehelichen Verkehr entsprechend verhalten. Auf dieser Einstellung beruhe es, daß er sich mehr und mehr seiner Angestellten, der Zeugin Da., zugewandt und die Zeugin in seine Stuttgarter Wohnung aufgenommen habe.

Und auch der Subtext der Entscheidung ist hässlich: Wenn der Frau der Sex keinen Spaß macht, dann möge sie das gefälligst nicht zeigen, da dem Mann eine widerwillige Partnerin nicht zugemutet werden könne.

Zum Glück sind diese Zeiten größtenteils vorbei. Und ich meine damit nicht, dass ich hohe Scheidungsraten toll finde, sondern dass es die Möglichkeit gibt, sich scheiden zu lassen, ohne dass das oberste Zivilgericht der Bundesrepublik über Intimleben und -pflichten zweier Erwachsener zu befinden hat. Aus der Rechtsprechung ist das Thema als solches indes nicht verschwunden, wie diese Klickstrecke der LTO zeigt.

 

Advent, Advent…

… das Gesetzbuch brennt.

Lange hab ich hin- und herüberlegt, ob ich dieses Jahr wieder einen Adventskalender anbiete oder nicht, denn einerseits haben die letzten beiden sehr viel Spaß gemacht, andererseits ist mir jetzt noch ein bisschen peinlich, dass der letzte Adventskalender so holperig lief – und für dieses Jahr ist keineswegs weniger Stress zu erwarten als im letzten. Im Gegenteil, mein zweites Examen rückt bedrohlich näher (etwa wie die Welle in „Interstellar“), und darunter leidet erfahrungsgemäß die Kreativität. Wie man´s dreht und wendet: ich habe weder Zeit noch Energie, 24 Bilder hinzubekommen. (Das ist die Stelle, wo ihr enttäuscht „Oaaaarr“ sagen sollt.)

Es wird trotzdem einen Adventskalender geben. (Das ist die Stelle, wo ihr hoffentlich jubelt.) Weil ich sowieso extrem fokussiert auf rechtliche Themen bin, wird es ein Adventskalender mit juristischem Inhalt – ob kuriose Urteile, grundlegende Rechtsprinzipien, historische Anekdoten oder die lustigsten EuGH-Entscheidungen – ich bin zuversichtlich, dass mir genug Material über den Weg läuft und ich es auch verarbeiten kann und vielleicht auch die eine oder andere Illustration hinkriege. Außerdem nehme ich wie gehabt sehr gern eure Vorschläge entgegen: was immer euch einfällt, egal ob Thema, Stichwort oder Wollt-ich-schon-immer-mal-wissen und irgendwie lose mit Gesetzen zu tun hat – immer her damit. Jeder kann so viel einreichen, wie sie oder er lustig ist, entweder gleich hier in den Kommentaren, oder im Kontaktformular, oder an joanflowers@live.de, oder wo ihr mich sonst erreicht. (Los geht´s ab sofort, Annahmestopp ist der 16.12. um 24:00 Uhr.)

Interstellar

Wer vorhat, sich den Film noch anzuschauen, und das unbeschwert genießen möchte bzw. auf sowas Wert legt, der betrachte sich bitte als nachdrücklich vor massiven Spoilern gewarnt.

Worum geht´s? Der ehemalige NASA-Testpilot Cooper hat mit Anpassungsschwierigkeiten zu kämpfen. Er lebt mit Kindern und Schwiegervater auf einer Farm und baut Mais an, was ihn ersichtlich nicht auslastet – trotz der Herausforderungen, die die immer ungünstiger werdenden Bedingungen auf der Erde an den Ackerbau stellen. Staubstürme, Klimaveränderungen und Krankheiten haben zu einer radikalen Beschränkung allen menschlichen Strebens auf das zum Überleben notwendige geführt. Scheinbar übernatürliche Aktivitäten im Zimmer seiner Tochter Murph führen Cooper zu den Überresten der NASA, die an einem gigantischen Projekt arbeitet: der Umsiedlung der Menschheit auf einen noch unverbrauchten Planeten. Entgegen Murphys erbittertem Protest stellt sich Cooper als Pilot für die anstehende Mission zur Verfügung, die ihn durch ein Wurmloch in weit entfernte Regionen des Universums führt. Auf einem Wasserplaneten, der innerhalb der Gravitationszone eines Schwarzen Loches liegt, verliert die Mission nicht nur einen Mann, sondern aufgrund der extrem verlangsamten „Ortszeit“ über zwanzig Jahre. Der nächste Planet beherbergt eine Eiswüste und einen unerfreulichen Subplot, und schließlich sieht Cooper keine andere Wahl, als ins Schwarze Loch zu fliegen: die NASA braucht dringend Daten aus dessen Inneren, um die Große Vereinheitlichte Theorie zu finden, die Graviation beherrschen und die Menschheit halbwegs geordnet evakuieren zu können. Im Schwarzen Loch muss Cooper feststellen, dass dort für ihn etwas vorbereitet ist und er einen beschränkten Zugang zur Rückseite von Murphys Bücherregal hat – zu jeder beliebigen Zeit. Cooper kommt zu dem Schluss, dass die künftige Menschheit die Große Vereinheitlichte Theorie gemeistert hat und daher in der Lage ist, Gravitation und Zeit zu manipulieren – und ihn. Er selbst ist respektive war respektive ist der Verursacher der nur scheinbar übernatürlichen Aktivitäten im Zimmer seiner Tochter, aber er findet außerdem eine Möglichkeit, der inzwischen erwachsenen Murphy, die sich der NASA angeschlossen hat, die notwendigen Daten zukommen zu lassen.

Worum geht´s wirklich? Dass der Mensch zwar allein im Universum ist, sich aber dank Entdeckergeist, Beharrlichkeit und Intelligenz wacker schlägt. Dass die Liebe der Klebstoff des Kosmos ist (oder so). Außerdem darum, dass Umweltverschmutzung zwar doof ist, wir aber nicht damit aufzuhören brauchen, solange nur die NASA weiter finanziert wird. Und darum, was passiert, wenn ein Regisseur zu lange an einem Drehbuch schreibt und sich zwar wissenschaftlich beraten lässt, aber viele Möglichkeiten der Science-Fiction zugunsten von Fantasy-Elementen ignoriert. Spätestens im letzten Drittel kann sich der Film nicht mehr zwischen anspruchsvoller Wissenschaft, Weltraum-Fantasy und Surrealismus entscheiden, Christopher Nolan versucht sich sozusagen am Großen Vereinheitlichten Plot – und scheitert. Jedenfalls hatte ich wesentlich mehr erwartet und war am Ende reichlich enttäuscht.

Es bleiben etliche Fragen offen, vor allem, was die Aktionen der künftigen Menschheit betrifft: Wieso haben sie das Wurmloch beim Saturn platziert und nicht erdnäher, um die Reise dorthin zu erleichtern? Wieso sind sie darauf angewiesen, dass Cooper eine Mission annimmt, in deren Verlauf er erst selbst die Ursache dafür setzt, dass er an ihr teilnimmt, damit er dann über ein Bücherregal mit seiner Tochter kommunizieren kann, die das Rätsel schließlich knackt? Das erscheint kompliziert, fehleranfällig und reichlich umständlich. Warum schicken sie nicht einfach ein Signal mit den notwendigen Daten an die NASA? Auch der Rest ist nicht ganz rund: Müsste nicht auf dem Wasserplaneten eine solche Graviation herrschen, dass die Crew dort nicht aufrecht stehen kann, geschweige denn mit ihren begrenzten Treibstoffreserven wieder starten? Ist ein Planet so nahe an einem Schwarzen Loch überhaupt ein sinnvoller Kandidat, für den sich das Risiko der Erkundung lohnt? Immerhin ist er ziemlich harter Strahlung ausgesetzt und könnte zudem eines Tages verschluckt werden. Wieso kommt Cooper am Stück ins Innere des Schwarzen Loches – und sogar wieder heraus, und das auch noch (nach kosmischen Maßstäben) fast daheim?

Kann man sich das angucken? Rhetorische Frage, jetzt habe ich eh schon alles verspoilert. Aber wer Sitzfleisch hat und keine zu hohen Erwartungen an den Science-Fiction-Anteil: nichts wie hin. „Angucken“ ist hier das Stichwort, die Bilder sind großartig, sehen kaum animiert aus, und allein der Saturnvorbeiflug und die Reise durchs Wurmloch sind es wert. Außerdem gibt es lustige Roboter.

Ja bitte, ich höre.

Veronika von „Walk your Talk“ hat eine Blogparade übers Zuhören gestartet, und das ist so wunderbar kongruent mit etwas, was mir schon länger durch den Kopf geht, dass ich mich kurzentschlossen habe, da noch teilzunehmen (und weil ich gern mal wieder einen „normalen“ Text schreiben möchte, anstatt eines Gutachtens, oder Urteils, oder Beschlusses).

Vor einem Jahr verbrachte ich ziemlich viel Zeit damit, auf unbequemen Bürostühlen zu hocken, hektisch durch Abfahrtstafeln zu klicken und auf der Lautstärketaste des Telefons herumzuhämmern, während ich versuchte, die Idealposition für ein unergonomisches Headset zu finden. Hauptsächlich aber damit, Leuten zuzuhören. Ein wenig vermisse ich meinen alten Nebenjob im Callcenter – ach was, ein wenig. Überraschend heftig. Vermutlich, weil ich kaum je wieder Gelegenheit bekomme, so viel von fremden Leben mitzukriegen, jedenfalls nicht in dieser Bandbreite. Dabei war ein Großteil der Tätigkeit eher ärgerlich (Marktforschungsumfragen aus der Hölle) oder überfordernd (Tarifsysteme aus der Hölle). Trotzdem war ich jeden Tag aufs Neue davon fasziniert, wie viel man von einer Person erfahren kann, von der man lediglich die Stimme hört. Zunächst die simplen Sachen: alt oder jung, weiblich oder männlich. Wobei es auch „androgyne“ und alterslose Stimmen gibt – ein paar Kinder habe ich gesiezt, ein paar Erwachsene um ein Haar nach ihrer Mama gefragt, und ein paar mal habe ich in den allgemein statistischen Fragebogen-Abschnitten das Geschlecht geraten, weil mir Nachfragen zu peinlich gewesen wäre. Manche Leute hatten einen Akzent, wie der niederländische Professor, der seine 300m²-Wohnung zu bescheiden fand, oder der vermutlich arabischstämmige Jugendliche, der mich mit Hitler verglichen hat. Manche Leute hörten sich voluminös an, manche zart und zerbrechlich, und manche durchtrainiert. Es gibt Stimmen, bei denen man sofort jemanden vor sich sieht, der viel und gern lächelt, und solche, denen man schwere Krankheiten anhört, oder die schleppend und monoton sind. Bei manchen kommt ein bisschen Verzweiflung durch, wenn sie über ihren Familienstand reden („ledig“), bei manchen Selbstironie. Vieles war lustig – der Typ, der die Verkehrsbetriebe mit einem Escort-Service verwechselte, der, der mir sein Gehalt nicht sagen wollte mit der Begründung, ich würde ihn sonst bloß heiraten wollen, und die ältere Dame, die sich über ihr eigenes Unverständnis „über diesen modernen Kram“ am meisten amüsierte. Und manches traurig – die alte Frau, die schon lange allein lebt und deren Kinder und Enkel sie nie besuchen, oder die Anruferin, die versuchte, die Aboangelegenheiten einer todkranken Verwandten zu regeln. Und gelegentlich habe ich zu viel gehört, wie bei dem freundlichen Mann, der für eine völlig normale Frage („Schatz, wann genau wollten wir noch gleich fahren?“) von seiner Frau so ausdauernd und lautstark geruntergeputzt wurde, dass ich jedes Wort verstand und ihn am liebsten sofort nach Dienstschluss evakuiert hätte. Erstaunlich ist außerdem, wie viel Wut eine einzelne Stimme transportieren kann, ohne laut zu werden, und wie schwierig es ist, Leute ernst zu nehmen, die in Klischees sprechen. Wenn mir noch einmal jemand was „ganz unter uns Pastorentöchtern“ verrät… wenigstens konnte ich am Telefon hemmungslos Grimassen schneiden.

Manchmal hatte ich feierabends das Gefühl, eine Überdosis conditio humana abbekommen zu haben. Dann halfen im Wesentlichen zwei Dinge. Zum einen das Bewusstsein, dass meine Vorstellungen von den Anrufern nicht zwangsläufig der Realität entsprechen müssen, auf jeden Fall unvollständig sind und auf einer Menge Unterstellungen meinerseits beruhen. Vielleicht hatte die alte Frau wenigstens einen großartigen Freundeskreis. Vielleicht hat der unterdrückte Mann seine Frau inzwischen erschlagen verlassen. Vielleicht hat die junge Mutter, mit der ich so nett geplaudert habe, kurz vorher ihr kleines Kind so richtig übel angeschrieen. Vielleicht – wahrscheinlich – hatte derjenge, der so wütend über die Busverspätung war, eine Konfrontation mit einem unsympathischen Kollegen verloren. Und zum zweiten schlicht Abstand. Niemand hat irgendwas davon, wenn eine wildfremde Person sie bemitleidet, und am besten konnte ich den „armen Schluckern“ helfen, indem ich freundlich war und versuchte, meinen Job besonders gut zu machen.

Zudem war das, was ich zu hören bekam, extrem abhängig von meiner eigenen Tagesform. War ich müde und gereizt, oder deprimiert, lief so ziemlich gar nichts, und die Anrufer oder Angerufenen wurden ihrerseits schnell ungeduldig und pampig (selbst wenn ich denselben Text verwendete wie immer). War ich aber zu aufgekratzt oder wollte unbedingt die beste Bewertung des Monats haben, lief es auch nicht besser, weil ich dann dazu neigte, die Menschen am anderen Ende der Leitung zu überfahren. Wie man einen wachen, konzentrierten, aber entspannten Zustand erreicht, indem es am besten klappt mit dem Zuhören, dem Einhaken im richtigen Moment und der Gesprächskoordination, dafür habe ich auch kein Patentrezept, oder jedenfalls keines, das nicht auch einem chinesischen Glückskeks zu entnehmen wäre. Tendenziell funktionierte es besser, wenn ich mir zunächst selbst zuhörte, mir klar machte, dass manche Probleme einfach meine Probleme sind und nicht die von anderen Leuten – auch der ätzendste Anrufer kann nichts dafür, dass man selbst unausgeschlafen ist – und das ein „Danke, Sie haben mir sehr geholfen!“ der beste Grund ist, auch dem nächsten Anrufer wieder so freundlich wie möglich zu versichern: „Natürlich höre ich Ihnen zu, wie kann ich denn weiterhelfen?“

There Will Be Books

Der letzte Bücherbeitrag liegt schon… ewig bei mir rum. Ich wollte nämlich immer noch Fotos dazutun, aber wie ihr bald lesen werdet, wurde und wurde partout nichts draus.

Woche 51: Krimi/Thriller: lieber mit Blut und Gemetzel oder was, was tief in die Psyche geht?

An dieser Stelle oute ich mich als komplettes Weichei und sage: Weder noch. Geschriebenes Gemetzel langweilt mich schnell  (dafür kann ich dann bei gezeigtem Gemetzel nicht hingucken) und Psycho-Sachen sind auch schwierig – mich interessieren eher die kleinen, unspektakulären, verborgenen Abgründigkeiten, der neununddrölfzigste Serienkillerroman muss es deswegen nicht sein.

Woche 50: Bei welchem Buch würdest Du nie gestehen, es je gelesen zu haben? Eine natürlich rein theoretische Bücherrunde.

Niiiieeemals hab ich Twilight… ach nee, das hab ich ja schon gestanden. Und niemals, auf keinen Fall, hab ich die Autobiographie von Dieter Bohlen gelesen, bzw. als Hörbuch gehört. Jedenfalls den ersten Teil. Und auf gar keinen Fall mochte ich es. Dieter Bohlen doch nicht.

Woche 48: Meine Lese-Top-5 in 2013

2013 war ein verdammt gutes Bücherjahr, stelle ich gerade fest. An dieser Stelle daher ein dickes Dankeschön an alle, die dazu beigetragen haben.

1. Burkhard Pfister: Gilgamesch. Das Gilgamesch-Epos als Graphic Novel. Der Stil ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig, oder war es jedenfalls für mich, da er sehr plastisch ist und auf den ersten Blick trotzdem etwas ungelenk wirkt. Auf den zweiten Blick schämte ich mich dann ein bisschen für diese Einschätzung.

2. Jan Caeyers: Beethoven. Von Musik habe ich keine Ahnung, mag sie aber trotzdem sehr. Von Beethoven kannte ich lange Zeit nur das hier, (Edit: hauptsächlich, weil dieser überhaupt großartige Tatort damit beginnt) aber als ich eine BBC-Doku über ihn gesehen habe (von der der erste Teil bedauerlicherweise gesperrt ist, man kann aber auch gut mit dem zweiten einsteigen), war es jedenfalls temporär um mich geschehen. Caeyers, selbst Dirigent, schreibt zwar eher vom Fachmann für Kenner als für interessierte Laien, wie ich es bin, tut das aber so schwungvoll und kenntnisreich, dass es sich trotzdem lohnt, auch mal was nachzuschlagen.

3. Neil Gaiman: American Gods. Es ist lang und mäandernd, eher ein Tableau für Gaimans Phantasie als eine zielstrebig irgendwo hinlaufende Geschichte, aber da Gaiman vor Einfällen nur so sprudelt, macht das gar nichts. Außerdem kann man beim Lesen lustiges Götter-Raten spielen, und ein bisschen Krimi ist auch dabei.

4. Maxim Biller: Im Kopf von Bruno Schulz. Mit Bruno Schulz habe ich mich ja schon befasst, und obwohl ich Biller als Schriftsteller bislang nicht sonderliche mochte, ist ihm hier ein kleines Glanzstück gelungen, das (soweit ich das beurteilen kann) ziemlich gut zu der merkwürdigen, surrealen Welt passt, in der Bruno Schulz lebte.

5. Stephenie Meyer: Seelen. Eventuell wäre das auch etwas für Woche 50 gewesen, und ein richtig gutes Buch ist es auch nicht (jedenfalls nicht im Vergleich zu den anderen), trotzdem hat es sich einen Platz in der Top 5 verdient. Von diesem Buch war ich nämlich mit Abstand am überraschtesten, und das im positiven Sinne. Obwohl die „Seelen“, die bodysnatchermäßig die Menschheit übernommen haben, geradezu anstrengend edel, hilfreich und gut sind oder sich jedenfalls selbst so sehen, und Wanda, die Hauptfigur, ganz besonders edel, hilfreich und gut ist, fand ich die Idee mit der Dreiecksgeschichte in zwei Körpern ziemlich gelungen. Jedenfalls wesentlich weniger ätzend als Twilight, und ich hatte nur selten das Bedürfnis, die Protagonistin zu hauen.

Woche 46: Ah, verdammt!

…hat sich vermutlich Frank Schätzing gesagt, nachdem er „Limit“ fertig hatte. „Verdammt, was bin ich für ein toller Hecht! Und was für ein guter Rechercheur! Und weil ich so verdammt gut recherchiert habe, muss jedes Fitzelchen davon ins Buch, egal, ob es in die Handlung passt oder nicht.“ Das wäre aber auch schon mein einziger Kritikpunkt am Buch. Es braucht eine Weile, bis es in Fahrt kommt (hauptsächlich wegen besagter ausufernder Rechercheergebnisdarstellungsneurose), aber dann ist die Geschichte um eine Reisegruppe auf dem Mond, finstere Konzernmachenschaften und einen abziehbildmäßig rauhbeinigen Detektiv sehr spannend.

Woche 45: Aufstieg und Fall

Das ist sogar ein Vorschlag von mir, ich habe nur leider keine Ahnung mehr, an was ich beim Einreichen dachte… also nehme ich das letzte Buch, bei dem die Erwartungskurve stark anstieg und dann fürchterlich tief abfiel: Royce Buckingham, Die Karte der Welt. Den Klappentext fand ich ganz spannend, denn in dem Buch sollte es um einen Jungen mit überragenden zeichnerischen Fähigkeiten gehen, der, wenn er mit Blut auf eine Karte zeichnet, die Welt verändern kann.  Leider hat der Autor nicht nur kaum was draus gemacht, sondern die Geschichte auch sonst komplett versemmelt: die Figuren sind blass und langweilig, die Handlung rumpelt vor sich hin, der fiese Gegner hat das dämlichste Motiv aller Zeiten, und die sonstigen Ideen sind auch alle nicht besonders. Das große Mysterium des Buches, der sogenannte Schleier, der einen Teil des Landes verdeckt, ist am Ende auch nicht weiter bemerkenswert, außer vielleicht als Logik-Fail: der Schleier weicht zurück, wenn der Richtige sein Blut als Tusche nimmt, um die von ihm verdeckten Gebiete auf die Karte einzuzeichnen. Woher der zeichnende Junge aber weiß, wie die Gebiete dahinter aussehen (denn sie sind ja vom Schleier verdeckt), wird nicht weiter erklärt, er weiß es einfach. Argh. Nie wieder kaufe ich hektisch zwischen zwei Zügen ein Buch am Bahnhof. Vier Stunden lang die Fensterdichtung anstarren wäre spannender gewesen.

Woche 38: Das Buch, in dem die meisten Babys vorkommen.

Zählen Putten als Babys? Wenn ja, was ich hiermit beschließe, dann ist es „Barock. Architektur, Skulptur, Malerei“, von Rolf Tomann. Ein sehr schöner Bildband mit (etwas knappen) Erläuterungen.

Woche 35: Mein ältestes Buch.

Oh, da werden Erinnerungen wach. Einst, vor langer Zeit, musste ich eine Bachelorarbeit im Fach Westslawistik schreiben und hatte keine Ahnung, worüber. Ich tat also das, was man als ideenloser Akademiker so tut, sah meine alten Hausarbeiten durch und reflektierte die Vorlieben der Profs, und bastelte ein Thema über einen schon lange toten tschechischen Dichter zusammen, genauer: über Karel Havlícek Borovskýs „Die Taufe des Heiligen Vladimir“. Der genaue Wortlaut des Themas ist mir entfallen inzwischen peinlich, das Buch habe ich mit Vergnügen gelesen: Zar Vladimir will sich taufen lassen, und der slawische Wettergott Perun soll für den Festdonner sorgen. Perun aber ist ein alter, nörgeliger Mann, der mit seinen üblichen Aufgaben schon völlig überlastet ist, und weigert sich. Vladimir lässt ihn daraufhin ins Gefängnis werfen und  hinrichten. In Reimform verfasst (die in der deutschen Übersetzung mal mehr, mal weniger behutsam übernommen wurde), hat Havlicek hier eine nur spärlich bemäntelte Satire auf die k.u.k. Bürokratie und ihren Klerus geschrieben. Weil mein Tschechisch so gut nun auch wieder nicht war, habe ich mir eine deutsche Übersetzung besorgt, die schätzungsweise um 1900 herum erschienen sein muss (jedenfalls findet sich im Nachwort der Vermerk „Seit wenigen Jahren“, bezogen auf das Jahr 1897.) Das liebevoll illustrierte Buch gibt es nur noch antiquarisch.

Woche 29: Lesezeichen.

Benutze ich eigentlich nie, höchstens mal einen Zettel oder was mir sonst in die Finger gerät, um die aktuelle Stelle im Buch zu markieren. Gelegentlich bekomme ich sehr schicke geschenkt, meistens von Eltern oder Schwiegereltern, aber da ich die unangenehme Angewohnheit habe, Lesezeichen von ausgelesenen Büchern irgendwo liegen zu lassen, kann ich euch gerade kein Foto zeigen, ich finde sie nämlich nicht.