Mädchenwissenschaften

Normalerweise neige ich nicht zu Identitätsverleugnung, aber im Interesse einer reibungslosen Kommunikation am Arbeitsplatz erfreute sich mein mühsam vergessenes Hochdeutsch in letzter Zeit einer neuen Belebung. Mühsam vergessen deshalb, weil in den dunklen Jahren meiner Gymnasialzeit sich nette Mitschüler mit ausgeprägtem Lokaldialekt gern und ausgiebig über meinen Mangel an selbigem lustig machten. Das hatte ich von meiner guten Erziehung, und da ich nicht schon in so jungen Jahren aus Sprachgründen zur Autistin ohne Kontakt mit der Außenwelt werden wollte, lernte ich innerhalb weniger Monate, wie man seinen Kiefer solange entspannt, bis die Worte eefach aus dr Gusche nausgullern. Von da an sprach ich Sächsisch, zumindest in der Schule, später auch daheim. Es vergingen lange, ereignisreiche Jahre, und mein Weg führte weg von intoleranten Mitschülern in ganz andere Gefilde, aber das Sächsisch blieb mir treu und ich ihm.

In den ersten Tagen in München staunte ich über den hohen Ausländeranteil in der Stadt, aber irgend etwas an manchen dieser Ausländer, die sich in der U-Bahn so angeregt unterhielten, war merkwürdig. Normalerweise kann ich auch eine unbekannte Fremdsprache, wenn ich sie eine Zeitlang höre, näherungsweise bestimmen, aber bei einigen funktionierte das einfach nicht. Bis mir auffiel, dass ich die Worte, derer sie sich bedienten, schon längst kannte und sie nur auf unbegreiflich brutale Weise verdreht, verbogen und entstellt waren. Es war keineswegs eine abwegige Spielart des Anatolischen, sondern schlichtes Bayrisch. Eigentlich hätte ich diese Sprache dank einer bayrischen Mitschülerin bereits kennen müssen, aber um es mit Abahachi zu sagen: „Die hom a ganz a fiesen Dialekt.“

Umgekehrt schien es ähnliche Probleme zu geben: mein Vermieter verstand mich nicht. Egal, was ich mit ihm bereden wollte, ich mußte es mindestens zweimal versuchen, und da ich seine Auffassungsgabe an dieser Stelle nicht in Zweifel ziehen möchte, bleibt nur noch das klassischste aller Kommunikationsprobleme: wir sprachen einfach nicht dieselbe Sprache. Sein bayerntrainiertes Ohr vermochte mit meinem kieferlockeren, wenn auch schon im Schwinden begriffenen Sächsisch wenig anzufangen, und auch wenn ich ihn umgekehrt problemlos verstand oder zu verstehen glaubte, ging er schließlich zum Zettelschreiben über, wenn ihm etwas nicht paßte, was schon vorkam, wenn ich meine Handtücher achtlos über diverse Stühle warf. Deren Lackierung litt dann angeblich, aber objektiv kaum wahrnehmbar unter dem Einfluß der Feuchtigkeit. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nachdem sich auf Arbeit schnell herausgestellt hatte, dass ich die einzige Zuag´roste war, verkroch mein Sächsisch sich in die Ecke. Immerhin klangen mir noch die Warnungen eines Freundes im Ohr, dass die Bayern auf Fremdsprachen, insbesondere auf die Ostdeutschlands, gern mit Hohn, Spott und Unverständnis reagierten, außerdem wollte ich unbedingt seriös wirken. Das klappe auch ganz gut. Bis jene deprimierende Woche anbrach, in der sich alle soweit beschnuppert und für nett befunden hatten, dass man sich auch mal über Persönlicheres, beispielsweise die Herkunft, unterhalten konnte. „Was, du kommst aus Sachsen?“ in einem Tonfall, der unterschwellig zu besagen schien „Was, du hast auch dieses unschöne chronische Nierenleiden?“. Um den Eindruck etwas zu mildern, wurde meist ein Lob hinterher geschickt: „Das merkt man dir aber nicht an!“, übersetze: „Wie tapfer du doch dein Schicksal erträgst!“. Nachdem sich das zwei-, dreimal wiederholt hatte, hatte ich der Identitätskrise nur noch wenig entgegensetzen und beschloß, wenn ich schon nicht in Würde das Sachsentum vertreten konnte, dann wenigstens damit zur allgemeinen Erheiterung beizutragen. Wenn auch in manchen Fällen unabsichtlich: Gefragt nach meinem Studienwunsch, erwiderte ich „Medienwissenschaften“, oder dachte es jedenfalls; was in meinem Kopf allerdings noch „Medienwissenschaften“ waren, wurde irgendwo unterwegs zum Mund „Mejdschnwissenschaften“, und die obligatorisch-alberne Rückfrage blieb auch nicht aus: „Mädchenwissenschaften?!“ Beim ersten Mal dachte ich noch an eine kuriose Unterart von Gender Studies, bis mir klar wurde, dass es sich tatsächlich um einen kulturübergreifenden Kalauer handelte.

Nun wird diese innerdeutsche Fremdsprachenproblematik ausgiebig breitgetreten und noch ausgiebiger belächelt, ihre Existenz lässt sich (im Gegensatz zu Schwarzgeldkonten, der Unterschichtendebatte und dem Aufschwung) einfach nicht leugnen. Das fängt bei den Fahrplänen an: „Montag bis Freitag“ wird in Münchner S- und U-Bahnhöfen als „Montag mit Freitag“ ausgewiesen, was den sehr spitzfindigen Betrachter zu dem Schluss kommen lässt, Dienstag bis Donnerstag sähe es mit öffentlichen Nahverkehrsmitteln trübe aus. Am Hauptbahnhof weigerte sich das Personal vehement, mir eine Brezel zu verkaufen, bis ich mich aus Hunger so weit erniedrigte, a Brez´n zu bestellen, und „eine Tasse heiße Schokolade, bitte“ wird freundlich, aber bestimmt, zu „ein Haferl Schokolade“ korrigiert. Beim Telefonieren sind die Gesprächspartner unerklärlicherweise freundlicher, wenn man „Grüß Gott“ statt „Guten Tag“ sagt, vielleicht weil sie dann meinen, sie hätten es mit einer der Ihren zu tun, was die Aufgeschlossenheit schlagartig erhöht.

Aber um die Kluft zwischen denen, die reden, und denen, die hören und trotzdem kein Wort verstehen, nicht unnötig zu vertiefen, kann man auch die zahlreichen Gemeinsamkeiten anführen. Beispielsweise die sowohl dem Bayrischen als auch dem Sächsischen als auch dem Hochdeutschen innewohnende gemeinsame Syntax, die ein grundlegendes Verstehen immerhin theoretisch ermöglicht. So kann man sich die Hoffnung auf bessere Zeiten bewahren, in denen sich ein Sachse in München wie ein Deutscher in Deutschland und nicht wie ein Peruaner in Tadschikistan vorkommen muss.

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