Nachspiel trotz vorbildlicher Selbstzensur

Für gelungenen Bürotratsch braucht man dreierlei: a) eine Person mit diskutablen Persönlichkeitsmerkmalen, b) eine Person, der diese diskutablen Persönlichkeitsmerkmale auffallen und die ihre Beobachtungen mit anderen teilt sowie c) eine beliebige Anzahl von Leuten, die die Kommunikationskette am Laufen halten. So nüchtern beschriebene Vorgänge sind jedoch gut dazu geeignet, Leuten den letzten Nerv zu rauben, wenn sie sich in Kategorie a) wiederfinden.

Dabei fängt immer alles so harmlos an – an einem sonnigen Tag, auf einem großen Spielplatz, mit einer spannenden Aufgabe und einem anspruchvollen [Veranstalter]. Wie unten beschrieben, versetzte unsere Arbeit diesen (besonders eine Vertreterin, nennen wir sie Mary) in nur wasserglastaugliche Begeisterungsstürme, aber eigentlich hielt ich die Sache im Großen und Ganzen am Ende des Tages für erledigt. Offensichtlich aber war Mary ob unserer und speziell meiner Inkompetenz so verärgert, dass sie sich bei nächstbietender Gelegenheit bei unserer Prokuristin, nennen wir sie Daisy, beschwerte. Daisy hinterbrachte dies sofort der Chefin, allerdings erfuhr ich von den Beschwerden erst durch einen der Kameramänner. Damit ist dem Irrsinn aber noch nicht Genüge getan. Mary nämlich war vonseiten [Veranstalters]  nicht über das Wesen von afk-Praktikanten (lernwillig, aber unerfahren) in Kenntnis gesetzt worden, und verbunden mit einer von ihrer Seite etwas eigenartigen Auffassung von Kooperation kam sie an besagtem Tag zu dem Schluss, ich sei mürrisch, pampig und unbelehrbar. Dass sie, obwohl sie ihre Ratschläge samt und sonders mit einem „Das mußt du wissen, ist nicht mein Geschäftsbereich, ich dachte nur vielleicht und wollte auch nur mal sagen…“ krönte, sofortige begeisterte Zustimmung und ein Einsichtsschreiben in dreifacher Ausfertigung erwartete, war mir nicht aufgefallen, ich beschränkte mich auf höfliche, aber reservierte Zustimmung. Reserviert deswegen, weil ihr so subtile Zusammenhänge wie der zwischen Konzertlautstärke und Tonqualität der Interviews nur schwer zu erklären waren, ebensowenig wie der Zusammenhang zwischen nicht vorhandenen begeisterten Besuchern und folglich nicht vorhandenen Bildsequenzen ebensolcher.

Nun erwartete Mary, die an der Veranstaltung des Großevents irgendwie maßgeblich beteiligt war, nicht nur begeisterte Zustimmung, sondern offensichtlich auch generelles Lob, ein „toll-super-geil“ hätte also mindestens drin sein sollen. Da mir weder Aufblasbarkeiten, Hinterherwerfbarkeiten noch 30 000 Menschen auf einem Platz Begeisterungsstürme abnötigen, fiel „toll-super-geil“ aus. Wer mich kennt, weiß außerdem, dass ich das Dauerlächeln lieber anderen überlasse und selbst im entspannten Normalzustand einen eher skeptischen Eindruck erwecke. All dies mißfiel Mary aufs Gründlichste. Da sie sich mit Daisy, der erwähnten Prokuristin, gut versteht, schüttete sie Daisy ihr Herz aus. Daisy verstand all dies nur zu gut, da sie offensichtlich ähnlich von mir dachte. Nun mag es sein, dass ich ihr irgendwann einmal unbewusst dazu Anlaß gegeben habe, Fakt ist: wenn eine Pastellfarben tragende Blondine mehrfach auf Grußbemühungen meinerseits mit eisigen, insektenvernichtungsmittelartigen Blicken reagiert, während sie sich ihr magermilchjoghurtobsthaltiges Mittagessen zurechtschnippelt, stelle ich die Grußbemühungen irgendwann ein. Das dann als Unhöflichkeit aufzufassen erscheint zumindest als etwas einseitig.

Allerdings ist es eher unwahrscheinlich, dass zwei so schöne, intelligente und vielbeschäftigte Frauen ihren Tag einfach aus Gründen der Tratschsucht damit verbringen, über Leute zu lästern, die man an und für sich auch ignorieren kann. Daisy sollte aber bei dem Telefonat eigentlich für eine etwas großzügigere Honorierung unserer Arbeit sorgen. [Veranstalter] bezahlt für sechs solcher Imagefilmchen, wie wir sie machen, insgesamt gerade so viel, wie auf dem freien Markt bei günstigen Konditionen ein halber kosten würde. Ergo war der Kanal der Meinung, ein klein wenig mehr Geld für den Aufwand könnte schon drin sein. Eine gute Methode, um den Geschäftspartner dazu zu bringen, seine Preisvorstellungen noch einmal zu überdenken, ist es natürlich, dessen Leistung grundsätzlich in Frage zu stellen, was nicht nur anhand meiner bescheidenen Person geschah, auch die Kameramänner wurden von Mary zu unfähigen Hilfsarbeitern degradiert.

Zum Glück zeigte dann die Chefin mehr Verständnis für meine Sichtweise als für die der Gegenseite. Außerdem war Mary wohl der Meinung, wenn ich einen vierwöchigen Kurs in Gutem Benehmen und Professioneller Heuchelei durchlaufen würde, wäre sie eventuell bereit, noch mal mit mir zusammenzuarbeiten. Getreu dem Motto „Wer vom Pferd fällt, soll gleich wieder rauf“ erwog die Chefin, mich zum nächsten anstehenden Dreh für [Veranstalter] gleich wieder hinzuschicken. Die Notwendigkeit, mir eine plausible Ausrede (Kreuzfahrt an die Lofoten, Geburtstag der Erbtante in Ohio, Einladung zum Jahrestreffen des Bundesschriftstellerverbandes) auszudenken, entfiel allerdings dadurch, dass dieser Drehtag in meine Urlaubszeit fiel. So kann ich in Ruhe ein paar sonnige Tage verbringen, in angenehmer, selbst gewählter Gesellschaft und mit einer angenehmen Tätigkeit, zum Beispiel Kolumnen schreiben, die ein klein wenig Rufmord betreiben.

 

 

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