Und das ist auch gut so

Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn man seinen ersten Beitrag geplant hat und endlich daran gehen kann, ihn in die Tat umzusetzen. Dachte ich jedenfalls. Hinter dem Schreibtisch und auf dem Konzeptpapier nahm sich alles noch ganz harmlos aus: ein netter, kleiner Zweieinhalbminüter zum „Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum“ in München (kurz SUB, aber der Zusammenhang zwischen Titel und Abkürzung ist im Laufe des zwanzigjährigen Bestehens in Vergessenheit geraten) sollte es werden, interessant, aber ohne sonderlichen Tiefgang oder investigativjournalistische Mätzchen. Mit nur unverhältnismäßig kleinem Rechercheaufwand hatte ich Interview-Termine mit drei Mitarbeitern vereinbart und alle freuten sich darauf, ins Fernsehen zu kommen, wir waren vom Wetter unabhängig und die richtigen Bilder… nun, die würden sich schon einstellen, ich hatte ja meinen Kameramann.

Abgesehen davon, dass am Vortag des Drehs einer der drei zu Interviewenden aus der Beratungsstelle absagte, gab es also keinerlei Schwierigkeiten, und diese wurde dadurch ausgeräumt, dass der Absagende einen Ersatz auftrieb, der den atemberaubenden Titel „Leiter der Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen“ trug.

Allerdings blieb es nicht bei mir und dem Kameramann. Ein „Making-of-Team“, bestehend aus zwei weiteren Praktikanten, wollte uns gern begleiten. Ich hatte nichts dagegen, aber das beruhte auf bloßer Unterschätzung der Aufgabe und Funktion eines Making ofs, in dem man sich nicht freut, wenn etwas funktioniert, sondern vor allem nach Produktionspannen lechzt. Schon direkt nach der U-Bahn, auf eine kurze Desorientierung meinerseits hin, kamen Fragen á la „Ihr habt euch verlaufen, stimmt´s? Wie fühlt man sich da?“

Bald bekam das Team allerdings wirklich etwas geboten: als wir zur vereinbarten Zeit beim SUB ankamen, war die Tür zu und kein Mensch drin. Als sich dann doch einer zeigte, war es meine Aufgabe, würdelos um Einlas zu klopfen, was an sich bestimmt schon doof aussah und angesichts der Tatsache, dass da ein junges Mädchen in einen Schwulenclub Einlaß begehrte, sicher noch viel dööfer. Was mangels Geistesgegenwart des Kameramannes zum Glück nicht dabei sein wird, ist mein verdutzter Gesichtsausdruck, als wir drinnen waren, weil keiner der Anwesenden etwas mit uns oder dem Fernsehsender anfangen konnte, obwohl ich uns mehrfach vorstellte (wie sich später zeigte, hatte ich den Namen des Chefs verwechselt, sodass unsere Glaubwürdigkeit tatsächlich sehr fragwürdig schien.)

Um die Situation zu überspielen, drehten wir erst mal den „Aufsager“, das, wo jemand vor einem bildgewaltigen Hintergrund Wortgewaltiges in die Kamera spricht („Ich stehe hier vor Münchens ältestem Freizeit- und Selbsthilfezentrum für Schwule, das Wetter ist phantastisch, die Stimmung ebenso etc“).

Das Making-of-Team suchte weiter beharrlich nach Problemen, aber als dann doch die vereinbarten Interviewpartner auftauchten, sah es eine Weile für sie finster aus. Die Interviews an sich waren keine Interviews als solche, sondern kurze O-Töne („Unser Programm richtet sich nicht nur an Schwule, sondern auch an heterosexuelle Münchner und Nachbarn…“), wie man es von diesen wunderbaren „Viertel-vor-Zehn-auf-ARD-Formaten“ kennt. (Nur sagen da wirklich wichtige Leute wirklich weltbewegende Dinge, für uns war schon die Tatsache, dass sich das Programm des SUB auch an Heterosexuelle richtet, ein Knüller.) Dreißig Sekunden sind im übrigen elendiglich kurz, wenn man sie mit Text füllen soll; ich versuchte rabiat bis hart an der Grenze zur Unhöflichkeit die Leute zum Sich-kurz-fassen zu bewegen, was aber nur teilweise den gewünschten Erfolg brachte.

Irgendwann zwischendrin war noch der Schnupperpraktikant aufgetaucht, der uns unbedingt zugucken wollte, und da wir nach den Interviews mangels Gästen im SUB eine ziemliche Leerzeit hatten, waren es jetzt drei Leute, die zweien, die unbeschäftigt rumsaßen, dabei zuschauten und noch unbeschäftigter rumsaßen. Aber das Making-of-Team wäre nicht das Making-of-Team gewesen, wenn es nicht die Zeit für Fragen nach unserem Gemütszustand genutzt hätte. Eine von denen an mich in meiner Eigenschaft als Redakteurin und Mensch erheiterte mich besonders: „Da werden jetzt nur noch Männer da sein. Ist dir nicht ein bißchen mulmig dabei, so alleine als Frau?“

Die dann allmählich eintrudelnden Gäste ließen sich von uns zum Glück nicht allzusehr stören, kritisch wurde es nur, als wir die Spielegruppe filmen wollten. Ein Schelm, wer Übles dabei denkt – es handelte sich wirklich nur um Schach, Siedler von Catan und ähnliche Harmlosigkeiten. Leider fanden die Spielenden die Kamera nicht so harmlos, also mußten wir einen Teil der Aufnahmen überspielen und davor noch mal alle fragen. „Da ist was schiefgegangen, wie fühlt ihr euch jetzt?“, wollte das Making-of-Team prompt wissen.

Zwei der Gäste erklärten sich dann aber sogar bereit, kurze O-Töne a la „Wieso komme ich ins SUB“ zu geben, und mit denen haben wir uns dann ziemlich verquatscht, weil sie Erstaunliches über Schwule in München allgemein und speziell zu erzählen wußten. Das Making-of-Team verkrümelte sich im Laufe dieses Gesprächs, da auch unsere Statements auf die immer neuen Variationen der Frage „Wie fühlst du dich gerade?“ immer phantasieloser und einsilbiger wurden. So wurde es recht schnell nach Neun, die Drehzeit war vorbei und wir trudelten müde in den Kanal zurück, um die Technik abzustellen.

Der Schock kam am nächsten Tag beim Sichten: es gab kein einziges ruhiges Bild, wirklich ALLES, was wir aufgenommen hatten, waren Schwenks, bis auf die Interviews. Schwenks sind prinzipiell eine schöne Sache, wenn man sie gerade macht; unseren Sehgewohnheiten entsprechen sie aber nur bedingt. (Kein Mensch dreht wie ein Wilder den Kopf hin und her, wenn er einen fremden Raum sieht.) Mein Kameramann wurde deswegen zu Übungsstunden im Hof verdonnert. Meine Arbeit als Redakteurin belief sich dann darauf, beim Schnitt zuzugucken, wie aus Schnipseln ein Kurzbeitrag wurde, der mehr oder weniger viel mit dem Konzept zu tun hatte, mir Off-Texte auszudenken und es dem Kameramann und jetzt Techniker zu überlassen, das Ganze in eine passable Endform zu bringen, was mich als Perfektionistin und Bastelfan doch etwas gemopst hat.

Die gestrenge Chefin war bei der ersten Abnahme entsetzt ob der ersten, schwenkvollen Version des Beitrages, zumal das meiste wirklich blöd aussah, vor allem an den Stellen, an denen wir Schwenks in unterschiedliche Richtungen aneinander geschnitten hatten. Irgendwie hat es der Techniker und Kameramann meines Vertrauens aber noch geschafft, den Beitrag einigermaßen zu retten, während ich mit der Chefin noch über die Off-Texte und so weltbewegende Sachen wie „einfach ein Bier trinken“ versus „sich auf ein Bier treffen“ ausdiskutierte. Sei´s drum, das sind die Freuden des Fernsehmachens: Wochen der Planung, Stunden des Drehens und Tage des Schnitts wofür? Zweieinhalb Minuten Schwule in München. Da kann man sich nur noch sagen: Und das ist auch gut so.

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