Vorbildliche Selbstzensur

Wenig auf der Welt ist schöner als ein sonniger Tag, den man unbeschwert im Freien genießen kann. Sagen wir, auf einem großen Spielplatz mit allerhand Attraktiönchen. Wenn man nicht gerade ein absoluter Einzelgänger ist, ist es noch schöner, wenn andere diesen Tag mit einem genießen, sagen wir: 30 000. Und am schönsten ist es, wenn man nicht nur faul in der Sonne brät, sondern auch eine Aufgabe hat. Sagen wir, einen Image-Film über die Freiluft-Großveranstaltung zu drehen, die zu besuchen man die Ehre hat.

Aus Gründen der nackten Angst vor etwaigen rechtlichen Schritten seitens gekränkter Arbeitgeber und Gesellschafter möchte ich nur soviel sagen: Es fand in Bayern statt, und der Name des Veranstalters wird nicht erwähnt. [Veranstalter] hatte sich nämlich vorab große Mühe gegeben, uns die Wichtigkeit seines Images klarzumachen. Alles sollte toll, super und „Feeling“ („Gefühltheit“) sein, und im „Briefing“ („Kurzheit“) wurden wir ausdrücklich darauf hingewiesen, dass „Feeling“ ganz weit oben stand, dicht gefolgt von „Branding“ („Brandmarken“) und „Tools“ („Handwerkszeuge“). Des weiteren wurde viel Wert gelegt auf die „Inflatables“ („Aufblasbarkeiten“), „Give Aways“ („Hinterherwerfbarkeiten“) und natürlich „Promotion“ („Promotion“). Auch das [Veranstalter]-Logo sollte, wenn irgend machbar, in jedem Bild vorkommen, mehrfach und am besten in den Augen der Kinder gespiegelt, wie das Dollar-Zeichen in denen Dagobert Ducks. In diesem Zusammenhang könnte ich mir also vorstellen, dass es [Veranstalter] sehr mißfallen würde, wenn man seinen Namen mit Unerfreulichem, wenn nicht gar Kritischem in Verbindung brächte, auch wenn ich damit die Bekanntheit dieser Seiten maßlos überschätze. Aber man kann ja nie wissen.

Das inflationär häufige Auftauchen des [Veranstalter]-Logos war zum Glück weniger mein Problem als das der Kameramänner, ich war mal wieder nur Redakteurswauwau. Wozu [Veranstalter] unbedingt einen Redakteur im Team haben wollte, bleibt unklar; vielleicht wegen des Unterhaltungswertes, da jedes Team einen hauptamtlichen Deppen braucht und die Kameraleute durch die schweren Geräte dann doch etwas beeinträchtigt sind. Ob Rumhüpfen, eine Cheerleader-Kür mit dem Mikro wedeln, verschreckten Kindern ulkige Fragen stellen oder sich eine Pappnase aufkleben, damit die Interviewgäste bei Laune gehalten werden – es gibt nichts, wofür man sich zu schade sein sollte. Sich aus Protest gegen derlei Unwürdigkeiten mit einem XLR-Kabel ans Stativ binden brachte auch nicht die erwünschte Wirkung; offenbar werden solche subtilen Zeichen ohne radioaktives Material oder zu fällende Baumriesen in der Nähe einfach nicht verstanden.

Dabei kann es einen wirklich zur Verzweiflung treiben, wenn Leute, die einfach mit glücklichem Grinsen in die Kamera sagen sollen „[Veranstalter] ist mein absoluter Lieblings-[Dings] wegen der guten [Tralala]“, permanent kritische Sachen äußern wie „Ist mir eigentlich zu kommerziell, und die [Tralala] ist auch nicht mehr so gut.“ Sich heimlich ins Bierzelt schleichen und LSD in die Getränke zu rühren wäre aber zu unsportlich gewesen, also mußten wir, den Gesetzen der Statistik folgend, so viele Leute wie möglich fragen, damit wenigstens ein paar richtig Begeisterte dabei waren. Dabei kann schon die taktische Wahl des Platzes über Gedeih und Verderb entscheiden: postiert man sich in der Nähe des Ausganges, erwischt man entweder frisch Hinzukommende oder sich enttäuscht von dannen Stehlende. Am Kinderland, wo sich die Kleinen das [Veranstalter]-Logo entweder auf Luftballons gedruckt mitnehmen oder gleich auf die eigene Haut tätowieren lassen konnten (mich würde interessieren, ob die Tattoos wasserfest waren oder nicht; vielleicht erlebte so manche auf Reinlichkeit bedachte Mutter später am Tag noch eine Überraschung), jedenfalls, dort traf man hauptsächlich Eltern, die gerade ein wenig entspannten, weil der Nachwuchs sich anderweitig und unter Aufsicht austobte. Die waren zwar freundlich, aber nur mäßig enthusiastisch; und ein gedehntes „Wir sind eigentlich nur wegen der Kinder hier“ unterstreicht zwar die Familientauglichkeit von [Veranstalter], aber nicht unbedingt dessen kommerzielle Reize. In der Mitte des Platzes fanden sich noch diverse Plätze, an denen Leute rumstehen konnten, aber da war es schon zu laut, da kein anständiges Volksfest ohne Musik auskommt, sich eine Kurzbefragung aber schwer führen lässt, wenn man weder sich selbst noch sein Opfer reden hören kann und auch die Einwände des Kameramannes bestenfalls erahnbar sind.

So kämpften wir uns den lieben langen Tag damit ab, die Aufgabenliste aus dem „Briefing“ abzuarbeiten, und am besten dran war vermutlich noch der Kollege, der auf eine kurze Überlandfahrt mitgenommen wurde, um eindrucksvolle Umgebungsbilder zu drehen. Leider sollte er eigentlich eindrucksvolle Bilder eines anderen Teils der Veranstaltung drehen, auf denen man sah, wie die Massen dem Aufruf von [Veranstalter] gefolgt waren, aber am Vormittag, als Massen da waren, war er anderswo, und als die Fahrt zu Ende war, waren die Massen weg. Die kritischen Menschen von [Veranstalter], die gelegentlich auftauchten, ihre Wünsche bezüglich des zu drehenden Materials präzisierten und wieder im Gewühl verschwanden, äußerten ihre mangelnde Begeisterung darob sehr schmallippig, wobei angemerkt sei, dass es auch professionelle Einrichtungen gibt, bei denen man Image-Filme in Auftrag geben kann und dann auch durchgestylte Profi-Filmchen bekommt, die von einem durchgestylten Profi-Team gedreht werden. Der Vorteil des Einsatzes unerfahrener, im Vorfeld lediglich „gebriefter“ Arbeitskräfte, die gerade mal einen freien Tag als Ausgleich bekommen, liegt allerdings so laut schreiend auf der Hand, dass man ihn nicht mehr explizit zu erwähnen braucht. Dass diese Arbeitskräfte dann aber eine gewisse Planlosigkeit an den Tag legen, sollte man einkalkulieren, andererseits besteht das Wesen der unbezahlten Arbeit im einseitigen Abhängigkeitsverhältnis, kurz Sklaverei, genau darin, dass man seinen Untergebenen gegenüber möglichst wenig Nachsicht an den Tag legt, obwohl diese niemals darum gebeten haben, Untergebene sein zu dürfen. Eigentlich wollten sie nur einen Tag im Freien verbringen, mit Sonnenschein, Gesellschaft und einer angenehmen Tätigkeit.

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