Der Geist

Ich war kurz eingenickt, und als ich wieder aufwachte, schwebte in meinem Zimmer ein Gespenst.
„Na, wo bleibt meine Begrüßung? Das Händeschütteln, die Freudenschreie?“, fragte es und begann, im Raum herumzuschweben, was mich offen gestanden sehr nervös machte, da es unbekümmert durch sämtliche Möbel und zweimal auch durch mich hindurchschwebte. „Nicht dass ich auf Händeschütteln wirklich Wert legen würde. Ist nur eine nette Geste. Jetzt guck nicht so. Sag schon was. Ihr freut euch doch immer.“
„Kann ich Ihnen irgend etwas anbieten?“, fragte ich steif, in der Hoffnung, den ungebeten Gast so schnell wie möglich wieder loszuwerden.
Er grinste. „Nichts dergleichen. Wollte mich nur mal mit dir unterhalten, wo du mich schon herzitiert hast.“
„Herzitiert? Was erlauben Sie sich, Sie – Halluzination, weshalb sollte ich Sie herzitieren?“
Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf und verschwand zur Hälfte in der Wand, so daß ich nur noch seine Beine sah.
„Das ist doch keine Art, sich zu unterhalten.“, rief ich, vom plötzlichen Erwachen und der seltsamen Gesellschaft entnervt, „schauen Sie mich gefälligst an, wenn ich mit Ihnen rede!“ Die Beine verschwanden, dafür hing er plötzlich kopfüber von der Decke, sein Gesicht genau vor meiner Nase. Zu allem Überfluß schielte der Kerl auch noch fürchterlich und grinste mich impertinent an, wobei seine schadhaften Zähne deutlich zu sehen waren. Ich meinte, Mundgeruch riechen zu können.
„Ich bleibe so lange hier, bis du einen anständigen Ton anschlägst, Basta.“
Ich wollte ihn beiseite schieben, doch meine Hand fuhr lediglich durch etwas hindurch, was sich wie Mehl, allerdings wie eiskaltes und nasses Mehl anfühlte. Der Geist grinste um so impertinenter. „Nu denk mal schön nach, so schwer ist das gar nicht. Wie bin ich denn hereingekommen?“
„Das weiß ich doch nicht, als ich aufwachte, warst du einfach da.“ Mein erste Geisterbegegnung hatte ich mir, wenn überhaupt, anders vorgestellt.
Die Erscheinung seufzte theatralisch und schwebte gemächlich um den Kronleuchter herum.
„Durch die Wand?“, riet ich.
„Fast. Du hast mich gerufen, hast du das schon vergessen?“
Jetzt war ich wirklich entrüstet. „So eine Frechheit! Erst belästigen Sie mich in meinem Zimmer, und dann behaupten Sie auch noch, ich hätte Sie bestellt!“
„Ungerufen kommen wir normalerweise nicht. Also, es gibt natürlich Ausnahmen, aber ich gehe nur zu denen – also schön, fast nur zu denen, die mich rufen.“
„Ich habe Sie aber nicht – “
„Also wirklich! Wie soll ich denn:“, und hier imitierte er doch tatsächlich meine Stimme, „Ich fühl´s, du schwebst um mich, erflehter Geist. Enthülle dich! Ha!, wie´s in meinem Herzen reißt! Zu neuen Gefühlen all´ meine Sinnen sich erwühlen! Ich fühle ganz mein Herz dir hingegeben! Du mußt, du mußt!, und koste es das Leben! sonst verstehen?“ Plötzlich ging mir ein Licht auf.
„Da muss es sich um ein Mißverständnis handeln. Ich bin Literaturstudent, ich wollte den Text – naja, ich dachte, wenn ich ihn laut lese, verstehe ich ihn besser.“
„Pffff!“, der Geist machte mitten in der Luft vor Entrüstung einen Purzelbaum. „Literaturstudent! Text lesen! Was soll das denn für ein Text sein?“
„Sie sind wohl nicht auf der Höhe der Zeit? Kennen Sie Faust? Oder Goethe? Oder war der vor Ihrer Geburt?“
Das Gesicht des Geistes zuckte, wenn man bei einem kurzen Verschwimmen seiner Gesichtszüge denn von einem Zucken reden konnte.
„Goethe! Hör mir mit dem auf! Der Mann konnte nicht dichten und jetzt bringt er immer noch Abiturienten zur Verzweiflung, weil irgendwer denkt, das, was er fabriziert hat, sei Literatur. Was für eine Schande…“
Ich war bestürzt und gleichzeitig wie elektrisiert. „Erzählen Sie!“
Der Geist drehte gemächlich eine Runde an der Zimmerdecke und betrachtete seine durchsichtigen Fingernägel. „Gerade eben wolltest du mich doch noch loswerden? Oder hab ich was falsch verstanden?“
„Nun, äh – “ Ich druckste herum. „Wenn ich es recht bedenke, ein Weilchen habe ich schon Zeit. Wann trifft man denn jemanden, der Goethe gekannt hat?“
„Genau genommen war das schon nach meinen Lebzeiten. Aber ich sag dir was, an dem hättest du nicht viel Freude gehabt. Die wesentlichen Skandale kennt sowieso schon jeder, ich hab ihn bloß paarmal besucht, als er gerade an der x-ten Fassung für den Faust gewerkelt hat. Hat mit einer Bibel nach mir geworfen, stell dir das mal vor!“
„Unglaublich.“, sagte ich trocken. „Hat´s was genützt?“
„Nö. Ging glatt durch und krachte gegen die Wand, hat seine komischen Instrumente noch mit umgehauen und zerdeppert. Schade um das Buch, war ´ne schöne Ausgabe.“
Mich plagte immer noch die Neugier. „Wie war Goethe, wenn er schrieb? Ich meine, was hat er da gemacht?“
Der Geist riß seinen Blick von den Fingernägeln los und schaute mich durch seine Beine hindurch indigniert an. „Du stellst komische Fragen. Was wird er gemacht haben, geschrieben natürlich! Und sich zwischendrin ein Gläschen genehmigt oder mit Frauen geschäkert… oder den Friedrich mit seinen Erfolgen geärgert. `Ich muss einen reinen Text erschaffen´ hat er immer mal vor sich hingemurmelt. Aber sehr spannend war´s bei ihm nicht gerade.“
Ich stutzte. „Bei wem warst du denn noch?“
Der Geist kicherte. „Willst Insidermaterial, oder was? Immanuel hab ich ein paar Mal besucht, aber der hat mich vor lauter Vernunft und Kritik und so gar nicht gesehen, selbst dann nicht, als ich auf seinem Schreibtisch saß und am Manuskript kaute. Bei Schriftstellern war ich ansonsten immer gerne, manchen hab ich auch Tipps gegeben. War mal selber einer, aber ich hab mich totgesoffen.“  Er seufzte, sichtlich erinnerungsselig, und verdrehte die Augen zur Decke.
„Hast du, ich meine, zu Lebzeiten, irgendwas veröffentlicht?“
Die durchsichtige Gestalt rutschte in der Luft unbehaglich hin und her. „Nee. Deswegen hab ich mich ja totgesoffen, weil keiner meine Sachen lesen wollte. Das letzte Geld ging für ne Flasche Fusel raus, und der war wohl irgendwie schlecht, aber mir ging´s halt dreckig und die Welt war mir sowieso egal, wenn sie sich auch nicht für mich interessierte. Obwohl ich meine Ideen an sich ganz nett fand. Die Sache mit dem Käfer zum Beispiel, die hab ich mal Franz erzählt, aber der war zu depressiv zu der Zeit, um da das Komische dran zu finden. Meistens hatten die Jungs dann ihre eigenen Ideen und haben das alles ein bißchen anders umgesetzt, als ich es gemacht hätte, aber ist ja nicht weiter schlimm.“
„Und wen haben Sie noch gekannt?“ Ich platzte fast vor Spannung.
„Meine Güte, jetzt hab ich dich aber am Haken. Aber wenn du sensationsgeil bist, muss ich dich enttäuschen. Schriftstellerei ist an sich eher unspannend, schlimmer als jeder Bürojob. Bei Thomas, also Mann, hab ich mich mal kurz rumgedrückt, aber wir kamen nicht klar miteinander, weil er so ein arg stiller Denker war und immer so ernsthaft. Dafür waren die Expressionisten sehr unterhaltsam – soffen wie die Wilden, so wie ich, redeten mit sich selbst, gestikulierten. Haben mich aber meistens gar nicht richtig wahrgenommen, weil sie zu sehr mit ihrem eigenen Innenleben beschäftigt waren. Dafür hat der Karl, Marx meine ich, mich gut gesehen und mit mir geplaudert und mich wohl ein bißchen zu wörtlich genommen – „Ein Gespenst geht um in Europa“, bis hierhin war´s ja richtig, aber mit Kommunismus hatte ich nun wirklich nichts am Hut, aber als ich ihm das verklickern wollte, war er schon zu begeistert von seiner eigenen Idee und hat sich durch nichts mehr ablenken lassen.“
„Und Martin Luther?“
„Falls du denkst, dass mit dem Tintenfaß geht auf meine Kappe, muss ich dich enttäuschen. Ich bin 1693 geboren worden, da war das alles schon vorbei. Aber bei einem so wichtigen Schriftstück, da schickt man keine kleinen Geister wie mich, die wären gar nicht von ihm wahrgenommen worden, weil Martin so vertieft  in seine Arbeit war. Das war wohl der Chef persönlich, der da aufgekreuzt ist.“
Mir stockte der Atem angesichts dieser so ungerührt vorgetragenen Enthüllung. Der Teufel existierte tatsächlich, und wenn er existierte, dann –
„Sag´s mir! Was kommt nach dem Tod?“
„Gleich fragst du mich, ob es Gott gibt. Tut mir leid, wir sind nicht befugt, Auskünfte zu erteilen. Genau genommen hab ich schon zu viel geplappert, und im Übrigen sind alle Schriftsteller, ob gut oder schlecht, Lügner.“
Er war während dieser Rede von der Decke langsam in einen Sessel geschwebt und saß jetzt vorgebeugt und mit aneinandergelegten Fingerspitzen darin. Auch seine Formen waren klarer, und ich erkannte, dass er altmodische, zerschlissene Kleider trug und noch Tintenflecke an den Händen hatte. Alles in allem war die Figur nicht mehr neblig und durchscheinend wie ganz am Anfang, sondern gewann allmählich Farbe und Kontur. Er bemerkte meine Musterung und seufzte.
„Tut das gut, mal wieder reden zu können. Weißt du, viele von uns ernähren sich von den Geschichten, die ihnen erzählt werden, bei mir ist das genau andersrum – je gespannter mit jemand zuhört, umso besser geht es mir.“
Ich runzelte die Stirn.
„Weswegen haben Sie sich dann bei Schriftstellern rumgetrieben?“
„Zweierlei Gründe: zum einen war ich selber einer und wollte wissen, wie´s meinen Kollegen geht. Wenn mein Leben schon nix geworden war, dann konnte ich wenigstens anderen zugucken. Zum anderen sind solche Menschen eher in der Lage, einen Geist zu sehen und sich mit ihm zu unterhalten als phantasielosere Zeitgenossen, und da ich naturgemäß viel rumkomme und viel Zeit habe, mir was auszudenken, und sie immer auf der Suche nach neuen Geschichten sind, haben sie mir gerne zugehört. Eine erfreuliche Symbiose.“
Ich sagte nichts, sondern goß mir ein Glas Wein ein und trank es in einem Zug aus. Vor meinem geistigen Auge spielte sich Wunderbares ab. Mit dem Insiderwissen des toten erfolglosen Schriftstellers würde ich mich zum Besten meines Studienganges aufschwingen, Stipendien und Preise erhalten, ausgezeichnete Hausarbeiten schreiben, vielleicht nach meinem Abschluß gleich promovieren und eine Professorenstelle angeboten bekommen…
„Nee, Freundchen, so läuft das nicht. Brauchst nicht so zu schauen, ich sehe dir an der Nasenspitze an, was du denkst: Insiderwissen, Ruhm, Ehre, der Literaturnobelpreis und so weiter. Aber mit jedem Erfolg, den du mit meinem Wissen einheimst, würdest du mich ein Stück schlechter wahrnehmen können als vorher. Außerdem schreibst du nicht selber, also bist du gar nicht mein Klientel.“ Ich setzte zu einem Einwurf an, aber der Geist würgte mich ab.
„Hausarbeiten und Klausuren zählen nichtt. Wenn du schreibst, dann aus eigenen Antrieb, und nicht, weil irgendwer es von dir verlangt.“
„Aber ich denke, du suchst einen Zuhörer? Ich wäre der absolut Beste!“
„Zuhören beinhaltet ein bißchen mehr als nur Interesse an Informationen. Vorhin, da warst du total fasziniert, aber jetzt schon bist du weit weniger nahrhaft, weil deine eigenen Interessen wieder überhand nehmen.“
„Wie edel, hilfreich und gut.“, spottete ich. „Erziehst du die Leute immer so? Kein Wunder, dass keiner dich lange haben wollte.“
Er verschwamm zusehends und lüpfte hämisch seine zerfledderte Mütze.
„Viel Erfolg bei deiner Hausarbeit. Wenn du es mal schaffst, einen anständigen Text zustande zu bekommen, sehen wir uns wieder. Lebe wohl!“
Damit war er verschwunden. Ich saß verdutzt auf meinem Schreibtischstuhl, neben mir ein leeres Glas Wein und die Hausarbeit über Goethe, über der ich eingeschlafen war und starrte immer noch auf den Sessel. Dann fange ich eben mit dem Schreiben an, dachte ich. Vielleicht wird schon mein erster Text ein Knüller. Denn wer kann einer wahren Geschichte über einen literarischen Geist schon widerstehen?

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