Orpheus

Griechische Sagen behaupten, einst lebte in Thrakien ein göttlicher Sänger, dessen Name Orpheus gewesen sein soll. Als seine Gattin Eurydike, von einer Schlange gebissen, in die Unterwelt einging, soll er so verzweifelt gewesen sein, dass er ihr folgte. Er drang auch tatsächlich bis zum Thron der Unterweltherrscher vor, und unter Zuhilfenahme seiner Lyra und seiner göttergleichen Sangeskunst erweichte er Hades und Persephone so sehr, dass sie ihm gestatteten, seine Liebste noch einmal mit ans Tageslicht zu nehmen.
Als Orpheus vor dem Thron sang, soll in der Unterwelt zum ersten und einzigen Male vollkommene Stille geherrscht haben. Die gequälten Seelen hörten auf zu klagen, die glücklichen zu jubeln, der Stein des Sisyphos ruhte, Tantalus vergaß Hunger und Durst, die Dryaden ihre Siebe. So bezaubernd und bezwingend war der Klang seiner Stimme.

Wahrscheinlich ist jedoch eine andere Version. Als Orpheus vor Hades und Persephone trat, die Lyra in der Hand und fest entschlossen, die bis dahin unfehlbare Macht seiner Stimme einzusetzen, raubten ihm der Kummer um Eurydike die Stimme. Unfähig, einen Ton herauszubringen, stand er vor den beiden, im Wissen, dass er gescheitert war und vollständig der Lächerlichkeit preisgegeben. Orpheus´ Sprachlosigkeit breitete sich stärker aus, als es sein Lied getan hätte, und alle lauschten gespannt  seinem Schweigen. Er war sich in diesem Augenblick vollkommen seines Versagens bewußt, und ihm standen seine Qualen stärker ins Gesicht geschrieben, als er sie je zu singen vermocht hätte, und dieser durch und durch menschliche Anblick rührte schließlich Hades´ Herz. Außergewöhnliche Leistungen hat die Unterwelt schon viele gesehen, dass aber jemand aus Liebe versagte, war neu und nur was die Götter unterhält, stimmt sie gnädig.
Vor diesem Hintergrund ist es auch bedeutend leichter zu verstehen, dass der Sänger auf dem Rückweg ein zweites Mal versagte. Diesmal jedoch geschah es aus Furcht und nicht aus Liebe, und deswegen konnte ein erneuter Aufschub nicht gewährt werden.

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