Robot

Es war einmal ein kleiner Roboter, der arbeitete in einer Fabrik, wo Maschinen hergestellt wurden, die den Menschen das Leben erleichtern sollten. Er war ähnlich konstruiert wie ein kleiner Mensch, mit Armen, Beinen und einem Kopf, aber mit seiner Aluminiumhülle und den schönen Kugelgelenken sowie den feinen Sensoren viel effektiver und widerstandsfähiger als jeder Mensch, und deshalb arbeitete er dort, wo die Menschen wegen zu hoher Temperaturen oder giftiger Gase kaputtgegangen wären. Seine Programmierung sagte ihm, dass es eine gute und nützliche Arbeit sei und dass er sie gut und sorgfältig zu machen habe, denn er wollte auf keinen Fall, dass die Menschen, die seine Geräte vielleicht kauften, zu Schaden kämen. Die Produktion ging schnell und gleichmäßig, nach einem genau festgelegten Plan, und der kleine Roboter arbeitete Tag und Nacht. Er war stolz darauf, denn seine Programmierung sagte ihm, dass das etwas war, was er den Menschen voraushatte und er es deswegen zu deren Nutzen einsetzen mußte. Also schraubte, drehte, lackierte und setzte er Maschinen zusammen, und auch wenn er in seinem bis dahin recht kurzen Roboterleben – seine Schaltkreise waren vor nicht einmal fünfzig Jahren aktiviert worden – bislang nur einmal einen Menschen gesehen und nie herausgefunden hatte, wozu seine Maschinen eigentlich dienten, verrichtete er seine Arbeit dennoch gewissenhaft, gleichmäßig und genau nach Programmierung. Doch allmählich begann sich die Produktion zu verändern, und der kleine Roboter bekam das zu spüren: er mußte viel mehr Arbeit in der gleichen Zeit verrichten, und so sehr er sich auch bemühte, seine Gliedmaßen funktionierten irgendwann nicht mehr schnell genug, um dem nachzukommen. Er war zu dieser Zeit in einer Druckkammer an einem Fließband beschäftigt, wo er jeweils drei verschiedene Teile zusammensetzen und das fertige Stück danach mit einer ätzenden Lösung abspritzen mußte, damit es schön glänzend und glatt wurde. Doch schon bald schaffte er nur noch jedes zweite Stück, und als sich das Tempo des Fließbandes noch einmal erhöhte, nur noch jedes dritte. Seine Emo-Sensoren meldeten Frustration und Verzweiflung, was zu einer Steigerung seines Stromverbrauches führte, und das wiederum zu einer Verlangsamung seiner Arbeitsweise, da seine Schaltkreise einer nach dem anderen blockierten. So schaffte er bald nur noch jedes vierte Stück, und seine Emo-Sensoren meldeten derart penetrant Frustration und Verzweiflung, dass er sich kurzerhand vom Fließband abkoppelte und zum ersten Mal in seinem Leben selbstständig, aber ziellos durch die Druckkammer wackelte, auf der Suche nach einer neuen, leichteren Arbeit oder einem Ausgang. Auch wenn so etwas wie Flucht oder Arbeitsverweigerung in seinem programmierten und recht dürftigen Vokabular gar nicht vorkam, war es für ihn doch definiert – als die Summe all dessen, was nicht dem entsprach, was er als seine Pflicht zu betrachten hatte. Wie der Mensch es aber so gewollt hatte, schaltete sich der kleine Roboter automatisch ab, sobald seine per Funk an den Zentralcomputer der Fabrik gekoppelten Emo-Sensoren eine Veränderung außerhalb des definierten Bereiches meldeten. So stand der kleine, hübsche, aber abgeschaltete Roboter in der Druckkammer, und nach einiger Zeit wurde das Fließband stillgelegt, die Druckkammer geöffnet und man holte den kleinen Roboter heraus und setzte einen größeren, komplizierteren und schnelleren an seine Stelle. Der kleine Roboter aber wurde in einen Raum gebracht, wo noch viele andere Roboter standen, allesamt stillgelegt und abgeschaltet. Und so stand er da einige Jahre und verstaubte und setzte hier und da ein wenig Rost an, da auch seine automatische Schmierung nicht mehr funktionierte. Die Fabrik wurde stillgelegt, da sie irgendwann zu viel produziert hatte und die Menschen keine lebenserleichernden Maschinen mehr kauften. Sie waren nämlich vor lauter Lebenserleichterung ausgestorben. Der kleine Roboter aber blieb mit den anderen in dem Raum stehen und rostete weiter viele Jahrzehnte lang still vor sich hin, bis eines Tages ein Raumschiff von einem fernen Planeten kam, aus dem seltsame, vielarmige und dreiäugige Wesen ausstiegen, die alte Fabrik untersuchten und schließlich den kleinen Roboter mitnahmen, wieder in Gang setzten und ihn umschulten. Seitdem serviert er auf dem Raumschiff den seltsamen, vielarmigen und dreiäugigen Wesen kühle Getränke mit extrem niedrigen pH-Wert, und seine Programmierung sagt ihm, dass er eine gute und nützliche Arbeit hat und diese gut und sorgfältig zu machen habe, denn er will auf keinen Fall einen Tropfen der kostbaren Getränke verschütten.

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