52 Bücher

There Will Be Books

Der letzte Bücherbeitrag liegt schon… ewig bei mir rum. Ich wollte nämlich immer noch Fotos dazutun, aber wie ihr bald lesen werdet, wurde und wurde partout nichts draus.

Woche 51: Krimi/Thriller: lieber mit Blut und Gemetzel oder was, was tief in die Psyche geht?

An dieser Stelle oute ich mich als komplettes Weichei und sage: Weder noch. Geschriebenes Gemetzel langweilt mich schnell  (dafür kann ich dann bei gezeigtem Gemetzel nicht hingucken) und Psycho-Sachen sind auch schwierig – mich interessieren eher die kleinen, unspektakulären, verborgenen Abgründigkeiten, der neununddrölfzigste Serienkillerroman muss es deswegen nicht sein.

Woche 50: Bei welchem Buch würdest Du nie gestehen, es je gelesen zu haben? Eine natürlich rein theoretische Bücherrunde.

Niiiieeemals hab ich Twilight… ach nee, das hab ich ja schon gestanden. Und niemals, auf keinen Fall, hab ich die Autobiographie von Dieter Bohlen gelesen, bzw. als Hörbuch gehört. Jedenfalls den ersten Teil. Und auf gar keinen Fall mochte ich es. Dieter Bohlen doch nicht.

Woche 48: Meine Lese-Top-5 in 2013

2013 war ein verdammt gutes Bücherjahr, stelle ich gerade fest. An dieser Stelle daher ein dickes Dankeschön an alle, die dazu beigetragen haben.

1. Burkhard Pfister: Gilgamesch. Das Gilgamesch-Epos als Graphic Novel. Der Stil ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig, oder war es jedenfalls für mich, da er sehr plastisch ist und auf den ersten Blick trotzdem etwas ungelenk wirkt. Auf den zweiten Blick schämte ich mich dann ein bisschen für diese Einschätzung.

2. Jan Caeyers: Beethoven. Von Musik habe ich keine Ahnung, mag sie aber trotzdem sehr. Von Beethoven kannte ich lange Zeit nur das hier, (Edit: hauptsächlich, weil dieser überhaupt großartige Tatort damit beginnt) aber als ich eine BBC-Doku über ihn gesehen habe (von der der erste Teil bedauerlicherweise gesperrt ist, man kann aber auch gut mit dem zweiten einsteigen), war es jedenfalls temporär um mich geschehen. Caeyers, selbst Dirigent, schreibt zwar eher vom Fachmann für Kenner als für interessierte Laien, wie ich es bin, tut das aber so schwungvoll und kenntnisreich, dass es sich trotzdem lohnt, auch mal was nachzuschlagen.

3. Neil Gaiman: American Gods. Es ist lang und mäandernd, eher ein Tableau für Gaimans Phantasie als eine zielstrebig irgendwo hinlaufende Geschichte, aber da Gaiman vor Einfällen nur so sprudelt, macht das gar nichts. Außerdem kann man beim Lesen lustiges Götter-Raten spielen, und ein bisschen Krimi ist auch dabei.

4. Maxim Biller: Im Kopf von Bruno Schulz. Mit Bruno Schulz habe ich mich ja schon befasst, und obwohl ich Biller als Schriftsteller bislang nicht sonderliche mochte, ist ihm hier ein kleines Glanzstück gelungen, das (soweit ich das beurteilen kann) ziemlich gut zu der merkwürdigen, surrealen Welt passt, in der Bruno Schulz lebte.

5. Stephenie Meyer: Seelen. Eventuell wäre das auch etwas für Woche 50 gewesen, und ein richtig gutes Buch ist es auch nicht (jedenfalls nicht im Vergleich zu den anderen), trotzdem hat es sich einen Platz in der Top 5 verdient. Von diesem Buch war ich nämlich mit Abstand am überraschtesten, und das im positiven Sinne. Obwohl die „Seelen“, die bodysnatchermäßig die Menschheit übernommen haben, geradezu anstrengend edel, hilfreich und gut sind oder sich jedenfalls selbst so sehen, und Wanda, die Hauptfigur, ganz besonders edel, hilfreich und gut ist, fand ich die Idee mit der Dreiecksgeschichte in zwei Körpern ziemlich gelungen. Jedenfalls wesentlich weniger ätzend als Twilight, und ich hatte nur selten das Bedürfnis, die Protagonistin zu hauen.

Woche 46: Ah, verdammt!

…hat sich vermutlich Frank Schätzing gesagt, nachdem er „Limit“ fertig hatte. „Verdammt, was bin ich für ein toller Hecht! Und was für ein guter Rechercheur! Und weil ich so verdammt gut recherchiert habe, muss jedes Fitzelchen davon ins Buch, egal, ob es in die Handlung passt oder nicht.“ Das wäre aber auch schon mein einziger Kritikpunkt am Buch. Es braucht eine Weile, bis es in Fahrt kommt (hauptsächlich wegen besagter ausufernder Rechercheergebnisdarstellungsneurose), aber dann ist die Geschichte um eine Reisegruppe auf dem Mond, finstere Konzernmachenschaften und einen abziehbildmäßig rauhbeinigen Detektiv sehr spannend.

Woche 45: Aufstieg und Fall

Das ist sogar ein Vorschlag von mir, ich habe nur leider keine Ahnung mehr, an was ich beim Einreichen dachte… also nehme ich das letzte Buch, bei dem die Erwartungskurve stark anstieg und dann fürchterlich tief abfiel: Royce Buckingham, Die Karte der Welt. Den Klappentext fand ich ganz spannend, denn in dem Buch sollte es um einen Jungen mit überragenden zeichnerischen Fähigkeiten gehen, der, wenn er mit Blut auf eine Karte zeichnet, die Welt verändern kann.  Leider hat der Autor nicht nur kaum was draus gemacht, sondern die Geschichte auch sonst komplett versemmelt: die Figuren sind blass und langweilig, die Handlung rumpelt vor sich hin, der fiese Gegner hat das dämlichste Motiv aller Zeiten, und die sonstigen Ideen sind auch alle nicht besonders. Das große Mysterium des Buches, der sogenannte Schleier, der einen Teil des Landes verdeckt, ist am Ende auch nicht weiter bemerkenswert, außer vielleicht als Logik-Fail: der Schleier weicht zurück, wenn der Richtige sein Blut als Tusche nimmt, um die von ihm verdeckten Gebiete auf die Karte einzuzeichnen. Woher der zeichnende Junge aber weiß, wie die Gebiete dahinter aussehen (denn sie sind ja vom Schleier verdeckt), wird nicht weiter erklärt, er weiß es einfach. Argh. Nie wieder kaufe ich hektisch zwischen zwei Zügen ein Buch am Bahnhof. Vier Stunden lang die Fensterdichtung anstarren wäre spannender gewesen.

Woche 38: Das Buch, in dem die meisten Babys vorkommen.

Zählen Putten als Babys? Wenn ja, was ich hiermit beschließe, dann ist es „Barock. Architektur, Skulptur, Malerei“, von Rolf Tomann. Ein sehr schöner Bildband mit (etwas knappen) Erläuterungen.

Woche 35: Mein ältestes Buch.

Oh, da werden Erinnerungen wach. Einst, vor langer Zeit, musste ich eine Bachelorarbeit im Fach Westslawistik schreiben und hatte keine Ahnung, worüber. Ich tat also das, was man als ideenloser Akademiker so tut, sah meine alten Hausarbeiten durch und reflektierte die Vorlieben der Profs, und bastelte ein Thema über einen schon lange toten tschechischen Dichter zusammen, genauer: über Karel Havlícek Borovskýs „Die Taufe des Heiligen Vladimir“. Der genaue Wortlaut des Themas ist mir entfallen inzwischen peinlich, das Buch habe ich mit Vergnügen gelesen: Zar Vladimir will sich taufen lassen, und der slawische Wettergott Perun soll für den Festdonner sorgen. Perun aber ist ein alter, nörgeliger Mann, der mit seinen üblichen Aufgaben schon völlig überlastet ist, und weigert sich. Vladimir lässt ihn daraufhin ins Gefängnis werfen und  hinrichten. In Reimform verfasst (die in der deutschen Übersetzung mal mehr, mal weniger behutsam übernommen wurde), hat Havlicek hier eine nur spärlich bemäntelte Satire auf die k.u.k. Bürokratie und ihren Klerus geschrieben. Weil mein Tschechisch so gut nun auch wieder nicht war, habe ich mir eine deutsche Übersetzung besorgt, die schätzungsweise um 1900 herum erschienen sein muss (jedenfalls findet sich im Nachwort der Vermerk „Seit wenigen Jahren“, bezogen auf das Jahr 1897.) Das liebevoll illustrierte Buch gibt es nur noch antiquarisch.

Woche 29: Lesezeichen.

Benutze ich eigentlich nie, höchstens mal einen Zettel oder was mir sonst in die Finger gerät, um die aktuelle Stelle im Buch zu markieren. Gelegentlich bekomme ich sehr schicke geschenkt, meistens von Eltern oder Schwiegereltern, aber da ich die unangenehme Angewohnheit habe, Lesezeichen von ausgelesenen Büchern irgendwo liegen zu lassen, kann ich euch gerade kein Foto zeigen, ich finde sie nämlich nicht.

Huch, Bücher, da war ja noch was.

28. Woche: Ein Buch, wodurch du etwas gelernt hast.

An dieser Stelle mache ich ein bisschen Serviceblogging für alle Referendare, die sich vielleicht jemals auf diese Seite verirren und nicht wissen, was sie sich für Lehrbücher kaufen sollen. Also vielleicht 0,5 Leute. Egal. Uns wurde am Anfang eindringlich „Anders/Gehle: Das Assesorexamen im Zivilrecht“ empfohlen, weil das hierzulande der „Goldstandard“ sei. Für die knapp 40 Euro, die das Ding kostet, kauft euch am besten was anderes. Das Buch ist stellenweise arg oberflächlich, es gibt kaum weiterführende Literaturhinweise, und die dort angebotenen Textbausteine kamen jedenfalls bei meinem Ausbildungsrichter nicht gut an. Lernen kann man dagegen sehr schön mit „Rainer Oberheim: Zivilprozessrecht für Referendare“, eins der wenigen Bücher, bei denen mir sogar der didaktische Aufbau gefällt und der bislang zu allen Problemen, die mich ratlos machten, eine verständliche Antwort gab und auch genügend Literaturhinweise bietet.

26. Woche: Ein Kochbuch, dem man wirklich bedingungslos vertraut.

Inzwischen fast keinem mehr, irgendwas findet man immer, was nicht richtig funktioniert. Sehr zu schätzen weiß ich da Horst Scharfenbergs „Aus Deutschlands Küchen“. Dort sind alte Originalrezepte aus den meisten regionalen Küchen versammelt, Klassiker wie Zwetschenkuchen und Leipziger Allerlei (das Original könnte nicht weiter vom gleichnamigen toten Dosenfutter entfernt sein. Allerdings ist das eine logistische Herausforderung, für die man am besten eine gutbürgerliche Großküche mit mehreren Angestellten haben sollte) ebenso wie Offiziersbowle. Zwar gibt es Mengenangaben und eine grobe Zubereitungsanleitung, viel bleibt aber dem oder der Kochenenden überlassen. Ein paar der Mengenangaben sind auch etwas daneben (für die Böhmischen Zwetschgenknödel waren viel zu viele Zwetschgen angegeben – die Menge ergibt nur Sinn, wenn die Teile früher wesentlich kleiner waren, was ich aber nicht glaube), im Großen und Ganzen ist es aber gerade wegen der vielen Freiheiten ein sehr vertrauenswürdiges Kochbuch.

25. Woche: Wo in deinem Haus/deiner Wohnung finden sich überall Bücher und wo nicht?

Klassisch: Fachliteratur im Arbeitszimmer, Kochbücher in der Küche, und der große Rest im Wohnzimmer bzw. Flur.

23. Woche: Ein Buch eines Autors, dessen Werke von den Nationalsozialisten verbrannt wurden und/oder der vom Regime verfolgt wurde.

Joseph Roth, „Radetzkymarsch“. Roth, der Anfang 1933 ins Exil nach Frankreich ging, erlebte den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht mehr, und hinterließ mit seinen Werken ein Denkmal für seine untergegangene Heimat Österreich-Ungarn. Das Geschlecht der Trottas – dessen Begründer dem Kaiser Franz Joseph I. das Leben rettete – geht allmählich seinem Niedergang entgegen, der Enkel Carl Jospeh hat nichts mehr mit dem heldenhaften Großvater gemein, und in seinen Tagen scheint es in der Donaumonarchie nur noch „Enkel“ zu geben, die sich in vergangenem Glanz sonnen, aber unfähig sind, die morsche, erstarrende Gesellschaft zu erneuern. Ein melancholisches Buch, man schaut quasi der Donaumonarchie beim Sterben zu, aber sie stirbt mit einer gewissen Grazie.

22. Woche: Bücherregal für Jugendliche einrichten (welche Bücher gehören gut versteckt ;-) )

Gar keine, zumindest gibt es kein Buch, das ich kenne, das ich wirklich verstecken würde. (Aber eventuell ein paar Takte dazu sagen, wenn der oder die hypothetische Jugendliche das liest.) Ich finde es schwierig, zu beurteilen, was einem Jugendlichen schaden könnte und was nicht. Im Rahmen des Projektes habe ich schonmal erwähnt, dass meine Eltern einen ausgesprochen umfangreichen Bücherbestand haben, von dem, so weit ich weiß, mir auch nichts bewusst vorenthalten wurde. Wenn ein Buch für mich „zu starker Tobak“ war, hab ich es einfach nicht weitergelesen, und idealerweise lernen das auch die hypothetischen Jugendlichen, denen ich ein Bücherregal einrichte.

52 Bücher (x/52)

52 Bücher, Woche 3: Das nächste MUST-HAVE-Buch. – Immer das, was mich gerade interessiert. Und dann kaufe ich spontan irgendwas ganz anderes. Zuletzt: Rüdiger Safranskis „Ein Meister aus Deutschland – Martin Heidegger und seine Zeit“.  Ich hatte von Safranski schon „Schopenhauer oder Die wilden Jahre der Philosophie durchblättert und fand es ganz interessant, aber der Heidegger ist laaaaaaaangweilig – zu viel wabende Philosophie, von der ich nichts verstehe (Phänomenologie, anyone? Ich lerne gern dazu, aber das war mir zu…. hoch. Oder zu tief. Je nach dem.), und sobald es anfängt, biographisch interessant zu werden, gibt es mehr wabernde Philosophie. Ich rate ab.

52 Bücher, Woche 4: Zeige uns ein schwarz-weiß-blaues Buch.

Der Brigitte-Kommentar dazu ist kompletter Quatsch. Zu den Ausführungen zur Malerei, die da getätigt werden, schreibe ich vielleicht extra mal was, denn für mich war die Beschreibung der Farben, der Grundierung, des Anmischens – kurz, der ganze handwerkliche Kram, sehr spannend, bei den theoretischen Ausführungen rollten sich mir ein bisschen die Fußnägel (man müsse nur die „Wahre Stelle“ eines Bildes finden, der Rest geht von allein. *schnrchl*) Ach so, die Story: der exilierte holländische Maler Jan Massys kommt 1550 nach Genua und soll dort den alt gewordenen, aber immer noch Respekt einflößenden Piraten Andrea Doria porträtieren. Er trifft allerhand seltsame Gestalten, begleitet Doria auf seinen Seeschlachten und verliebt sich außerdem in eine Schauspielerin (allerdings nehmen, jedenfalls meinem Gefühl nach, allein die Ausführungen über den Schiffbau mehr Raum ein als die Liebesgeschichte, die zudem gar keine richtige ist. Fand ich persönlich sehr angenehm.) Leiser Nachteil: die Figuren sind alle reichlich konstruiert, in fast jedem Handwerker steckt ein Philosoph, in fast jedem Penner ein eloquenter Wahnsinniger. Da ich grundsätzlich die Frühe Neuzeit aber mag, war das Buch in puncto historischer Roman mal eine angenehme Abwechslung.

52 Bücher, Woche 16: Welchem Autor wolltest Du schon mal was nettes sagen? ;-) Oder was würdest Du gerne mal fragen… Stephen King wurde schon so oft gefragt, ob er sich nicht mal kürzer fassen kann (völlig ergebnislos, übrigens), dass ich das nicht mehr machen muss. Wen ich außerdem gerne was fragen würde, ist Matt Ruff, nämlich Folgendes: Was ist mir an seinem neuen Buch entgangen? Ruff ist einer meiner Lieblingsautoren, aber „The Mirage“ ist einfach nur seltsam. Es fängt interessant an – in einer Welt, wie sie vielleicht aussehen könnte, wenn die arabischen Staaten Weltmacht wären („United Arab States“) und einen  gemäßigten Islam pflegten. Die USA wären ein rückständiges Drittweltland voller christlich-fundamentalistischer Fanatiker, von denen einige ein Attentat auf das World Trade Center in Bagdad verüben – am 9.11. Und so ist das ganze Buch – 9/11 spiegelverkehrt. Die Details sind famos, das Personal mit Humor erfasst, und bis zur Mitte ist es ein Was-wäre-wenn-Spionage-Alternative-History-Thriller, bis die Theorie ins Spiel kommt, man befände sich in einer Parallelwelt – der Mirage – in die gelegentlich Artefakte der echten, also unserer gelangen, unter anderem Zeitungsausschnitte vom 9.11.2001. Die Auflösung hat irgendetwas mit einem Dschinn zu tun, und ich blieb nach der Lektüre mit dem Gefühl zurück, dass entweder ich etwas gründlich übersehen hatte oder Mister Ruff hat in das Buch viel zu viel hineingepackt, sodass am Ende keine Luft mehr blieb für eine ordentliche Auflösung. Mal abgesehen davon, dass es derer meiner Meinung nach gar nicht bedurft hätte, er hätte das Ganze einfach so lassen können.

52 Bücher, Woche 18: Weltuntergang oder mach doch, was du willst. – Leo Perutz, „Der Meister des jüngsten Tages“. Anfangs sehr klassisch, später sehr mehrdeutig: während einer Konzertgesellschaft (Anfang des 20. Jahrhunderts) erschießt sich der Schauspieler Eugen Bischoff, der schon länger mit kreativen Blockaden zu kämpfen hatte. Die Ermittlungen beginnen erst etwas „Whodunnit“-mäßig, doch als Ingenieur Solgrub eine Verbindung zu mehreren mysteriösen Selbstmorden herstellt, gerät eine Droge ins Blickfeld, die angeblich die Kreativität beleben soll, tatsächlich jedoch schnurstracks in den Wahnsinn führt. Wer sie raucht, sieht die Farbe Drommetenrot, in der der Himmel während der Apokalypse leuchten soll. Ich-Erzähler Freiherr von Yosch probiert sie ebenfalls und kann gerade noch mittels Faustschlag davon abgehalten werden, sich zu erschießen. In einem Nachwort jedoch gibt es Hinweise, dass Yosch Bischoff selbst erschossen hat, da er Bischoffs Frau liebte, und sich eine besonders kreative Verdrängung ausdachte.

52 Bücher, Woche 21: Ein bestimmtes Genre. – Mit Robert Harris´ „Imperium“ und „Lustrum“ entdecke ich gerade den historischen Roman wieder. [Nachtrag: da geht´s um Ciceros Aufstieg zum Konsul. Bei meinem Blog-Titel quasi Pflichtlektüre.] Und davor kam „Die blaue Galeere“, das passt da auch ganz gut rein. Bis dahin hatte ich mir (abgesehen von Ken Folletts „Fall of Giants“ und „Winter of the World“) lange nichts Historisches mehr gegeben, zum einen aus Geiz und zum anderen, weil in dem Genre (oder jedenfalls in der Auslage der Buchläden) sich so viel auf Wanderhuren-Niveau abspielte, dass man glatt zum Untergang des Abendlandes aufrufen möchte.

Metanarration und Billigbier (1/52)

„52 Bücher“ sind wieder da, und damit sich arme kleine Studenten nicht übernehmen, oder einfach aus Gründen der Puscheligkeit, fangen wir mit was Leichtem an: „Was liest du zur Zeit?“

„Fool on the Hill“ von Matt Ruff, über den ich  schonmal geschrieben hatte, lag diese Woche zum zigsten Mal wieder auf meinem Nachttisch. Es ist eine große Hommage an die Cornell University in Ithaca (Mr. Ruff hat da studiert), an das Studentenleben, ans Erzählen an sich und an Hunde. (Und Shakespeare, soweit ich das beurteilen kann.) Einerseits wären da die Bohemier, eine betont nonkonformistische Studentenverbindung, die in ihrem Abschlussjahr möglichst viel Spaß haben möchten, des weiteren George, hauptberuflich Geschichtenerzähler, der seine Traumfrau sucht und den Wind rufen kann, sowie Mischlingshund Luther, der die Universität für den Himmel hält. Allerdings inszeniert ein ominöser Mr. Sunshine, ein „griechisches Original“, ein Grimmsches Märchen und noch ein paar andere Geschichten neu und bedient sich dabei auf eine teilweise recht rücksichtslose Art und Weise der Protagonisten, die ja eigentlich Mr. Ruffs Protagonisten sind, der aber trotzdem keine Skrupel hat, sie Mr. Sunshines unsubtilen Späßen auszusetzen. Es sind ein paar wunderbare Reflexionen über das Geschichtenerzählen in dem Buch, aber auch Passagen, in denen man merkt, dass der Autor frisch von der Uni kommt und die Puppen mal so richtig tanzen lassen will. In „G.A.S.“ hat sich Matt Ruff meiner bescheidenen Ansicht nach so weit perfektioniert, dass man ich viele Verbindungen oder Metaspäße erst beim wiederholten Lesen mitbekommen habe, in „Fool on the Hill“ ist er noch etwas holzhammermäßiger (Affen an Schreibmaschinen, jaaah… schon gut), aber dafür auch frischer unterwegs, und er bekommt es irgendwie hin, über Romeo und Julia, Kobolde, Modellbauschiffchen, Krieg, Wahre Liebe, Erste Liebe, Gummipuppen, Tolkien, Studentenverbindungen, Rassismus, den Ku-Klux-Klan, Kiffen, den Tod, Katzen, Atheismus, Prinzessinnen, Dosenbier, Drachen, wahnsinnige Doktoranden und noch einiges mehr zu schreiben, ohne das das Buch allzu sehr auseinanderfliegt.

Und weil ich so herummäandere, mache ich es mal wie die Buchrezenten im Radio und hänge meine Schlussfolgerung als Prädikat nochmal an: „Fool on the Hill“: Empfehlenswert. Es sei denn, man mag keine Universitätsgeschichten.

 

52 Bücher, 51 – 43: Zurückgespult

Bevor morgen das letzte Thema kommt, in aller Eile noch die Aufholjagd:

51: Ein Buch, das Du auch mit 10 XXL-Caipis intus oder für 100 Euro nicht lesen würdest – Stieg Larssons „Verblendung – Verdammnis – Versöhnung“. Weil: Inzucht, Ritualmorde und Okkultisten-Nazis, wie mir die Verfilmung vor Augen führte, sind mit meinen Ansprüchen an Unterhaltung nicht kompatibel. Der Plot dürfte im Buch kaum besser sein.

50: Bastelbücher – „Origami. Kunstwerke aus Papier“ von Jon Tremaine – Im Allgemeinen stehe ich Bastelbüchern skeptisch bis ablehnend gegenüber, weil die meisten nur starre Vorlagen liefern, beim Papierfalten braucht es allerdings genau das. Das Buch deckt von simpel und bekannt bis hin zu abgefahren und kompliziert alles ab, mit Schwerpunkt auf der leichteren Hälfte.

49: Essen und Trinken (aber kein Kochbuch) – Erwin Seitz, „Die Verfeinerung der Deutschen“. Ein Metzgergeselle, der später Geschichte studiert hat, erklärt, warum seiner Asicht nach das ewige Genörgle über mangelnde deutsche Lebensart, -kunst und -freude völlig verfehlt ist. Regionaltypische Küche spielt eine tragende Rolle.

48: Politthriller – An dieser Stelle muss ich passen, wenn ich das Genre schon höre, fange ich an zu gähnen. Meinen Bedarf an Intrigen, Korruption und dergleichen wird außerdem durch die Nachrichten ganz gut abgedeckt, aber er ist nicht besonders hoch.

47: Stapel angefangener Bücher – Steht zur Zeit jeden Morgen vor mit, wenn ich in der Bibliothek zusammentrage, was ich so über den Tag lesen will. Meistens Gerichtsurteile und Aufsätze über ein Thema, mit dem man nicht nur normale Menschen, sondern auch Juristen zuverlässig sedieren kann: Entscheidungsvorgaben im Verwaltungsrecht.

46: Es grünt so grün – Das grünste Buch in meinem Bücherschrank ist „Tiere Essen“ von Jonathan Safran Foer, sowohl bezüglich der Umschlagfarbe als auch meiner Gesichtsfarbe beim Lesen (und das Etikett „Bibel der grünen Bewegung“ hängt auch noch dran). Mal Reportage über die Abgründe der Massentierhaltung, mal sehr persönliche Familiengeschichte, muss man schon ein Stein sein, um nach der Lektüre nicht wenigstens hin und wieder zu überlegen, ob es beim Einkaufen so viel Fleisch sein muss, oder gerade das allerbilligste.

45: Zeitreise – Simon Sebag Montefiores „Katharina die Große und Fürst Potemkin“. Um die Liebesgeschichte von Zarin Katharina und Fürst Potemkin herum ersteht das 18. Jahrhundert wieder auf: Prunk am Hof und Armut drumherum, aufklärerische Ideen und miserable medizinische Versorgung, aber auch an Größenwahn grenzende Eroberungen der beiden, die trotz zahlreicher anderweitiger Affären ein Leben lang aneinander hingen.

44: Reiseführer – Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir ein Ukraine-Reiseführer, der einer Stadt am Rande der Steppe, in der es außer hässlicher sowjetischer Architektur nichts zu sehen gab, ein „sehr angenehmes Flair“ attestierte und behauptete, das Zentrum lüde „zum Bummeln und Verweilen“ ein. Ich fand es trotz einiger Abhärtung, was osteuropäische Bausünden angeht, eher zum Davonlaufen. Das war aber auch der einzige Makel, ansonsten ist der Trescher-Reiseführer sehr zu empfehlen.

43: Geistige Getränke – Die Asterix-Comics. Zaubertrank, Rotwein, lauwarme Cervisia – was das Herz begehrt, in jedem Heft kommt mindestens eines davon vor.

Uff. Ich geh jetzt an die Hausbar.

52 Bücher, 42. Woche: 42

Diesmal ist die Wochennummer Programm… „Per Anhalter durch die Galaxis“ ist schon weg, und aus purer Einfallslosigkeit nehme ich jetzt mal das Buch, dass gerade vor mir steht: der „Sartorius“, Verwaltungs- und Verfassungsgesetze, eine unpraktische Loseblattsammlung aus dem C.H. Beck-Verlag, die ich mir nur gekauft habe, weil das sächsische LJPA offenbar eine starke Vorliebe für Produkte eben dieses Beck-Verlages hegt, andere Ausgaben sind nämlich im Examen nicht zugelassen. (Hrgrmpf. Versteckte Subventionen sind schon doof, aber auf Kosten armer Studenten…) Okay, Loseblattsammlungen sind per Nachheftung schnell auf den neuesten Stand ergänzt. Allerdings sind die Ergänzungslieferungen derartig teuer, dass man sich auch einfach aller Vierteljahre eine neue Auflage aus irgendeinem anderen Verlag kaufen kann, die zudem nicht so schnell kaputt gehen wie die liebevoll „Backsteine“ genannten Becktexte, da die sehr dünnes Papier verwenden. Bei hektischem Geblättere reißt das gerne… und damit ihr eine Vorstellung vom Inhalt bekommt, die 42er der drei meistgebrauchten Gesetze:

Artikel 42 Abs. 1 des Grundgesetzes legt fest, dass der Bundestag öffentlich verhandelt, normiert also wichtige Transparenzgrundsätze – wohlgemerkt, das Plenum verhandelt öffentlich, die Ausschüsse hingegen tagen grundsätzlich  nichtöffentlich, es sei denn, die Öffentlichkeit wird zugelassen. Das kann man bedenklich finden, allerdings leisten die Ausschüsse die Vorarbeit für Vorlagen, die dann ohnehin nochmal im Plenum besprochen werden, insofern ist das zwar etwas umstritten, aber im Ergebnis wohl akzeptabel. Abs. 2 legt dagegen fest, dass Beschlüsse des Bundestages mit Mehrheit gefasst werden, in aller Regel die Mehrheit der abgegeben Stimmen (diesbezügliche Missverständnisse gab es zB beim Meldegsetz, FKWS berichtete).

Im Verwaltungsverfahrensgesetz behandelt § 42 „Offenbare Unrichtigkeiten im Verwaltungsakt“, etwa Schreib- oder Rechenfehler, die die Behörde jederzeit korrigieren kann.

§ 42 der Verwaltungsgerichtsordnung hingegen ist eine Norm, die dauernd gebraucht wird: dort sind Anfechtungs- und Verpflichtungsklage normiert (also wenn man einen Verwaltungsakt beseitigt oder erlassen haben möchte), und Abs. 2 verlangt eine Klagebefugnis, nämlich die Betroffenheit in eigenen Rechten. Damit soll sichergestellt werden, dass nicht alle alles rügen können („Popularklagen“), sondern dass Leute Rechtsschutz nur dann in Anspruch nehmen können, wenn sie selbst betroffen sind. Ausnahmen gibt es derzeit nur für Naturschutzverbände, ansonsten hat das deutsche Recht große Furcht davor, von Querulanten überrannt zu werden. Ich hab mir allerdings sagen lassen, in Frankreich gäbe es Popularklagen, und die dortige Justiz scheint noch nicht untergegangen zu sein.

Und nun noch eine 42 in eigener Sache: mindestens 42 Tage wird es dauern, bis hier der nächste Artikel erscheint. Ich hab ja gelegentlich *hust* angedeutet, dass ich diesen Sommer Examen schreibe, und danach geht es in den Urlaub. In diesem Sinne: schönen Restsommer bzw. Frühherbst, und bleiben Sie mir gewogen.

52 Bücher, 40. Woche: Hasscharakter

Auch bei angestrengtestem Nachdenken fällt mir eigentlich kein Buchcharakter ein, den ich aufgrund seiner unnnachvollziehbaren Handlungen gehasst hätte. Im Grunde genommen tendiere ich ja ohnehin nicht dazu, mich emotional so derartig zu involvieren, andererseits werde ich zum Beispiel im Kino trotzdem immer ein bisschen zappelig, wenn Leute in Zombie- oder sonstigen Horrorfilmen sich offensichtlich gegen jede Vernunft dazu entscheiden, den dunklen, unübersichtlichen Keller/das alte Haus/die U-Bahn-Tunnel getrennt zu durchsuchen. Meistens verliere ich bei derartig liebloser Anwendung des „Zehn kleine Negerlein“-Prinzips den letzten Rest Empathie mit dem Charakteren, und wer gefressen wird, weil er unbeding allein die dunkle Abzweigung erkunden wollte… selbst schuld, und meistens unspannend. Aber hier geht es ja um Bücher.

Wen ich außerdem nie verstanden habe, war Effi Briest, die Protagonistin des gleichnamigen Romans von Theodor Fontane. Kurz zum Inhalt: Effi, ein fröhliches Naturkind, wird mit dem viel älteren Baron von Instetten verheiratet, die Ehe ist unglücklich, Effi betrügt ihn mit Baron Major Crampas, was Jahre später auffliegt, Instetten fordert Crampas zum Duell, erschießt ihn und Effi stirbt, unglücklich und von allen außer ihren Eltern verstoßen, auf deren Landgut. Eigentlich, nehme ich jedenfalls an, sollte Effi die Sympathieträgerin des Romans sein, aber ich muss zugeben, ich mochte Instetten immer ganz gerne, er schien mir der Typ Mann zu sein, mit dem sie sich jedenfalls hätte anfreunden können, wenn es schon mit der Liebe nichts wird. Weder war mir also ganz klar, warum Effie ihn so lange mit Crampas betrügt, vor allem, weil sie den auch nicht besonders mochte, und noch weniger, warum sie die Briefe, die sie sich geschrieben haben, über Jahre hinweg aufhebt, sogar in ihrem Nähkästchen aufbewahrt. Ich hätte die Dinger noch vor dem Umzug nach Berlin, der für Effi die Gelegenheit war, sich aus der Affäre mit Crampas zu lösen, verbrannt, und damit wären zumindest alle Urkundsbeweise aus der Welt gewesen. Im Grunde genommen ist natürlich klar, dass vor allem der strenge kaiserzeitliche Sittenkodex in der Kritik steht, dem Instetten folgt, obwohl er ihn weder für sinnvoll hält noch wirklich Rachegelüste empfindet. Aber ihm ist, im Gegensatz zu Effi, klar, dass er nur eine schreckliche Komödie spielt, und während Instetten mir bei dem Ganzen hauptsächlich leid tat, obwohl ich es erst recht verwerflich finde, jemanden zu erschießen, nur weil man denkt, dass muss so, war Effi zwar ebenfalls bedauernswert, aber hätte sie die Briefe vernichtet….

52 Bücher: Wieder ein Dreierpack

… nur diesmal in umgekehrt chronologischer Reihenfolge.

39. Woche: An welches Buch denkst Du spontan als allererstes beim Stichwort Hitze?

„Dune. Der Wüstenplanet“ von Frank Herbert. Kam mir heute schonmal in den Sinn, als wir überlegt haben, ob der Boden ausgetrocknet genug ist, um Sandwürmer anzulocken. Hat nicht funktioniert, aber wer weiß, was die Klimaerwärmung uns noch bringt. Der Wüstenplanet Arrakis im Buch hingegen hat seine Klimaerwärmung schon hinter sich, aber da er in einem mehr oder weniger feudal organisierten Universum der einzige Ort ist, an dem es die Droge Spice gibt, ist er dennoch bewohnt. Beherrscht wird er von der Fürstenfamilie Atreides, die jedoch einer Intrige des Baron Harkonnen zum Opfer fällt – nur die Konkubine des Herzogs, Jessica Atreides, und ihr Sohn Paul können in die Wüste fliehen. Dort schließen sie sich dem Volk der Fremen an, Paul lernt, die großen Sandwürmer zu rufen und zu reiten, und am Ende gibt es Enthüllungen diverser Verwandtschaftsverhältnisse und einen Showdown. Liest sich flüssig, und lässt einen auch bei 30° im Schatten mit dem Gefühl zurück, dass es uns doch eigentlich ganz gut geht. Nur die Tatsache, dass Paul für die Fremen der Messias ist, hat auf die Dauer ein bisschen genervt, und am Anfang hat es ein paar Längen, wenn Arrakis und die ganzen Figuren vorgestellt werden. (Soweit ich mich entsinne, war die Verfilmung aber ganz gut – und der einzige Film von David Lynch, den ich mir je angucken konnte.)

38. Woche: Mein Lieblingsplatz um ein gutes Buch zu lesen, wohin Bücher mich schon begleitet haben und wohin ich kein Buch mitnehmen würde!

Lieblingsplatz: Sofa, Sessel, Hängematte, eigentlich egal, solange ich meine Beine ausstrecken kann und ggf. noch Platz für irgendwas zu Trinken oder zu Knabbern ist. Früher habe ich sogar auf dem Klettergerüst gelesen, aber am liebsten war mir mein Baumhaus: von dort hatte ich guten Überblick, war aber selbst ein bisschen versteckt, es war lauschig und schattig. Hach.

Mitgenommen: Öhm. Uni zählt nicht, oder? Aber oft waren es auch fachfremde Bücher, um anwesenheitspflichtige Vorlesungen totzuschlagen. Ansonsten hab ich eigentlich überall Bücher mit hingenommen, sofern sie noch irgendwo rein passten.

Ausgeschlossen: im September planen wir eine längere Wanderung, da werde ich wohl aus Gewichtsgründen kein Buch mitnehmen, außer dem Reiseführer. Wobei ich nicht ausschließen kann, dass ich in einem Anfall von Unvernunft eines der zig Bücher einpacke, zu deren Lektüre ich derzeit nicht komme, und es nach zwei Tagen mit einem Fluch irgendwo liegen lasse, weil ich dringend Packgewicht reduzieren muss. Ich werde berichten.

37. Woche: Jenseits des Weißwurstäquators

Von hier aus gesehen liegt jenseits des Weißwurstäquators Österreich, und im Österreicher Burgenland lebt und schreibt Erwin Moser, unter anderem das Kinderbuch „Der Mond hinter den Scheunen. Eine Fabel von Katzen, Mäusen und Ratzen.“ Eine epische Geschichte um Moral (der Kater Rafi will plötzlich keine Mäuse mehr fressen, sondern mit ihnen plaudern), Demokratie (die Mühlratzen haben einen neuen Anführer, der sie zu stundenlanger Schufterei zwingt) und Liebe (eine Stadtkatze verdreht den Hofkatern die Köpfe). Auch für Erwachsene schön zu lesen, zumal die Handlungslinien sich liebevoll entfalten, haarscharf aneinander vorbeidriften und immer wieder unerwartete Wendungen nehmen. Besonders viel Raum nimmt der Erzählstrang um die Ratzen ein. Gelbzahn, der alte Anführer, wird von Schwarzfell abgelöst und ist seitdem auf der Flucht. Dabei beginnt er, über die Frage nachzudenken, ob die Ratzen überhaupt einen Anführer brauchen, und wenn ja, welche Eigenschaften ein solcher mitbringen sollte. Schließlich übernimmt er Verwantwortung für „sein“ Völkchen, damit es nicht in einen Krieg gegen die Kanalratzen gescheucht wird. Lustiger geht es bei den Katern zu, die die Angoradame mit (wirklich schlechter) Dichtung umschwärmen, während sich Rafi seiner Sympathie für die Mäuse schämt.

52 Bücher, 36. Woche: Das unbekannte Sakrileg

Beim letzten Mal fand ich es schon schwierig, zu beurteilen, welche Bücher einer gefühlten öffentlichen Meinung nach überschätzt werden (zugegeben: angestrengt hab ich mich auch nicht sonderlich), aber diesmal ist es auch nicht leichter: Welches war bloß „das unbekannteste Buch, das ich jemals gelesen habe„?

Ha, ich hab´s, das kennt keiner: Sakrileg. Wer jetzt an Dan Brown denkt, liegt falsch. 1983 erschien im Berliner Union Verlag schon mal ein Buch dieses Namens, allerdings von einem gewissen Oskar Jan Tauschinski. Ein galizischer Schriftsteller, übrigens, für die ich ja eine besondere Schwäche habe, und eine erste Google-Befragung ergibt, dass es das Buch nicht mal bei Amazon, sondern höchstens noch antiquarisch gibt, und Rezensionen, Artikel oder Aufsätze finden sich auf den 7 Seiten Trefferliste auch nicht, ganz zu schweigen von einem eigenen Wikipedia-Artikel. Das sollte für Unbekanntheit genügen.

Dabei ist das Buch keineswegs schlecht, allerdings harte Kost. Anfangs beginnt es recht zahm: ein Bildhauer möchte eine Skulptur des Leidens Christi am Kreuz schnitzen, sie soll sein bestes, eindrücklichstes Werk werden, und er findet in seiner Stadt einen armen jungen Mann, dessen Aussehen ihn so beeindruckt, dass er ihn bittet, für seinen Christus Modell zu sitzen. Jedoch wird die Skulptur nicht so ausdrucksstark, wie er sich das wünscht, und egal, wie sehr er sich bemüht, er schafft es nicht, den ersehnten Effekt hervorzurufen. Er bittet sein Modell, sich auf eine eilig gezimmerte Kreuzesattrappe zu legen – vielleicht liegt´s ja daran, dass er die Haltung nicht richtig hinbekommen hat. Um es kurz zu machen: es bleibt nicht dabei, es bleibt auch nicht dabei, dass beide, völlig versunken in dem Wahn des Bildhauers, noch perfekter zu schnitzen, noch eine Winzigkeit mehr Ausdruck zu erzeugen, sich im Atelier verbarrikadieren und weder essen noch trinken… am Ende ist der Bildhauer ein hilfloser, verstümmelter Bettler, der vor der Kirche der Stadt sitzt und um Almosen fleht. In der Kirche hängt ein Kruzifix, dass selbst die Hartgesottensten zum Weinen bringt.

Das Buch entwickelt einen Sog, der einen beim Lesen völlig gefangennimmt, vor allem, weil man die ganze Zeit denkt:  „Das macht er nicht wirklich. Nein, das kann er unmöglich machen. Das würde ja darauf hinauslaufen, dass…“ Auch nicht besser wird es dadurch, dass das Modell (ich meine, er hieß Jakub, bin mir aber nicht sicher) eine Geliebte hat, die sehnsüchtig auf ihn wartet. Nichtsdestotrotz entsteht zwischen Jakub und dem Holzschnitzer eine ganz eigene Dynamik, weder ist ersterer ein naives Opfer noch letzterer ein gewissenloser Mörder, und mit religiösem Wahn lässt sich sein Verhalten auch nicht erklären – letztlich geht es um die Suche des Künstlers nach dem perfekten Ausdruck, der umfassenden Übereinstimmung zwischen dem Bild in seinem Kopf und seinem Werk, die oftmals selbstzerstörerische, aber manchmal eben auch fremdzerstörerische Tendezen annimmt. Beklemmend, und zu Unrecht unbekannt.

(Und allemal besser als dieses doofe Dan-Brown-Buch.)

52 Bücher, 35. Woche: Maßlos überschätzt

Es gibt ja so Bücher, bei denen driften die allgemeine Rezeption und die ganz persönliche Wahrnehmung stark auseinander. Da ich einige Bücher für maßlos überschätzt halte, wird das eine längere Liste:

  • Der ganze Goethe. Nichts gegen Goethe, aber so toll ist er einfach nicht.
  • überhaupt das meiste vom Oberstufenlesestoff. Ich bin nicht böse darüber, „Tod in Venedig“ gelesen zu haben, und „Effie Briest“ mochte ich schon Jahre vorher, aber an den Rest kann ich mich nicht mal erinnern. (Ja, okay, Kafka. Aber Kafka ist ein Spezialfall, der meiner Ansicht nach vor allem unter sonderbaren Gesichtspunkten [„die Schrecken der Moderne vorweggenommen“] vermittelt wird.)
  • Malevil“ von Robert Merle. Merle mag andere gute Bücher geschrieben haben, aber Malevil war in erster Linie ziemlich… ekelhaft. Im südwestlichen Frankreich überleben Emmanuel Comte und einige Freunde einen Atombombenabwurf, weil sie sich gerade im Keller der Burg Malevil befanden. In einer größtenteils verwüsteten Umgebung müssen sie sich mühsam zurechtfinden und ernähren, dann stellen sie fest, dass noch einige andere die Katastrophe überstanden haben. Es kommt zu Konflikten mit Plünderern und einem despotischen Priester im Nachbardorf, in denen es hauptsächlich darum geht, wer die Frauen „haben darf“. Ich glaube, das war das einzige Mal, dass mich bei einem Roman eine explizit männliche Perspektive so gestört hat, und auch wenn ich nicht ausschließen kann, dass 13 auch kein gutes Alter ist, um so ein Buch zu lesen, und ich es heute möglicherweise ganz anders aufnehmen würde, erinnere ich mich immer noch mit Grausen an die Lektüre.
  • Die letzten Kinder von Schewenborn“ von Gudrun Pausewang. Rolands Familie will eigentlich nur nach Fulda, um die Großeltern zu besuchen, doch kurz vor ihrer Ankunft wird Fulda – und der ganze Rest mindestens Mitteleuropas – von einer Atombombe getroffen. Im Gegensatz zu Malevil, wo Strahlung aus irgendeinem Grund keine Rolle spielt, sterben hier die Leute reihenweise an der Strahlenkrankheit, auch Rolands Schwestern. Der Teil, in dem Roland und seine Eltern – auf Wunsch der schwangeren Mutter  – in ihre Heimatstadt Frankfurt zurückkehren, nur um festzustellen, dass dort ebenfalls alles dem Erdboden gleich gemacht wurde, gehört zum Herzerreißendsten, was die Jugendliteratur zu bieten hat. Obwohl ich nächtelang Alpträume davon hatte, hat das Buch bezüglich meiner grundsätzlichen Einstellung zur Atomenergie wohl sein Ziel verfehlt (wohlgemerkt, dort ist ein Szenario beschrieben, in dem der Kalte Krieg eskaliert, kein explodierender Reaktor) und die Detailliertheit, mit der die Autorin den Zusammenbruch der Zivilisation und die auftretenden Krankheiten und Todesfälle beschreibt, grenzt an Blutrünstigkeit. Was ironischerweise dazu führt, dass man  – oder jedenfalls ich – sich der Lektüre emotional komplett verschließt und sie somit ihre angestrebte Wirkung verfehlt.
  • Der Dunkle Turm„, Stephen King. Dass auch hier der Protagonist Roland heißt, kann kein Zufall sein, und auch wenn seine Welt sich „weiterbewegt“ hat, ähneln die Auswirkungen teilweise denen einer starken radioaktiven Verstrahlung, zumal auch gelegentlich etwas in der Art angedeutet wird. Davon abgesehen ist die Geschichte mit sieben Bänden einfach zu lang – es hätte eine brillante Trilogie sein können, hätte Mr. King sich kurz gefasst und darauf verzichtet, sich selbst einzubauen und obendrauf noch eine der Figuren ihr Leben für ihn opfern zu lassen. Der willing suspense of disbelief verließ mich an dieser Stelle schlagartig und kam auch nicht wieder.