Arbeitsleben

17. Türchen

Uff. Alle Jahre wieder wird es stressig vor Weihnachten, und weil ich so dermaßen busy bin, hab ich mir erlaubt, für heute lediglich im Archiv zu kramen. Dabei hab ich ein kleines Schmankerl aus frühen Anfängen – und der Faustcomic-Phase – entdeckt:

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Wenigstens muss ich keine Lotterielose verkaufen.

Wenn bei euch mal wieder das Telefon klingelt, und eine freundliche Stimme fragt, ob ihr nicht bei einer Marktforschungs-Umfrage mitmachen wollt, und ihr habt gerade Zeit, dann tut mir bitte einen Gefallen: macht da mit. Denn ihr könntet gerade mit mir telefonieren.

Natürlich nerven solche Anrufe, ohne Frage  – und zwar alle Beteiligten.  Für manche Teile der Fragebögen schäme ich mich sogar ein bisschen fremd. „Wie finden Sie [Bau-Unternehmen]? Antworten Sie bei den folgenden Eigenschaften bitte mit „Ja“ oder „Nein“: Super – ganz toll – voll spitze – richtig gut – sympathisch – (usw.)“ Bemerkenswerterweise reagieren manche angefasst, wenn ich sie nach ihrer Meinung frage, und weigern sich rundheraus, da überhaupt irgendwas zu sagen, „da sind Sie bei mir falsch, aber fragen Sie doch mal die Leute, die bei [Unternehmen] wohnen, da bekämen Sie Sachen zu hören, wie die verwalten, eine Unverschämtheit!, und neuerdings nehmen die auch jeden rein, alles voller Ausländer!!, früher mal, da war das noch angesehen, was ganz Seriöses, aber heutzutage, da ist das nur noch ein Sauhaufen!!!, Sie würden sich wundern, was da alles schiefgeht, und wer dort alles wohnt, aber ich kann Ihnen doch nicht einfach irgendwelche Eigenschaften einschätzen, das ist ja ein Tratsch und Klatsch, sowas mache ich nicht!“

(Die aus Professionalitätsgründen so nicht gegebene Antwort: Marktforschung IST Tratsch und Klatsch, nur eben statistisch ausgewertet. Aber wenn Sie in allen Lebensbereichen so vornehme Zurückhaltung walten lassen und sich nur zu Themen und Personen äußern, über die Sie fundiert Bescheid wissen, dann Hut ab, weiter so.)

Bei dem Teil, wo es um Interessen und Freizeitverhalten geht, was ich für die weitaus sensiblere Information halte, plaudern allerdings die meisten fröhlich aus dem Nähkästchen, so sehr, dass ich dann immer bremsen muss: Wie oft sie was lesen, im Fernsehen anschauen, welche Haustiere sie haben, wo sie einkaufen gehen… manchmal sorgt diese Rubrik auch für traurige Momente, wenn der – meistens ältere – Gesprächspartner seine vielfältigen Gebrechen aufzählt, aber auch für lustige, wenn die wohl situierte, kulturell bewanderte Dame plötzlich kichernd gesteht, keine Folge von „Sturm der Liebe“ zu verpassen.

Ganz heikel ist die Frage nach dem Einkommen. Das wird ohnehin nur in groben Stufen abgefragt, aber entweder denken die Angerufenen, das Finanzamt hört mit, oder wir würden dann doch herausfinden, wer genau sie sind und wo sie wohnen, jedenfalls werden da selbst Leute, die vorher nicht zu bremsen waren, schweigsam. Anstatt dann aber ein entschiedenes „keine Angabe!“ zu äußern (wobei ich es dann auch belasse), kommen abenteuerliche Begründungen, warum mich das nichts angeht:

„Mein Einkommen sage ich Ihnen nicht, dann wollen Sie mich bloß heiraten!“ Fast hätte ich ihn gefragt, ob er es dann einem männlichen Kollegen verraten würde, aber wir konnten uns gütlich einigen (und sooo viel war´s gar nicht). (Mal abgesehen davon, dass dieses Frauenbild von wegen „Hauptsache reich heiraten“ sicher kritikwürdig ist, aber wir sind ja kein Feministenblog hier.)

„Unsere Politiker machen das ja auch nicht, die $&{ß%§!“ Leute, die man nicht ausstehen kann (wie mir die betreffende Person lang und breit kund tun wollte), plötzlich als Referenzgruppe zu nehmen, ist schon ganz schön kindisch. Mal davon abgesehen, dass es bei denen um Nebeneinkünfte geht und die auch zumindest schrittweise angegeben werden, aber er war bereits so schön am Hassen, dass das auch nichts mehr half.

Ach, Arbeiten. Irgendwie hat es mir gefehlt.

Das Recht auf Glückseligkeit

Eine Sau, die immer wieder gern durchs mediale und politische Dorf getrieben wird, ist das bedingungslose Grundeinkommen. Es ist auf den ersten Blick ein hübsches Tier und trägt den Kopf hoch: Menschenwürde, Freiheit, (bescheidener) Wohlstand für alle. Leider habe ich weder die Zeit noch die ökonomische Bildung, um mich vertieft mit allen diskutierten Modellen zu befassen, aber für einen gedanklichen Steinbruch, zu welchem ihr gern eure Steine und Steinchen beitragen könnt und sollt, reicht es ja immer.

Die Finanzierung ist mir unklar. Das Grundeinkommen aus dem Bundeshaushalt zu bestreiten wäre unmöglich. Nehmen wir mal ein Grundeinkommen von 1.000 € als Rechengrundlage an – bei rund 82 Millionen Einwohnern wären das 82 Milliarden € im Monat und 984 Milliarden € im Jahr. 2011 betrugen allein die Gesamtausgaben des Bundes 305,8 Milliarden €. Davon entfielen 131,19 Milliarden auf „Arbeit und Soziales“ – wenn man diesen Posten einfach umverteilt, springen pro Monat und Nase 133,23 € heraus, und das ist so wenig, dass man es auch gleich sein lassen kann. Irgendwie müsste der Bund also knapp 800 Milliarden € locker machen – und das pro Jahr.

Etwas anders sieht es aus, wenn man die Sozialausgaben der gesamten öffentlichen Hand anschaut, die 2010 insgesamt 760 Milliarden € betrugen. Widmet man dieses Budget zum Grundeinkommen um, springen 772,36 € pro Monat und Nase heraus. Das klingt gleich ganz anders. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das BGE alle in der verlinkten Tabelle genannten Kosten subsituieren würde. Kranken- und Pflegeversicherung blieben zum Beispiel ja immer noch übrig, nehme ich mal an (ihr dürft mich gern eines Besseren belehren), was zu knapp 333 Milliarden € führen würde, die man noch ausschütten könnte (entspricht dann 338,40 €, was wiederum ein Witz ist.) (Mal ganz davon abgesehen, dass das die Summe ist, die wenige Bedürftige bereits jetzt brauchen – bei einer Umverteilung fallen dann auch die „Spitzen“ für diejenigen weg,  die aus irgendwelchen Gründen eben eine höhere Bedürftigkeit haben und mehr brauchen, als sie mit einem Grundeinkommen bestreiten könnten.)

So richtig geht das ganze Finanzierungsmodell also nicht auf, und an je mehr Stellschrauben man drehen müsste, um die entsprechenden Fehlbeträge hereinzubekommen, etwa durch Steuern, umso unübersichtlicher und unvorhersehbarer wird dann die Rechnung. Dazu kommt, dass das Grundeinkommen ja gerade den Effekt haben soll, die Menschen vom Markt unabhängiger zu machen – das könnte aber auch bedeuten, dass die Wirtschaftsleistung insgesamt sinkt und nicht mehr viel übrig bleibt, was sich umverteilen lässt. Oder, wie es Ingmar Kumpmann diesem überhaupt sehr lesenswerten Beitrag ausdrückt:

Das Grundeinkommen kann maximal so hoch sein wie die Bereitschaft der Menschen, zur Wertschöpfung beizutragen, hoch genug bleibt, damit die Finanzierung gesichert ist.

Ich gebe gern den Berufspessimisten und sage, dass das möglicherweise nicht so viel sein wird, dass sich das ganze Ding lohnt und auf die Dauer selbst trägt. Eine weitergehende „Systemveränderung“ und komplette Neubewertung von Arbeit, Leistung, Produktivität u.ä. steht dabei immer noch im Raum, aber die Wahrscheinlichkeit der Umsetzbarkeit verhält sich da meiner bescheidenen Ansicht nach indirekt proportional zur Intensität der dafür notwendigen Eingriffe – eine völlig neue Gesellschaft lässt sich nicht verordnen, und gegenüber Dingen, die unter der Prämisse funktionieren sollen, dass „man ja nur wollen müsse“, bin ich höchstgradig misstrauisch.

Das Grundeinkommen ist ungerecht. Von der selben Summe, von der man in, sagen wir, Leipzig, halbwegs ordentlich wohnen, essen und einmal im Monat in die Oper gehen kann, kann man in München gerade mal eine halbe Wohnung mieten. In diesem Fall bekommen zwar alle das gleiche, fühlen sich aber trotzdem ungerecht behandelt. Ähnliches lässt sich natürlich auch über Hartz IV sagen, nur dass da zumindest das Problem der Mieten abgefangen wird. Ein kompliziertes Sozialsystem mit Bedürftigkeitskriterien hat zudem den Vorteil, dass mehr Einzelfallgerechtigkeit möglich ist (es kann natürlich auch einfach nur kompliziert sein), während beim Grundeinkommen kaum Möglichkeiten bestehen, Härtefälle abzufangen. Es müsste also eine Höhe haben, von der man ortsunabhängig und auch sonst in jedem Fall existenzgesichert ist, was wiederum das Finanzierungsproblem verschärft.

Was ist an Arbeit eigentlich so schlimm? Nein, ich bin nicht erst gestern vom Laster gefallen (ich habe insgesamt 3 längerfristige Nebenjobs bzw. mit „richtiger Arbeit“ vergleichbare Praktika gemacht, sowie einen Monat Industriearbeit, ich sitze also nicht völlig auf der Wolke) und weiß, dass es sowohl prekäre Arbeitsverhältnisse als auch Ausbeutung als auch sonstige unschöne Erscheinungen in der Arbeitswelt gibt, aber mich wundert immer wieder die Verve, mit der betont wird, dass ja dann endlich niemand mehr gezwungen sei, seinen Lebensunterhalt mit etwas zu verdienen, was er nicht gern tut. Wenn tatsächlich ein Großteil der Bevölkerung seine Arbeit so sehr hasst, dann bräche die Wirtschaft bei der Einführung des BGE vermutlich erst mal zusammen. Das Grundeinkommen als Allheilmittel zu betrachten weckt hauptsächlich völlig überzogene Erwartungen, und solange Eigeninitiative durch haufenweise Gewerbe-, Handwerks- und sonstige Beschränkungen und einen Wust an Verordnungen abgewürgt wird, weil auf keinen Fall irgendjemand Arbeiten ausführen soll, für die er nicht qualifiziert sein könnte, oder zumindest vorher fünfzehn verschiedene Formulare mit dreifachem Durchschlag eingereicht hat, so lange kann mir keiner erzählen, dass diesbezüglich schon alle Mittel ausgeschöpft sind, um Leute zu mehr Eigeninitiative zu ermutigen.

Der Gedanke hinter dem Grundeinkommen leuchtet mir nicht ein. Nicht dass wir uns falsch verstehen: ich fände es sehr entspannend, zu wissen, dass mein Existenzminimum auch dann gesichert ist, wenn ich mein Examen in den Sand setze. Ein Teil der Argumentation pro Grundeinkommen läuft darauf hinaus, dass es „menschenwürdiger“ sei, keine Arbeiten mehr anzunehmen, die man nur macht, weil man sie machen muss. Aus den Grundrechten und vor allem der Menschenwürde wird, grob gesagt, in Grundeinkommensbefürworterkreisen nicht nur ein Anspruch darauf hergeleitet, dass der Staat einen weitestmöglich in Ruhe lässt, sondern auch darauf, dass er unsere grundlegenden Bedürfnisse erfüllt und ein von materiellen Sorgen freies Leben ermöglicht. Eigentlich kann man gar nichts mehr über Eigeninitiative, Selbstverantwortung und Freiheit sagen, ohne dass irgendwer „neoliberal!“ und „sozialkalt!“ schreit – aber ich verstehe nicht so recht, was Menschen dazu bringt, von ihrer Umwelt die Erfüllung ihrer Bedürfnisse zu verlangen, solange und soweit (!) sie es eigentlich auch selbst könnten.

Was meint ihr?

Nachtschicht

Ein kleiner Nachtrag meiner Fabrikbeschäftigung, die sich als so einträglich erwiesen hat, dass ich erwäge, die Branche zu wechseln, auch wenn das Entgraten von Brennkammerrohren (ca. 4000 pro Schicht) seitdem das untere Ende meiner persönlichen Skala für mentale Ödnis markiert. Wenn man als komplett ungelernte Hilfskraft mehr Geld pro Stunde kriegt als in dem Bereich, in dem man eigentlich qualifiziert ist (okay – auf dem Weg dahin, qualifiziert zu sein), dann kann doch irgendwas nicht stimmen. Oder ich muss mal ein ernstes Wort mit meiner Chefin reden.

Die vier Stadien der Langeweile

Es gibt Jobs, für die kann man gar nicht unterqualifiziert genug sein. [Seitenhiebe auf Journalisten, Politiker oder Bahnvorstände bitte selbst einsetzen.] Löcher in Rohre stanzen, beispielsweise. Besonders dieses ist, da nicht einmal der Form nach mit geistigem In- oder Output verbunden und jeglicher Kommunikation völlig abträglich, weil ohrenverstöpselt in lauten Fabrikhallen stattfindend, vermutlich schon eine Vorstufe zur Sensory Deprivation, und nach 8 Stunden an der Hydraulik-Presse ist der Tag gelaufen. Bis dahin passieren allerdings lustige Dinge mit dem menschlichen Verstand.

Anfangs ist das Ganze ja noch spannend – man hat eine monströs große hydraulische Presse vor sich, die auf Knopfdruck mehrere Tonnen herabsenkt, um unschuldigen kleinen Stahlrohren brutale Dinge anzutun, und dann muss man diese kleinen Stahlrohre ja auch noch feststecken, damit sie nicht abhauen, also quasi auf der Folterbank festschnallen, umsetzen, neue einlegen… ungeheuer faszinierend. So für drei Minuten. Dann tut der eintönige Arbeitsablauf seine Wirkung, die Angst, ein Rohr „irgendwie falsch“ einzulegen, verschwindet, und man erlebt das erste Stadium der Langeweile: mäßiges Desinteresse. Unterbrochen wird das gelegentlich durch Capricen der Maschine (es hat wohl seinen Grund, dass es die Maschine heißt und auch die Presse), die wesentliche Kleinteile ihrer selbst zerlegt, der man den Lochstanzabfallausführkanal freiräumen muss oder mühsam ein Metallplättchen mit ca. 3 mm Durchmesser irgendwo herausprokeln, wo es den Pressvorgang stört. Oder irgendwas hängt in der Lichtschranke. Das Rohr geht nach erfolgter Stanzung nicht aus der Form und muss unter Einsatz von Brachialgewalt herausgezerrt werden, wonach es vermutlich nicht mehr für das brauchbar ist, wofür es gestanzt wurde.

Nach dem einunddrölfzigsten festhängenden Metallplättchen machen sich die Nebennieren aber schon nicht mehr die Mühe, ein bisschen Adrenalin beizusteuern, lässig fegt der stolze Pressenbediener die Pressbolzenhalterung frei und stanzt weiter. Und weiter. Immer weiter. Es folgt das zweite Stadium der Langeweile: Zwanghaftes Zählen von Sekunden, Minuten und Rohren. Schon fünf nach Zwei. Sechs nach Zwei. Das dritte Rohr ist fertig. Acht nach Zwei. Vier Minuten vor viertel Zwei, 180 Sekunden seit dem letzten Blick auf die Uhr. Noch ein Rohr. Frust. Viertel Zwei. Zehn Rohre. In der Produktion sieht man wenigstens, was man macht. Hier werden Löcher produziert. Eine Minute nach Viertel Zwei. Acht Stunden Schicht, das macht 480 Minunten, das sind 28.800 Sekunden. Ein Rohr ungefähr aller zwanzig Sekunden, das macht 1.440 Rohre, wenn es denn glatt liefe, sämtliche kleineren Pannen mitgerechnet, sind es wohl eher dreißig Sekunden, die auf ein Rohr kommen, das sind dann 960 Rohre pro Schicht, macht dann an 20 Arbeitstagen insgesamt… undsoweiter. Irgendwann sind die Rohrzahlen bei allen möglichen Pannenkonstellationen berechnet, der Stundenlohn im großen Einmaleins durchexerziert, und kurz bevor man aus Verzweiflung anfängt, Finger, Augen oder Haare seiner Mitmenschen, sofern keine vorhanden, seiner selbst, zu zählen, kommt das dritte Stadium: Gleichmut. Rohr einlegen, Knopf drücken, Rohr umstecken [ad infinitum] geht automatisch, Pannenbeseitigen geht auch automatisch, der Geist wird frei, wehrt sich nicht mehr gegen die Monotonie, der Mensch ist an der Maschine mit seinen Gedanken so allein wie nur selten sonst und kann sich geistig Dingen widmen, die ihm vorher nie eingefallen wären. Nun wissen wir auch, wie die Arbeiterbewegung entstanden ist. Eventuell treten in diesem Stadium, vor allem, wenn man mit manchen Gedanken nicht gern allein ist, auch Halluzinationen auf. Sankt-Elms-Feuer am Presskolben, Gesichter im Schmieröl, Stimmen im Pressgeräusch der Maschine („Krrks. Ssssssst. Bchchchch. Tk.“) Satanische Botschaften. Klassenlose Gesellschaft. Inzwischen ist der eigene Körper ein Teil der Maschine, der Bewegungsablauf funktioniert völlig entkoppelt vom Großhirn, dem die Entkopplung gar nicht gut tut. Mehr Löcher. Sechs Löcher pro Rohr, das macht im Schnitt inklusive kleinerer Pannen 5.760 Löcher pro Schicht. Das ganze Hirn wird ein Loch, und zwar ein Schwarzes.

Falls ihr nichts mehr von mir hört, liegt das daran, dass ich ins vierte Stadium gefallen bin und mich nicht nur wie ein Maschinenteil fühle, sondern auch nur noch so äußern kann. Krrks. Ssssssst. Bchchchch. Tk. Krrks. Ssssssst. Bchchch. Tk. Krrks…

Vertrauen ist gut

Hei, war das ein Schreck: da hatte ich mir auf Arbeit so eine Mühe gegeben, für einen Online-Versand schöne, halbwegs rechtssichere AGB zu erstellen, und dann flatterte ein anwaltliches Schreiben in die Kanzlei, indem besagter Onlineversandhändler gegen ebenjene AGB klagen ließ (sprich, er wollte sie nicht bezahlen). Sie seien höchstgradig abmahnfähig (was auch immer das heißt im Zeitalter klagewütiger Anwälte unter Gelddruck und auf Arbeitsbeschaffungstour durchs Internet), setzten den Mandanten unnötigen Haftungsrisiken aus (Klar, weil man Haftung gegenüber Verbrauchern so schön ausschließen kann) und die Angabe einer Telefonnummer in der Widerrufsbelehrung sei irreführend, dann käme ja ein Verbraucher auf die Idee, fernmündlich zu widerrufen (Völlig egal, dass zwei Absätze weiter oben steht „Der Widerruf erfolgt in Textform.“)

Moment mal: hatte Chefin nicht, im Gegensatz zu mir Inhaberin zweier Staatsexamina und einer Haftpflichtversicherung, das Ganze nochmal kontrolliert?

„Joan, Sie haben doch das Erste Examen schon. Da dachte ich, ich könnte Ihnen vertrauen… aber offenbar kann ich das wohl doch nicht. Bitte verfassen Sie eine ausführliche Fehlerbetrachtung, die ich gegenüber den gegnerischen Anwälten auch argumentativ verwenden kann, aber ohne die Zeit in Rechnung zu stellen.“

Mal davon abgesehen, dass sie das mit dem Examen irgendwie halluziniert haben muss und angesichts meiner Studienbescheinigung, der Tatsache, dass ich noch Vorlesungen besuche und kein Referendarsgehalt bekomme, schon ein gerüttet Maß an Realitätsverlust notwendig ist, um diese Vorstellung aufrecht zu erhalten: Seit wann stellt man Studenten ein, lässt sie die ganze Arbeit alleine machen („Nein, ich kann das jetzt nicht mit Ihnen besprechen. Machen Sie das bitte p-e-r-f-e-k-t fertig und schicken es dann raus.“) und beschwert sich dann, wenn das mal schiefgeht, über missbrauchtes Vertrauen? [Disclaimer: weder habe ich jemals behauptet, irgendein Examen zu haben, noch, dass meine Schriftsätze frei von Anfänger- und sonstigen Fehlern sind. Aber auf mich hört ja keiner.] Auf meine Nachfrage, ob sie denn nicht nochmal kurz nachgeprüft hätte, was ich da zusammengestoppelt habe, Chefins O-Ton: „Sonst kontrolliere ich Ihre Sachen IMMER, Joan, aber diesmal war es eben eilig. […] Übrigens, Ihre Klageschrift in Sachen Beierlein-Buchsbaum gegen Hades-Klinik, die kann ich doch so rausschicken, oder? Ich muss zum Squash.“