Genuss

Ignorieren Sie diesen Beitrag

An Leuten, die meinen, anderen Leuten erklären zu müssen, wie das Leben funktioniert, kann ich mich kaum sattlesen, und ist das Thema noch so sinnlos. „Coffee to go“ zum Beispiel: es gibt tatsächlich Leute, die vehement dagegen sind, weil es angeblich nur die allgemeine Hektik befördert, seinen Kaffee mitzunehmen, statt ihn frischgebrüht im gemütlichen Kaffeehaus vor Ort zu genießen. (Leider finde ich den Artikel nicht mehr, aber er las sich ungefähr so.) Mal davon abgesehen, dass ich leicht allergisch auf das Thema „Kaffeehaus“ reagiere, weil es eine Zeit lang das Steckenpferd der gesamten slawistischen Fakultät war (und „Kaffeehausliteratur“ ist wirklich ein selten unergiebiges Thema, zumindest für alle, die keine k.u.k.-Nostalgiker sind), sind meine Erfahrungen genau entgegengesetzt: mit Coffee to go setze ich mich gern in den Park (Entschleunigung! Naturgenuss!), oder nehme ihn mit zu Veranstaltungen, in denen ich ohne Koffeinzufuhr vor Müdigkeit einschlafen oder ausrasten würde (Lebensqualität! Umgangsformen!). Keine Spur von Hektik also. Dieses permantene Nichtnachvollziehen macht für mich auch den großen Reiz eingangs erwähnter Textgattungen aus.

Außerdem ist es das Ertappt-Fühlen: Diese ganzen „Wir [Verb, das mit dem Untergang des Abendslandes verbunden ist]en zu viel“-, „Wie wir [Verb/Substantiv, das mit Kindheit assoziiert wird] verlernt haben“- und „Warum wir wieder mehr [Verb/Substantiv, dass entweder betont kontrovers oder überraschend simpel daherkommt] brauchen“-Artikel erinnern mich ein bisschen an meine eigenen Phasen von Besserwisserei. Andere nicht. Den Vogel diesbezüglich schießt dieser Welt-Artikel ab: „Wie wir verlernt haben, das Leben zu genießen„. Schon diese Betonung auf „Wir“, und „man“! Mag ja sein, dass die Welt-Autoren sich da gleich wiederfanden, aber ich kann es nicht haben, auf diese Weise für eine Gruppe vereinnahmt zu werden, mit der ich gar nichts anfangen kann, mein Problem ist jedenfalls nicht zuviel Mäßigung. Zweitens, wo holen sich die Zeitungen immer ihre Philosophen her? Und was sagt es mir, wenn tatsächlich ein solcher meint,

„ein denkwürdiger Verbund aus Neoliberalismus, Idealismus, Postmoderne, Political Correctness und Gesundheitsterrorismus habe die wichtigste philosophische Frage überhaupt, nämlich die nach dem guten Leben, praktisch unstellbar gemacht“?

In erster Linie sagt das etwas über die Feindbilder des konkreten Philosophen, und in zweiter Linie darüber, wie sehr Menschen bereit sind, sich dem zu beugen, was als „soziale Norm“ angesehen wird, oder vielmehr: bereit sind, ein solches Verhalten ihren Mitmenschen zu unterstellen. Drittens, und das stört mich am allermeisten: diese stereotype Vorstellung von „Genuss“. Ein „unvernünftiger Spontankauf in der Boutique“ wird dann schonmal zu einem „sinnlich-provokanten Erlebnis jenseits des sozial Akzeptierten“, dabei ist es in erster Linie Konsum (Kapitalismus ist oben übrigens nicht aufgeführt, sieh an), und auch vollkommen innerhalb des sozial Akzeptierten, wenn auch vielleicht in der Schublade der „akzeptierten Übertretungen“, aber nichtsdestominder akzeptiert. Und Genuss, der einen hinterher übel reut, weil das Bankkonto leer ist und vielleicht das Teil, bei Tageslichte betrachtet, nicht mal gut aussieht, verkehrt sich eher in sein Gegenteil, anstatt als „sinnlich-provokantes Erlebnis“ in Erinnerung zu bleiben. Und auch wenn ich verstehe, was der Artikel mit den Beispielen „Kneipen ohne Rauch, Sahne ohne Fett, Bier ohne Alkohol, virtuellem Sex ohne Körperkontakt“ sagen will: irgendwie beschleicht mich der Verdacht, dass das Problem „der Gesellschaft“ nicht zu viel Mäßigung ist, und auch nicht zu wenig, sondern (wenn überhaupt) das Schielen nach Optimierung, das auf der Metaebene („Oh weh, wir genießen zu wenig! Was kann man da bloß tun?“) fröhlich weiter geht.

In Anlehnung an Montaigne würde ich sagen: unsere vornehmste Aufgabe ist es, uns nichts von irgendwelchen Feuilleton-Philosophen einreden zu lassen. In diesem Sinne: Ignorieren Sie diesen Beitrag.