Hitlervergleich

Das is´ ja wie Hitler hier.

Alle reden über Sexismus, aber weil ich ja gern etwas antizyklisch unterwegs bin, geht es heute um Integration. Und Rassismus. Männer-Frauen-Gedöns gibt es eventuell später, wenn ich die damit zusammenhängenden Tischkantenreste aus meinen Zähnen gepult habe.

Rassismus also. Kürzlich hatte ich – am Telefon, wo sonst – das Vergnügen, mich fragen zu müssen, ob die Menschen mit türkischem Namen und leichtem türkischen Akzent, die ich zu Fragen des Wohnkomforts interviewen durfte, nicht ein bisschen zu gut integriert sind, wenn sie sich über „die Zigeuner“ aufregen und betonen, dass sie mit solchen „Assis und Ausländern“ nicht zusammen wohnen wollen. Sie passen perfekt zu den ganzen Deutschen, die beim geringsten Anlass betonen, sie hätten ja nichts… also… das könne man jetzt nicht so sagen… aber bei ihnen im Block wohnen nur Russen/Türken/Zigeuner, und sie hätten es schon lieber, wenn da wenigstens noch ein paar Deutsche wohnen würden, dann könne man sich vielleicht besser unterhalten. Außer, sie haben Arbeit, die Ausländer, dann sind sie in Ordnung.

Kein Wunder, dass dann „die Ausländer“, mutmaßlich auch die inordnungen, bisweilen überreagieren: als ich heute einem arabisch(?)stämmigen jungen Mann mitteilen musste, dass wir die Tasche, die er im Bus vergessen hatte, leider nicht finden konnten, fing er an, mich und die Verkehrsbetriebe mit Hitler zu vergleichen und eskalierte schließlich so weit, dass er wissen wollte, wo ich denn säße, er käme da jetzt hin und dann würden wir schon sehen, ob seine Tasche wieder auftaucht. Ich hätte ihm echt gern gesagt, dass wir in Leipzig und nicht in [Ort in Norddeutschland] sitzen, und dann zugesehen, wie er und sein überschäumendes Temperament ohne Geld und Papiere – die waren in der Tasche – die halbe Bundesrepublik durchqueren. Da wir das nicht dürfen, und ich mir damit nur den nächsten Hitlervergleich eingehandelt hätte, legte ich erst mal auf, woraufhin mir eine etwas verstörte Kollegin 15 Minuten später den gleichen Anrufer wieder durchstellte, und das Spiel ging von vorne los. Ich habe keine Ahnung, ob es ein deutsches oder wohlstandsgesellschaftsbasiertes oder einfach nur menschliches Phänomen ist, dass Leute unbedingt alles, jetzt und sofort haben wollen, und wehe, die Realität fügt sich nicht ihren Wünschen. Unumstößliche physikalische Gesetzmäßigkeiten wie Zeit oder Raum spielen noch weniger eine Rolle als Tarifbestimmungen. Insofern stand der junge Mann hiesigen Rentern in nichts nach. Und jetzt sage noch einer, „die“ seien in irgendeiner wesentlichen Hinsicht anders als „wir“.

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