Kunden

Auf Wunsch einer einzelnen Dame (1)

Neulich wurde von Seiten einer Freundin beklagt, dass die Callcenterzeit – und damit ein schier unerschöpflicher Anekdotenschatz – jetzt vorbei sei. Zwar kommen keine neuen mehr nach, aber ich habe noch ein paar in petto, die im Entwurfsordner überdauert haben. Bittesehr!

Gestern hatte ich eine Horror-Schicht, der ich eine Zombieapokalypse möglicherweise vorziehen würde, weil man dann ungestraft mit Kettensägen hantieren… aber nein, ich versuche, einigermaßen gewaltfrei zu bleiben, und davon abgesehen könnte ich mit der Kettensäge ja höchstens (wenn auch sehr aufsehenerregend) die Telefonleitung kappen.

Verbindungsauskünfte gebe ich grundsätzlich gerne. Die Maske ist recht einfach zu bedienen, die Leute wissen üblicherweise, wo sie wohnen und wo sie hinwollen, und da die meisten insgeheim ein schlechtes Gewissen haben (jedenfalls vermute ich das), weil sie auch für unterkomplexe Strecken anrufen, anstatt einfach auf den Fahrplan zu gucken, sind sie in der Regel recht geduldig. Auf die ältere Dame, die mal so ganz allgemein wissen wollte, wie denn jetzt die Busse im Südraum Leipzig fahren, traf das alles nicht zu. Also, sie wusste schon, wo sie wohnte, aber sie konnte sich nicht entscheiden, wo sie hinwollte, wusste die Buslinien nicht, hatte die Fahrpläne von vor der Wende im Kopf und wurde stinkig, weil ich in dem Gewirr von vagen Ortsangaben („In der Siedlung“), vagen Zielangaben („Zum See. Aber nicht ans Nordufer, das andere!“) irgendwann völlig die Orientierung verlor, und dass, obwohl ich die Gegend aus eigener Anschauung kenne. Meine zunehmende Verwirrung und der immer vergeblichere Versuch, mir meine Gereiztheit nicht anmerken zu lassen, machten das Gespräch nicht gerade konstruktiver: „Wie fährt denn jetzt der Bus vom Connewitzer Kreuz?“ – „Moment, da gibt´s mehrere Linien, A, B und C, welche möchten Sie denn nehmen?“ – „Den BUS halt!“ – Ich gestehe, ich hab ihr auf gut Glück eine Linienführung angesagt, die bei besagtem Connewitzer Kreuz losging, denn „in den Süden“ fahren da so ziemlich alle Busse. „Aber der nach Zwenkau, der hält doch auch am Cospudener See!?“ – „Nein, tut der nicht, der lässt den See links liegen und hält erst wieder direkt in Zwenkau.“ – „Aber der hielt doch früher am Ostufer!“ – etc.pp. Und das für Jede. Verfluchte. Buslinie. Deren Nummern sie nicht wusste, auch keinen Start- oder wenigstens Endpunkt, dafür unfassbar viele Orte immer dann einwarf, wenn ich gerade dachte, mir zusammengereimt zu haben, was sie meinte.  Und bei mindestens der Hälfte dieser Orte könnte ich schwören, dass dort vielleicht vor meiner Geburt eine Haltestelle war, aber heute definitiv nicht mehr. Kettensägen, ich sach euch. Zur Krönung des ganzen beendete sie das Gespräch mit „Na, ich merke schon, Sie haben keine Ahnung, und jetzt hören Sie mit der Eierei auf.“ Klick. Es war insgesamt eine Viertelstunde vergangen, ich war nassgeschwitzt und den Tränen nahe, und frug mich, nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, folgendes: Ist das jetzt gut oder schlecht, dass ich dieser Frau gegenüber nicht ausfällig oder wenigstens deutlich geworden bin? Den normal-ätzenden Kunden habe ich inzwischen halbwegs im Griff, aber dieser geballten Wucht aus nebulösen Fragen und sinnlosen Details war ich einfach nicht gewachsen. Jetzt sitzt irgendwo eine ältere Dame (die von Glück sagen kann, dass wir keine Videotelefonie machen, sonst würde ich, sollte ich ihr zufällig auf der Straße begegnen und keine Kettensäge bei mir führen, mich versucht fühlen, sie vor einen Bus zu schubsen, der zum See…), jedenfalls, jetzt sitzt da eine ältere Dame, die beim Kaffeekränzchen ihren Freundinnen erzählt, wie furchtbar unfähig die bei den örtlichen Busbetrieben sind, nicht mal die einfachsten Sachen habe dieses Telefonfräulein gewusst. Und dann nicken diese alten Damen, vielleicht sind auch ein paar ältere Herren dabei, und bestätigen sich, dass es früher sowas nicht gegeben hätte, überhaupt dieser ganze neumodische Kram, zu ihrer Zeit hat man seine Arbeit noch ordentlich und gründlich gemacht. Hätte ich ihr aber gesagt, was ich in dem Moment tatsächlich dachte („Pick mich doch am Bürzel, du alte Schabracke!“) hätten die Verkehrsbetriebe einen Abo-Kunden weniger. Nicht mein Problem, wer seine Kundenkontakte auslagert, ist selbst schuld.

Vielleicht wäre sie aber auch zu genau demselben Schluss gekommen, nämlich dass früher alles besser war. Und dann würde es überhaupt keinen Unterschied machen, ob ich mich endlich mal traue, wirklich deutlich zu werden oder nicht, außer für mich. Und wenn die Zombieapokalypse kommt, dann kann ich meine Kettensäge bestimmt produktiver einsetzen.

Advertisements