liberal

Ich bin eine Liberale, verachtet mich!

Hauptsächlich natürlich, weil ich dafür eintrete, dass Leute von ihrer Arbeit nicht leben können, im Winter frieren und schlussendlich auf der Straße oder noch besser im Straßengraben verrecken. Hätten sie halt was Vernünftiges gelernt. Außerdem bin ich total sozialkalt, würde niemals irgendwem helfen, und sei es, dass es mich nichts außer 5 Minuten meiner Zeit kostet, denn schließlich hat sich jeder selbst die Lage zuzuschreiben, in der er sich befindet, was mich schon verdächtig in die Nähe der Nazis rückt, denn die waren ja auch dafür, dass jeder das Seine kriegt. Außerdem propagiere ich Egoismus, Opportunismus, das mit der Sozialkälte hatte ich zwar schon, aber man kann es nicht oft genug sagen, und überhaupt rundum den totalen, schieren Eigennutz. Ich klatsche Unternehmern Beifall, die ihre Arbeitnehmer mit Hungerlöhnen abspeisen, sie schuften lassen, bis sie umfallen, und ihnen schlussendlich kündigen und sich natürlich mithilfe gerissener, schmieriger Winkeladvokaten ihrer Verpflichtung zur Abfindungszahlung entledigen. Südeuropäische Länder gehören geknechtet, bis dort alle am Boden liegen, damit sie das mit dem Sparen endlich mal lernen. Wie jetzt, Finanzmärkte? Was können die dafür, wenn andere zu doof sind, ihre Angelegenheiten zu regeln? Außerdem bin ich voll dafür, alle Menschen (bis auf oben erwähnte Unternehmer natürlich) in der kapitalistischen Tretmühle rennen zu lassen, bis sie umfallen, damit sie auf keinen Fall dazu kommen, die Verhältnisse oder auch nur ihr eigenes Leben zu reflektieren, denn wer schwach ist, ist schließlich selbst dran schuld, faul und dumm und hat keinerlei Unterstützung verdient, sonst könnte man sie auch gar nicht mehr so schön ausbeuten. Sozialer Frieden ist mir übrigens komplett egal, ich wohne dann einfach in einer abgesicherten, von einer privaten Security bewachten Wohnanlage. Das geht natürlich nur, indem ich mich an die fiesen Unternehmer ranschmeiße und für sie die schmierige Winkeladvokatin gebe, die es ihnen erlaubt, sich auch noch aus der letzten sozialen Verpflichtung herauszuwinden. Und aus ihren Steuerpflichten sowieso.

[Ich weiß manchmal nicht, was mich mehr aufregt. Dass man sich dank der FDP nach vier Jahren, in denen „Liberale“ an der Regierung beteiligt waren, immer noch mit demselben Quatsch auseinandersetzen muss, sobald man das Wort „liberal“ in den Mund nimmt. Oder dass es Leute gibt, die bereitwillig und bedenkenlos anderen derartig fiese und außerdem dumme Ansichten unterstellen, dass ich manchmal lieber nicht wissen will, was in deren Kopf sonst noch vorgeht.]