Marktforschung

Wenigstens muss ich keine Lotterielose verkaufen.

Wenn bei euch mal wieder das Telefon klingelt, und eine freundliche Stimme fragt, ob ihr nicht bei einer Marktforschungs-Umfrage mitmachen wollt, und ihr habt gerade Zeit, dann tut mir bitte einen Gefallen: macht da mit. Denn ihr könntet gerade mit mir telefonieren.

Natürlich nerven solche Anrufe, ohne Frage  – und zwar alle Beteiligten.  Für manche Teile der Fragebögen schäme ich mich sogar ein bisschen fremd. „Wie finden Sie [Bau-Unternehmen]? Antworten Sie bei den folgenden Eigenschaften bitte mit „Ja“ oder „Nein“: Super – ganz toll – voll spitze – richtig gut – sympathisch – (usw.)“ Bemerkenswerterweise reagieren manche angefasst, wenn ich sie nach ihrer Meinung frage, und weigern sich rundheraus, da überhaupt irgendwas zu sagen, „da sind Sie bei mir falsch, aber fragen Sie doch mal die Leute, die bei [Unternehmen] wohnen, da bekämen Sie Sachen zu hören, wie die verwalten, eine Unverschämtheit!, und neuerdings nehmen die auch jeden rein, alles voller Ausländer!!, früher mal, da war das noch angesehen, was ganz Seriöses, aber heutzutage, da ist das nur noch ein Sauhaufen!!!, Sie würden sich wundern, was da alles schiefgeht, und wer dort alles wohnt, aber ich kann Ihnen doch nicht einfach irgendwelche Eigenschaften einschätzen, das ist ja ein Tratsch und Klatsch, sowas mache ich nicht!“

(Die aus Professionalitätsgründen so nicht gegebene Antwort: Marktforschung IST Tratsch und Klatsch, nur eben statistisch ausgewertet. Aber wenn Sie in allen Lebensbereichen so vornehme Zurückhaltung walten lassen und sich nur zu Themen und Personen äußern, über die Sie fundiert Bescheid wissen, dann Hut ab, weiter so.)

Bei dem Teil, wo es um Interessen und Freizeitverhalten geht, was ich für die weitaus sensiblere Information halte, plaudern allerdings die meisten fröhlich aus dem Nähkästchen, so sehr, dass ich dann immer bremsen muss: Wie oft sie was lesen, im Fernsehen anschauen, welche Haustiere sie haben, wo sie einkaufen gehen… manchmal sorgt diese Rubrik auch für traurige Momente, wenn der – meistens ältere – Gesprächspartner seine vielfältigen Gebrechen aufzählt, aber auch für lustige, wenn die wohl situierte, kulturell bewanderte Dame plötzlich kichernd gesteht, keine Folge von „Sturm der Liebe“ zu verpassen.

Ganz heikel ist die Frage nach dem Einkommen. Das wird ohnehin nur in groben Stufen abgefragt, aber entweder denken die Angerufenen, das Finanzamt hört mit, oder wir würden dann doch herausfinden, wer genau sie sind und wo sie wohnen, jedenfalls werden da selbst Leute, die vorher nicht zu bremsen waren, schweigsam. Anstatt dann aber ein entschiedenes „keine Angabe!“ zu äußern (wobei ich es dann auch belasse), kommen abenteuerliche Begründungen, warum mich das nichts angeht:

„Mein Einkommen sage ich Ihnen nicht, dann wollen Sie mich bloß heiraten!“ Fast hätte ich ihn gefragt, ob er es dann einem männlichen Kollegen verraten würde, aber wir konnten uns gütlich einigen (und sooo viel war´s gar nicht). (Mal abgesehen davon, dass dieses Frauenbild von wegen „Hauptsache reich heiraten“ sicher kritikwürdig ist, aber wir sind ja kein Feministenblog hier.)

„Unsere Politiker machen das ja auch nicht, die $&{ß%§!“ Leute, die man nicht ausstehen kann (wie mir die betreffende Person lang und breit kund tun wollte), plötzlich als Referenzgruppe zu nehmen, ist schon ganz schön kindisch. Mal davon abgesehen, dass es bei denen um Nebeneinkünfte geht und die auch zumindest schrittweise angegeben werden, aber er war bereits so schön am Hassen, dass das auch nichts mehr half.

Ach, Arbeiten. Irgendwie hat es mir gefehlt.