Mars-Chroniken

52 Bücher, 32. Woche: Schnüff.

Ich bin von Büchern umgeben aufgewachsen, und zwar im Wortsinne. Mein Kinderzimmer war voll gestellt mit zwei großen Bücherregalen (in denen die Bücher zweireihig standen), außerdem gab es unter der Dachschräge noch den Wandschrank, in dem sich vor allem Taschenbuchausgaben und Mehrbändiges stapelten, und ich bilde mir immer noch ein, dass wir eine Zeitlang sogar Bücher in der Garage stehen hatten. Mit den Buchrücken habe ich lesen gelernt, der erste Titel, den ich ohne Hilfe vollständig entzifferte, war „Menschen der Urzeit“.  Aber danach haben mich die Bücher lange Zeit nicht sonderlich interessiert, da es fürchterlich langweilige Erwachsenenliteratur war. Von Sjöwall/Wahlöö-Krimis über Freud, Christa Wolf und Günter Kunert bis hin zu Jane Austen und George Grosz-Bildbänden war so ziemlich alles vertreten, aber eines der ersten „Erwachsenen-Bücher“, das ich aus diesem riesigen Fundus mit Begeisterung gelesen habe, waren „Die Mars-Chroniken“ und „Der illustrierte Mann“ von Ray Bradbury.

Speziell die Mars-Chroniken hinterließen einen seltsamen Nachgeschmack: ein bisschen wie diese flirrend heißen Sommernachmittage, an denen man zu lange in der Sonne gesessen hat und dann nicht mehr weiß, was real ist und was nicht, wie der Raketensommer in Ohio oder die Erlebnisse der Menschen auf dem Mars, die, da die Marsbevölkerung eine telepathisch begabte Zivilisation ist, alle äußerst seltsame (und häufig tödliche) Wendungen nehmen. In großen Zeitsprüngen erzählen die Kurzgeschichten von den ersten drei gescheiterten Marsmissionen, dann von der vierten, die nur einen leeren Planeten vorfindet (die Marsianer sind inzwischen an den Pocken gestorben) und schließlich von einer Familie, die, nachdem die Erde unbewohnbar geworden ist, im wahrsten Sinne des Wortes allmählich zu Marsianern wird. Bradbury wollte zwar, dass „Author of Fahrenheit 451“ auf seinem Grabstein stehen soll, aber die Mars-Chroniken finde ich trotzdem viel besser. Vor drei Tagen ist er gestorben. Rest in Peace, Mr. Bradbury.