Menschenwürde

Prostitution und FAZ-Tourette

[Lesen Sie weiter, hier kommt nichts substantiell Neues. Ich reg mich nur wieder über die Medien im Allgemeinen und die FAZ im Speziellen auf.]

Alice Schwarzer hat eine Prostitutionsdiskussion losgetreten, die es sämtlichen Medien endlich mal wieder ermöglicht, das Thema „Sex“ unter dem Deckmantel aktueller Berichterstattung des Längeren und Breiteren durchzuexerzieren. Die Frage, ob Prostitution erlaubt sein sollte, langweilt mich inzwischen ein bisschen, denn für ein Verständnis von Prostitution als „sexuelle Dienstleistung im Tausch gegen Geld auf freiwilliger Basis zwischen konsensfähigen Erwachsenen“ kann die Antwort meiner Ansicht nach nur „ja“ lauten. Nicht, weil mir das Konzept so wahnsinnig sympathisch wäre, sondern weil, genau, Dinge, die Erwachsene freiwillig miteinander machen und deren Wirkungen sich ausschließlich auf sie erstrecken, den Gesetzgeber erst mal nichts angehen. Ein auf den ersten Blick ähnliches Problem ist „Zwangsprostitution“, nur dass man da besser von Ausbeutung von Prostituierten, Zuhälterei, Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung, Nötigung im besonders schweren Falle, vermutlich auch Körperverletzung, Bedrohung, und vielleicht auch Raub oder Erpressung reden könnte. Es gibt also einen ganzen dicken Packen an Straftatbeständen, und die für mich interessante Frage ist, was man tun könnte, um den Frauen zu helfen, die gezwungen werden, sich zu prostituieren, und wie man die drankriegen könnte, die sie zwingen. Allerdings spielen Ermittler und ausgebeutete Frauen bei der ganzen Geschichte eine eher untergeordnete Rolle, denn es ist ja viel aufregender, über das „unmoralische“ Gewerbe an sich zu reden und Schreckensszenarien zu beschwören, als sich daran zu machen, möglichst nüchtern und zielorrientiert zu versuchen, oben genannte Straftaten konsequent(er) zu verfolgen, und sich vielleicht zu fragen, warum das derzeit anscheinend nicht funktioniert.

Und damit sind wir bei FAZ, die vielleicht einfach mal einen Hardliner ranlassen wollten, der sich dadurch qualifiziert, dass er eine brutale Serie gesehen hat, die sich mit allerhand Misständen im Wilden Westen befasste:

Es wurde ja nicht nur die Entrechtung von Frauen in Szene gesetzt, sondern auch die von Chinesen, Schwarzen, von Behinderten, von Grubenarbeitern. Niemand in Deadwood ist vor Gewalt sicher, die Ermordeten, denen man kein Begräbnis gönnt, werden den Schweinen zum Fraß vorgeworfen, die Verbrechen bleiben ungesühnt. Auch darüber hätte man sich aufregen können. Tat aber keiner. Vielleicht, weil es vorbei ist. Die Unterdrückten sind frei. Die Menschenrechte sind garantiert. Es gibt diese Greuel nicht mehr.

Bis auf die Prostitution.

Korrigiert mich, wenn ich mich irre, und ich würde mich sehr gern irren: wir leben zwar in einer siginifikant sichereren Gesellschaft, aber Verbrechen an Ausländern, Schwarzarbeitern, Behinderten, Unterdrückung von Minderheiten, Gewalt und viele andere hässliche Dinge gab es zumindest noch, als ich das letzte Mal Nachrichten gehört habe, und das war gestern. Blicken wir an Europas Grenzen, vor allem die im Süden, ertrinken dort Leute, deren Menschenrechten von wirklich allen mit Füßen getreten werden, und blicken wir ein bisschen weiter, sehen wir noch viel furchtbarere Dinge, unter anderem auch ausgebeutete Minenarbeiter. Zu sagen, wir seien die genannten Dinge losgeworden, ist… gewagt.

Auch „Freiwilligkeit“ spielt dabei keine Rolle: Niemand darf seine Organe verkaufen. Der sogenannte „Zwergenweitwurf“ ist nicht zulässig; das Argument, man nähme Kleinwüchsigen damit die Erwerbsquelle, ist falsch. Das Aufgeben der Menschenwürde ist logisch keine Option von Autonomie.

Wenn etwas keine Option von Autonomie ist, dann kann es mit dieser Autonomie nicht weit her sein. Hatten wir hier, in anderer Ausprägung, schonmal. Außerdem ist es Herr Zastrow, der der Meinung ist, eine Frau, die sich freiwillig prostituiert, gebe ihre Menschenwürde auf. Für ihn sind sie also würdelose, aufs Objekt reduzierte Geschöpfe. Haben die ein Glück, dass er sie retten will.

Unter Menschen, die einander respektieren, kann Sexualität keine Handelsware sein. In einer Gesellschaft, die sich selbst respektiert, auch nicht.

Derselbe Sex zwischen denselben Leuten ist also okay, wenn er ohne, aber respektlos, wenn er mit Bezahlung erfolgt. Aha.

Die Argumente, die zugunsten der Prostitution ins Feld geführt werden, sind zynisch: Es war schon immer so, wenn wir es nicht tun, machen’s die Nachbarn, das Ganze ist ein unentbehrliches Ventil, Männer sind halt so, wie sollen Behinderte sonst an Sex kommen.

Wer vertritt denn bitte diese Ansichten?

Eine Gesellschaft, die Prostitution hinnimmt, mutet allen – allen! – Frauen und Mädchen zu, das käufliche Geschlecht zu sein. Sie toleriert gleichgültig das Fortbestehen einer furchteinflößenden Perspektive des Frauenlebens. Allein das schon ist Gewalt.

Auf zu einer neuen Runde von „Bös ist der, der Böses denkt“: der Autor hält Frauen anscheinend für „das käufliche Geschlecht“, oder es zumindest für naheliegend und vertretbar, auf diese Idee zu kommen. Und wenn „die Gesellschaft“ die Prostitution verbietet, werden die Aussichten vor allem für Frauen ja so viel besser, weil gerade denen, die sich tatsächlich aus Geldnot prostituieren, oder gezwungen werden, dann plötzlich Dutzende von Erwerbschancen offenstehen, und die fiesen Zuhälter sind dann auch weg.

Aber ist es wirklich so schwer, sich eine Welt vorzustellen, in der es keine Prostitution gibt? Wir haben doch schon ganz anderes hingekriegt.

Ich stelle mir gerade zukünftige FAZ-Kommentare vor, die was zum Thema beitragen, anstatt die Menschenwürdekeule zu schwingen. Hach, wird das schön.

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Grundrechte und andere Piktogramme

Seit meiner Schulzeit kritzele ich ständig irgendwo herum, wenn ich eigentlich zuhören sollte, was schon zahlreiche Lehrer irritiert hat. Im Jurastudium konnte ich das perfektionieren: immerhin wird ständig betont, wie wichtig eine saubere Sachverhaltsskizze ist. Und auch viele andere Sachen gehen zumindest mir besser in den Kopf, wenn ich eine bildliche Darstellung davon habe – ohnehin sollten viel mehr Lehrbücher illustriert sein. Ein paar Vorschläge zu Grundrechten hätte ich schon.

Ratet mal, was das sein könnte:

Die Berufsfreiheit natürlich, aus Art. 12 GG.

Obwohl Artikel 12 verschiedene Aspekte aufgreift, hat man beschlossen, dass sowohl Berufswahl als auch -ausübung unter Gesetzesvorbehalt stehen (eher entgegen dem Wortlaut, wohlgemerkt, eigentlich steht nur die Berufsausübung unter Gesetzesvorbehalt; in der Tat spricht aber viel für ein einheitliches Grundrecht [Examenskandidatenmodus aus. Aus, sag ich!]) . Das Bundesverfassungsgericht hat dann die 3-Stufen-Theorie entwickelt, nach der Eingriffe in die Berufsfreiheit entweder die Berufsausübung betreffen (oberer linker Balken), oder die subjektive Berufswahl (mittlerer linker Balken; jede Zulasssungsvoraussetzungen, die an Sachen anknüpft, die die Bewerber selbst in der Hand haben, also bestimmte Qualifikationen o.ä.), oder die objektive Berufswahl (unterer linker Balken; zB. Numerus Clausus). Weil sie ein einheitliches Grundrecht bilden, sind sie miteinander „vernietet“. Von oben nach unten werden die Anforderungen an die Rechtfertigung des Eingriffs immer größer (rechte Balken) – um in die Berufsausübungsfreiheit einzugreifen, braucht es nur „vernünftige Gründe des Allgemeinwohls“, also irgendeinen Quatsch, für subjektive Berufswahlregelungen immerhin den Schutz besonders wichtiger und für objektive den überragend wichtiger Gemeinschaftsgüter. (Ich erspar euch jetzt das Apothekenurteil. Oder Ausfälligkeiten über die Ladenschlussgesetze.) Da das Bundesverfassungsgericht neuerdings selbst wieder von der (meiner Ansicht nach sehr unpraktischen) 3-Stufen-Theorie abrückt, aber noch nicht klar ist, ob das eine Trendwende wird, geht er eingeklammerte Pfeil durch, der die Stufen „zerschneidet“.

Ein paar andere Grundrechte könnten so aussehen:

Das sind welche aus den ersten drei Artikeln: 1. die Menschenwürde. Okay, eigentlich kein Grundrecht. Aber es weiß eh keiner genau, was sie ist, und ein Großteil der Literatur ergeht sich in wolkigen Andeutungen. Ein Symbol, dass neben der Allwissenheit Gottes auch mit Freimaurern und Illuminaten in Verbindung gebracht wird, fand ich ganz passend – da weiß man auch nicht immer, wofür es eigentlich steht, und warum. 2. Die Allgemeine Handlungsfreiheit, aus Art. 2 Abs. 1. Amöbengleich passt sich das „Auffanggrundrecht“ jeder Form an, ohne selbst eine eindeutige zu haben, und bisweilen nimmt es andere Grundrechte bzw. deren Schranken in sich auf. Das liegt daran, dass Sachen wie die „Berufsfreiheit“ sog. „Deutschengrundrechte“ sind, die dank des Diskriminierungsverbots auch für EU-Bürger gelten, aber nicht für EU-Ausländer. Deren Tätigkeiten fallen dann zwar nicht in den Schutzstandard des entsprechenden „Deutschengrundrechtes“, aber die niedrigen Schranken der Allgemeinen Handlungsfreiheit werden in solchen Fällen angehoben (ich halte das für ein Unding, aber mich fragt ja keiner). 3. Der allgemeine Gleichbehandlungsgrundsatz, Art. 3, oder genauer: dessen Verstöße. Weder soll man nämlich Ungleiches gleich, noch Gleiches ungleich behandeln (sieht man leider schlecht, im letzten Bild ist der Regler unter den Töpfen auf unterschiedliche Temperaturen eingestellt).

Das Eigentum aus Art. 14 hingegen ist eher…

… ein bisschen wie Frankenstein. Da im Gegensatz zu den anderen sein Inhalt vom Gesetzgeber festgelegt wird, sieht es zwar von Ferne aus wie ein anständiges Grundrecht, wenn man ihm näher kommt, erkennt man jedoch, dass das vor allem Flickwerk ist, höchst undurchschaubar und hinsichtlich eventueller Entschädigungen mit hässlichen Folgen. (Nicht selten gibt´s keine.)

Um Leben, Tod und den Rechtsstaat (Nein, eine Nummer kleiner haben wir´s heute nicht. Und kürzer auch nicht.)

„Wie weit darf man gehen, um das Leben eines Kindes zu retten?“ fragt Ortwin Ennigkeit im Untertitel seines Buches „Um Leben und Tod“, dass er über die Entführung Jakob von Metzlers geschrieben hat, und vor allem über seine Rolle bei den Ermittlungen. Da ich mich hier schon mal mit der ganzen Vehemenz des behüteten Akademikerdaseins zu genau dieser Frage geäußert habe, war ich neugierig auf Herrn Ennigkeits Sicht der Dinge, zumal er es war, und nicht Wolfgang Daschner, wie ich irrtümlich geschrieben hatte, der androhte, dem Entführer Schmerzen zuzufügen, würde er nicht den Aufenthaltsort des Kindes verraten.

Zu diesem Zeitpunkt war Jakob seit über drei Tagen verschwunden – es war Herbst, und die Ermittler befüchteten das Schlimmste: Jakob versteckt in einem Erdloch, Jakob unterkühlt und eingesperrt in einer Hütte, Jakob verletzt und hilflos irgendwo im Wald. Unterdessen hatte man zwar seinen Entführer bereits verhaftet und verhört, aber, wie es einer der Ermittler zusammenfasste: „Wir unterhielten uns, und er log.“ Irgendwann gingen den Polizisten die Ideen aus, und aus ähnlichen Fällen wussten sie, das Entführungsopfer nicht selten qualvoll in ihrem Versteck eingesperrt sterben, weil selbst gefasste Verbrecher noch verstockt schweigen. Die Anspannung und Hilflosigkeit der Beamten sind während der Lektüre beinahe mit den Händen zu greifen, und zu jedem Zeitpunkt ist nachvollziehbar, wie sie zu der Entscheidung gelangten, es mit der Androhung körperlicher Schmerzen zu versuchen.

Das Buch erschöpft sich allerdings nicht in der Protokollierung der Ereignisse, sondern Herr Ennigkeit stellt auch ausführlich dar, warum seiner Ansicht nach die Drohung nicht nur meilenweit von allem, was man gemeinhin als Folter bezeichnet, entfernt ist, sondern sogar notwendig und geboten war. Und auch wenn ich verstehe, warum er das so sieht, und ihn dafür auch nicht verurteilen will (dafür halte ich es für viel zu wahrscheinlich, dass ich schon ein paar Stunden früher zum Eispickel gegriffen hätte), bin ich in ein paar Punkten anderer Ansicht.

(mehr …)

Das Recht auf Glückseligkeit

Eine Sau, die immer wieder gern durchs mediale und politische Dorf getrieben wird, ist das bedingungslose Grundeinkommen. Es ist auf den ersten Blick ein hübsches Tier und trägt den Kopf hoch: Menschenwürde, Freiheit, (bescheidener) Wohlstand für alle. Leider habe ich weder die Zeit noch die ökonomische Bildung, um mich vertieft mit allen diskutierten Modellen zu befassen, aber für einen gedanklichen Steinbruch, zu welchem ihr gern eure Steine und Steinchen beitragen könnt und sollt, reicht es ja immer.

Die Finanzierung ist mir unklar. Das Grundeinkommen aus dem Bundeshaushalt zu bestreiten wäre unmöglich. Nehmen wir mal ein Grundeinkommen von 1.000 € als Rechengrundlage an – bei rund 82 Millionen Einwohnern wären das 82 Milliarden € im Monat und 984 Milliarden € im Jahr. 2011 betrugen allein die Gesamtausgaben des Bundes 305,8 Milliarden €. Davon entfielen 131,19 Milliarden auf „Arbeit und Soziales“ – wenn man diesen Posten einfach umverteilt, springen pro Monat und Nase 133,23 € heraus, und das ist so wenig, dass man es auch gleich sein lassen kann. Irgendwie müsste der Bund also knapp 800 Milliarden € locker machen – und das pro Jahr.

Etwas anders sieht es aus, wenn man die Sozialausgaben der gesamten öffentlichen Hand anschaut, die 2010 insgesamt 760 Milliarden € betrugen. Widmet man dieses Budget zum Grundeinkommen um, springen 772,36 € pro Monat und Nase heraus. Das klingt gleich ganz anders. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das BGE alle in der verlinkten Tabelle genannten Kosten subsituieren würde. Kranken- und Pflegeversicherung blieben zum Beispiel ja immer noch übrig, nehme ich mal an (ihr dürft mich gern eines Besseren belehren), was zu knapp 333 Milliarden € führen würde, die man noch ausschütten könnte (entspricht dann 338,40 €, was wiederum ein Witz ist.) (Mal ganz davon abgesehen, dass das die Summe ist, die wenige Bedürftige bereits jetzt brauchen – bei einer Umverteilung fallen dann auch die „Spitzen“ für diejenigen weg,  die aus irgendwelchen Gründen eben eine höhere Bedürftigkeit haben und mehr brauchen, als sie mit einem Grundeinkommen bestreiten könnten.)

So richtig geht das ganze Finanzierungsmodell also nicht auf, und an je mehr Stellschrauben man drehen müsste, um die entsprechenden Fehlbeträge hereinzubekommen, etwa durch Steuern, umso unübersichtlicher und unvorhersehbarer wird dann die Rechnung. Dazu kommt, dass das Grundeinkommen ja gerade den Effekt haben soll, die Menschen vom Markt unabhängiger zu machen – das könnte aber auch bedeuten, dass die Wirtschaftsleistung insgesamt sinkt und nicht mehr viel übrig bleibt, was sich umverteilen lässt. Oder, wie es Ingmar Kumpmann diesem überhaupt sehr lesenswerten Beitrag ausdrückt:

Das Grundeinkommen kann maximal so hoch sein wie die Bereitschaft der Menschen, zur Wertschöpfung beizutragen, hoch genug bleibt, damit die Finanzierung gesichert ist.

Ich gebe gern den Berufspessimisten und sage, dass das möglicherweise nicht so viel sein wird, dass sich das ganze Ding lohnt und auf die Dauer selbst trägt. Eine weitergehende „Systemveränderung“ und komplette Neubewertung von Arbeit, Leistung, Produktivität u.ä. steht dabei immer noch im Raum, aber die Wahrscheinlichkeit der Umsetzbarkeit verhält sich da meiner bescheidenen Ansicht nach indirekt proportional zur Intensität der dafür notwendigen Eingriffe – eine völlig neue Gesellschaft lässt sich nicht verordnen, und gegenüber Dingen, die unter der Prämisse funktionieren sollen, dass „man ja nur wollen müsse“, bin ich höchstgradig misstrauisch.

Das Grundeinkommen ist ungerecht. Von der selben Summe, von der man in, sagen wir, Leipzig, halbwegs ordentlich wohnen, essen und einmal im Monat in die Oper gehen kann, kann man in München gerade mal eine halbe Wohnung mieten. In diesem Fall bekommen zwar alle das gleiche, fühlen sich aber trotzdem ungerecht behandelt. Ähnliches lässt sich natürlich auch über Hartz IV sagen, nur dass da zumindest das Problem der Mieten abgefangen wird. Ein kompliziertes Sozialsystem mit Bedürftigkeitskriterien hat zudem den Vorteil, dass mehr Einzelfallgerechtigkeit möglich ist (es kann natürlich auch einfach nur kompliziert sein), während beim Grundeinkommen kaum Möglichkeiten bestehen, Härtefälle abzufangen. Es müsste also eine Höhe haben, von der man ortsunabhängig und auch sonst in jedem Fall existenzgesichert ist, was wiederum das Finanzierungsproblem verschärft.

Was ist an Arbeit eigentlich so schlimm? Nein, ich bin nicht erst gestern vom Laster gefallen (ich habe insgesamt 3 längerfristige Nebenjobs bzw. mit „richtiger Arbeit“ vergleichbare Praktika gemacht, sowie einen Monat Industriearbeit, ich sitze also nicht völlig auf der Wolke) und weiß, dass es sowohl prekäre Arbeitsverhältnisse als auch Ausbeutung als auch sonstige unschöne Erscheinungen in der Arbeitswelt gibt, aber mich wundert immer wieder die Verve, mit der betont wird, dass ja dann endlich niemand mehr gezwungen sei, seinen Lebensunterhalt mit etwas zu verdienen, was er nicht gern tut. Wenn tatsächlich ein Großteil der Bevölkerung seine Arbeit so sehr hasst, dann bräche die Wirtschaft bei der Einführung des BGE vermutlich erst mal zusammen. Das Grundeinkommen als Allheilmittel zu betrachten weckt hauptsächlich völlig überzogene Erwartungen, und solange Eigeninitiative durch haufenweise Gewerbe-, Handwerks- und sonstige Beschränkungen und einen Wust an Verordnungen abgewürgt wird, weil auf keinen Fall irgendjemand Arbeiten ausführen soll, für die er nicht qualifiziert sein könnte, oder zumindest vorher fünfzehn verschiedene Formulare mit dreifachem Durchschlag eingereicht hat, so lange kann mir keiner erzählen, dass diesbezüglich schon alle Mittel ausgeschöpft sind, um Leute zu mehr Eigeninitiative zu ermutigen.

Der Gedanke hinter dem Grundeinkommen leuchtet mir nicht ein. Nicht dass wir uns falsch verstehen: ich fände es sehr entspannend, zu wissen, dass mein Existenzminimum auch dann gesichert ist, wenn ich mein Examen in den Sand setze. Ein Teil der Argumentation pro Grundeinkommen läuft darauf hinaus, dass es „menschenwürdiger“ sei, keine Arbeiten mehr anzunehmen, die man nur macht, weil man sie machen muss. Aus den Grundrechten und vor allem der Menschenwürde wird, grob gesagt, in Grundeinkommensbefürworterkreisen nicht nur ein Anspruch darauf hergeleitet, dass der Staat einen weitestmöglich in Ruhe lässt, sondern auch darauf, dass er unsere grundlegenden Bedürfnisse erfüllt und ein von materiellen Sorgen freies Leben ermöglicht. Eigentlich kann man gar nichts mehr über Eigeninitiative, Selbstverantwortung und Freiheit sagen, ohne dass irgendwer „neoliberal!“ und „sozialkalt!“ schreit – aber ich verstehe nicht so recht, was Menschen dazu bringt, von ihrer Umwelt die Erfüllung ihrer Bedürfnisse zu verlangen, solange und soweit (!) sie es eigentlich auch selbst könnten.

Was meint ihr?

Die tun nix, die wollen nur spielen

Sportunterricht in der Schule habe ich allergrößtenteils gehasst, hauptsächlich weil ich für die meisten Sachen zu langsam/ungeschickt/wenig teamfähig war. Was ich allerdings immer ganz lustig fand, war Völkerball. Kennt ihr sicherlich: zwei Mannschaften stehen sich gegenüber und versuchen, mittels eines Balls die jeweils anderen abzuschießen. Die Getroffenen wechseln in ein Außenfeld um das ihrer Gegner und schießen weiterhin fleißig mit ab. Allerdings wird in den Schulen wohl nicht mehr lange Völkerball gespielt werden: das Bundesverwaltungsgericht findet nämlich, dass Spiele gegen die Menschenwürde verstoßen, wenn sie nach ihren Regeln darauf angelegt sind,

dass nicht nur auf fest installierte Ziele, sondern auch und gerade auf Menschen “geschossen” werde und damit Tötungshandlungen simuliert würden. […] Die Spieler würden so zu kriegsähnlichen, nahkampfgleichen Verhaltensmustern gezwungen.

Das „Abschießen“ mit dem Ball simuliert ja nun mal ganz eindeutig eine Tötungshandlung. Und man möchte ergänzen: das führt nicht nur zu nahkampfgleichen Verhaltensmustern, die Spieler üben auch noch, allein schon durch die Namensgebung, völkerrechtswidrige Handlungen ein. Das dürfte dann dazu führen, dass bei ihnen

eine Einstellung erzeugt oder verstärkt wird, die den fundamentalen Wert- und Achtungsanspruch leugnet, der jedem Menschen zukommt. […] Demnach ist ein […] Unterhaltungsspiel, das auf die Identifikation der Spielteilnehmer mit der Gewaltausübung gegen Menschen angelegt ist und ihnen die lustvolle Teilnahme an derartigen – wenn auch nur fiktiven – Handlungen ermöglichen soll, wegen der ihm innewohnenden Tendenz zur Bejahung oder zumindest Bagatellisierung der Gewalt und wegen der möglichen Auswirkungen einer solchen Tendenz auf die allgemeinen Wertvorstellungen und das Verhalten in der Gesellschaft mit der verfassungsrechtlichen Menschenwürdegarantie unvereinbar.

Wer schonmal eine Horde Grundschüler beim Völkerball beoachtet und die fröhlich-unbekümmerten „Du bist tot!“-Rufe gehört hat, der wird dem Gericht sofort zustimmen, dass die Tendenzen, die die Kinder da erlernen, eindeutig Gewalt bagatellisieren. Die werden dann später mal zu Menschen, die wir nicht auf unsere Gesellschaft und unsere Wertevorstellungen loslassen wollen.

Nee. Moment mal. In der zitierten Entscheidung geht´s ja gar nicht um Völkerball, sondern um Laserdromes. Geben wir dem Gericht mal zu, dass da die Gewaltdarstellung in der Tat auf einem weit niedrigeren Abstraktionsniveau simuliert wird, die Teilnehmer martialischer ausgestattet sind und statt Softbällen Plastikwaffen tragen. Macht das alles aber schon den Unterschied zwischen einem harmlosen Sportvergnügen und einer Menschenwürdeverletzung? Gerade der Fokus auf das „spielerische Töten“, so das Gericht, ließe mangelnden Respekt

vor der Individualität, Identität und Integrität der menschlichen Persönlichkeit

erkennen, und führe zu einer Trivialisierung und Banalisierung dieser Rechtsgüter. Schauen wir uns das mal von der anderen Seite aus an: Erwachsene Menschen befinden sich in einer abgeschlossenen Spielhallte oder auf einem abgegrenzten Spielfeld, es muss sich also keiner etwas angucken, was er nicht sehen will. Sie gehen freiwillig dahin und zahlen sogar noch Eintritt dafür, dass sie sich eine Weile lang gegenseitig belauern und mit Laserpistolen beschießen dürfen. Das Ganze passiert auf Augenhöhe, die Teams stehen sich gleichwertig gegenüber, niemand wird „gejagt“ oder sonstwie zum Opfer, und innerhalb des Teams kann man prima Zusammenhalt, Solidarität und dergleichen mehr einüben. Am Ende kommen sie wieder raus, hatten einen lustigen Nachmittag und sind aller Wahrscheinlichkeit nach immer noch Freunde, oder sogar etwas bessere. Und jetzt alle:

Die Freiwilligkeit der Teilnahme sowie das gegenseitige Einvernehmen der Spieler ist rechtlich unerheblich, weil die aus Art. 1 Abs. 1 und Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG herzuleitende Wertordnung der Verfassung nicht im Rahmen eines Unterhaltungsspiels zur Disposition steht.

Sobald einmal die Menschenwürde im Spiel ist, sind alle anderen Einwände hinfällig, auch die Berufsfreiheit des Anbieters oder die allgemeine Handlungsfreiheit der Spieler. Mit so einem Instrument sollte man sehr, sehr zurückhaltend umgehen – und zudem noch ein bisschen Demut walten lassen, weil auch nach Jahrzehnten angeregten Gedankenaustausches nicht so ganz klar ist, was denn nun damit gemeint ist. Laut Bundesverfassungsgericht der soziale Wert- und Achtungsanspruch des Menschen, der es verbietet, ihn zum bloßen Objekt zu machen oder ihn einer Behandlung auszusetzen, die prinzipiell seine Subjektqualität infrage stellt, worin auch eine „Würde des Menschen als Gattungswesen“ einbezogen wird. Allerdings scheinen konservative Zeitgenossen (ich behaupte jetzt mal kühn, dass man dazu auch Verwaltungsrichter zählen kann) einen völlig anderen Blick darauf zu haben – ein Spiel, dass sie doof finden, ist gleich gattungswürdewidrig. Ungeachtet der Tatsache, dass die meisten Sportspiele, wie das oben erwähnte Völkerball, aus ritualisierten Kriegs- oder Tötungshandlungen entstanden sind und sich Laserdrome, Paintball und Co relativ nahtlos in die Tradition einreihen, gewalttätige Konflikte innerhalb eines festgesetzten Rahmens und sozialer Zusammenhänge zu bändigen. Zwar sind die Vorbilder für Laserdromes existente moderne Tötungsarten, während Säbelmorde heutzutage eher selten vorkommen, dennoch ist die Verfremdung stark genug, um es eben als Spiel erscheinen zu lassen und nicht als eine Art Häuserkampftraining. Oder, wie es das OVG Lüneburg ausdrückt (Rn. 77), von dem sich das BVerwG überhaupt eine dicke Scheibe abschneiden sollte:

Der Lebenserwartung käme es wohl kaum zugute, wenn man sich mit den dort eingeübten Verhaltensweisen in einen Häuserkampf oder eine sonstige bewaffnete Auseinandersetzung begäbe.

Abgesehen davon ist bei jeder schlagenden Verbindung mit wesentlich ernsthafteren Verletzungen zu rechnen. Und schlussenendlich spielt sowas Kleinliches wie Zusammenhänge bei Begründungen eine entscheidende Rolle. Als ich das letzte Mal eine Vorlesung in Medienwirkungsforschung besucht habe, war eine Kausalität zwischen dem Spielen gewalttätiger Spiele und tatsächlichen Gewaltausbrüchen immer noch nicht empirisch belegt. Wer sich schon so paternalistisch gibt, dass er etwas verbieten will, was alle Beteiligten freiwillig machen und wobei niemand zu Schaden kommt, der sollte sich etwas Besseres einfallen lassen, als die eher diffusen „möglichen Auswirkungen auf die allgemeinen Wertevorstellungen“. Offenbar nehmen hier ein paar Leute ihre eigenen Wertevorstellungen als repräsentativ für den Rest der Gesellschaft an und nutzen die Menschenwürde schlicht als Gängelband. Und bei aller Unklarheit, aber dafür ist sie definitiv nicht da.

3 Tage mit Kant, Teil 3

oder: Menschenwürde kann man sich nicht schönsaufen

Die „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ nach der „Kritik der praktischen Vernunft“ zu lesen war inbesondere für meine Zwecke ganz schön dämlich, und auch sonst kann ich nur empfehlen, mit ersterer in die Kant-Lektüre einzusteigen. Nicht nur, dass sie sich verständlicher liest und noch nicht ganz so formal-logisch-abstrakt ist wie die Kritiken, Kant scheint es enorm wichtig zu sein, sein Anliegen dem Leser einzubleuen, weswegen er Beispiele, Wiederholungen und verschiedene Zugänge zu ein und demselben Argument benutzt, wofür er sich später anscheinend zu schade war.

Vorgestern habe ich es ja dann immerhin geschafft, bis zu dem Punkt zu kommen, an dem die „Bedienungsanleitung für die Willensbildung“, wie man „Kritik der praktischen Vernunft“ auch übersetzen kann, durch den Achtungsanspruch aller Vernunftwesen eingeschränkt wird, und insbesondere die Zweckhaftigkeit des Menschen dahingehend zur Geltung kommt, dass er nur seiner eigenen Gesetzgebung unterworfen ist, die aber mit Rücksicht auf all die anderen, die auch selbstzweckhaft sind, stattzufinden hat. Die Erkenntnisse der letzten Tage kann man auch mit Autonomie und Heteronomie des Willen zusammenfassen: die Autonomie des Willens besteht darin, dass dieser sich selbst zum Gesetz sein kann, die Maximen seiner Wahl also zugleich als allgemeines Gesetz zu denken sind. Heteronomie ist hingegen, wenn der Wille durch ein Objekt der Begierde bestimmt ist, das außerhalb seiner selbst liegt. Der Wille ist dann aber durch ein Verhältnis bestimmt und „administriert“ nur fremde Interessen, während bei der Autonomie die Vernunft (die praktische, wohl gemerkt) sich selbst zur Gesetzgebung genügt. Dass ein Interesse, das außerhalb reiner Vernunft liegt, gleich „fremd“ genannt wird, finde ich bemerkenswert. Immerhin bin das immer noch ich, die ein Eis haben/jemanden hauen/eine Seminararbeit schreiben will, aber wenn man eine Weile Kant schmökert, dann kommen einem die Verwerfungen und Disparitäten innerhalb eines menschlichen Geistes plötzlich viel größer vor als der Unterschied zwischen zwei beliebigen, noch so verschiedenen Menschen, da alle individuellen Unterschiede auf Neigung beruhen und somit letztendlich irrelevant, wenn nicht gar verwerflich, sind. Selbst wer etwas Gutes will, zum Beispiel fremde Glückseligkeit befördern, soll dies wollen, weil eine Maxime, die das Fördern fremder Glückseligkeit ausschließt, nicht als allgemeines Gesetz gedacht werden kann, und nicht etwa, weil es ihm Spaß macht, anderen Menschen zu helfen. Wo kämen wir denn da hin? Auch auf diese mockierte Frage hat Kant eine Antwort:

„Wenn Eudämonie statt der Eleutheronomie zum Grundsatz aufgestellt wird, so ist die Folge davon Euthanasie der Moral.“

(Übersetze: Wenn Glückseligkeit, statt individueller Freiheit, zum Grundsatz aufgestellt wird, dann ist das der langsame Tod der Moral. Ich stelle mir vor, dass Kant, ein hagerer, scharfgesichtiger Preuße, kichernd an seinem Tisch hockte und vor Vergnügen ein bisschen zappelte, als er diesen Satz zu Papier brachte. Stützt außerdem die Troll-Theorie.)

Die Autonomie des Willens führt uns ins Reich der Zwecke. Ein „Reich“ ist hier die systematische Verbindung verschiedener vernüntiger Wesen durch gemeinschaftliche Gesetze. Diese Gesetze bestimmen ihrer allgemeinen Gültigkeit nach Zwecke, und abstrahiert man die jeweiligen „Privatzwecke“, die die vernünftigen Wesen verfolgen, erhält man ein Ganzes aller Zwecke in systematischer Verknüpfung (ähm… ja, bestimmt.) Das Gesetz, das für alle vernünftigen Wesen gilt (wohlgemerkt, Kant spricht immer von vernünftigen Wesen, nicht von Menschen – er kann also auch von vernünftigen Außerirdischen rezipiert werden, so umfassend ist sein Geltungsanspruch), lautet, dass jedes vernünftige Wesen sich selbst und alle anderen niemals bloß als Mittel, sondern jederzeit als Zweck an sich selbst zu behandeln habe, woraus eine Verbindung durch eben dieses gemeinschaftliche objektive Gesetz folgt. Das Reich der Zwecke nun besteht darin, dass dieses Gesetz die Beziehung der vernünftigen Wesen aufeinander als Zweck UND Mittel gleichzeitig enthält. Die Wesen sind dementsprechend Glieder im Reich der Zwecke, indem sie darin sowohl allgemein gesetzgebend als auch diesem Gesetz selbst unterworfen sind. (Es ist theoretisch auch ein Oberhaupt im Reich der Zwecke denkbar, nämlich ein vernünftiges, gesetzgebendes, nicht unterworfenes Wesen, das deswegen nicht unterworfen ist, weil sein Wille keinerlei Einschränkungen durch Neigungen oder ähnlichem Firlefanz unterworfen ist. Es heißt aber nur deswegen Oberhaupt, weil es durch seinen „Idealwillen“ nicht an die Gesetze gebunden sein muss, und nicht, weil es die anderen Glieder herumkommandiert. Die Rede ist von Gott.)  Die Beziehung aller Handlungen auf die Gesetzgebung nennt Kant Moralität, sie ist der Kitt, der das Reich der Zwecke erst ermöglicht. Die Notwendigkeit, nach diesem Prinzip zu handeln, wenn es mit der Übereinstimmung zwischen subjektiver Maxime und objektiven Prinzipien mal nicht hinhaut, heißt Pflicht oder auch praktische Nötigung.

Sie beruht nun nicht, wie inzwischen ermüdend oft betont, auf Gefühlen oder Neigungen, sondern lediglich auf dem Verhältnis der vernünftigen Wesen zueinander, in welchem der Wille eines solchen Wesens jederzeit zugleich als gesetzgebend betrachtet werden muss, weil es sich sonst nicht als Zweck an sich selbst denken könnte. Anderenfalls wäre es nämlich schlicht den Gesetzen unterworfen, durch Neigung bzw. Furcht vor Strafe gezwungen, sie einzuhalten, und könnte sich nicht nur nicht in seiner Autonomie des Willens entfalten, sondern wäre sogar zum bloßen Gesetzesbefolgungsautomaten degradiert. Andererseits erhält er in seiner Autonomie gerade nicht die Absolution, Gesetze nach Gutdünken nicht zu befolgen. Das „Reich der Zwecke“ ist also das Geflecht, das es den vernünftigen Wesen überhaupt erst möglich macht, sich und andere als gesetzgebend zu erkennen und damit als aufs engste miteinander verbunden:

„Die Vernunft bezieht also jede Maxime des Willens auf jeden anderen Willen, und auch auf jede Handlung gegen sich selbst, und dies zwar nicht um irgendeines anderen praktischen Beweggrundes oder künftigen Vorteils willen, sondern aus der Idee der Würde eines vernünftigen Wesens, das keinem Gesetze gehorcht, als dem, das es zugleich selbst gibt.“

Die einzige Bedingung also, unter der ein vernünftiges Wesen Zweck an sich selbst sein kann, ist Moralität, also die Beziehung aller Handlungen aufeinander. Kant konzipiert hier allerdings keine Staatslehre, sondern etwas viel Umfassenderes, und dementsprechend muss man auch aufpassen, ihm nicht das heutige Menschenwürdeverständnis „unterzuschieben“. Auch die Dürig´sche Formel, nach der der Mensch davor geschützt werden muss, „zum Objekt, zum Mittel oder zur vertretbaren Größe“ herabgewürdigt zu werden, ihm also weder seine geistig-moralische noch gar seine physische Existenz genommen werden darf, beruht zwar auf dem Reich der Zwecke, kommt aber ohne dessen Verflochtenheit der Wesen miteinander aus, die man fast schon zirkulär nennen kann. Überhaupt ist die Menschenwürde im Grundgesetz eine reichlich deklaratorisch inspirierte Figur, die ja darauf beruht, etwas Bestimmtes nie wieder machen zu wollen, und fortan nicht nur brav, sondern vorbildlich in der Achtung von etwas zu sein, was zwar fast alle (nehmen wir Psychopathen mal aus) als verbindlich empfinden, man sich aber nie so recht erklären konnte. Insofern taugt also die Objektformel durchaus dazu, elementare Verstöße gegen die Menschenwürde zu unterbinden, bei weniger offensichtlichen Problemen lässt sie den Juristen immer noch allein. Kant lüftet das Geheimnis auch nicht, sondern deklariert an einem bestimmten Punkt einfach „den Zweck an sich selbst“, der allen vernünftigen Wesen innewohnt, damit er seinen kategorischen Imperativ davon ableiten kann. Allerdings lädt er (vor allem dann später in seiner Erkenntnistheorie) zu einer gewissen Gelassenheit ein, was die „Dinge an sich“ oder „regulative Ideen“ betrifft, wie eben Gott, die Existenz der Seele oder die Menschenwürde,  da wir sie nicht verbindlich erkennen könnten, aber genügend Gründe fänden, so zu handeln, als seien sie unstreitig bewiesen. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden. Ich schreib jetzt erst mal meine Seminararbeit…

Nachtrag, auf die Gefahr hin, dass die Länge endgültig abschreckend wird: Hab ich doch glatt behauptet, Kant würde den Zweck an sich selbst einfach deklarieren. Stimmt so nicht, er leitet ihn daraus ab, dass es eines objektiven Prinzips bedarf, um kategorische, d.h. allgemeingültige Imperative zu formulieren. Existiert kein oberstes Prinzip, so sind alle Werte, die wir uns vorstellen, nur bedingt und zufällig, und wir können Moral und so gleich sein lassen, weil es ja dann keine verbindliche Grundlage gibt, nur unsere wechselnden und unterschiedlichen Affektionen. Das oberste Prinzip muss so beschaffen sein, dass sich aus der Vorstellung dessen, was notwendig für jedermanns Zweck ist, ein objektives Prinzip des Willens ergibt. Da jedes vernunftbegabte Wesen sich sein Dasein als Zweck an sich selbst vorstellt, ist genau dieses Dasein das objektive Prinzip, dem sich der Wille zu unterwerfen hat. Das ist zwar in mancher Hinsicht angreifbar („Wir brauchen einen obersten Zweck, also machen wir uns einen“), andererseits sehr schön, weil die Vorstellung, die jeder für sich hat („mein Dasein ist einzigartig und schon aus sich selbst heraus wertvoll“), quasi kollektiviert wird und damit zur bindenden Norm („auch das Dasein aller anderen ist aus sich selbst heraus wertvoll und muss dementsprechend respektiert werden“).

Damn it, jetzt habe ich meinen persönlichen Längenrekord aufgestellt (glatte 1.400 Wörter). Herzlichen Glückwunsch, vielen Dank und meine Hochachtung, lieber Leser bzw. liebe Leserin, wenn du bis hierhin durchgehalten hast.

3 Tage mit Kant, Teil 2

oder: Im Schweinsgalopp durch die Metaphysik

Die „Grundlegung zur Metyphsik der Sitten“ liest sich entschieden flotter, lässt einen allerdings etwas ratlos zurück ob der Vorstellung vom menschlichen Geist, die sich da eröffnet. Zunächst geht es nur darum, wieso der Mensch überhaupt Vernunft hat – immerhin strebt er ja als endliches Wesen beständig nach „Glückseligkeit“, die könne er aber durch reine Instinktleitung besser erlangen, und werde die Vernunft zur Erlangung von Glückseligkeit eingesetzt, dann werde sie sich ihrer irgendwann selbst überdrüssig. (Auf Kant ist ja nicht zuletzt seiner Junggessellenbiographie wegen viel herumgehackt worden, aber an dieser Stelle frug ich mich auch, ob er nicht vielleicht ein ganz anderes Problem hatte. Wäre wohl zu einfach.)  Da die Vernunft aber ein praktisches Werkzeug sei, um den Willen zu leiten, könne ihr Zweck nur darin bestehen, einen an sich guten Willen hervorzubringen. Dieser ist nicht etwa dann gut, wenn er auf etwas Gutes gerichtet ist („Ich hab´s doch aber gut gemeint!“), sondern wenn er der Pflicht gehorcht. Und das höchste der Gefühle, pardon, der Eben-Nicht-Gefühle, sei eine Pflicht, die nicht aus Neigung, sondern um ihrer selbst bzw. ihres moralischen Wertes willen erfüllt wird.

[Exkurs: Kant bezieht das auch auf das neutestamentliche „Liebe deinen nächsten wie dich selbst“ und erklärt en passant ein christliches Grundprinzip: „Liebe als Neigung kann nicht geboten werden, aber Wohltun aus Pflicht, selbst, wenn dazu gleich gar keine Neigung treibt, ja natürliche und unbezwingliche Abneigung widersteht, ist praktische und nicht pathologische Liebe, die im Willen liegt und nicht im Hange der Empfindung, in Grundsätzen der Handlung und nicht schmelzender Teilnehmung“. Nun ist das irgendwie sinnig, weil ich mich immer gefragt habe, wie man auf Kommando jemanden lieben soll (vor allem jemanden, den man überhaupt gar nicht liebenswert findet), aber wäre eine völlig leidenschaftslose, jeder Neigung entkleidete Pflichterfüllung gemeint, dann, so behaupte ich mal kühn, stünde da nicht „Liebe“, sondern irgendwas anderes. Überhaupt ist „leidenschaftslos“ ein Wort, dass diese Philosophie vielleicht am besten beschreibt. Höchstens eine nüchterne, kalte Leidenschaft der reinen Vernunft scheint da durch, ansonsten – Nichts. Nur Pflicht. Exkus Ende.]

Ist dann der Willen eines jeglichen äußeren, „materialen“ Antriebs beraubt, bleibt nur noch die ganz allgemeine Gesaetzmäßigkeit der Handlungen übrig, ergo müsse man so handeln, dass die Maxime des eigenen Handelns jederzeit als allgemeines Gesetz gelten könne. Hatten wir schon beim letzten Mal. Und auch, wenn nicht sicher bestimmt werden könne, ob eine Handlung nun aus reiner Pflicht oder irgendwelchen verborgenen selbstsüchtigen Motiven geschieht, so liegt doch „die Pflicht als Pflicht vor aller Erfahrung in der Idee einer den Willen durch Gründe a priori bestimmenden Vernunft“. Hm. Da die „Pflicht“ also allem vorgelagert ist, können wir sie durch Erfahrung weder herleiten noch widerlegen. Da ich nicht besonders transzendental veranlagt bin, klingt das für mich danach, als könne sich jeder seine Pflicht ausdenken und dann behaupten, seine reine Vernunft, aller Neigung entkleidet, diktiere ihm dies als Pflicht, und ein anderer Mensch könnte trotzdem in exakt derselben Situation zu einem anderen Schluss kommen, weil er andere Dinge als moralisch richtig wahrnimmt. Ich nehme aber an, so ist´s nicht gemeint, sonst wäre der ganze Begründungsaufwand reichlich sinnlos.

Ganz listig fragt der Philosoph dann, ob es überhaupt ein notwendiges Gesetz für alle vernünftigen Wesen sei, ihre Handlung nach solchen Maximen zu beurteilen. Und hier zaubert er das aus dem Hut, was inzwischen, zur „Objektformel“ geschrumpft, jeder Jurastudent auswendig lernt in der Hoffnung, er möge nie in einer Prüfung damit konfrontiert werden: „Die Wesen, deren Dasein zwar nicht auf unserem Willen, sondern der Natur beruht, haben dennoch, wenn sie vernunftlose Wesen sind, nur einen relativen Wert, als Mittel, und hießen daher Sachen, dagegen vernünftige Wesen Personen genannt werden, weil ihre Natur sie schon als Zwecke an sich selbst, d.i. als etwas, das nicht bloß als Mittel gebraucht werden darf, auszeichnet, mithin so fern alle Willkür einschränkt (und ein Gegenstand der Achtung ist).“ Das Tiere Sachen sind, hätten wir hier auch gleich, § 90a BGB lässt grüßen. Wenn aber dieser Achtungsanspruch existiert, dann schränkt er jeden kategorischen Imperativ dahingehend ein, was in der Tat Sinn ergibt, weil er ja nur im Hinblick auf andere vernunftbegabte Wesen, die auch Pflichten erfüllen Gesetze befolgen, gedacht werden kann (wenn ich allein bin, sind mir allgemeine Gesetze herzlich egal). Wird der Mensch also nur als dem Gesetz als solchem unterworfen gedacht, kommt seine Zweckhafitgkeit nicht zur Geltung, er muss schon seiner eigenen und dennoch allgemeinen Gesetzgebung unterworfen sein, die ihm sein Pflichtgefühl diktiert.

MEIN Pflichtgefühl gebietet es mir jetzt, anstatt einer Fortsetzung der Seminar- und Denkarbeit mich um die Korrektur gewisser Flyer für den FdSSSR zu kümmern, die zwar nicht ich verbockt habe, die aber auszubügeln niemand sonst Zeit hat. Meine Pflicht gebietet es mir also, zähneknirschend neue Flyer zu erstellen, zu drucken und zu verteilen, aber ich kann nicht dafür garantieren, dass ich es mir nicht später zur Maxime mache, demjenigen, der es eigentlich vebockt hat, den Hals umzudrehen. Und ich kann auch nicht dafür garantieren, dass dann sittlich falsch zu finden.

Philosophie verroht.

3 Tage mit Kant, Teil 1

oder: Schöner scheitert sich´s an hohen Ansprüchen

Was macht man als philosophisch in keinster Weise gebildeter Mensch im juristischen Grundlagenseminar? Richtig, sich für den Vortrag „Kants Lehre der praktischen Vernunft als mögliche Grundlage einer Menschenwürdekonzeption“ zu melden. Und zusammen mit meiner chronischen Aufschieberitis führt das dazu, dass ich jetzt in 3 Tagen mich durch die „Kritik der praktischen Vernunft“ arbeiten muss, und eigentlich gleich noch durch die „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“. Zur Unterhaltung und Abschreckung kommender Generationen sei dies dokumentiert.

Tief durchamten, den Text besorgen, aufschlagen, lesen. „Warum diese Kritik nicht eine Kritik der reinen praktischen, sondern schlechthin der praktischen Vernunft überhaupt betitelt wird, obgleich der Parallelismus derselben mit der spekulativen das erstere zu erfordern scheint, darüber gibt diese Abhandlung hinreichend Aufschluss.“ Auch nach mehrmaligem Lesen ist lediglich die Gewissheit hinreichend, dringend ein philosophisches Wörterbuch zu benötigen. Und mehr Zeit. Zwei Jahre oder so. Ich scheitere grandios am Vorwort. Überspringe das und gehe zur Einleitung über: „Der theoretische Gebrauch der Vernunft beschäftige sich mit Gegenständen des bloßen Ekenntnisvermögens […] [Im praktischen Gebrauch] beschäftigt sich die Vernunft mit Bestimmungsgründen des Willens, welcher ein Vermögen ist, den Vorstellungen entsprechende Gegenstände entweder hervorzubringen, oder doch sich selbst zur Bewirkung derselben […] zu bestimmen.“ Im Klartext: eigentlich sollte ich mit der „Kritik der reinen Vernunft“ anfangen, denn wenn diese den Willen bestimmt, wäre es logisch, sich erst mal mit deren Grenzen vertraut zu machen. Dafür würden dann 3 Tage aber definitiv nicht reichen, die Bestimmungsgründe des Willens müssen also genügen. Außerdem genügen sie auch für das Thema, denn ich will ja nicht auf Erkenntnistheorie hinaus, sondern „nur“ auf die Begründung der Menschenwürde.

Die originalgetreue Wiedergabe der langsamen Prozedur des Lesens, Überdenkens und Nochmal-Lesens spare ich mir hier – ich weiß schon, warum ich und auch viele andere Kant höchstens flüchtig angefasst haben und ansonsten nur ehrfürchtig aus der Ferne beschauen. Den Text muss man mühsam übersetzen, wobei unweigerlich das Abstraktsionsniveau sinkt und damit das erste Verständnis, so es denn auftaucht, nur ein ganz grobes sein kann, und der Satzbau macht es nicht besser – Nebensatzherden, Pronomenrudel und atemlose Reihung ohne Punkt, dafür mit irritierender Kommasetzung, als könne es dem Autor manchmal nicht schnell genug gehen, bestimmen das Bild. Andererseits: SO schwierig ist es dann auch wieder nicht, wenigstens ein ganz rudimentäres Verständnis zu bekommen. Vermutlich wird der Professor Schmerzen leiden, wenn er meine Arbeit liest, aber immerhin habe ich den Unterschied zwischen Maximen und Gesetzen verstanden (erstere sind Bedinungen, die nur für den Willen des Subjekts gelten und einander widerstreiten können, letztere sollen für den Willen eines jeden vernünftigen Wesens gelten und finden einen hinreichenden Grund zur Willensbestimmung in der reinen Vernunft selbst). Dann treiben sich noch Imperative herum, die Regeln darstellen, die unausweichlich zu befolgen wären, wenn denn die Vernunft allein Bestimmungsgrund des Willens sei. Allerdings gibt es immer noch die „pathologischen, dem Willen zufällig anklebenden Bedinungen“, von denen sich der Wille erst mal frei machen muss. (WIE das geht, wird nicht verraten, zumindest nicht in diesem Buch.) Alle material motivierten Bestimmungsgründe des Willens beruhen auf einer Vorstellung des begehrten Gegenstandes, die nur rein empirisch („Ich will ein Eis!“), aber nicht a priori erkennbar ist –

– der Teil ist mir noch leicht unklar. Es kommt jedenfalls nicht auf die Art der Motivation an, ob sie dem Es oder dem Über-Ich entspringt, sondern „wie sehr sie vergnügt“ (bzw. missvergnügt). Wer sich also entscheidet, zu lernen, statt auf eine Party zu gehen, handelt deswegen noch längst nicht nach reinen Vernunftgründen, sondern wägt zwei Vorstellungen, die ihn in unterschiedlichem Ausmaß vergnügen, gegeneinander ab. Das Missvergnügen, durch eine Klausur zu fallen, entspringt aber nicht der reinen Vernunft, sondern demselben Begehrungsvermögen wie der Partybesuch, wir suchen aber nach Bestimmungsgründen des Willens, die ohne Voraussetzung irgendeines Gefühls auskommen. Muss man dazu nicht ein extrem leidenschaftsloser Mensch sein? Immerhin sucht ja jeder Mensch ständig, und sei es indirekt, nach Glückseligkeit. Aber „die Zufriedenheit mit seinem ganzen Dasein ist nicht etwa ein ursprünglicher Besitz […] sondern ein durch seine endliche Natur selbst ihm aufgedrungenes Problem.“ (Wunderschön. Zufriedenheit als Problem, das passt auf die Moderne wie die Faust aufs Auge.) Damit hätten wir den „Grundantrieb“ des Begehrungsvermögens, der aber zu unspezifisch ist, um irgendeine sinnvolle Handlungsanleitung abzugeben, zumal er  meistens auf „empirische“ Dinge gerichtet ist.

Offenbar reicht aber zunächst einmal die reine gesetzgebende Form aus, um einen Willen zu bestimmten, sofern dieser frei ist – und jetzt geht es ganz fix, drei Seiten und einen freien Willen, der allein durch die gesetzgebende Form zu bestimmen ist, später haben wir schon den berühmten kategorischen Imperativ: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip der allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Halt, Stopp, nochmal zurückspulen: da war doch noch das Sittengesetz zwischendrin? Was´n das schon wieder? Freiheit und praktisches Gesetz, so Kant, verweisen wechselseitig aufeinander, und aus einem von beiden kommt unsere Erkenntnis des Unbedingt-Praktischen (des was? Egal). Freiheit ist allerdings ein negativer Begriff, und aus Erfahrung sei auch nicht darauf zu schließen, denn erfahren werden kann nur das Gesetz der Natur, also gerade Nicht-Freiheit. Also kommt auf einmal das moralische Gesetz daher, das weder durch irgendeine sinnliche Bedingung zu überwiegen sei, noch davon überhaupt abhängt, und das ist auf einmal VOR allen anderen Bestimmungsgründen liegt, wenn wir erstmal die pathologisch anklebenden Willensbelästigungen losgeworden sind. Ohne Beispiel wäre ich hier aufgeschmissen, dankenswerterweise kommt eines: jemand hat eine „wollüstige Neigung“, die für ihn ganz unwiderstehlich ist; nun steht ein Galgen vor dem Hause, „um ihn sogleich nach genossener Wollust daran zu knüpfen“ (Hihi, was für ein Haus wird das wohl sein. ´tschuldigung.) – er würde seine Neigung höchstwahrscheinlich doch bezwingen (hier haben wir die klassischen materialen Bestimmungsgründe des Willens – das Missvergnügen, aufgeknüpft zu werden, ist dann doch größer als das Vergnügen, etwas Wollust zu genießen, beide entspringen aber aus derselben Quelle und können daher auch gegeneinander abgewogen werden). Würde dieselbe Person nun aber vom Fürsten aufgefordert, gegen einen ehrlichen Mann ein falsches Zeugnis abzulegen, das diesen verderben würde, und das bei Androhung der Todesstrafe auf Zuwiderhandeln, dann wird er wohl einräumen (wenn auch nicht gleich versichern), dass er seine große Liebe zum Leben vielleicht doch überwände. „Er urteilet also, dass er etwas kann, darum weil er sich bewusst ist, dass er es soll, und erkennt in sich die Freiheit, die ihm sonst ohne das moralische Gesetz unbekannt geblieben wäre“.

Eben durch das Bewusstsein, dass es unrecht wäre, wird der Mensch also den materialen Bestimmungsgründen und zwingenden Kausalitäten enthoben – das moralische Gesetz weist ihm eine Alternative, und er kann sich entscheiden. Jetzt frage ich mich nur, ob das die Stelle ist, aus der knapp 200 Jahre später eine „Verdammnis zur Freiheit“ wurde. Das kann ich aber nicht auch noch in drei Tagen lesen, und für heute reicht´s.

Abend saß ich dann über einer langweiligen, umfangreichen Umfrage über meine Einstellung zu Markenprodukten und mitten beim Anklicken von Sympathiewerten zu Körpepflegeprodukten umweht mich ein Hauch von Aufklärung: ich folge gerade meiner Maxime, nach der es sinnvoll ist, 60 Minuten geballte Unlust und Fingerkrämpfe in Kauf zu nehmen, weil am Ende ein Kinogutschein steht. Eine sowas von eindeutig materiale Bestimmung des Willens. Also kein brauchbares praktisches Gesetz, und auch eines, von dem ich nicht unbedingt wollen kann, dass alle es so halten (dann wären ja die Kinogutscheine bald alle). Allerdings schweigt mein inneres moralisches Gesetz zu dem Thema – zu Umfragen und Kinogutscheinen scheint es kein Statement abgeben zu wollen. Vielleicht wird es heute gesprächiger.