Prostitution

Prostitution und FAZ-Tourette

[Lesen Sie weiter, hier kommt nichts substantiell Neues. Ich reg mich nur wieder über die Medien im Allgemeinen und die FAZ im Speziellen auf.]

Alice Schwarzer hat eine Prostitutionsdiskussion losgetreten, die es sämtlichen Medien endlich mal wieder ermöglicht, das Thema „Sex“ unter dem Deckmantel aktueller Berichterstattung des Längeren und Breiteren durchzuexerzieren. Die Frage, ob Prostitution erlaubt sein sollte, langweilt mich inzwischen ein bisschen, denn für ein Verständnis von Prostitution als „sexuelle Dienstleistung im Tausch gegen Geld auf freiwilliger Basis zwischen konsensfähigen Erwachsenen“ kann die Antwort meiner Ansicht nach nur „ja“ lauten. Nicht, weil mir das Konzept so wahnsinnig sympathisch wäre, sondern weil, genau, Dinge, die Erwachsene freiwillig miteinander machen und deren Wirkungen sich ausschließlich auf sie erstrecken, den Gesetzgeber erst mal nichts angehen. Ein auf den ersten Blick ähnliches Problem ist „Zwangsprostitution“, nur dass man da besser von Ausbeutung von Prostituierten, Zuhälterei, Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung, Nötigung im besonders schweren Falle, vermutlich auch Körperverletzung, Bedrohung, und vielleicht auch Raub oder Erpressung reden könnte. Es gibt also einen ganzen dicken Packen an Straftatbeständen, und die für mich interessante Frage ist, was man tun könnte, um den Frauen zu helfen, die gezwungen werden, sich zu prostituieren, und wie man die drankriegen könnte, die sie zwingen. Allerdings spielen Ermittler und ausgebeutete Frauen bei der ganzen Geschichte eine eher untergeordnete Rolle, denn es ist ja viel aufregender, über das „unmoralische“ Gewerbe an sich zu reden und Schreckensszenarien zu beschwören, als sich daran zu machen, möglichst nüchtern und zielorrientiert zu versuchen, oben genannte Straftaten konsequent(er) zu verfolgen, und sich vielleicht zu fragen, warum das derzeit anscheinend nicht funktioniert.

Und damit sind wir bei FAZ, die vielleicht einfach mal einen Hardliner ranlassen wollten, der sich dadurch qualifiziert, dass er eine brutale Serie gesehen hat, die sich mit allerhand Misständen im Wilden Westen befasste:

Es wurde ja nicht nur die Entrechtung von Frauen in Szene gesetzt, sondern auch die von Chinesen, Schwarzen, von Behinderten, von Grubenarbeitern. Niemand in Deadwood ist vor Gewalt sicher, die Ermordeten, denen man kein Begräbnis gönnt, werden den Schweinen zum Fraß vorgeworfen, die Verbrechen bleiben ungesühnt. Auch darüber hätte man sich aufregen können. Tat aber keiner. Vielleicht, weil es vorbei ist. Die Unterdrückten sind frei. Die Menschenrechte sind garantiert. Es gibt diese Greuel nicht mehr.

Bis auf die Prostitution.

Korrigiert mich, wenn ich mich irre, und ich würde mich sehr gern irren: wir leben zwar in einer siginifikant sichereren Gesellschaft, aber Verbrechen an Ausländern, Schwarzarbeitern, Behinderten, Unterdrückung von Minderheiten, Gewalt und viele andere hässliche Dinge gab es zumindest noch, als ich das letzte Mal Nachrichten gehört habe, und das war gestern. Blicken wir an Europas Grenzen, vor allem die im Süden, ertrinken dort Leute, deren Menschenrechten von wirklich allen mit Füßen getreten werden, und blicken wir ein bisschen weiter, sehen wir noch viel furchtbarere Dinge, unter anderem auch ausgebeutete Minenarbeiter. Zu sagen, wir seien die genannten Dinge losgeworden, ist… gewagt.

Auch „Freiwilligkeit“ spielt dabei keine Rolle: Niemand darf seine Organe verkaufen. Der sogenannte „Zwergenweitwurf“ ist nicht zulässig; das Argument, man nähme Kleinwüchsigen damit die Erwerbsquelle, ist falsch. Das Aufgeben der Menschenwürde ist logisch keine Option von Autonomie.

Wenn etwas keine Option von Autonomie ist, dann kann es mit dieser Autonomie nicht weit her sein. Hatten wir hier, in anderer Ausprägung, schonmal. Außerdem ist es Herr Zastrow, der der Meinung ist, eine Frau, die sich freiwillig prostituiert, gebe ihre Menschenwürde auf. Für ihn sind sie also würdelose, aufs Objekt reduzierte Geschöpfe. Haben die ein Glück, dass er sie retten will.

Unter Menschen, die einander respektieren, kann Sexualität keine Handelsware sein. In einer Gesellschaft, die sich selbst respektiert, auch nicht.

Derselbe Sex zwischen denselben Leuten ist also okay, wenn er ohne, aber respektlos, wenn er mit Bezahlung erfolgt. Aha.

Die Argumente, die zugunsten der Prostitution ins Feld geführt werden, sind zynisch: Es war schon immer so, wenn wir es nicht tun, machen’s die Nachbarn, das Ganze ist ein unentbehrliches Ventil, Männer sind halt so, wie sollen Behinderte sonst an Sex kommen.

Wer vertritt denn bitte diese Ansichten?

Eine Gesellschaft, die Prostitution hinnimmt, mutet allen – allen! – Frauen und Mädchen zu, das käufliche Geschlecht zu sein. Sie toleriert gleichgültig das Fortbestehen einer furchteinflößenden Perspektive des Frauenlebens. Allein das schon ist Gewalt.

Auf zu einer neuen Runde von „Bös ist der, der Böses denkt“: der Autor hält Frauen anscheinend für „das käufliche Geschlecht“, oder es zumindest für naheliegend und vertretbar, auf diese Idee zu kommen. Und wenn „die Gesellschaft“ die Prostitution verbietet, werden die Aussichten vor allem für Frauen ja so viel besser, weil gerade denen, die sich tatsächlich aus Geldnot prostituieren, oder gezwungen werden, dann plötzlich Dutzende von Erwerbschancen offenstehen, und die fiesen Zuhälter sind dann auch weg.

Aber ist es wirklich so schwer, sich eine Welt vorzustellen, in der es keine Prostitution gibt? Wir haben doch schon ganz anderes hingekriegt.

Ich stelle mir gerade zukünftige FAZ-Kommentare vor, die was zum Thema beitragen, anstatt die Menschenwürdekeule zu schwingen. Hach, wird das schön.