Sakrileg

52 Bücher, 36. Woche: Das unbekannte Sakrileg

Beim letzten Mal fand ich es schon schwierig, zu beurteilen, welche Bücher einer gefühlten öffentlichen Meinung nach überschätzt werden (zugegeben: angestrengt hab ich mich auch nicht sonderlich), aber diesmal ist es auch nicht leichter: Welches war bloß „das unbekannteste Buch, das ich jemals gelesen habe„?

Ha, ich hab´s, das kennt keiner: Sakrileg. Wer jetzt an Dan Brown denkt, liegt falsch. 1983 erschien im Berliner Union Verlag schon mal ein Buch dieses Namens, allerdings von einem gewissen Oskar Jan Tauschinski. Ein galizischer Schriftsteller, übrigens, für die ich ja eine besondere Schwäche habe, und eine erste Google-Befragung ergibt, dass es das Buch nicht mal bei Amazon, sondern höchstens noch antiquarisch gibt, und Rezensionen, Artikel oder Aufsätze finden sich auf den 7 Seiten Trefferliste auch nicht, ganz zu schweigen von einem eigenen Wikipedia-Artikel. Das sollte für Unbekanntheit genügen.

Dabei ist das Buch keineswegs schlecht, allerdings harte Kost. Anfangs beginnt es recht zahm: ein Bildhauer möchte eine Skulptur des Leidens Christi am Kreuz schnitzen, sie soll sein bestes, eindrücklichstes Werk werden, und er findet in seiner Stadt einen armen jungen Mann, dessen Aussehen ihn so beeindruckt, dass er ihn bittet, für seinen Christus Modell zu sitzen. Jedoch wird die Skulptur nicht so ausdrucksstark, wie er sich das wünscht, und egal, wie sehr er sich bemüht, er schafft es nicht, den ersehnten Effekt hervorzurufen. Er bittet sein Modell, sich auf eine eilig gezimmerte Kreuzesattrappe zu legen – vielleicht liegt´s ja daran, dass er die Haltung nicht richtig hinbekommen hat. Um es kurz zu machen: es bleibt nicht dabei, es bleibt auch nicht dabei, dass beide, völlig versunken in dem Wahn des Bildhauers, noch perfekter zu schnitzen, noch eine Winzigkeit mehr Ausdruck zu erzeugen, sich im Atelier verbarrikadieren und weder essen noch trinken… am Ende ist der Bildhauer ein hilfloser, verstümmelter Bettler, der vor der Kirche der Stadt sitzt und um Almosen fleht. In der Kirche hängt ein Kruzifix, dass selbst die Hartgesottensten zum Weinen bringt.

Das Buch entwickelt einen Sog, der einen beim Lesen völlig gefangennimmt, vor allem, weil man die ganze Zeit denkt:  „Das macht er nicht wirklich. Nein, das kann er unmöglich machen. Das würde ja darauf hinauslaufen, dass…“ Auch nicht besser wird es dadurch, dass das Modell (ich meine, er hieß Jakub, bin mir aber nicht sicher) eine Geliebte hat, die sehnsüchtig auf ihn wartet. Nichtsdestotrotz entsteht zwischen Jakub und dem Holzschnitzer eine ganz eigene Dynamik, weder ist ersterer ein naives Opfer noch letzterer ein gewissenloser Mörder, und mit religiösem Wahn lässt sich sein Verhalten auch nicht erklären – letztlich geht es um die Suche des Künstlers nach dem perfekten Ausdruck, der umfassenden Übereinstimmung zwischen dem Bild in seinem Kopf und seinem Werk, die oftmals selbstzerstörerische, aber manchmal eben auch fremdzerstörerische Tendezen annimmt. Beklemmend, und zu Unrecht unbekannt.

(Und allemal besser als dieses doofe Dan-Brown-Buch.)