Sex

3. Türchen: Opferbereitschaft

Heute gibt´s einen Klassiker, die Mutter aller bekloppten Gerichtsentscheidungen: der BGH hat sich 1966 im Kontext eines Scheidungsverfahrens zum Wesen des „ehelichen Verkehrs“ geäußert.

Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, daß sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen läßt. Wenn es ihr infolge ihrer Veranlagung oder aus anderen Gründen, zu denen die Unwissenheit der Eheleute gehören kann, versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch eine Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen.

(BGH vom 2.11.1966, Rn. 16)

„Zuneigung und Opferbereitschaft“ sind ja erst mal lustig, als historisches Dokument ist dieses Urteil eher verstörend. Im Ausgangsfall hatte der Mann die Scheidung verlangt, die Frau dem jedoch widersprochen (sic. Man sollte meinen, es wäre umgekehrt). Da eine Ehescheidung damals noch als absolute Ausnahme galt, musste die „Zerrüttung“ der Partnerschaft nachgewiesen werden. Wenn jedoch ein Partner allein die Zerrüttung verursacht hat, etwa durch einen Seitensprung, konnte der andere der Scheidung widersprechen. Weder die Eheleute wider Willen noch die Gerichte wurden sich einig, wer zuerst zerrüttet hatte:

Im weiteren Berufungsverfahren hat der Kläger vorgetragen, die Zerrüttung der Ehe sei aus der Einstellung der Beklagten zum ehelichen Verkehr entstanden. Sie habe ihm erklärt, sie empfinde nichts beim Geschlechtsverkehr und sei imstande, dabei Zeitung zu lesen; er möge sich selber befriedigen. Der eheliche Verkehr sei eine reine Schweinerei. Sie gebe ihm lieber Geld fürs Bordell. Sie wolle auch nicht mit einem dicken Bauch herumlaufen; mit Kindern wüßte sie garnichts anzufangen. – In diesem Sinne habe die Beklagte sich auch Dritten gegenüber geäußert.

Die Beklagte habe sich beim ehelichen Verkehr entsprechend verhalten. Auf dieser Einstellung beruhe es, daß er sich mehr und mehr seiner Angestellten, der Zeugin Da., zugewandt und die Zeugin in seine Stuttgarter Wohnung aufgenommen habe.

Und auch der Subtext der Entscheidung ist hässlich: Wenn der Frau der Sex keinen Spaß macht, dann möge sie das gefälligst nicht zeigen, da dem Mann eine widerwillige Partnerin nicht zugemutet werden könne.

Zum Glück sind diese Zeiten größtenteils vorbei. Und ich meine damit nicht, dass ich hohe Scheidungsraten toll finde, sondern dass es die Möglichkeit gibt, sich scheiden zu lassen, ohne dass das oberste Zivilgericht der Bundesrepublik über Intimleben und -pflichten zweier Erwachsener zu befinden hat. Aus der Rechtsprechung ist das Thema als solches indes nicht verschwunden, wie diese Klickstrecke der LTO zeigt.